Auf Reisen

Ein Festival zum Schwärmen

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2024
Lesezeit ca.
Minuten
In der Bildmitte: das KKL mit dem markanten Dach am Ufer des Vierwaldstättersees. Nicht im Bild: die malerische Altstadt von Luzern. Foto: KKL Luzern, Adrian Bretscher / Hangar Ent. Group
In der Bildmitte: das KKL mit dem markanten Dach am Ufer des Vierwaldstättersees. Nicht im Bild: die malerische Altstadt von Luzern. Foto: KKL Luzern, Adrian Bretscher / Hangar Ent. Group

Auf die Idee muss man erstmal kommen! Das Luzerner Sinfonieorchester, das älteste der Schweiz und auch eines der besten, beschließt, fortan ein großes, einwöchiges Festival zu veranstalten – und rückt das Klavier ins Zentrum! „Le Piano Symphonique“ ist der Titel dieser hochkarätigen Festspiele, die 2025 bereits in die vierte Runde gehen. Doch gemeint ist damit nicht symphonische Musik mit Klavier. Sondern das Klavier als symphonisches Instrument. Und das wird in den unterschiedlichsten Konstellationen präsentiert: als Soloinstrument mit Orchester, als Kammermusikpartner für Streicher oder die Stimme, im Duo mit einem zweiten Klavier, zu vier Händen – und im Solo-Rezital.

Hintergrund der ungewöhnlichen Idee ist die Geschichte Luzerns als „Klaviermetropole“. Das Lucerne Festival, die einstigen Musikfestwochen Luzern, ist nicht nur eines der bedeutendsten Orchesterfestivals der Welt – es hatte auch traditionell einen starken Klavier-Schwerpunkt. Im Rahmen einer Neuausrichtung vor wenigen Jahren klopften die Festivalmacher bei den Kollegen des Sinfonieorchesters an, ob die nicht künftig den Klavierschwerpunkt kuratieren wollten. Man wurde sich nicht einig, woraufhin das Team um den ideenreichen Orchesterintendanten Numa Bischof Ullman beschloss, etwas eigenes auf die Beine zu stellen und den heimatlos gewordenen Klavierfestival-Freunden eine Alternative zu bieten: am selben Ort, nämlich im atmosphärisch und akustisch großartigen Kultur- und Kongresszentrum KKL, und weiterhin mit den Top-Stars der Klavierszene. Aber mit neuen Ideen. 

In diesem Jahr waren u.a. Martha Argerich und Mikhail Pletnev, Elisabeth Leonskaja und Jean-Yves Thibaudet, Kit Armstrong, Benjamin Grosvenor und David Fray zu Gast. Im nächsten Jahr werden Gidon Kremer, Evgeny Kissin, Beatrice Rana und Fazil Say erwartet, um nur ein paar Namen zu nennen. Klar, die Schweizer haben Geld, sagt man sich, die können sowas locker finanzieren. Aber mit großen Namen allein ist es ja nicht getan. Was Le Piano Symphonique wirklich einzigartig macht, sind das Konzept und die Programme.

Die täglichen großen Abendkonzerte beginnen um 19 Uhr und sind in zwei „Akte“ unterteilt – und die sind sehr unterschiedlich. Da folgen zum Beispiel (im Eröffnungskonzert 2025) auf die Goldberg-Variationen mit Fazil Say nach der Pause Balladen und Chansons aus dem Berlin der 1920er und 1930er Jahre mit HK Gruber und Kirill Gerstein. Drei Tage später werden Mendelssohns Klavierkonzerte mit Beatrice Rana und dem Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Michael Sanderling gekoppelt mit dem „Karneval der Tiere“ in kammermusikalischer Besetzung aus Martha Argerich und „Freunden“. Oder, ein Höhepunkt in diesem Jahr: Liszts Klavierkonzert Nr. 1 mit dem jungen Virtuosen Yoel Levanon, gefolgt vom Grieg-Konzert mit der souveränen Elisabeth Leonskaja – und nach der Pause Haydn- und Mendelssohn-Trios mit Janine Jansen, Mischa Maisky und Martha Argerich. Das klingt verrückt und etwas anstrengend. Ist es auch. Aber es ist ein Erlebnis – und stellt unerwartete Bezüge her. Was Le Piano Symphonique seinem Publikum bietet, sind keine Programme von der Stange, sondern Eindrücke, die lange nachwirken. Und genau das sollte die Aufgabe eines Festivals sein! 

