Auf Reisen

Ferienwohnung mit Geschichte

Von
Ecki Ramón Weber
Erschienen in der Printausgabe im
September 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Christian Pirkl
Foto: Christian Pirkl

Vom kleinen Bergdorf Trahütten, auf 994 Meter Höhe über der Bezirkshauptstadt Deutschlandsberg in der Südweststeiermark gelegen, sind es Richtung Westen nur zehn Kilometer bis zur Grenze zu Kärnten. Bei Sonnenschein reicht der Blick von den Hängen der Koralpe bis zu den Berggipfeln in Slowenien. Hier oben gibt es nicht nur sattes Grün, Weiden und Wälder, Almkühe, idyllische Bauernhöfe und Wanderhütten sowie etwas weiter unten Weinberge und Ölkürbisfelder, hier findet sich auch die einstige Sommerfrische eines der bedeutendsten Komponisten der Moderne: die „Villa Alban Berg“. Musikliebhaber können hier sogar logieren. Doch gehen wir zunächst der Frage nach, wie der gebürtige Wiener Alban Berg in die „steirische Toskana“ kam. Dafür ist ein Blick in die Familiengeschichte seiner Frau Helene nötig.

Helene Berg, geborene Nahowski, war eine Tochter von Kaiser Franz Joseph I. – was ein offenes Geheimnis in der Wiener Gesellschaft war. Helenes Mutter Anna Nahowski hatte ab 1875, seit ihrem 15. Lebensjahr, ein sorgsam vor der Öffentlichkeit abgeschirmtes Verhältnis mit dem fast 30 Jahre älteren Monarchen. 1884, ob aus zwischenzeitlicher Verliebtheit oder zur „Tarnung“, heiratete Anna den Bahnbeamten Franz Nahowski, und kurz nach der Hochzeit erhielt das Ehepaar als Geschenk vom Kaiser eine Villa in Hietzing, deren Grundstück unmittelbar an den Schlosspark von Schönbrunn grenzte. So konnte Franz Joseph, wenn seine Gattin Sisi nicht in Wien weilte, unbemerkt durch eine Seitenpforte ins Haus seiner Geliebten gelangen. Als der Kaiser 1889, nach 14 Jahren, die Verbindung zugunsten der Schauspielerin Katharina Schratt beendete, bekam die Verlassene aus der Hofschatulle eine Abfindung von 200.000 Gulden. Und von diesem Geld erwarben die Nahowskis 1893, wie es sich für den Adel und das gutsituierte Bürgertum Wiens gehörte, ein standesgemäßes Sommerhaus: ein Jagdschlösschen in Trahütten, das sich zuvor im Besitz des Fürstenhauses Liechtenstein befunden hatte. Trahütten wurde gerade als Ferienort erschlossen.

Hier vollendete Berg im Sommer 1921 die Oper „Wozzeck“

Alban Berg kommt 17 Jahre später ins Bild: 1906 hat der aufstrebende Komponist eine der Nahowski-Töchter, die angehende Sängerin Helene, kennengelernt, 1910 reist er erstmals, bereits als Verlobter, nach Trahütten. 1911, nach der Hochzeit, verbringt das Paar erneut einige Zeit in der Villa von Helenes Eltern. Bergs Familie besitzt ebenfalls eine Sommerfrische: den „Berghof“ am Ossiacher See, um dessen Gutsverwaltung sich Berg kümmern muss, und so verbringt das junge Ehepaar dort die kommenden Sommer. Erst als der Berghof 1920 verkauft wird, wird Trahütten zum Sommersitz von Helene und Alban Berg. Hier vollendet Berg im Sommer 1921 seine Oper „Wozzeck“, im Oktober stellt er den provisorischen Klavierauszug fertig. Das Werk ist Alma Mahler-Werfel gewidmet, die auch den Druck des Klavierauszugs finanziert. Sie ist mit Helene und Alban Berg gut befreundet und hält sich mit ihrem Mann Franz Werfel mehrfach in Trahütten auf. 1924 plant Berg im Sommerdomizil ein weiteres Opernprojekt mit dem Arbeitstitel „Vincent“ über die Freundschaft zwischen Vincent van Gogh und Paul Gauguin, was er aber schließlich nicht weiterverfolgt.

