Ein Rufer in der Wüste
Der Tscheche Miloslav Kabeláč gehört zu den vergessenen Giganten der Musik. Mitglieder der Berliner Philharmoniker präsentieren nun seine Kammermusik

Es ist selten, dass sich renommierte Musiker so geschlossen für einen bislang unbekannten Komponisten ins Zeug legen wie im Falle des Tschechen Miloslav Kabeláč, geboren 1908 in Prag, gestorben 1979 ebendort. Der Oboist Albrecht Mayer, der für die nun erschiene Komplettaufnahme von Kabeláčs Kammermusik die Oboen-Sonatine eingespielt hat, spricht von Kabeláčs Musik als „echtem, einzigartigem Juwel“, der Cellist Jan Vogler (er hat die Cellosonate des Tschechen aufgenommen) erkennt „eine ganz eigene Musiksprache“ und staunt über den Willen des Komponisten, „etwas Großartiges und Wildes zu schaffen“ mit „ganz großem Pinsel“, Jelka Weber schließlich, Flötistin bei den Berliner Philharmonikern, schwärmt vom Klangfarbenreichtum von Kabeláčs Flötenstücken, zwei für Flöte solo, eines für Flöte mit Harfe.
Was ist zu hören? Eine Musik von glühender Espressivität, von kraftvoller Melodik, unwiderstehlich verdichtet, durchzogen von einem tragischen Grundton, der sich gleichwohl auch aufzuhellen vermag zum Jubel, zum Naturton, zu spitzem Humor. In ihrer Empfindsamkeit und in ihrem Anspruch auf Bedeutung und Tiefe ist Kabeláčs Musik zutiefst romantisch. In ihrer Klangsprache erkundet sie hingegen die Freiheiten, die die Musik nach Arnold Schönberg bereithält: Keine zwingende Bindung mehr an ein tonales System, die Suche nach neuen Formen, die oft weit in die Musikgeschichte zurückführt.
Kabeláč, zu dessen Lehrern Erwin Schulhoff und Alois Hába zählten, entwickelte etwa eine besondere Vorliebe für die Variationsform der Passacaglia. Wiederkehrend in seiner Musik ist das Motiv des Rufens mit einer starken Betonung des ersten Schlages und einem anschließenden Nachlassen der Spannung: So beginnt die Flöte im Bläsersextett op. 8, einem Werk, dessen musikalischer Ernst und klangliche Phantasie ihresgleichen suchen in der sonst serenadenhaft leichten Literatur der Bläserkammermusik. Davon durchzogen ist auch die Oboensonatine mit ihren Klagerufen und später den Rufen der Vögel. Die Hörner rufen im Quartett bei den hintergründig-humorvollen „Jagdliedern“ mit Bariton, die Geige ruft zunächst stammelnd, dann zunehmend selbstbewusst in der gewaltigen „Ballata“ für Violine und Klavier: Kabeláč, ein Rufer in der Wüste.
Ähnlich wie bei Mieczysław Weinberg, mit dessen kompakter Expressivität (und jener Schostakowitschs) Kabeláčs Musik viel gemein hat, ist die Unbekanntheit des Tschechen ein Ergebnis zweifacher Repression: Als das nationalsozialistische Deutschland Tschechien okkupierte, lehnte er es ab, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Daraufhin verlor er seine Anstellung beim Tschechischen Rundfunk. Knapp entkam er der Zwangsarbeit, die letzten Kriegsmonate verbrachte er im Versteck. Als 1948 die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernahmen, wurde für den demokratisch gesinnten Komponisten das Leben nicht einfacher. Die Öffnung des kulturellen Lebens während der Regierungsjahre Alexander Dubčeks brachte für Miloslav Kabeláč zwar eine kurze Spanne der Aufmerksamkeit und Wertschätzung (zu dieser Zeit experimentierte er auch mit elektronischer Musik), nach der Niederschlagung des Prager Frühlings war die Verdrängung seines Wirkens aus der öffentlichen Wahrnehmung allerdings nahezu total. Mit Auswirkungen bis heute: In Tschechien ist der Bekanntheitsgrad Kabeláčs nach wie vor gering, daran änderte auch eine 2010 erschienene Biographie wenig. Von Kabeláčs Werken ist denn auch kaum etwas publiziert, die Autographe liegen im Archiv des nationalen Musik-Museums in Prag, Lizenzen wurden von den Nachfahren Kabeláčs mehr oder weniger wahllos an Verlage vergeben, die häufig eine Veröffentlichung schuldig geblieben sind. So waren die Beteiligten des Aufnahme-Projektes meist auf die Autographe aus Prag angewiesen.
