Am Puls der Zeit
Die Lyric Opera of Chicago ist auch aus Deutschland eine Reise wert

Es war einmal ein wohlhabender Mann, der wollte in Chicago das größte Opernhaus der Welt bauen. Zwar gab es schon eine städtische Oper, die Civic Opera, in einem prachtvollen Gebäude, dem bis heute berühmten Auditorium Building von Adler und Sullivan, wo zum Beispiel 1921 Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ ihre Weltpremiere feierte. Doch jenem Samuel Insull schwebte etwas Moderneres vor, ein Bau auf der Höhe der Zeit, architektonisch und technisch. Und als Finanzmann hatte er auch einen Plan, wie sich das ganze langfristig finanzieren sollte: Er baute um die Oper herum ein Hochhaus, dessen Vermietung den Betrieb der Oper finanzieren würde. Dumm nur, dass man das Jahr 1929 schrieb. Einen Monat nach der Eröffnung brachen die Börsen zusammen, und das überlebte auch die Civic Opera nicht. Den Nachfolgeunternehmungen war kein langes Leben beschert, und erst die Lyric Opera, die 1954, wiederum auf Initiative wohlhabender Bürger, gegründet wurde, konnte sich langfristig etablieren. In diesem Herbst feiert sie ihren 70. Geburtstag.
Neue Opern werden in der Lyric Opera genauso vom Publikum gefeiert wie Klassiker
Sie ist eine der bekanntesten Operninstitutionen der Welt – und doch ganz anders als die europäischen Opernhäuser. Sie lebt, wie fast alle Kultureinrichtungen Nordamerikas, fast komplett von Karteneinnahmen und privaten Zuwendungen, und das merkt man. Manches wirkt auf den deutschen Besucher befremdlich. Etwa die Vorstellung des Saisonprogramms: Da drängen sich im riesigen Foyer des äußerlich Art-déco-schlichten, im Inneren aber üppig dekorierten Prachtbaus Tausende Menschen um eine lange Tafel mit Häppchen, trinken Wein aus Plastikbechern und stellen sich an zahlreichen kleinen Tischen an, wo Opernmitarbeiter Abonnementbuchungen entgegennehmen. Dann pilgert alles in den Saal, wo wenig später der Intendant, der Chefdirigent und der Chefausstatter unter Anleitung einer professionellen Moderatorin die Premieren präsentieren. Das Ganze ist aufgebaut wie die Oscar-Verleihung: „Wir beginnen die Saison mit“ – lange Pause – „Verdis Rigoletto!“ Und das Publikum jubelt und johlt und kriegt sich kaum ein, als die Sänger, der Regisseur und der Dirigent genannt werden. Es folgen Beethovens „Fidelio“, Mozarts „Figaro“ und Puccinis „La Bohème“. Aber auch „Blue“ mit Gospel-beeinflusster Musik von Jeanine Tesori, bei der es um einen schwarzen Polizisten und seine Frau geht, deren Sohn von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Und „The Listeners“ von Missy Mazzoli über eine Frau, die von einem tiefen Brummton fast in den Wahnsinn getrieben wird und ihr Heil in einer sektenähnlichen Selbsthilfegruppe sucht. Und diese neuen Opern, keine Uraufführungen, sondern Koproduktionen/Übernahmen vom Glimmerglass-Festival bzw. Oslo, werden genauso enthusiastisch gefeiert. Zwischendurch treten junge Sänger auf, Chefdirigent Enrique Mazzola gibt sehr charmant die Rampensau, und das Publikum, hat man das Gefühl, verbringt einen tollen Nachmittag und freut sich schon jetzt wie Bolle auf die nächste Saison.
Einen Tag später besuche ich die „Matinee“. Jede Produktion wird einmal an einem Wochentag nachmittags gegeben, ich erwische die „Aida“ am Mittwoch um 14 Uhr. Wieder wundere ich mich, wie angenehm proportioniert der Riesensaal ist. Knapp 3.300 Plätze bietet er seit der kürzlichen Neubestuhlung, vorher waren es über 3.500. Es ist ein Traum in Weinrot und Gold, aber durchaus noch diesseits der Grenze zum Überladenen. Die Plätze sind überwiegend von Rentnern gefüllt, die zum Teil noch ihren Kaffeebecher aus Plastik in der Hand halten und wenig Wert auf elegante Garderobe legen – das typische Nachmittagspublikum von den Rändern der Sechs-Millionen-Metropole, wie ich später erfahre. Als das Licht ausgeht, tönt die angenehme Stimme des Intendanten aus den Lautsprechern: „Guten Tag, meine Damen und Herren, hier spricht Anthony Freud. Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag. Und bitte vergessen Sie nicht, Ihr Handy auszuschalten.“ Das hat Stil!