Einen Einblick in das großbürgerliche Leben in Trahütten geben die Einkaufslisten der Bergs aus dieser Zeit. Aus der kaiserlichen Hauptstadt deckt man sich mit Delikatessen ein: Olivenöl, Pralinen, Neapolitaner, Bonbons, Dosenlachs, Corned Beef, getrockneter Fisch, Emmentaler, Parmesan, Romadur. Ab spätestens 1925 zeichnen sich aber auch Schwierigkeiten ab, was in Briefen als die „Sommerfrage“ behandelt wird. Denn auch Helenes ältere Schwester Anna verbringt mit ihrem Mann, dem Schleifscheiben-Fabrikanten Arthur Lebert, und ihrem Sohn Hans die heiße Jahreszeit am liebsten im Bergklima von Trahütten. Zu viele Personen im Haus stören jedoch Alban Bergs Konzen­tration. Die Folgen sind Reibereien, Streitigkeiten und vorzeitige Abreisen der Bergs, die stattdessen in Sommerhäusern anderer Familienmitglieder unterzukommen versuchen. 1926 schreibt Berg seiner Schwägerin, dass er in Trahütten „ein eventuelles Zusammenleben von vornherein energisch ablehne“ und dafür „triftige Gründe“ habe. Immerhin schafft er es, nachdem die Familie Lebert Mitte September Trahütten verlassen hat, Anfang Oktober 1926 die „Lyrische Suite“ für Streichquartett fertigzustellen. 

Zwei Jahre später macht Anna Lebert ihrer Schwester ein gütliches Angebot, bereits im Juli die Villa in Trahütten gemeinsam zu nutzen. Diese antwortet: „Für Alban ist diese Zeit ja weniger Erholungszeit als seine Arbeitszeit nämlich für ungestörtes Komponieren. Das ist auch der eine Grund warum wir Deinen lieben Vorschlag, jetzt schon nach Trahütten zu gehen, gar nicht in Erwägung ziehen können“, heißt es in einem Brief. „Bedenke, daß Alban täglich von 6 Uhr früh bis 6 Uhr Abends mit einer nur ½ stündigen Mittagspause arbeitet. Der andere Grund … Der Hauptgrund freilich ist ein anderer u. den sag ich nur Dir, liebste Antschi, um Arthur nicht zu kränken! Wenn es nicht unbedingt sein muss, weicht man halt doch der Möglichkeit einer Ansteckungsgefahr aus! Du weißt daß Alban in Trahütten immer asthmatisch ist, woraus sich dann meistens ein Bronchialkatarrh entwickelt. In so einer Verfassung ist man dann doppelt empfänglich, besonders wenn man wie A. nicht auch grad der Stärkste auf der Brust ist.“

Foto: Natascha und Christian Ziegler

Nachdem der lungenkranke Arthur Lebert 1929 gestorben ist, unterstützen die Bergs Anna Lebert und ihren Sohn. Alban Berg wird Vormund des zehnjährigen Hans. Im August 1929 erstellt er in Trahütten die Partiturreinschrift der Konzertarie „Der Wein“ für Sopran und Orchester nach Gedichten aus „Les Fleurs du Mal“ von Charles Baudelaire, ein Kompositionsauftrag der Sängerin Ruzena Herlinger. Und für die Proben zur Uraufführung, mit Berg als Korrepetitor, werden beim Metzger in Deutschlandsberg bereits Lungenbraten, Räucherspeck, Rostbraten, Kalbsleber und Beuschel bestellt. Doch wegen einer Verletzung der Hausangestellten und einer Erkrankung Herlingers kommt der Besuch nicht zustande.

Drei Jahre später endet Alban Bergs Zeit in Trahütten. Dass die Villa von hohen Bäumen umgeben ist und dadurch wenig Sonnenlicht einfällt, dürfte für Bergs Asthmaprobleme nicht hilfreich gewesen sein. 1932, wenige Monate nach dem Tod von Helene Bergs Mutter Anna Nahowski, der Vater ist schon früher verstorben, verkaufen die Geschwister Nahowski das Anwesen einem ortsansässigen Landwirt. Stattdessen erwerben die Bergs das „Waldhaus“ in Schiefling am Südufer des Wörthersees. Nach der Renovierung wird es 1933 zum Hauptwohnsitz von Alban und Helene Berg. Hier entstehen ein Großteil von Bergs Oper „Lulu“ und das Violinkonzert. Doch lange kann der Komponist das idyllische Domizil am See nicht genießen. In der Nacht auf den 24. Dezember 1935 stirbt er an den Folgen eines entzündeten Insektenstichs.

