Von europäischem Format
Zu Lebzeiten kaum gespielt, nach seinem Tod rasch vergessen. Seit einigen Jahren arbeitet ein Netzwerk rund um Frank Harders-Wuthenow an der Renaissance des Komponisten und Shoa-Überlebenden Hans Winterberg.

Hans (bzw. Hanuš) Winterberg, geboren am 23. März 1901 in Prag (damals Österreich-Ungarn), gestorben am 10. März 1991 im Oberbayerischen Stepperg, „war ein tschechisch- deutscher Komponist“, vermeldet der Wikipedia-Artikel über ihn sachlich-korrekt. Winterberg selbst stand solchen Zuschreibungen kritisch gegenüber. „Nationalität? Was ist denn das für ein rückständiger, verquerer Begriff?“, entgegnete er einem Journalisten erbost, der ihn gegen Ende seines Lebens danach befragte. Kaum etwas könnte den transnationalen Habitus von Winterberg und seiner Musik besser charakterisieren als dieser Satz. In seiner autobiographischen Skizze beschreibt der Komponist seinen Stil mit den Worten: „Ursprünglich von Arnold Schönberg ausgehend, schließlich einen Weg polyrhythmischer und polytonaler Prägung gefunden.“
Trotz dieser Nähe zur Zweiten Wiener Schule komponierte Winterberg überwiegend in erweiterter, chromatisierter Tonalität, nicht zwölftönig und nicht mikrotonal. Im Zentrum seines Schaffens steht fast ausschließlich Instrumentalmusik nahezu jeglicher Couleur: Orchesterwerke (darunter zwei Sinfonien und vier Klavierkonzerte), Ballett- und Kammermusik (darunter vier Streichquartette), Gesangswerke, Hörspiel- und Klaviermusik (darunter fünf Klaviersonaten) sowie (gehobene) Unterhaltungsmusiken, die Winterberg unter dem Pseudonym Jan Iwéer veröffentlichte.

Winterbergs Vita ist geradezu exemplarisch für einen osteuropäischen Künstler jüdischer Herkunft im 20. Jahrhundert und sie liest sich nicht zuletzt auf Grund ihrer Tragik wie ein Roman aus der Feder von Joseph Roth: geboren 1901 in Prag – damals Hotspot der Hochkultur – als Kind deutsch sprechender Eltern. Sein Vater war Rabbiner und Kantor. Mit neun Jahren Schüler der Konzertpianistin Therèse Wallerstein, Studium an der Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst zu Prag, unter anderem bei Alexander von Zemlinsky. Nach Ende der Habsburgermonarchie (1918) tschechischer Staatsbürger, 1930 Eheschließung mit der Katholikin Maria Maschat, 1935 Geburt der gemeinsamen Tochter Ruth Christine, 1944 Zwangsscheidung „im Sinne des Reichsehegesetzes“, am 26. Januar 1945 Deportation ins KZ Theresienstadt, befreit am 8. Mai, Rückkehr zunächst nach Prag, wo er aufgrund der Beneš-Dekrete seine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliert. 1947 als „Staatenloser“ Ausweisung nach Bayern, wo er als „Sudetendeutscher“ gelabelt und geehrt wird („Sudetendeutscher Kulturpreis“, 1963).
Sein künstlerischer Nachlass liegt heute im Sudetendeutschen Musikinstitut (SMI) der Stadt Regensburg, wo er – und das ist ein besonders tragisches Kapitel des „Romans“ – aufgrund einer Verfügung im Rahmen des Überlassungsvertrages mit dem SMI weder für die Forschung noch für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Neben aller Tragik gab es aber auch Lichtblicke im Leben Winterbergs, der seine Noten immer hat retten können: Am 17. Januar 1949 erklingt im Nationaltheater Mannheim die Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Am Dirigentenpult steht kein Geringerer als Fritz Rieger, der sich auch als Chef der Münchner Philharmoniker für Winterbergs Musik einsetzt. Bis fast zu dessen Tod nimmt der Bayerische Rundfunk regelmäßig Werke von ihm auf. Gleichwohl gerät Winterberg, dessen Grab sich in Bad Tölz befindet, nach seinem Ableben rasch in Vergessenheit.