Dann beginnt die Vorstellung, und die hat hohe Qualität. Szenisch gemäßigt modern, mit guten Sängern, einem hervorragenden, durchschlagskräftigen Chor und Schwung aus dem Orchestergraben. Die Akustik im Saal ist außergewöhnlich gut, und vermutlich stimmt es, was mir Intendant Freud im Interview am nächsten Tag sagt: Viele Sänger seien zunächst verängstigt von den Dimensionen des Hauses, merkten dann aber schnell, wie sich „auf geradezu magische Weise“ eine Nähe zwischen Bühne und Publikum einstelle. Fast jede Produktion, und die Chicagoer Oper bringt fast nur Koproduktionen, funktioniere in diesem Saal.
In der Pause gehe ich nach oben auf die Ränge und bin bass erstaunt – nicht nur über die Größe des Saales, die hier oben erst richtig deutlich wird, sondern vor allem darüber, dass sich hier auf den günstigeren Plätzen überwiegend junge Leute tummeln. Auch da schwört Anthony Freud am nächsten Tag Stein und Bein, das sei zahlendes Publikum gewesen.
Die Büros der Lyric Opera befinden sich im Stockwerk über dem Foyer. Vom niedrigen Flur gehen kleine Räume ab, wie man das aus Filmen kennt, und Freud, der nach 13 Jahren diesen Sommer seinen Abschied genommen hat, konnte im Frühjahr noch seinen Blick über die breite Kreuzung auf die umliegenden Stahl- und Glasmonster schweifen lassen, die in den letzten Jahrzehnten ringsherum gewachsen sind. Fast klein wirkt der 45-stöckige elegante Kalksteinbau der Oper inzwischen, der Freud sichtlich ans Herz gewachsen ist. Nicht nur über die Qualitäten des Saals schwärmt er. Vermutlich sei das Haus seinerzeit das technisch avancierteste Opernhaus der Welt gewesen, mit Hubbühnen, die hydraulisch mit dem Wasser des Chicago Rivers gleich nebenan betrieben wurden, und der Schnürboden sei mit 45 Metern wohl der höchste der Welt.
Freud ist gebürtiger Brite und war elf Jahre Operndirektor in Cardiff, ehe er 2006 das Opernhaus in Houston übernahm. Er kennt die Opernlandschaften beiderseits des Atlantiks, und er versichert mir glaubhaft, dass es auch Spaß mache, in den USA eine Oper zu leiten. Natürlich müsse er 99,5 Prozent seines Budgets von 70 Millionen Dollar über Eintritte und Sponsoring einnehmen, doch die Unterstützung für die Oper sei groß unter den Chicagoern, die es sich leisten könnten. Aber vor allem gelinge es, ein junges, diverses, breites Publikum zu erreichen. Das müsse man, um zu überleben. Aber es gelinge eben auch – mit Produktionen, die aktuelle Themen aufgreifen und die künstlerisch zugänglich sind.

Dasselbe, nur in anderen Worten, sagt wenig später einen Raum weiter Enrique Mazzola. Der Italiener, der auch Erster Gastdirigent der Deutschen Oper Berlin ist und in den vergangenen drei Sommern die Festspiele in Bregenz musikalisch leitete, scheint ein Glücksfall für Chicago zu sein. Er hat nicht nur einen exzellenten Ruf als Dirigent vor allem des italienischen Repertoires. Er hat mit seinem quirligen Naturell und seinem Witz auch die Chicagoer Opernfans im Sturm erobert. „Die Oper spielt eine wichtige Rolle in der Stadt“, sagt er. „Aida und Traviata haben zu ihrer Zeit aktuelle Probleme behandelt. Bei Verdi ging es um den Zusammenstoß von Politik und Religion – das war brandaktuell. Da ging es nicht nur um schöne Musik, wie wir das heute oft sehen. Und das muss auch unser Ansatz heute sein. Wir zeigen dem Publikum die großartigen Klassiker, die sie vielleicht noch nie gehört und gesehen haben. Und wir greifen die Themen auf, die die Menschen heute bewegen, und machen daraus Oper. Die Oper ist kein Museum. Die Oper ist eine aktuelle, zeitgenössische Kunstform.“
Das würden viele Intendanten und GMDs hierzulande unterschreiben, und doch sehen die Spielpläne nicht so aus. „Champion“ zum Beispiel handelt von einem schwarzen Boxer, der sein Leben lang darunter leidet, einen Gegner ins Koma geschlagen zu haben – eine wahre Geschichte, vertont von Terence Blanchard, einem der besten Jazz-Trompeter. Und „Proximity“, uraufgeführt in der letzten Spielzeit, führt drei neue Kurzopern zusammen, die von Klimawandel, gesellschaftlicher Isolation und Waffengewalt handeln. Auch dies in einer Musiksprache, die von einem Großteil des Publikums „verstanden“ wird. Den Ernst von Siemens Musikpreis werden diese Komponisten nie erhalten – aber sie erreichen ein breites Publikum, das über diese Werke diskutiert und plötzlich auch die Kunstwelt der Oper mit ihrem artifiziellen Gesang toll findet.