Nach Trahütten kehrt 1942 Helene Bergs Neffe Hans Lebert zurück, der sich der Einberufung in die Wehrmacht verweigert hat und nun im Bergdorf seiner Kindheit untertaucht. 1960 wird der Opernsänger und Schriftsteller mit seinem „Anti-Heimatroman“ „Die Wolfshaut“ berühmt, einer kritischen Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich. Obwohl 1968 im Beisein von Helene Berg eine Gedenktafel an der nunmehrigen „Villa Alban Berg“ enthüllt und das Haus zum Kulturdenkmal erklärt wird, verfällt es seit den 1970er Jahren zusehends. Die Besitzer haben weder die Mittel noch den Willen zu investieren. Das ändert sich erst 2019 mit Christian und Natascha Ziegler. Der ehemalige Wirtschaftsprüfer und die Psychotherapeutin, die vorher in Moskau, Kasachstan und Wien gelebt haben, erfahren über einen Antiquitätenhändler von dem Objekt und verlieben sich sofort in die Gegend und das alte Haus. „Damit konnte ich mir einen Traum erfüllen. Ich habe mir schon immer ein Haus aus der Epoche mit einem kulturellen Hintergrund gewünscht“, sagt Christian Ziegler, der sowohl ein Liebhaber der Musik Alban Bergs als auch der Literatur von Franz Werfel ist. Natascha Ziegler erinnerte die Villa wiederum an die Datschen aus der Zarenzeit im Kaukasus.

2020, mitten in der Pandemie, beginnen die umfangreichen Sanierungsarbeiten. Zunächst wird das Grundstück von den dicht verwachsenen 84 Bäumen befreit, von denen die meisten bereits abgestorben sind. „Im Sommer sah man auf der Luftbildaufnahme noch nicht einmal, dass hier ein Haus stand. Es war komplett verschattet und deshalb innen auch vermodert. Mir war klar: Wenn kein Sonnenlicht ins Haus kommt, wird es nicht zu retten sein“, erzählt Christian Ziegler. Innen waren die meisten Fußböden so zerstört, dass sie erneuert werden mussten. Ebenso etliche Holzwände und Balken der Stein-Holz-Konstruktion. Nur das Parkett im Wohnzimmer, jetzt der „Blaue Salon“, blieb original erhalten. Auch der alte defekte Kachelofen konnte gerettet werden. Heute erstrahlt die Villa Alban Berg in neuem Glanz. Innen dominieren kräftige Farben in einem erfrischenden Mix aus Pop-Art, venezianischen Kristallleuchtern und Antiquitäten aus der Zeit Alban Bergs. Es wäre der perfekte Drehort für einen Pedro-Almodóvar-Film. „Mein Konzept war: Es sollte ein modernes altes Haus werden. Das ist gelungen“, freut sich Christian Ziegler. Im Sommer finden auch Kammerkonzerte im Blauen Salon statt.

Foto: Natascha und Christian Ziegler

Die beiden je 50 Quadratmeter großen Gästeapartments an den Längsenden der Villa fanden die Zieglers bereits vor. Auch hier wurde alles erneuert – nach Entwürfen des in Trahütten ansässigen queeren Künstler- und Designer-Duos Itshe Petz und Io Tondolo von SelfSightSeeing Company. Seit 2023 können die Apartments „alban & hans“ und „alma & helene“ von Feriengästen gebucht werden. Die Inneneinrichtung ist das Produkt einer intensiven Recherche über die einstigen Bewohner der Villa und ihre Zeit. Dazu wurden die noch erhaltenen historischen Möbel aufgearbeitet und mit passenden neuen kombiniert.

„Im Apartment alban & hans haben wir uns an der Wohnung der Bergs in Wien orientiert, die in Dunkelgrün und Englischrot gehalten war. Damals wurde dies oft verwendet“, erläutert Itshe Petz das Designkonzept. „Im Kontrast dazu haben wir das Apartment alma & helene in Pastelltönen gestaltet und uns an der Garderobe der damaligen Zeit orientiert. Das Apartment ist durch die angebaute Glasveranda viel heller, die Farben wirken anders. Hier hängt auch ein historisches Kostüm aus dem Volkstheater Wien von 1920.“ So wird die Zeit der Bergs in die Apartments gebracht. 

