Vollendet unvollendet
Zum 60. Todestag von Ferenc Fricsay legt die Deutsche Grammophon seine Aufnahmen neu auf. Die Box mit 86 CDs dokumentiert das Erbe eines der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Klasse, CD 72 haut einen gleich mal um. Das Divertimento aus Igor Strawinskys Ballett „Der Kuss der Fee“ besitzt trockene Artikulation, frechen Witz und knackige Schärfe. Gespannt-konzentriert, sich die Phrasenbälle zuspielend, musiziert Ferenc Fricsays RIAS-Symphonie-Orchester im September 1954 in der Jesus-Christus- Kirche in Berlin-Dahlem. So plastisch- räumlich kann Mono klingen. Fricsay hat sich zu der Zeit, nach knapp sechs Jahren, als Chefdirigent zurückgezogen. Die amerikanischen Besatzer hatten im Jahr zuvor ihre Finanzierung eingestellt, das Orchester organisiert sich selbst und erhält 1956 vom Sender Freies Berlin sicheren Boden unter den Füßen, heißt nun Radio-Symphonie-Orchester Berlin (RSO).
Ferenc Fricsay bleibt den exzellenten Musikerinnen und Musikern in jeder Phase treu und übernimmt 1959 wieder den Chefposten. Die Strawinsky- Aufnahme bündelt im Kern alle Tugenden dieses Dirigenten: Auf beinahe paradoxe Weise verbinden sich Strenge und Freiheit, Deutlichkeit und Dehnung des Taktstrichs, Moderne und Tradition. Dazu kommen kräftige Farben, Aura, Spontaneität, Phrasierungseleganz, Temperament und nicht zuletzt das Bewusstsein für die Belebungskräfte des Rhythmus. Kurz: eine Dirigentenpersönlichkeit von Rang. Fricsays frühen Tod mit 48 Jahren darf man zu Recht tragisch nennen.
Zum 100. Geburtstag 2014 hatte die Deutsche Grammophon (DG) den Großteil seiner Aufnahmen in zwei Boxen herausgebracht, etliches erstmals auf CD überspielt. Sie wurden nun anlässlich des 60. Todestages zusammengefasst, ergänzt durch vier CDs mit Mozart-Werken, die bislang nicht berücksichtigt worden waren. Mag es schmerzlich sein, dass sich viele von Fricsays Plänen nicht mehr realisiert haben – die Box mit 86 CDs dokumentiert einen zentralen Dirigenten des 20. Jahrhunderts und lädt zum Nachdenken ein, warum das, trotz teilweise eingeschränkter Tontechnik, um so vieles mehr zu uns spricht als manches perfekte digitale Produkt.
Als eine Erklärung dient Fricsays Handwerk. Als Sechsjähriger erhält er als Externer an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest Klavierunterricht, lernt Geige, Posaune, Klarinette und Schlagzeug. Von 1928 an studiert er Komposition, Musikgeschichte und Dirigieren bei Kodály, Bartók, Weiner und Dohnányi. Prägend die Zeit von 1933 bis 1944 als Militärkapellmeister in Szeged: Hier wächst der Orchestererzieher an prekären Bedingungen, Fricsay entwickelt seine effiziente Probentechnik und Repertoire-Präferenzen: einerseits die deutsche Tradition, Mozart, Beethoven, andererseits die Zeitgenossen. Was neben sehr schmalem französischem Repertoire auffällt: die Sinfonien von Bruckner und Mahler fehlen komplett. Singulär die idiomatisch ausgearbeitete Aufnahme der „Rückert-Lieder“ mit Maureen Forrester 1958; vielleicht hätten Mahler und Fricsay doch eine Paarung ergeben? Neben Bartók und Kodály nehmen nach dem Krieg die Werke von Strawinsky, Hindemith, Egk (fesselnd die „Französische Suite nach Rameau“ für großes Orchester), von Einem, Fortner, Liebermann, Henze, Honegger, Martin einen wichtigen Raum der Konzertprogramme ein.