„Amerika ist Europa zwanzig Jahre voraus, was die Entwicklung der aktuellen Oper angeht“, meint Enrique Mazzola. Er, der sich so leidenschaftlich einsetzt für den frühen Verdi und die italienische Oper jener Zeit, fordert eine Öffnung des Opernkanons: hin zu Jazz, Gospel, Hip-Hop in Amerika, hin zum Beispiel zu türkischen und arabischen Musikeinflüssen in Europa. „Wir müssen die Musik, die Oper weiterentwickeln. Wir müssen experimentieren. Manche Experimente werden glücken, manche werden scheitern. Aber wir müssen Neues versuchen.“
Auch da ist er sich komplett einig mit Anthony Freud – beide fungieren übrigens gemeinsam, Chefdirigent und Intendant, als künstlerische Leitung des Hauses. „Wir müssen auf das Publikum zugehen, wir müssen unsere Programme viel mehr erklären als Häuser in Europa. Aber dann sind die Leute offen. ‚Die Passagierin‘ von Weinberg war ein großer Erfolg, und auch Regietheater funktioniert – wenn wir es erklären.“

Sechs große Produktionen bringt die Lyric Opera in ihrer Jubiläumsspielzeit 2024/25 auf die Bühne – meist zwei parallel, weshalb Intendant Freud auch nicht von Stagione sprechen mag. Im November locken noch „Die Hochzeit des Figaro“ und „Blue“, im März und April „La Bohème“ und „The Listeners“. Zwischendurch gibt es Konzerte, Galas und zahlreiche Ballettgastspiele. Ein festes Sängerensemble hat die Lyric Opera nicht, lädt aber Stammsänger immer wieder ein und pflegt mit einem Opernstudio, dem Ryan Opera Center, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, den Nachwuchs. Orchester und Chor sind feste Ensembles, deren Mitglieder die spielfreien Monate mit Engagements bei Festivals oder mit Unterricht überbrücken. Ein System, das zu funktionieren scheint. Enrique Mazzola, der 2021 als Nachfolger von Andrew Davis nach Chicago gekommen ist, hat seinen Vertrag jedenfalls bereits bis 2031 verlängert. Er liebt die Möglichkeiten, die das Haus ihm bietet und die so anders sind als in Europa. Aber er mag auch die Stadt Chicago: „Es ist ein angenehmer Ort. Weder so stressig wie New York noch von dieser Art Bella Vita wie in Kalifornien. Hier gibt es viele große Konzerne, die Leute arbeiten hart und sind sehr rational. Aber sie sind auch entspannt und wollen das Leben genießen. Chicago ist eine Kulturstadt, das spürt man.“
Da hat der Chefdirigent der Lyric Opera, dessen Gesicht mit der roten Brille dem Passanten auf vielen Straßen der Stadt von Plakaten entgegenlächelt, ganz sicher recht. Chicago gilt als Geburtsstadt des Wolkenkratzers, die Bauten von Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe sollte jeder Architekturfreund mal gesehen haben. Im Art Institute sind die ikonischen „Nighthawks“ von Edward Hopper und „American Gothic“ von Grant Woods zu bewundern, und auch für den Flaneur ist in der Stadt am meeresartigen Michigansee viel zu entdecken. Es gibt exzellente Restaurants, mit dem Chicago Symphony Orchestra eines der besten Orchester der Welt – das sich Klaus Mäkelä als künftigen Chefdirigenten gesichert hat. Und die Lyric Opera ist auch für deutsche Opernfreunde ganz sicher eine Reise wert.