„Auch das Glamouröse hat uns immens fasziniert“, erklärt Io Tondolo, „Alma Mahler und Helene Berg waren ja angesehene Damen der Wiener Gesellschaft.“ An den Wänden hängen Fotos der Männer, mit denen Alma Mahler zusammen war, Klimt, Mahler, Kokoschka, Gropius, Werfel. Außerdem Porträts von Helene und Alban Berg sowie Fotos von Helenes Mutter mit dem Kaiser und mit ihrem Ehemann. Zum Lesen liegen die publizierten Tagebücher und der Briefwechsel von Helene Berg und Alma Mahler-Werfel bereit. Für das Apartment alban & hans wurden Bücher antiquarisch erstanden, die sich auch in der Bibliothek der Alban-Berg-Wohnung in Wien befinden, und die Werke von Hans Lebert. Mit einer historischen Truhe und zahlreichen Abbildungen gibt es zudem noch einen „Wozzeck-Schrein“, wie die Designer ihn selbstironisch nennen. 

„Uns ging es darum, das Leben der Bewohner und die Geschichte des Hauses nicht in didaktischer Weise nachzugestalten, sondern so, als ob man bei ihnen zu Gast wäre“, bringt Io Tondolo das Designkonzept der Apartments auf eine Formel. „Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt für einen Moment – nicht museal, sondern nahbar, in einer Ferienwohnung mit Geschichte.“ Komplettiert werden die beiden Apartments jeweils mit Bad und Küche für Selbstversorger. Auf Wunsch wird aber auch ein Frühstück im historischen Anwesen bereitet. Und Gastgeber Christian Ziegler besorgt Lebensmittel in Deutschlandsberg – es ist ein Komfort fast wie zu Zeiten von Helene und Alban Berg. Vom Laserphysiker über eine Malerin bis zu einem Wiener Philharmoniker reicht die Liste der Übernachtungsgäste, die hier schon die Idylle genossen haben.

Vom kleinen Bergdorf Trahütten, auf 994 Meter Höhe über der Bezirkshauptstadt Deutschlandsberg in der Südweststeiermark gelegen, sind es Richtung Westen nur zehn Kilometer bis zur Grenze zu Kärnten. Bei Sonnenschein reicht der Blick von den Hängen der Koralpe bis zu den Berggipfeln in Slowenien. Hier oben gibt es nicht nur sattes Grün, Weiden und Wälder, Almkühe, idyllische Bauernhöfe und Wanderhütten sowie etwas weiter unten Weinberge und Ölkürbisfelder, hier findet sich auch die einstige Sommerfrische eines der bedeutendsten Komponisten der Moderne: die „Villa Alban Berg“. Musikliebhaber können hier sogar logieren. Doch gehen wir zunächst der Frage nach, wie der gebürtige Wiener Alban Berg in die „steirische Toskana“ kam. Dafür ist ein Blick in die Familiengeschichte seiner Frau Helene nötig.

Helene Berg, geborene Nahowski, war eine Tochter von Kaiser Franz Joseph I. – was ein offenes Geheimnis in der Wiener Gesellschaft war. Helenes Mutter Anna Nahowski hatte ab 1875, seit ihrem 15. Lebensjahr, ein sorgsam vor der Öffentlichkeit abgeschirmtes Verhältnis mit dem fast 30 Jahre älteren Monarchen. 1884, ob aus zwischenzeitlicher Verliebtheit oder zur „Tarnung“, heiratete Anna den Bahnbeamten Franz Nahowski, und kurz nach der Hochzeit erhielt das Ehepaar als Geschenk vom Kaiser eine Villa in Hietzing, deren Grundstück unmittelbar an den Schlosspark von Schönbrunn grenzte. So konnte Franz Joseph, wenn seine Gattin Sisi nicht in Wien weilte, unbemerkt durch eine Seitenpforte ins Haus seiner Geliebten gelangen. Als der Kaiser 1889, nach 14 Jahren, die Verbindung zugunsten der Schauspielerin Katharina Schratt beendete, bekam die Verlassene aus der Hofschatulle eine Abfindung von 200.000 Gulden. Und von diesem Geld erwarben die Nahowskis 1893, wie es sich für den Adel und das gutsituierte Bürgertum Wiens gehörte, ein standesgemäßes Sommerhaus: ein Jagdschlösschen in Trahütten, das sich zuvor im Besitz des Fürstenhauses Liechtenstein befunden hatte. Trahütten wurde gerade als Ferienort erschlossen.