Dass wir uns heute wieder an Hans Winterberg erinnern, haben wir seinem Enkel Peter Kreitmeir zu verdanken. 2011 entdeckt Kreitmeir im Internet durch Zufall ein Foto seines Großvaters – und begibt sich dann auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Da man ihm bei der Sichtung des Nachlasses im SMI eher Steine in den Weg legt anstatt ihn bei den Recherchen zu unterstützen, holt Kreitmeir sich professionelle Hilfe von ganz anderer Seite ins Boot, zunächst vom Berliner Förderverein „musica reanimata“, der sich seit 1990 um die Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten bemüht, dann von „Exilarte – Zentrum für verfolgte Musik“, das der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien angegliedert ist und von Professor Gerold Gruber geleitet wird.
Richtig ins Rollen kommt die Causa Winterberg durch Kreitmeirs Kontakt zum weltgrößten international tätigen Musikverlag Boosey & Hawkes in Person von Frank Harders-Wuthenow, Head of Promotion & Repertoire. Dieser erkennt sofort das Potenzial von Winterbergs Musik und er beschließt, die Werke unter die Fittiche des Verlags zu nehmen. Seit dem Frühjahr 2021 laufen bei Harders-Wuthenow die Fäden zusammen. Von ihm erfahre ich, dass kein einziges Werk von Winterberg zu dessen Lebzeiten je im Druck erschienen ist. „Auf uns wartet eine gigantische Aufgabe. Wir sind – in einem durchaus positiven Sinn – gezwungen, Winterbergs gesamtes Orchestermaterial neu herauszugeben.“ Seine Handschriften seien zwar so gut, dass man die Partituren zumindest zum Dirigieren verwenden könne, „aber bei den Orchesterstimmen ist es ein bisschen heikel, weil Winterberg ein sehr armer Mann war und das Notenpapier, das er sich kaum leisten konnte, so eng beschrieben hat, dass es den Standards der heutigen Orchestermusiker nicht mehr genügt.“
Harders-Wuthenow gibt einen weiteren Punkt zu bedenken: „Für unsern Verlag ist das Winterberg-Projekt marktwirtschaftlich heikel, deshalb sind wir froh über die Zusammenarbeit mit Exilarte. Das Wiener Zentrum bekommt Drittmittel für die Winterberg- Edition und wird deshalb vom Rechtsnachfolger an den Einnahmen beteiligt.“ Heißt konkret: „Boosey“ investiert, Exilarte investiert – „und am Ende des Tages haben alle dann so viel davon, dass die Verluste tolerabel sind.“ Denn eine Sache sei klar: „Man wird mit Winterberg nie Geld verdienen können. Das erlaubt die Musikszene nicht.“
In welcher Reihenfolge werden die Werke gedruckt? „Natürlich publizieren wir zunächst die Stücke, die auch aufgeführt werden, live oder auf CD, also zum Beispiel Winterbergs viertes Klavierkonzert, das am 21. Februar 2024 von dem Solisten Jonathan Powell und der Beethoven-Philharmonie unter der Leitung von Thomas Rösner in Baden, Österreich, uraufgeführt wird.“ Der Verlag habe aber auch eine große Kammermusik-Produktion am Laufen, betont Harders-Wuthenow. „Dafür werden alle Werke neu ediert. Gedruckt werden sie aber erst, wenn die Musiker die Stücke auch ausprobiert haben, nicht vorher.“ Der große Haken dabei: das SMI als Eigentümerin des Nachlasses verweigere die Herausgabe der Manuskripte, heißt: „Wir sind bei der Drucklegung auf die Kopien angewiesen, die Peter Kreitmeir im Institut hat anfertigen können.“ Diese seien zwar hervorragend, „aber langfristig brauchen wir die Originale.“
Auch in Sachen CD-Veröffentlichungen ist Harders-Wuthenow der Hauptkoordinator. Das Label Toccata Classics hatte bereits 2018 das Album „Chamber Music, Volume 1“ veröffentlicht und die Noten dafür noch direkt von Peter Kreitmeir bekommen, seit 2021 erfolgen die Releases dort aber in Absprache mit Boosey & Hawkes und, wenn möglich, auch auf Grundlage der Winterberg-Edition. Mittlerweile liegen bei „Toccata“ vier Alben vor: zwei mit Kammermusik, unter anderem mit den Streichquartetten 2 bis 4, zwei mit Klaviermusik, auf denen neben den Klaviersonaten Nr. 1 und 2 auch die ergreifende „Suite Theresienstadt“ zu hören ist, die Winterberg 1945 unter unmenschlichen Bedingungen im gleichnamigen KZ komponierte. Capriccio präsentierte 2022 ein – faszinierendes! – Album mit drei Orchesterwerken, auf dem auch Winterbergs düster-visionäre „Sinfonia drammatica“ aus dem Jahr 1936 zu hören ist, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs vorauszuahnen scheint.