Es war einmal ein wohlhabender Mann, der wollte in Chicago das größte Opernhaus der Welt bauen. Zwar gab es schon eine städtische Oper, die Civic Opera, in einem prachtvollen Gebäude, dem bis heute berühmten Auditorium Building von Adler und Sullivan, wo zum Beispiel 1921 Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“ ihre Weltpremiere feierte. Doch jenem Samuel Insull schwebte etwas Moderneres vor, ein Bau auf der Höhe der Zeit, architektonisch und technisch. Und als Finanzmann hatte er auch einen Plan, wie sich das ganze langfristig finanzieren sollte: Er baute um die Oper herum ein Hochhaus, dessen Vermietung den Betrieb der Oper finanzieren würde. Dumm nur, dass man das Jahr 1929 schrieb. Einen Monat nach der Eröffnung brachen die Börsen zusammen, und das überlebte auch die Civic Opera nicht. Den Nachfolgeunternehmungen war kein langes Leben beschert, und erst die Lyric Opera, die 1954, wiederum auf Initiative wohlhabender Bürger, gegründet wurde, konnte sich langfristig etablieren. In diesem Herbst feiert sie ihren 70. Geburtstag.
Neue Opern werden in der Lyric Opera genauso vom Publikum gefeiert wie Klassiker
Sie ist eine der bekanntesten Operninstitutionen der Welt – und doch ganz anders als die europäischen Opernhäuser. Sie lebt, wie fast alle Kultureinrichtungen Nordamerikas, fast komplett von Karteneinnahmen und privaten Zuwendungen, und das merkt man. Manches wirkt auf den deutschen Besucher befremdlich. Etwa die Vorstellung des Saisonprogramms: Da drängen sich im riesigen Foyer des äußerlich Art-déco-schlichten, im Inneren aber üppig dekorierten Prachtbaus Tausende Menschen um eine lange Tafel mit Häppchen, trinken Wein aus Plastikbechern und stellen sich an zahlreichen kleinen Tischen an, wo Opernmitarbeiter Abonnementbuchungen entgegennehmen. Dann pilgert alles in den Saal, wo wenig später der Intendant, der Chefdirigent und der Chefausstatter unter Anleitung einer professionellen Moderatorin die Premieren präsentieren. Das Ganze ist aufgebaut wie die Oscar-Verleihung: „Wir beginnen die Saison mit“ – lange Pause – „Verdis Rigoletto!“ Und das Publikum jubelt und johlt und kriegt sich kaum ein, als die Sänger, der Regisseur und der Dirigent genannt werden. Es folgen Beethovens „Fidelio“, Mozarts „Figaro“ und Puccinis „La Bohème“. Aber auch „Blue“ mit Gospel-beeinflusster Musik von Jeanine Tesori, bei der es um einen schwarzen Polizisten und seine Frau geht, deren Sohn von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Und „The Listeners“ von Missy Mazzoli über eine Frau, die von einem tiefen Brummton fast in den Wahnsinn getrieben wird und ihr Heil in einer sektenähnlichen Selbsthilfegruppe sucht. Und diese neuen Opern, keine Uraufführungen, sondern Koproduktionen/Übernahmen vom Glimmerglass-Festival bzw. Oslo, werden genauso enthusiastisch gefeiert. Zwischendurch treten junge Sänger auf, Chefdirigent Enrique Mazzola gibt sehr charmant die Rampensau, und das Publikum, hat man das Gefühl, verbringt einen tollen Nachmittag und freut sich schon jetzt wie Bolle auf die nächste Saison.
Einen Tag später besuche ich die „Matinee“. Jede Produktion wird einmal an einem Wochentag nachmittags gegeben, ich erwische die „Aida“ am Mittwoch um 14 Uhr. Wieder wundere ich mich, wie angenehm proportioniert der Riesensaal ist. Knapp 3.300 Plätze bietet er seit der kürzlichen Neubestuhlung, vorher waren es über 3.500. Es ist ein Traum in Weinrot und Gold, aber durchaus noch diesseits der Grenze zum Überladenen. Die Plätze sind überwiegend von Rentnern gefüllt, die zum Teil noch ihren Kaffeebecher aus Plastik in der Hand halten und wenig Wert auf elegante Garderobe legen – das typische Nachmittagspublikum von den Rändern der Sechs-Millionen-Metropole, wie ich später erfahre. Als das Licht ausgeht, tönt die angenehme Stimme des Intendanten aus den Lautsprechern: „Guten Tag, meine Damen und Herren, hier spricht Anthony Freud. Ich wünsche Ihnen einen schönen Nachmittag. Und bitte vergessen Sie nicht, Ihr Handy auszuschalten.“ Das hat Stil!