Hier vollendete Berg im Sommer 1921 die Oper „Wozzeck“

Alban Berg kommt 17 Jahre später ins Bild: 1906 hat der aufstrebende Komponist eine der Nahowski-Töchter, die angehende Sängerin Helene, kennengelernt, 1910 reist er erstmals, bereits als Verlobter, nach Trahütten. 1911, nach der Hochzeit, verbringt das Paar erneut einige Zeit in der Villa von Helenes Eltern. Bergs Familie besitzt ebenfalls eine Sommerfrische: den „Berghof“ am Ossiacher See, um dessen Gutsverwaltung sich Berg kümmern muss, und so verbringt das junge Ehepaar dort die kommenden Sommer. Erst als der Berghof 1920 verkauft wird, wird Trahütten zum Sommersitz von Helene und Alban Berg. Hier vollendet Berg im Sommer 1921 seine Oper „Wozzeck“, im Oktober stellt er den provisorischen Klavierauszug fertig. Das Werk ist Alma Mahler-Werfel gewidmet, die auch den Druck des Klavierauszugs finanziert. Sie ist mit Helene und Alban Berg gut befreundet und hält sich mit ihrem Mann Franz Werfel mehrfach in Trahütten auf. 1924 plant Berg im Sommerdomizil ein weiteres Opernprojekt mit dem Arbeitstitel „Vincent“ über die Freundschaft zwischen Vincent van Gogh und Paul Gauguin, was er aber schließlich nicht weiterverfolgt.

Einen Einblick in das großbürgerliche Leben in Trahütten geben die Einkaufslisten der Bergs aus dieser Zeit. Aus der kaiserlichen Hauptstadt deckt man sich mit Delikatessen ein: Olivenöl, Pralinen, Neapolitaner, Bonbons, Dosenlachs, Corned Beef, getrockneter Fisch, Emmentaler, Parmesan, Romadur. Ab spätestens 1925 zeichnen sich aber auch Schwierigkeiten ab, was in Briefen als die „Sommerfrage“ behandelt wird. Denn auch Helenes ältere Schwester Anna verbringt mit ihrem Mann, dem Schleifscheiben-Fabrikanten Arthur Lebert, und ihrem Sohn Hans die heiße Jahreszeit am liebsten im Bergklima von Trahütten. Zu viele Personen im Haus stören jedoch Alban Bergs Konzen­tration. Die Folgen sind Reibereien, Streitigkeiten und vorzeitige Abreisen der Bergs, die stattdessen in Sommerhäusern anderer Familienmitglieder unterzukommen versuchen. 1926 schreibt Berg seiner Schwägerin, dass er in Trahütten „ein eventuelles Zusammenleben von vornherein energisch ablehne“ und dafür „triftige Gründe“ habe. Immerhin schafft er es, nachdem die Familie Lebert Mitte September Trahütten verlassen hat, Anfang Oktober 1926 die „Lyrische Suite“ für Streichquartett fertigzustellen. 

Zwei Jahre später macht Anna Lebert ihrer Schwester ein gütliches Angebot, bereits im Juli die Villa in Trahütten gemeinsam zu nutzen. Diese antwortet: „Für Alban ist diese Zeit ja weniger Erholungszeit als seine Arbeitszeit nämlich für ungestörtes Komponieren. Das ist auch der eine Grund warum wir Deinen lieben Vorschlag, jetzt schon nach Trahütten zu gehen, gar nicht in Erwägung ziehen können“, heißt es in einem Brief. „Bedenke, daß Alban täglich von 6 Uhr früh bis 6 Uhr Abends mit einer nur ½ stündigen Mittagspause arbeitet. Der andere Grund … Der Hauptgrund freilich ist ein anderer u. den sag ich nur Dir, liebste Antschi, um Arthur nicht zu kränken! Wenn es nicht unbedingt sein muss, weicht man halt doch der Möglichkeit einer Ansteckungsgefahr aus! Du weißt daß Alban in Trahütten immer asthmatisch ist, woraus sich dann meistens ein Bronchialkatarrh entwickelt. In so einer Verfassung ist man dann doppelt empfänglich, besonders wenn man wie A. nicht auch grad der Stärkste auf der Brust ist.“