Zwölf Bläser der Berliner Philharmoniker haben an der Gesamtaufnahme der Kammermusik mitgewirkt: darunter Albrecht Mayer, der Englischhornist Dominik Wollenweber und ein Hornquartett, angeleitet vom Solo-Hornisten Stefan Dohr; außerdem die Solo-Harfenistin des Orchesters, Marie-Pierre Langlamet. Der Mann hinter diesem Projekt heißt Robert Kolinsky, er ist ein Schweizer Pianist mit tschechischen Wurzeln (seine Eltern reisten nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in die Schweiz aus). Er leitet die Bohuslav Martinů-Festtage in Basel, ist auch als Filmemacher tätig, lebt in Berlin und hat beste Kontakte in die Musikerszene der Stadt.
Dass er sich nun nicht mehr nur für die Musik Martinůs stark macht, sondern auch für jene Miloslav Kabeláčs, hat wiederum mit Jakub Hrůša zu tun, dem tschechischen Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker. Bei seinen Gastauftritten setzte Hrůša mehrfach Kabeláčs Orchesterstück „Das Mysterium der Zeit“ aufs Programm, so auch im Dezember 2019 bei den Berliner Philharmonikern. Robert Kolinsky hörte das Stück, sprach mit Hrůša, der ihm von den Werken des unbekannten Tschechen vorschwärmte, und beschäftigte sich nun selbst mit dem Komponisten. Als Albrecht Mayer wegen einer Frage zu Bohuslav Martinů anrief, erzählte ihm Kolinsky von Kabeláčs Oboen-Sonatine, Mayer war begeistert, ebenso Stefan Lang vom Deutschlandfunk Kultur, der sich offen zeigte für ein Aufnahmeprojekt. Der Hornist Stefan Dohr von den Philharmonikern kam dazu, bald weitere Musiker des Orchesters, über Stefan Lang kam es zum Kontakt mit dem Label Cappriccio. Während der Pandemiezeit 2021 begannen die Aufnahmen, im Januar 2023 waren sie abgeschlossen mit den „Schicksalsdramen des Menschen“, einer „Sonate“ für Trompete, Schlagzeug, Klavier und Sprecher.
Nun ist das drei CDs starke Album erschienen – und ein Komponist steht vor dem Hörer, dessen Musik eine Präsenz hat, die in krassem Gegensatz steht zu ihrer Unbekanntheit.
Damit hat die Wiederentdeckung von Miloslav Kabeláčs Werken erst begonnen: Die Aufnahme seiner Kinderchöre (Musik für Kinder spielt beim Tschechen eine wichtige Rolle) durch den Kinderchor der Deutschen Oper Berlin steht vor dem Abschluss. Mit dem ORF Radio-Symphonieorchester hat Jakub Hrůša Kabeláčs zweite Sinfonie eingespielt, sie soll gemeinsam mit Orchester-Ouvertüren des Komponisten auf CD veröffentlicht werden. Überhaupt plant Hrůša eine Gesamtaufnahme der insgesamt acht Sinfonien, die Kabeláč für ganz unterschiedliche Besetzungen schrieb. Bei der dritten Sinfonie für Blechbläser, Orgel und Pauke werden dann auch wieder die Bläser der Berliner Philharmoniker mit dabei sein, geplant ist die Aufnahme für 2026.