Dann beginnt die Vorstellung, und die hat hohe Qualität. Szenisch gemäßigt modern, mit guten Sängern, einem hervorragenden, durchschlagskräftigen Chor und Schwung aus dem Orchestergraben. Die Akustik im Saal ist außergewöhnlich gut, und vermutlich stimmt es, was mir Intendant Freud im Interview am nächsten Tag sagt: Viele Sänger seien zunächst verängstigt von den Dimensionen des Hauses, merkten dann aber schnell, wie sich „auf geradezu magische Weise“ eine Nähe zwischen Bühne und Publikum einstelle. Fast jede Produktion, und die Chicagoer Oper bringt fast nur Koproduktionen, funktioniere in diesem Saal.
In der Pause gehe ich nach oben auf die Ränge und bin bass erstaunt – nicht nur über die Größe des Saales, die hier oben erst richtig deutlich wird, sondern vor allem darüber, dass sich hier auf den günstigeren Plätzen überwiegend junge Leute tummeln. Auch da schwört Anthony Freud am nächsten Tag Stein und Bein, das sei zahlendes Publikum gewesen.
Die Büros der Lyric Opera befinden sich im Stockwerk über dem Foyer. Vom niedrigen Flur gehen kleine Räume ab, wie man das aus Filmen kennt, und Freud, der nach 13 Jahren diesen Sommer seinen Abschied genommen hat, konnte im Frühjahr noch seinen Blick über die breite Kreuzung auf die umliegenden Stahl- und Glasmonster schweifen lassen, die in den letzten Jahrzehnten ringsherum gewachsen sind. Fast klein wirkt der 45-stöckige elegante Kalksteinbau der Oper inzwischen, der Freud sichtlich ans Herz gewachsen ist. Nicht nur über die Qualitäten des Saals schwärmt er. Vermutlich sei das Haus seinerzeit das technisch avancierteste Opernhaus der Welt gewesen, mit Hubbühnen, die hydraulisch mit dem Wasser des Chicago Rivers gleich nebenan betrieben wurden, und der Schnürboden sei mit 45 Metern wohl der höchste der Welt.
Freud ist gebürtiger Brite und war elf Jahre Operndirektor in Cardiff, ehe er 2006 das Opernhaus in Houston übernahm. Er kennt die Opernlandschaften beiderseits des Atlantiks, und er versichert mir glaubhaft, dass es auch Spaß mache, in den USA eine Oper zu leiten. Natürlich müsse er 99,5 Prozent seines Budgets von 70 Millionen Dollar über Eintritte und Sponsoring einnehmen, doch die Unterstützung für die Oper sei groß unter den Chicagoern, die es sich leisten könnten. Aber vor allem gelinge es, ein junges, diverses, breites Publikum zu erreichen. Das müsse man, um zu überleben. Aber es gelinge eben auch – mit Produktionen, die aktuelle Themen aufgreifen und die künstlerisch zugänglich sind.

Dasselbe, nur in anderen Worten, sagt wenig später einen Raum weiter Enrique Mazzola. Der Italiener, der auch Erster Gastdirigent der Deutschen Oper Berlin ist und in den vergangenen drei Sommern die Festspiele in Bregenz musikalisch leitete, scheint ein Glücksfall für Chicago zu sein. Er hat nicht nur einen exzellenten Ruf als Dirigent vor allem des italienischen Repertoires. Er hat mit seinem quirligen Naturell und seinem Witz auch die Chicagoer Opernfans im Sturm erobert. „Die Oper spielt eine wichtige Rolle in der Stadt“, sagt er. „Aida und Traviata haben zu ihrer Zeit aktuelle Probleme behandelt. Bei Verdi ging es um den Zusammenstoß von Politik und Religion – das war brandaktuell. Da ging es nicht nur um schöne Musik, wie wir das heute oft sehen. Und das muss auch unser Ansatz heute sein. Wir zeigen dem Publikum die großartigen Klassiker, die sie vielleicht noch nie gehört und gesehen haben. Und wir greifen die Themen auf, die die Menschen heute bewegen, und machen daraus Oper. Die Oper ist kein Museum. Die Oper ist eine aktuelle, zeitgenössische Kunstform.“
Das würden viele Intendanten und GMDs hierzulande unterschreiben, und doch sehen die Spielpläne nicht so aus. „Champion“ zum Beispiel handelt von einem schwarzen Boxer, der sein Leben lang darunter leidet, einen Gegner ins Koma geschlagen zu haben – eine wahre Geschichte, vertont von Terence Blanchard, einem der besten Jazz-Trompeter. Und „Proximity“, uraufgeführt in der letzten Spielzeit, führt drei neue Kurzopern zusammen, die von Klimawandel, gesellschaftlicher Isolation und Waffengewalt handeln. Auch dies in einer Musiksprache, die von einem Großteil des Publikums „verstanden“ wird. Den Ernst von Siemens Musikpreis werden diese Komponisten nie erhalten – aber sie erreichen ein breites Publikum, das über diese Werke diskutiert und plötzlich auch die Kunstwelt der Oper mit ihrem artifiziellen Gesang toll findet.