Foto: Natascha und Christian Ziegler

Nachdem der lungenkranke Arthur Lebert 1929 gestorben ist, unterstützen die Bergs Anna Lebert und ihren Sohn. Alban Berg wird Vormund des zehnjährigen Hans. Im August 1929 erstellt er in Trahütten die Partiturreinschrift der Konzertarie „Der Wein“ für Sopran und Orchester nach Gedichten aus „Les Fleurs du Mal“ von Charles Baudelaire, ein Kompositionsauftrag der Sängerin Ruzena Herlinger. Und für die Proben zur Uraufführung, mit Berg als Korrepetitor, werden beim Metzger in Deutschlandsberg bereits Lungenbraten, Räucherspeck, Rostbraten, Kalbsleber und Beuschel bestellt. Doch wegen einer Verletzung der Hausangestellten und einer Erkrankung Herlingers kommt der Besuch nicht zustande.

Drei Jahre später endet Alban Bergs Zeit in Trahütten. Dass die Villa von hohen Bäumen umgeben ist und dadurch wenig Sonnenlicht einfällt, dürfte für Bergs Asthmaprobleme nicht hilfreich gewesen sein. 1932, wenige Monate nach dem Tod von Helene Bergs Mutter Anna Nahowski, der Vater ist schon früher verstorben, verkaufen die Geschwister Nahowski das Anwesen einem ortsansässigen Landwirt. Stattdessen erwerben die Bergs das „Waldhaus“ in Schiefling am Südufer des Wörthersees. Nach der Renovierung wird es 1933 zum Hauptwohnsitz von Alban und Helene Berg. Hier entstehen ein Großteil von Bergs Oper „Lulu“ und das Violinkonzert. Doch lange kann der Komponist das idyllische Domizil am See nicht genießen. In der Nacht auf den 24. Dezember 1935 stirbt er an den Folgen eines entzündeten Insektenstichs.

Nach Trahütten kehrt 1942 Helene Bergs Neffe Hans Lebert zurück, der sich der Einberufung in die Wehrmacht verweigert hat und nun im Bergdorf seiner Kindheit untertaucht. 1960 wird der Opernsänger und Schriftsteller mit seinem „Anti-Heimatroman“ „Die Wolfshaut“ berühmt, einer kritischen Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich. Obwohl 1968 im Beisein von Helene Berg eine Gedenktafel an der nunmehrigen „Villa Alban Berg“ enthüllt und das Haus zum Kulturdenkmal erklärt wird, verfällt es seit den 1970er Jahren zusehends. Die Besitzer haben weder die Mittel noch den Willen zu investieren. Das ändert sich erst 2019 mit Christian und Natascha Ziegler. Der ehemalige Wirtschaftsprüfer und die Psychotherapeutin, die vorher in Moskau, Kasachstan und Wien gelebt haben, erfahren über einen Antiquitätenhändler von dem Objekt und verlieben sich sofort in die Gegend und das alte Haus. „Damit konnte ich mir einen Traum erfüllen. Ich habe mir schon immer ein Haus aus der Epoche mit einem kulturellen Hintergrund gewünscht“, sagt Christian Ziegler, der sowohl ein Liebhaber der Musik Alban Bergs als auch der Literatur von Franz Werfel ist. Natascha Ziegler erinnerte die Villa wiederum an die Datschen aus der Zarenzeit im Kaukasus.