Erfreulich, dass die DG in der Aufbruchstimmung seit 1949 vieles davon im Studio festhält. Besonders von Interesse sind die Bartók-Aufnahmen. Die im Juni 1953 entstandene „Musik für Streicher, Schlaginstrumente und Celesta“ begeistert unvermindert: Fricsay verleiht dem Werk Logik, allergrößte Leichtigkeit, legt Stimmführungen off en. Die Beobachtung des Kritikers Friedrich Herzfeld, dass der frühe Fricsay ein „Ingenieur der Töne“ sei, „der mit der Kaltblütigkeit eines Chirurgen arbeitet“, lässt sich aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehen. Fricsays „Bolero“ etwa ist mit zügigen 13’35 Minuten kein erotisch-tänzerischer, sondern ein nervös-vorantreibender, und Ravels Ideal lag eher bei 17 Minuten: dennoch imponiert Fricsays trockene Energie. Mit Kaltblütigkeit hat das nichts zu tun.
Mit einer ästhetisch konträr empfundenen Haltung stürmt hier jemand auf die Berliner Musikszene, für die vor allem Wilhelm Furtwängler stand. Dass Fricsay einer neuen Zeit angehört, zeigt sich in seiner pragmatischen Haltung bei Studioaufnahmen: Er greift in Mikrofonaufstellungen ein und erzielt ohne Publikum ungeheure Lebendigkeit. Um von der Stereo-Technik zu profitieren, bleibt ihm wenig Zeit. Heraus kommt Grandioses für die Nachwelt: Dvořáks neunte Sinfonie, die drei Bartók-Klavierkonzerte mit Geza Anda, Beethovens Neunte sind bis heute Klassiker. Die Platte mit den Preziosen von Johann Strauss gewinnt gegenüber der Monofassung eine Gelassenheit und in der Phrasierung atemraubende Melancholie. Tschaikowskis sechste Sinfonie nimmt Fricsay nach einer heiß glühenden Version mit den Berliner Philharmonikern 1953 sechs Jahre später erneut auf. Er lässt sich 8 Minuten mehr Zeit – und gibt die Aufnahme nicht frei. Im Fall des entfesselten Marschsatzes plädiert das Ohr für die frühere Fassung; ansonsten bleibt sich Fricsay in der Intensität treu. In den späteren Jahren lässt er sich generell mehr Zeit, verzichtet auf den Taktstock, modelliert die Musik.
Neben der DG hat sich das Label Audite mit der „Edition Ferenc Fricsay“ verdient gemacht, vornehmlich mit Live-Aufnahmen. Dabei kommt es zu Repertoireüberschneidungen. Fricsays DG-Premiere, Tschaikowskis fünft e Sinfonie, vom 12. bis 14. September 1949 aufgenommen (im Oktober 1961 ging er für Berlioz’ Rákóczy-Marsch zum letzten Mal ins Studio), folgt Anfang 1957 eine agogisch etwas freiere Deutung. Zwei Tage vor der DG-Produktion von Dvořáks Violinkonzert mit der ungarischen Geigerin Johanna Martzy im Juni 1953 wurde das Konzert für den Rundfunk festgehalten. Hier wie dort begeistert Martzys sehnig-farbenschillerndes Spiel, tontechnisch ist die LP-Fassung satter und insgesamt von der Orchesterbegleitung spannender – Peter Sührings Urteil, der Gesamtklang sei gegenüber der bei Audite veröffentlichten Fassung „zerfallen“, ist nicht nachzuvollziehen.
Die Rundfunkproduktion der „Fledermaus“ 1949 im Titania-Palast gar ist identisch. Die Ausgaben unterscheiden sich in der Lautheit. Bei DG wird der Pegel niedriger gesetzt, Audite lotet die Dynamik voll aus, das Klangbild ist präsenter und lebendiger – was besonders bei der separat in der Jesus- Christus-Kirche produzierten Ouvertüre drastisch auffällt. Eine brillante Aufnahme, fantastisch besetzt (Peter Anders, Anny Schlemm, Helmut Krebs, Rita Streich!), witzig die Dialoge; bei Fricsay federt alles, glitzert, schwingt, so knochentrockene Tuttischläge hört man zu jener Zeit von einem deutschen Orchester so gut wie nie.
Buch-Hinweis
Passend zur Veröffentlichung der DG-Box ist eine monografische Studie über Ferenc Fricsay erschienen, verfasst von dem Berliner Musikpublizisten Peter Sühring. Nach einer Zeittafel mit zentralen biografischen Daten und Stationen zeichnet Sühring Fricsays Lebensweg, die knapp 15 Jahre währende internationale Dirigentenkarriere nach, die 1947 in Salzburg in den Turbomodus schaltet. Als Assistent von Otto Klemperer studiert er bei den Festspielen Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“ ein; Klemperer erkrankt vor der Uraufführung und der Einspringer wird über Nacht berühmt.