Es ist selten, dass sich renommierte Musiker so geschlossen für einen bislang unbekannten Komponisten ins Zeug legen wie im Falle des Tschechen Miloslav Kabeláč, geboren 1908 in Prag, gestorben 1979 ebendort. Der Oboist Albrecht Mayer, der für die nun erschiene Komplettaufnahme von Kabeláčs Kammermusik die Oboen-Sonatine eingespielt hat, spricht von Kabeláčs Musik als „echtem, einzigartigem Juwel“, der Cellist Jan Vogler (er hat die Cellosonate des Tschechen aufgenommen) erkennt „eine ganz eigene Musiksprache“ und staunt über den Willen des Komponisten, „etwas Großartiges und Wildes zu schaffen“ mit „ganz großem Pinsel“, Jelka Weber schließlich, Flötistin bei den Berliner Philharmonikern, schwärmt vom Klangfarbenreichtum von Kabeláčs Flötenstücken, zwei für Flöte solo, eines für Flöte mit Harfe.
Was ist zu hören? Eine Musik von glühender Espressivität, von kraftvoller Melodik, unwiderstehlich verdichtet, durchzogen von einem tragischen Grundton, der sich gleichwohl auch aufzuhellen vermag zum Jubel, zum Naturton, zu spitzem Humor. In ihrer Empfindsamkeit und in ihrem Anspruch auf Bedeutung und Tiefe ist Kabeláčs Musik zutiefst romantisch. In ihrer Klangsprache erkundet sie hingegen die Freiheiten, die die Musik nach Arnold Schönberg bereithält: Keine zwingende Bindung mehr an ein tonales System, die Suche nach neuen Formen, die oft weit in die Musikgeschichte zurückführt.
Kabeláč, zu dessen Lehrern Erwin Schulhoff und Alois Hába zählten, entwickelte etwa eine besondere Vorliebe für die Variationsform der Passacaglia. Wiederkehrend in seiner Musik ist das Motiv des Rufens mit einer starken Betonung des ersten Schlages und einem anschließenden Nachlassen der Spannung: So beginnt die Flöte im Bläsersextett op. 8, einem Werk, dessen musikalischer Ernst und klangliche Phantasie ihresgleichen suchen in der sonst serenadenhaft leichten Literatur der Bläserkammermusik. Davon durchzogen ist auch die Oboensonatine mit ihren Klagerufen und später den Rufen der Vögel. Die Hörner rufen im Quartett bei den hintergründig-humorvollen „Jagdliedern“ mit Bariton, die Geige ruft zunächst stammelnd, dann zunehmend selbstbewusst in der gewaltigen „Ballata“ für Violine und Klavier: Kabeláč, ein Rufer in der Wüste.
Ähnlich wie bei Mieczysław Weinberg, mit dessen kompakter Expressivität (und jener Schostakowitschs) Kabeláčs Musik viel gemein hat, ist die Unbekanntheit des Tschechen ein Ergebnis zweifacher Repression: Als das nationalsozialistische Deutschland Tschechien okkupierte, lehnte er es ab, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Daraufhin verlor er seine Anstellung beim Tschechischen Rundfunk. Knapp entkam er der Zwangsarbeit, die letzten Kriegsmonate verbrachte er im Versteck. Als 1948 die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei übernahmen, wurde für den demokratisch gesinnten Komponisten das Leben nicht einfacher. Die Öffnung des kulturellen Lebens während der Regierungsjahre Alexander Dubčeks brachte für Miloslav Kabeláč zwar eine kurze Spanne der Aufmerksamkeit und Wertschätzung (zu dieser Zeit experimentierte er auch mit elektronischer Musik), nach der Niederschlagung des Prager Frühlings war die Verdrängung seines Wirkens aus der öffentlichen Wahrnehmung allerdings nahezu total. Mit Auswirkungen bis heute: In Tschechien ist der Bekanntheitsgrad Kabeláčs nach wie vor gering, daran änderte auch eine 2010 erschienene Biographie wenig. Von Kabeláčs Werken ist denn auch kaum etwas publiziert, die Autographe liegen im Archiv des nationalen Musik-Museums in Prag, Lizenzen wurden von den Nachfahren Kabeláčs mehr oder weniger wahllos an Verlage vergeben, die häufig eine Veröffentlichung schuldig geblieben sind. So waren die Beteiligten des Aufnahme-Projektes meist auf die Autographe aus Prag angewiesen.