Ein von Naxos vertriebenes und eher kleines Label hat in Bezug auf Hans Winterberg ganz besondere Ambitionen: EDA-Records. Und das hat einen Grund: Frank Harders-Wuthenow ist Mitgesellschafter und Produzent dieses Labels, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „vernachlässigte Werke in ihren jeweiligen historischen und musikästhetischen Kontexten zu präsentieren“, wie es auf der EDA-Website heißt. Ab dem Frühjahr 2024 erscheint dort die Gesamtaufnahme von Winterbergs Klaviermusik auf drei CDs mit dem Pianisten Jonathan Powell, der auch schon auf der Capriccio-CD Solist des ersten Klavierkonzerts war. „Im Entstehen begriffen sind auch zwei CDs mit Kammermusik und Liedern mit kammermusikalischer Begleitung“, erklärt Harders-Wuthenow. „Die Musikwelt darf sich auf die Weltersteinspielungen unter anderem dieser Werke freuen: das erste Streichquartett und die erste Violinsonate, die Suite für Bratsche und Klavier, das Trio für Klarinette, Cello und Klavier sowie auf die ‚Dort und Hier‘-Lieder für Sopran und Klaviertrio auf Texte von Franz Werfel.“
Diese CDs erscheinen aber wohl erst im Herbst 2024. „Die Winterberg- Renaissance hat ja gerade erst begonnen“, sagt Harders-Wuthenow. „Unser Netzwerk arbeitet mit Leidenschaft daran, der Welt zu zeigen, dass Hans Winterberg einer der großen europäischen – und wahrhaft transnationalen – Komponisten des 20. Jahrhunderts war, den es unbedingt wiederzuentdecken gilt.“
Hans (bzw. Hanuš) Winterberg, geboren am 23. März 1901 in Prag (damals Österreich-Ungarn), gestorben am 10. März 1991 im Oberbayerischen Stepperg, „war ein tschechisch- deutscher Komponist“, vermeldet der Wikipedia-Artikel über ihn sachlich-korrekt. Winterberg selbst stand solchen Zuschreibungen kritisch gegenüber. „Nationalität? Was ist denn das für ein rückständiger, verquerer Begriff?“, entgegnete er einem Journalisten erbost, der ihn gegen Ende seines Lebens danach befragte. Kaum etwas könnte den transnationalen Habitus von Winterberg und seiner Musik besser charakterisieren als dieser Satz. In seiner autobiographischen Skizze beschreibt der Komponist seinen Stil mit den Worten: „Ursprünglich von Arnold Schönberg ausgehend, schließlich einen Weg polyrhythmischer und polytonaler Prägung gefunden.“
Trotz dieser Nähe zur Zweiten Wiener Schule komponierte Winterberg überwiegend in erweiterter, chromatisierter Tonalität, nicht zwölftönig und nicht mikrotonal. Im Zentrum seines Schaffens steht fast ausschließlich Instrumentalmusik nahezu jeglicher Couleur: Orchesterwerke (darunter zwei Sinfonien und vier Klavierkonzerte), Ballett- und Kammermusik (darunter vier Streichquartette), Gesangswerke, Hörspiel- und Klaviermusik (darunter fünf Klaviersonaten) sowie (gehobene) Unterhaltungsmusiken, die Winterberg unter dem Pseudonym Jan Iwéer veröffentlichte.