Rezital, Klavierkonzert und Kammermusik – in den Abendkonzerten mischen sich die Genres

Dass es Numa Bischof Ullmann gelungen ist (über einen langjährigen persönlichen Kontakt), Martha Argerich als „Pianiste Associée“ für mehrere Jahre ans Festival zu binden, ist natürlich ein Coup. Sie war und wird auch im nächsten Jahr in mehreren Programmen zu erleben sein – und hat mehrmals Carte blanche in der Wahl des Programms und ihrer Musikpartner. Aber auch sonst gibt er seinen Gästen alle Freiheiten: Leif Ove Andsnes wird neben Grieg und Chopin auch Geir Tveitt spielen, den norwegischen Komponisten, dessen Name kaum je auf einem Festivalprogramm auftaucht. Und Evgeny Kissin erarbeitet in Luzern ein zweiteiliges Schostakowitsch-Projekt – mit Kollegen wie Chen Reiss, Maxim Rysanov, Gautier Capucon und Gidon Kremer. 

Martha Argerich und Mikhail Pletnev beim diesjährigen Eröffnungskonzert im KKL. Foto: Philipp Schmidli, Luzerner Sinfonieorchester

Aber es gibt auch junge Musiker zu entdecken: Im Kunstmuseum werden sich in einer Matinee Preisträgerdes Géza-Anda-Wettbewerbs präsentieren – persönlich ausgewählt von Martha Argerich, die in der Jury des renommierten Klavierwettbewerbs sitzt. Es gibt Rezitale mit Kiveli Dörken und Daniel Ciobanu, und am Mittwoch spätabends wird in einem alten Schwimmbad Jazz auf Klavier und Cembalo – mit Michael Wollny und Tamar Halperin – zu erleben sein.

Sechs Tage, im kommenden Jahr von Montag bis Samstag, vom 13. bis 18. Januar 2025, kann man sich beim Klavierfestival musikalisch die Kante geben – und das tun anscheinend viele Besucher: Der Festivalpass ist sehr gefragt, der fast 1.900 Plätze fassende große Saal im KKL jeden Abend annähernd ausverkauft. Dank der Schweizer Bundesbahn kommt man auch nach den langen Konzerten, die schon um 19 Uhr beginnen, problemlos noch nach Zürich oder Bern zurück. 

Wer von weiter her anreist, sollte sich jedoch ein Hotel in Luzern selbst nehmen. Die Stadt ist einfach eine Wucht – mit ihrer Lage am Vierwaldstättersee und dem Blick auf die Alpengipfel, mit ihrem teils mondänen, teils idyllischen Stadtbild, mit ihrem weltläufigen, ganz und gar nicht kleinstädtischen Flair. Und für Opernfreunde bietet sich noch ein Abstecher zu Richard Wagners Landhaus in Tribschen an, in dem er die „Meistersinger“ und den „Siegfried“ vollendete. Allerdings, das soll nicht verschwiegen werden, können dem deutschen Besucher neben all diesen Schönheiten auch die Schweizer Preise den Atem verschlagen. Andererseits: Solch ein im positiven Sinne verrücktes, hochkarätiges Klavierfestival gibt es wohl kein zweites Mal auf der Welt.

Auf die Idee muss man erstmal kommen! Das Luzerner Sinfonieorchester, das älteste der Schweiz und auch eines der besten, beschließt, fortan ein großes, einwöchiges Festival zu veranstalten – und rückt das Klavier ins Zentrum! „Le Piano Symphonique“ ist der Titel dieser hochkarätigen Festspiele, die 2025 bereits in die vierte Runde gehen. Doch gemeint ist damit nicht symphonische Musik mit Klavier. Sondern das Klavier als symphonisches Instrument. Und das wird in den unterschiedlichsten Konstellationen präsentiert: als Soloinstrument mit Orchester, als Kammermusikpartner für Streicher oder die Stimme, im Duo mit einem zweiten Klavier, zu vier Händen – und im Solo-Rezital.

Hintergrund der ungewöhnlichen Idee ist die Geschichte Luzerns als „Klaviermetropole“. Das Lucerne Festival, die einstigen Musikfestwochen Luzern, ist nicht nur eines der bedeutendsten Orchesterfestivals der Welt – es hatte auch traditionell einen starken Klavier-Schwerpunkt. Im Rahmen einer Neuausrichtung vor wenigen Jahren klopften die Festivalmacher bei den Kollegen des Sinfonieorchesters an, ob die nicht künftig den Klavierschwerpunkt kuratieren wollten. Man wurde sich nicht einig, woraufhin das Team um den ideenreichen Orchesterintendanten Numa Bischof Ullman beschloss, etwas eigenes auf die Beine zu stellen und den heimatlos gewordenen Klavierfestival-Freunden eine Alternative zu bieten: am selben Ort, nämlich im atmosphärisch und akustisch großartigen Kultur- und Kongresszentrum KKL, und weiterhin mit den Top-Stars der Klavierszene. Aber mit neuen Ideen. 

In diesem Jahr waren u.a. Martha Argerich und Mikhail Pletnev, Elisabeth Leonskaja und Jean-Yves Thibaudet, Kit Armstrong, Benjamin Grosvenor und David Fray zu Gast. Im nächsten Jahr werden Gidon Kremer, Evgeny Kissin, Beatrice Rana und Fazil Say erwartet, um nur ein paar Namen zu nennen. Klar, die Schweizer haben Geld, sagt man sich, die können sowas locker finanzieren. Aber mit großen Namen allein ist es ja nicht getan. Was Le Piano Symphonique wirklich einzigartig macht, sind das Konzept und die Programme.