Zwölf Bläser der Berliner Philharmoniker haben an der Gesamtaufnahme der Kammermusik mitgewirkt: darunter Albrecht Mayer, der Englischhornist Dominik Wollenweber und ein Hornquartett, angeleitet vom Solo-Hornisten Stefan Dohr; außerdem die Solo-Harfenistin des Orchesters, Marie-Pierre Langlamet. Der Mann hinter diesem Projekt heißt Robert Kolinsky, er ist ein Schweizer Pianist mit tschechischen Wurzeln (seine Eltern reisten nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ in die Schweiz aus). Er leitet die Bohuslav Martinů-Festtage in Basel, ist auch als Filmemacher tätig, lebt in Berlin und hat beste Kontakte in die Musikerszene der Stadt.
Dass er sich nun nicht mehr nur für die Musik Martinůs stark macht, sondern auch für jene Miloslav Kabeláčs, hat wiederum mit Jakub Hrůša zu tun, dem tschechischen Chefdirigenten der Bamberger Symphoniker. Bei seinen Gastauftritten setzte Hrůša mehrfach Kabeláčs Orchesterstück „Das Mysterium der Zeit“ aufs Programm, so auch im Dezember 2019 bei den Berliner Philharmonikern. Robert Kolinsky hörte das Stück, sprach mit Hrůša, der ihm von den Werken des unbekannten Tschechen vorschwärmte, und beschäftigte sich nun selbst mit dem Komponisten. Als Albrecht Mayer wegen einer Frage zu Bohuslav Martinů anrief, erzählte ihm Kolinsky von Kabeláčs Oboen-Sonatine, Mayer war begeistert, ebenso Stefan Lang vom Deutschlandfunk Kultur, der sich offen zeigte für ein Aufnahmeprojekt. Der Hornist Stefan Dohr von den Philharmonikern kam dazu, bald weitere Musiker des Orchesters, über Stefan Lang kam es zum Kontakt mit dem Label Cappriccio. Während der Pandemiezeit 2021 begannen die Aufnahmen, im Januar 2023 waren sie abgeschlossen mit den „Schicksalsdramen des Menschen“, einer „Sonate“ für Trompete, Schlagzeug, Klavier und Sprecher.
Nun ist das drei CDs starke Album erschienen – und ein Komponist steht vor dem Hörer, dessen Musik eine Präsenz hat, die in krassem Gegensatz steht zu ihrer Unbekanntheit.
Damit hat die Wiederentdeckung von Miloslav Kabeláčs Werken erst begonnen: Die Aufnahme seiner Kinderchöre (Musik für Kinder spielt beim Tschechen eine wichtige Rolle) durch den Kinderchor der Deutschen Oper Berlin steht vor dem Abschluss. Mit dem ORF Radio-Symphonieorchester hat Jakub Hrůša Kabeláčs zweite Sinfonie eingespielt, sie soll gemeinsam mit Orchester-Ouvertüren des Komponisten auf CD veröffentlicht werden. Überhaupt plant Hrůša eine Gesamtaufnahme der insgesamt acht Sinfonien, die Kabeláč für ganz unterschiedliche Besetzungen schrieb. Bei der dritten Sinfonie für Blechbläser, Orgel und Pauke werden dann auch wieder die Bläser der Berliner Philharmoniker mit dabei sein, geplant ist die Aufnahme für 2026.