2020, mitten in der Pandemie, beginnen die umfangreichen Sanierungsarbeiten. Zunächst wird das Grundstück von den dicht verwachsenen 84 Bäumen befreit, von denen die meisten bereits abgestorben sind. „Im Sommer sah man auf der Luftbildaufnahme noch nicht einmal, dass hier ein Haus stand. Es war komplett verschattet und deshalb innen auch vermodert. Mir war klar: Wenn kein Sonnenlicht ins Haus kommt, wird es nicht zu retten sein“, erzählt Christian Ziegler. Innen waren die meisten Fußböden so zerstört, dass sie erneuert werden mussten. Ebenso etliche Holzwände und Balken der Stein-Holz-Konstruktion. Nur das Parkett im Wohnzimmer, jetzt der „Blaue Salon“, blieb original erhalten. Auch der alte defekte Kachelofen konnte gerettet werden. Heute erstrahlt die Villa Alban Berg in neuem Glanz. Innen dominieren kräftige Farben in einem erfrischenden Mix aus Pop-Art, venezianischen Kristallleuchtern und Antiquitäten aus der Zeit Alban Bergs. Es wäre der perfekte Drehort für einen Pedro-Almodóvar-Film. „Mein Konzept war: Es sollte ein modernes altes Haus werden. Das ist gelungen“, freut sich Christian Ziegler. Im Sommer finden auch Kammerkonzerte im Blauen Salon statt.

Foto: Natascha und Christian Ziegler

Die beiden je 50 Quadratmeter großen Gästeapartments an den Längsenden der Villa fanden die Zieglers bereits vor. Auch hier wurde alles erneuert – nach Entwürfen des in Trahütten ansässigen queeren Künstler- und Designer-Duos Itshe Petz und Io Tondolo von SelfSightSeeing Company. Seit 2023 können die Apartments „alban & hans“ und „alma & helene“ von Feriengästen gebucht werden. Die Inneneinrichtung ist das Produkt einer intensiven Recherche über die einstigen Bewohner der Villa und ihre Zeit. Dazu wurden die noch erhaltenen historischen Möbel aufgearbeitet und mit passenden neuen kombiniert.

„Im Apartment alban & hans haben wir uns an der Wohnung der Bergs in Wien orientiert, die in Dunkelgrün und Englischrot gehalten war. Damals wurde dies oft verwendet“, erläutert Itshe Petz das Designkonzept. „Im Kontrast dazu haben wir das Apartment alma & helene in Pastelltönen gestaltet und uns an der Garderobe der damaligen Zeit orientiert. Das Apartment ist durch die angebaute Glasveranda viel heller, die Farben wirken anders. Hier hängt auch ein historisches Kostüm aus dem Volkstheater Wien von 1920.“ So wird die Zeit der Bergs in die Apartments gebracht. 

„Auch das Glamouröse hat uns immens fasziniert“, erklärt Io Tondolo, „Alma Mahler und Helene Berg waren ja angesehene Damen der Wiener Gesellschaft.“ An den Wänden hängen Fotos der Männer, mit denen Alma Mahler zusammen war, Klimt, Mahler, Kokoschka, Gropius, Werfel. Außerdem Porträts von Helene und Alban Berg sowie Fotos von Helenes Mutter mit dem Kaiser und mit ihrem Ehemann. Zum Lesen liegen die publizierten Tagebücher und der Briefwechsel von Helene Berg und Alma Mahler-Werfel bereit. Für das Apartment alban & hans wurden Bücher antiquarisch erstanden, die sich auch in der Bibliothek der Alban-Berg-Wohnung in Wien befinden, und die Werke von Hans Lebert. Mit einer historischen Truhe und zahlreichen Abbildungen gibt es zudem noch einen „Wozzeck-Schrein“, wie die Designer ihn selbstironisch nennen. 

„Uns ging es darum, das Leben der Bewohner und die Geschichte des Hauses nicht in didaktischer Weise nachzugestalten, sondern so, als ob man bei ihnen zu Gast wäre“, bringt Io Tondolo das Designkonzept der Apartments auf eine Formel. „Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt für einen Moment – nicht museal, sondern nahbar, in einer Ferienwohnung mit Geschichte.“ Komplettiert werden die beiden Apartments jeweils mit Bad und Küche für Selbstversorger. Auf Wunsch wird aber auch ein Frühstück im historischen Anwesen bereitet. Und Gastgeber Christian Ziegler besorgt Lebensmittel in Deutschlandsberg – es ist ein Komfort fast wie zu Zeiten von Helene und Alban Berg. Vom Laserphysiker über eine Malerin bis zu einem Wiener Philharmoniker reicht die Liste der Übernachtungsgäste, die hier schon die Idylle genossen haben.