Ein Jahr später befestigen vier Ereignisse in Berlin eine atemlos Fahrt aufnehmende Laufbahn: Nach der Einstudierung von Verdis „Don Carlos“ an der Städtischen Oper wird er zu deren Generalmusikdirektor ernannt, Fricsay debütiert bei den Berlinern Philharmonikern, mit denen er bis zuletzt durch Konzerte und Aufnahmen verbunden bleibt, im Dezember 1948 dirigiert er erstmals das RIAS-Symphonieorchester und wird zu dessen Chefdirigenten berufen, schließlich gewinnt die Produzentin Elsa Schiller ihn für einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft.
Anhand seines Repertoires und der Aufnahmetätigkeit zeichnet Sühring Fricsays enormes Arbeits- und Reisepensum nach, das auch das Scheitern kennt, beispielsweise als GMD an der Bayerischen Staatsoper; nach nur zwei Jahren gibt Fricsay, von Presse und konservativem Publikum zermürbt,^ den Vertrag zurück. Der Sohn einer Jüdin, ein aufrechter Humanist, reagiert empfindlich, wenn er Ungerechtigkeit und politische Unzuverlässigkeit wittert. „Fricsay war ein Überlebender aus Budapest – dies prägte seine Einstellung zum Leben und sein künstlerisches Gewissen. Wir dürfen seine uns in Tondokumenten hinterlassene musikalische Kunst als seine Art der Sublimation dieser Erfahrungen hören“, resümiert Sühring. Er durfte mit Genehmigung der Fricsay-Nachkommen erstmals Nachlassmaterialien im Archiv der Akademie der Künste in Berlin auswerten. Die detaillierte Einordnung der Aufnahmen schließlich bietet einen instruktiven Einstieg zum Erkunden der neuen CD-Edition – auch wenn Sühring gelegentlich altmodisch formuliert und mancher Bandwurmsatz den Lesefluss hemmt.
Peter Sühring: Ferenc Fricsay. Der Dirigent als Musiker (2023); Edition Text + Kritik, 203 Seiten
Klasse, CD 72 haut einen gleich mal um. Das Divertimento aus Igor Strawinskys Ballett „Der Kuss der Fee“ besitzt trockene Artikulation, frechen Witz und knackige Schärfe. Gespannt-konzentriert, sich die Phrasenbälle zuspielend, musiziert Ferenc Fricsays RIAS-Symphonie-Orchester im September 1954 in der Jesus-Christus- Kirche in Berlin-Dahlem. So plastisch- räumlich kann Mono klingen. Fricsay hat sich zu der Zeit, nach knapp sechs Jahren, als Chefdirigent zurückgezogen. Die amerikanischen Besatzer hatten im Jahr zuvor ihre Finanzierung eingestellt, das Orchester organisiert sich selbst und erhält 1956 vom Sender Freies Berlin sicheren Boden unter den Füßen, heißt nun Radio-Symphonie-Orchester Berlin (RSO).
Ferenc Fricsay bleibt den exzellenten Musikerinnen und Musikern in jeder Phase treu und übernimmt 1959 wieder den Chefposten. Die Strawinsky- Aufnahme bündelt im Kern alle Tugenden dieses Dirigenten: Auf beinahe paradoxe Weise verbinden sich Strenge und Freiheit, Deutlichkeit und Dehnung des Taktstrichs, Moderne und Tradition. Dazu kommen kräftige Farben, Aura, Spontaneität, Phrasierungseleganz, Temperament und nicht zuletzt das Bewusstsein für die Belebungskräfte des Rhythmus. Kurz: eine Dirigentenpersönlichkeit von Rang. Fricsays frühen Tod mit 48 Jahren darf man zu Recht tragisch nennen.
Zum 100. Geburtstag 2014 hatte die Deutsche Grammophon (DG) den Großteil seiner Aufnahmen in zwei Boxen herausgebracht, etliches erstmals auf CD überspielt. Sie wurden nun anlässlich des 60. Todestages zusammengefasst, ergänzt durch vier CDs mit Mozart-Werken, die bislang nicht berücksichtigt worden waren. Mag es schmerzlich sein, dass sich viele von Fricsays Plänen nicht mehr realisiert haben – die Box mit 86 CDs dokumentiert einen zentralen Dirigenten des 20. Jahrhunderts und lädt zum Nachdenken ein, warum das, trotz teilweise eingeschränkter Tontechnik, um so vieles mehr zu uns spricht als manches perfekte digitale Produkt.