Winterbergs Vita ist geradezu exemplarisch für einen osteuropäischen Künstler jüdischer Herkunft im 20. Jahrhundert und sie liest sich nicht zuletzt auf Grund ihrer Tragik wie ein Roman aus der Feder von Joseph Roth: geboren 1901 in Prag – damals Hotspot der Hochkultur – als Kind deutsch sprechender Eltern. Sein Vater war Rabbiner und Kantor. Mit neun Jahren Schüler der Konzertpianistin Therèse Wallerstein, Studium an der Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst zu Prag, unter anderem bei Alexander von Zemlinsky. Nach Ende der Habsburgermonarchie (1918) tschechischer Staatsbürger, 1930 Eheschließung mit der Katholikin Maria Maschat, 1935 Geburt der gemeinsamen Tochter Ruth Christine, 1944 Zwangsscheidung „im Sinne des Reichsehegesetzes“, am 26. Januar 1945 Deportation ins KZ Theresienstadt, befreit am 8. Mai, Rückkehr zunächst nach Prag, wo er aufgrund der Beneš-Dekrete seine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliert. 1947 als „Staatenloser“ Ausweisung nach Bayern, wo er als „Sudetendeutscher“ gelabelt und geehrt wird („Sudetendeutscher Kulturpreis“, 1963).
Sein künstlerischer Nachlass liegt heute im Sudetendeutschen Musikinstitut (SMI) der Stadt Regensburg, wo er – und das ist ein besonders tragisches Kapitel des „Romans“ – aufgrund einer Verfügung im Rahmen des Überlassungsvertrages mit dem SMI weder für die Forschung noch für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
Neben aller Tragik gab es aber auch Lichtblicke im Leben Winterbergs, der seine Noten immer hat retten können: Am 17. Januar 1949 erklingt im Nationaltheater Mannheim die Uraufführung seiner ersten Sinfonie. Am Dirigentenpult steht kein Geringerer als Fritz Rieger, der sich auch als Chef der Münchner Philharmoniker für Winterbergs Musik einsetzt. Bis fast zu dessen Tod nimmt der Bayerische Rundfunk regelmäßig Werke von ihm auf. Gleichwohl gerät Winterberg, dessen Grab sich in Bad Tölz befindet, nach seinem Ableben rasch in Vergessenheit.
Dass wir uns heute wieder an Hans Winterberg erinnern, haben wir seinem Enkel Peter Kreitmeir zu verdanken. 2011 entdeckt Kreitmeir im Internet durch Zufall ein Foto seines Großvaters – und begibt sich dann auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Da man ihm bei der Sichtung des Nachlasses im SMI eher Steine in den Weg legt anstatt ihn bei den Recherchen zu unterstützen, holt Kreitmeir sich professionelle Hilfe von ganz anderer Seite ins Boot, zunächst vom Berliner Förderverein „musica reanimata“, der sich seit 1990 um die Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten bemüht, dann von „Exilarte – Zentrum für verfolgte Musik“, das der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien angegliedert ist und von Professor Gerold Gruber geleitet wird.
Richtig ins Rollen kommt die Causa Winterberg durch Kreitmeirs Kontakt zum weltgrößten international tätigen Musikverlag Boosey & Hawkes in Person von Frank Harders-Wuthenow, Head of Promotion & Repertoire. Dieser erkennt sofort das Potenzial von Winterbergs Musik und er beschließt, die Werke unter die Fittiche des Verlags zu nehmen. Seit dem Frühjahr 2021 laufen bei Harders-Wuthenow die Fäden zusammen. Von ihm erfahre ich, dass kein einziges Werk von Winterberg zu dessen Lebzeiten je im Druck erschienen ist. „Auf uns wartet eine gigantische Aufgabe. Wir sind – in einem durchaus positiven Sinn – gezwungen, Winterbergs gesamtes Orchestermaterial neu herauszugeben.“ Seine Handschriften seien zwar so gut, dass man die Partituren zumindest zum Dirigieren verwenden könne, „aber bei den Orchesterstimmen ist es ein bisschen heikel, weil Winterberg ein sehr armer Mann war und das Notenpapier, das er sich kaum leisten konnte, so eng beschrieben hat, dass es den Standards der heutigen Orchestermusiker nicht mehr genügt.“