Die täglichen großen Abendkonzerte beginnen um 19 Uhr und sind in zwei „Akte“ unterteilt – und die sind sehr unterschiedlich. Da folgen zum Beispiel (im Eröffnungskonzert 2025) auf die Goldberg-Variationen mit Fazil Say nach der Pause Balladen und Chansons aus dem Berlin der 1920er und 1930er Jahre mit HK Gruber und Kirill Gerstein. Drei Tage später werden Mendelssohns Klavierkonzerte mit Beatrice Rana und dem Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Michael Sanderling gekoppelt mit dem „Karneval der Tiere“ in kammermusikalischer Besetzung aus Martha Argerich und „Freunden“. Oder, ein Höhepunkt in diesem Jahr: Liszts Klavierkonzert Nr. 1 mit dem jungen Virtuosen Yoel Levanon, gefolgt vom Grieg-Konzert mit der souveränen Elisabeth Leonskaja – und nach der Pause Haydn- und Mendelssohn-Trios mit Janine Jansen, Mischa Maisky und Martha Argerich. Das klingt verrückt und etwas anstrengend. Ist es auch. Aber es ist ein Erlebnis – und stellt unerwartete Bezüge her. Was Le Piano Symphonique seinem Publikum bietet, sind keine Programme von der Stange, sondern Eindrücke, die lange nachwirken. Und genau das sollte die Aufgabe eines Festivals sein! 

Rezital, Klavierkonzert und Kammermusik – in den Abendkonzerten mischen sich die Genres

Dass es Numa Bischof Ullmann gelungen ist (über einen langjährigen persönlichen Kontakt), Martha Argerich als „Pianiste Associée“ für mehrere Jahre ans Festival zu binden, ist natürlich ein Coup. Sie war und wird auch im nächsten Jahr in mehreren Programmen zu erleben sein – und hat mehrmals Carte blanche in der Wahl des Programms und ihrer Musikpartner. Aber auch sonst gibt er seinen Gästen alle Freiheiten: Leif Ove Andsnes wird neben Grieg und Chopin auch Geir Tveitt spielen, den norwegischen Komponisten, dessen Name kaum je auf einem Festivalprogramm auftaucht. Und Evgeny Kissin erarbeitet in Luzern ein zweiteiliges Schostakowitsch-Projekt – mit Kollegen wie Chen Reiss, Maxim Rysanov, Gautier Capucon und Gidon Kremer. 

Martha Argerich und Mikhail Pletnev beim diesjährigen Eröffnungskonzert im KKL. Foto: Philipp Schmidli, Luzerner Sinfonieorchester

Aber es gibt auch junge Musiker zu entdecken: Im Kunstmuseum werden sich in einer Matinee Preisträgerdes Géza-Anda-Wettbewerbs präsentieren – persönlich ausgewählt von Martha Argerich, die in der Jury des renommierten Klavierwettbewerbs sitzt. Es gibt Rezitale mit Kiveli Dörken und Daniel Ciobanu, und am Mittwoch spätabends wird in einem alten Schwimmbad Jazz auf Klavier und Cembalo – mit Michael Wollny und Tamar Halperin – zu erleben sein.

Sechs Tage, im kommenden Jahr von Montag bis Samstag, vom 13. bis 18. Januar 2025, kann man sich beim Klavierfestival musikalisch die Kante geben – und das tun anscheinend viele Besucher: Der Festivalpass ist sehr gefragt, der fast 1.900 Plätze fassende große Saal im KKL jeden Abend annähernd ausverkauft. Dank der Schweizer Bundesbahn kommt man auch nach den langen Konzerten, die schon um 19 Uhr beginnen, problemlos noch nach Zürich oder Bern zurück. 

Wer von weiter her anreist, sollte sich jedoch ein Hotel in Luzern selbst nehmen. Die Stadt ist einfach eine Wucht – mit ihrer Lage am Vierwaldstättersee und dem Blick auf die Alpengipfel, mit ihrem teils mondänen, teils idyllischen Stadtbild, mit ihrem weltläufigen, ganz und gar nicht kleinstädtischen Flair. Und für Opernfreunde bietet sich noch ein Abstecher zu Richard Wagners Landhaus in Tribschen an, in dem er die „Meistersinger“ und den „Siegfried“ vollendete. Allerdings, das soll nicht verschwiegen werden, können dem deutschen Besucher neben all diesen Schönheiten auch die Schweizer Preise den Atem verschlagen. Andererseits: Solch ein im positiven Sinne verrücktes, hochkarätiges Klavierfestival gibt es wohl kein zweites Mal auf der Welt.