Als eine Erklärung dient Fricsays Handwerk. Als Sechsjähriger erhält er als Externer an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest Klavierunterricht, lernt Geige, Posaune, Klarinette und Schlagzeug. Von 1928 an studiert er Komposition, Musikgeschichte und Dirigieren bei Kodály, Bartók, Weiner und Dohnányi. Prägend die Zeit von 1933 bis 1944 als Militärkapellmeister in Szeged: Hier wächst der Orchestererzieher an prekären Bedingungen, Fricsay entwickelt seine effiziente Probentechnik und Repertoire-Präferenzen: einerseits die deutsche Tradition, Mozart, Beethoven, andererseits die Zeitgenossen. Was neben sehr schmalem französischem Repertoire auffällt: die Sinfonien von Bruckner und Mahler fehlen komplett. Singulär die idiomatisch ausgearbeitete Aufnahme der „Rückert-Lieder“ mit Maureen Forrester 1958; vielleicht hätten Mahler und Fricsay doch eine Paarung ergeben? Neben Bartók und Kodály nehmen nach dem Krieg die Werke von Strawinsky, Hindemith, Egk (fesselnd die „Französische Suite nach Rameau“ für großes Orchester), von Einem, Fortner, Liebermann, Henze, Honegger, Martin einen wichtigen Raum der Konzertprogramme ein.
Erfreulich, dass die DG in der Aufbruchstimmung seit 1949 vieles davon im Studio festhält. Besonders von Interesse sind die Bartók-Aufnahmen. Die im Juni 1953 entstandene „Musik für Streicher, Schlaginstrumente und Celesta“ begeistert unvermindert: Fricsay verleiht dem Werk Logik, allergrößte Leichtigkeit, legt Stimmführungen off en. Die Beobachtung des Kritikers Friedrich Herzfeld, dass der frühe Fricsay ein „Ingenieur der Töne“ sei, „der mit der Kaltblütigkeit eines Chirurgen arbeitet“, lässt sich aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehen. Fricsays „Bolero“ etwa ist mit zügigen 13’35 Minuten kein erotisch-tänzerischer, sondern ein nervös-vorantreibender, und Ravels Ideal lag eher bei 17 Minuten: dennoch imponiert Fricsays trockene Energie. Mit Kaltblütigkeit hat das nichts zu tun.
Mit einer ästhetisch konträr empfundenen Haltung stürmt hier jemand auf die Berliner Musikszene, für die vor allem Wilhelm Furtwängler stand. Dass Fricsay einer neuen Zeit angehört, zeigt sich in seiner pragmatischen Haltung bei Studioaufnahmen: Er greift in Mikrofonaufstellungen ein und erzielt ohne Publikum ungeheure Lebendigkeit. Um von der Stereo-Technik zu profitieren, bleibt ihm wenig Zeit. Heraus kommt Grandioses für die Nachwelt: Dvořáks neunte Sinfonie, die drei Bartók-Klavierkonzerte mit Geza Anda, Beethovens Neunte sind bis heute Klassiker. Die Platte mit den Preziosen von Johann Strauss gewinnt gegenüber der Monofassung eine Gelassenheit und in der Phrasierung atemraubende Melancholie. Tschaikowskis sechste Sinfonie nimmt Fricsay nach einer heiß glühenden Version mit den Berliner Philharmonikern 1953 sechs Jahre später erneut auf. Er lässt sich 8 Minuten mehr Zeit – und gibt die Aufnahme nicht frei. Im Fall des entfesselten Marschsatzes plädiert das Ohr für die frühere Fassung; ansonsten bleibt sich Fricsay in der Intensität treu. In den späteren Jahren lässt er sich generell mehr Zeit, verzichtet auf den Taktstock, modelliert die Musik.