Harders-Wuthenow gibt einen weiteren Punkt zu bedenken: „Für unsern Verlag ist das Winterberg-Projekt marktwirtschaftlich heikel, deshalb sind wir froh über die Zusammenarbeit mit Exilarte. Das Wiener Zentrum bekommt Drittmittel für die Winterberg- Edition und wird deshalb vom Rechtsnachfolger an den Einnahmen beteiligt.“ Heißt konkret: „Boosey“ investiert, Exilarte investiert – „und am Ende des Tages haben alle dann so viel davon, dass die Verluste tolerabel sind.“ Denn eine Sache sei klar: „Man wird mit Winterberg nie Geld verdienen können. Das erlaubt die Musikszene nicht.“
In welcher Reihenfolge werden die Werke gedruckt? „Natürlich publizieren wir zunächst die Stücke, die auch aufgeführt werden, live oder auf CD, also zum Beispiel Winterbergs viertes Klavierkonzert, das am 21. Februar 2024 von dem Solisten Jonathan Powell und der Beethoven-Philharmonie unter der Leitung von Thomas Rösner in Baden, Österreich, uraufgeführt wird.“ Der Verlag habe aber auch eine große Kammermusik-Produktion am Laufen, betont Harders-Wuthenow. „Dafür werden alle Werke neu ediert. Gedruckt werden sie aber erst, wenn die Musiker die Stücke auch ausprobiert haben, nicht vorher.“ Der große Haken dabei: das SMI als Eigentümerin des Nachlasses verweigere die Herausgabe der Manuskripte, heißt: „Wir sind bei der Drucklegung auf die Kopien angewiesen, die Peter Kreitmeir im Institut hat anfertigen können.“ Diese seien zwar hervorragend, „aber langfristig brauchen wir die Originale.“
Auch in Sachen CD-Veröffentlichungen ist Harders-Wuthenow der Hauptkoordinator. Das Label Toccata Classics hatte bereits 2018 das Album „Chamber Music, Volume 1“ veröffentlicht und die Noten dafür noch direkt von Peter Kreitmeir bekommen, seit 2021 erfolgen die Releases dort aber in Absprache mit Boosey & Hawkes und, wenn möglich, auch auf Grundlage der Winterberg-Edition. Mittlerweile liegen bei „Toccata“ vier Alben vor: zwei mit Kammermusik, unter anderem mit den Streichquartetten 2 bis 4, zwei mit Klaviermusik, auf denen neben den Klaviersonaten Nr. 1 und 2 auch die ergreifende „Suite Theresienstadt“ zu hören ist, die Winterberg 1945 unter unmenschlichen Bedingungen im gleichnamigen KZ komponierte. Capriccio präsentierte 2022 ein – faszinierendes! – Album mit drei Orchesterwerken, auf dem auch Winterbergs düster-visionäre „Sinfonia drammatica“ aus dem Jahr 1936 zu hören ist, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs vorauszuahnen scheint.
Ein von Naxos vertriebenes und eher kleines Label hat in Bezug auf Hans Winterberg ganz besondere Ambitionen: EDA-Records. Und das hat einen Grund: Frank Harders-Wuthenow ist Mitgesellschafter und Produzent dieses Labels, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „vernachlässigte Werke in ihren jeweiligen historischen und musikästhetischen Kontexten zu präsentieren“, wie es auf der EDA-Website heißt. Ab dem Frühjahr 2024 erscheint dort die Gesamtaufnahme von Winterbergs Klaviermusik auf drei CDs mit dem Pianisten Jonathan Powell, der auch schon auf der Capriccio-CD Solist des ersten Klavierkonzerts war. „Im Entstehen begriffen sind auch zwei CDs mit Kammermusik und Liedern mit kammermusikalischer Begleitung“, erklärt Harders-Wuthenow. „Die Musikwelt darf sich auf die Weltersteinspielungen unter anderem dieser Werke freuen: das erste Streichquartett und die erste Violinsonate, die Suite für Bratsche und Klavier, das Trio für Klarinette, Cello und Klavier sowie auf die ‚Dort und Hier‘-Lieder für Sopran und Klaviertrio auf Texte von Franz Werfel.“
Diese CDs erscheinen aber wohl erst im Herbst 2024. „Die Winterberg- Renaissance hat ja gerade erst begonnen“, sagt Harders-Wuthenow. „Unser Netzwerk arbeitet mit Leidenschaft daran, der Welt zu zeigen, dass Hans Winterberg einer der großen europäischen – und wahrhaft transnationalen – Komponisten des 20. Jahrhunderts war, den es unbedingt wiederzuentdecken gilt.“