„Amerika ist Europa zwanzig Jahre voraus, was die Entwicklung der aktuellen Oper angeht“, meint Enrique Mazzola. Er, der sich so leidenschaftlich einsetzt für den frühen Verdi und die italienische Oper jener Zeit, fordert eine Öffnung des Opernkanons: hin zu Jazz, Gospel, Hip-Hop in Amerika, hin zum Beispiel zu türkischen und arabischen Musikeinflüssen in Europa. „Wir müssen die Musik, die Oper weiterentwickeln. Wir müssen experimentieren. Manche Experimente werden glücken, manche werden scheitern. Aber wir müssen Neues versuchen.“
Auch da ist er sich komplett einig mit Anthony Freud – beide fungieren übrigens gemeinsam, Chefdirigent und Intendant, als künstlerische Leitung des Hauses. „Wir müssen auf das Publikum zugehen, wir müssen unsere Programme viel mehr erklären als Häuser in Europa. Aber dann sind die Leute offen. ‚Die Passagierin‘ von Weinberg war ein großer Erfolg, und auch Regietheater funktioniert – wenn wir es erklären.“

Sechs große Produktionen bringt die Lyric Opera in ihrer Jubiläumsspielzeit 2024/25 auf die Bühne – meist zwei parallel, weshalb Intendant Freud auch nicht von Stagione sprechen mag. Im November locken noch „Die Hochzeit des Figaro“ und „Blue“, im März und April „La Bohème“ und „The Listeners“. Zwischendurch gibt es Konzerte, Galas und zahlreiche Ballettgastspiele. Ein festes Sängerensemble hat die Lyric Opera nicht, lädt aber Stammsänger immer wieder ein und pflegt mit einem Opernstudio, dem Ryan Opera Center, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, den Nachwuchs. Orchester und Chor sind feste Ensembles, deren Mitglieder die spielfreien Monate mit Engagements bei Festivals oder mit Unterricht überbrücken. Ein System, das zu funktionieren scheint. Enrique Mazzola, der 2021 als Nachfolger von Andrew Davis nach Chicago gekommen ist, hat seinen Vertrag jedenfalls bereits bis 2031 verlängert. Er liebt die Möglichkeiten, die das Haus ihm bietet und die so anders sind als in Europa. Aber er mag auch die Stadt Chicago: „Es ist ein angenehmer Ort. Weder so stressig wie New York noch von dieser Art Bella Vita wie in Kalifornien. Hier gibt es viele große Konzerne, die Leute arbeiten hart und sind sehr rational. Aber sie sind auch entspannt und wollen das Leben genießen. Chicago ist eine Kulturstadt, das spürt man.“
Da hat der Chefdirigent der Lyric Opera, dessen Gesicht mit der roten Brille dem Passanten auf vielen Straßen der Stadt von Plakaten entgegenlächelt, ganz sicher recht. Chicago gilt als Geburtsstadt des Wolkenkratzers, die Bauten von Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe sollte jeder Architekturfreund mal gesehen haben. Im Art Institute sind die ikonischen „Nighthawks“ von Edward Hopper und „American Gothic“ von Grant Woods zu bewundern, und auch für den Flaneur ist in der Stadt am meeresartigen Michigansee viel zu entdecken. Es gibt exzellente Restaurants, mit dem Chicago Symphony Orchestra eines der besten Orchester der Welt – das sich Klaus Mäkelä als künftigen Chefdirigenten gesichert hat. Und die Lyric Opera ist auch für deutsche Opernfreunde ganz sicher eine Reise wert.