Neben der DG hat sich das Label Audite mit der „Edition Ferenc Fricsay“ verdient gemacht, vornehmlich mit Live-Aufnahmen. Dabei kommt es zu Repertoireüberschneidungen. Fricsays DG-Premiere, Tschaikowskis fünft e Sinfonie, vom 12. bis 14. September 1949 aufgenommen (im Oktober 1961 ging er für Berlioz’ Rákóczy-Marsch zum letzten Mal ins Studio), folgt Anfang 1957 eine agogisch etwas freiere Deutung. Zwei Tage vor der DG-Produktion von Dvořáks Violinkonzert mit der ungarischen Geigerin Johanna Martzy im Juni 1953 wurde das Konzert für den Rundfunk festgehalten. Hier wie dort begeistert Martzys sehnig-farbenschillerndes Spiel, tontechnisch ist die LP-Fassung satter und insgesamt von der Orchesterbegleitung spannender – Peter Sührings Urteil, der Gesamtklang sei gegenüber der bei Audite veröffentlichten Fassung „zerfallen“, ist nicht nachzuvollziehen.
Die Rundfunkproduktion der „Fledermaus“ 1949 im Titania-Palast gar ist identisch. Die Ausgaben unterscheiden sich in der Lautheit. Bei DG wird der Pegel niedriger gesetzt, Audite lotet die Dynamik voll aus, das Klangbild ist präsenter und lebendiger – was besonders bei der separat in der Jesus- Christus-Kirche produzierten Ouvertüre drastisch auffällt. Eine brillante Aufnahme, fantastisch besetzt (Peter Anders, Anny Schlemm, Helmut Krebs, Rita Streich!), witzig die Dialoge; bei Fricsay federt alles, glitzert, schwingt, so knochentrockene Tuttischläge hört man zu jener Zeit von einem deutschen Orchester so gut wie nie.
Buch-Hinweis
Passend zur Veröffentlichung der DG-Box ist eine monografische Studie über Ferenc Fricsay erschienen, verfasst von dem Berliner Musikpublizisten Peter Sühring. Nach einer Zeittafel mit zentralen biografischen Daten und Stationen zeichnet Sühring Fricsays Lebensweg, die knapp 15 Jahre währende internationale Dirigentenkarriere nach, die 1947 in Salzburg in den Turbomodus schaltet. Als Assistent von Otto Klemperer studiert er bei den Festspielen Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“ ein; Klemperer erkrankt vor der Uraufführung und der Einspringer wird über Nacht berühmt.
Ein Jahr später befestigen vier Ereignisse in Berlin eine atemlos Fahrt aufnehmende Laufbahn: Nach der Einstudierung von Verdis „Don Carlos“ an der Städtischen Oper wird er zu deren Generalmusikdirektor ernannt, Fricsay debütiert bei den Berlinern Philharmonikern, mit denen er bis zuletzt durch Konzerte und Aufnahmen verbunden bleibt, im Dezember 1948 dirigiert er erstmals das RIAS-Symphonieorchester und wird zu dessen Chefdirigenten berufen, schließlich gewinnt die Produzentin Elsa Schiller ihn für einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft.
Anhand seines Repertoires und der Aufnahmetätigkeit zeichnet Sühring Fricsays enormes Arbeits- und Reisepensum nach, das auch das Scheitern kennt, beispielsweise als GMD an der Bayerischen Staatsoper; nach nur zwei Jahren gibt Fricsay, von Presse und konservativem Publikum zermürbt,^ den Vertrag zurück. Der Sohn einer Jüdin, ein aufrechter Humanist, reagiert empfindlich, wenn er Ungerechtigkeit und politische Unzuverlässigkeit wittert. „Fricsay war ein Überlebender aus Budapest – dies prägte seine Einstellung zum Leben und sein künstlerisches Gewissen. Wir dürfen seine uns in Tondokumenten hinterlassene musikalische Kunst als seine Art der Sublimation dieser Erfahrungen hören“, resümiert Sühring. Er durfte mit Genehmigung der Fricsay-Nachkommen erstmals Nachlassmaterialien im Archiv der Akademie der Künste in Berlin auswerten. Die detaillierte Einordnung der Aufnahmen schließlich bietet einen instruktiven Einstieg zum Erkunden der neuen CD-Edition – auch wenn Sühring gelegentlich altmodisch formuliert und mancher Bandwurmsatz den Lesefluss hemmt.
Peter Sühring: Ferenc Fricsay. Der Dirigent als Musiker (2023); Edition Text + Kritik, 203 Seiten



