Musikgeschichte

Der vergessene Jubilar

Von
Klemens Hippel
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Sein Grabmal für die Kathedrale in Cambrai hat Dufay selbst in Auftrag gegeben. Er ist ganz links zu sehen; Quelle: Paiais des Beaux-arts de Lille
Sein Grabmal für die Kathedrale in Cambrai hat Dufay selbst in Auftrag gegeben. Er ist ganz links zu sehen; Quelle: Paiais des Beaux-arts de Lille

Um Guillaume Dufay ist es merkwürdig ruhig geblieben im Jubiläumsjahr 2024, obwohl der am 27. November 1474 in Cambrai gestorbene Komponist eigentlich der bedeutendste musikalische Jubilar des Jahres ist, trotz Bruckner, Puccini und Fauré. Man könne Dufays „Bedeutung für die europäische Musikgeschichte des 15. Jahrhunderts ohne Übertreibung mit der Beethovens für das 19. Jahrhundert vergleichen“. So hat es Jürg Stenzl in Metzler/Bärenreiters „Lexikon der Komponisten“ formuliert. Und die Musikforschung ist sich da recht einig – man schaue sich etwa die ebenso kenntnis- wie materialreichen Monografien Peter Gülkes (2003) oder Alejandro Plancharts (2018) an. Dufay hat nicht nur mit seinen Beiträgen zur Motette, zur Messe und zur Chanson maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Musik im 15. Jahrhundert und darüber hinaus genommen. Er war auch einer der Ersten, die sich selbst als Komponist gesehen haben, als einen, dessen Beruf es ist, musikalische Werke zu verfassen.

Dufays Motette „Nuper rosarum flores“ spiegelt 1436 die steinerne Architektur des Florentiner Doms in Musik

Die Reihe „Musik-Konzepte“ hat ihm, nach einem bereits 1988 erschienen Band, in diesem Jahr einen sehr schönen neuen gewidmet. Doch auf dem Tonträgermarkt ist das fehlende Interesse auffällig. Keine einzige Aufnahme mit Musik Dufays ist in diesem Jahr bisher erschienen. Und auch in den Jahren zuvor war das Interesse nicht sehr groß. Im FONO FORUM war zuletzt von der Domweihmotette „Nuper rosarum flores“ (auf der 2022 aufgenommenen CD „Splendour Of Florence“ der Gothic Voices) zu lesen, 2020 von Chansons mit dem Ensemble Giles Binchois und vom „The Dufay Spectacle“ der Gothic voices von 2018.

Natürlich ist uns Dufays Musik viel ferner als die Bruckners oder Puccinis – was es sehr viel schwieriger macht, das Revolutionäre seiner Musik sinnlich wahrzunehmen. Gleichzeitig erlaubt aber das Internet, sich ohne großen Aufwand oder Kaufverpflichtung einmal wenigstens einen kurzen Eindruck zu verschaffen. Doch ehe wir das tun, werfen wir zunächst einen Blick auf das Leben des ersten Komponisten überhaupt, über dessen Biografie wir recht genaue Kenntnis haben.

Guillaume Dufay (der eigentlich Du Fay geschrieben werden müsste) wurde wahrscheinlich am 5. August 1397 geboren. Er war einem zeitgenössischen Dokument nach ein Produkt des wenig zölibatären Benehmens der Kleriker der Zeit: Sohn einer „gefallenen“ Mutter und eines unbekannten Priesters. Oder, wie Planchart (2018) vermutet, Ergebnis einer Vergewaltigung. 1444 gelang es Dufay dennoch, die Beerdigung seiner Mutter im Dom zu Cambrai zu arrangieren – nur ein Beleg dafür, wie angesehen und einflussreich der Komponist war. 1409 wurde er in Cambrai in die Maitrise, also die Chorschule, aufgenommen. Damals war die (später in der Französischen Revolution zerstörte) Kathedrale von Cambrai in ihrer Bedeutung mit Chartres oder Paris zu vergleichen, ihr ehemaliger Bischof Pierre d’Ailly zählte beim Konstanzer Konzil zu den wichtigsten Protagonisten (er leitete u. a. das Verhör des Jan Hus). Dufay war wohl in seinem Gefolge in Konstanz – wo er auch die Hinrichtung von Jan Hus mitangesehen haben wird. Cambrai, auf Karten jener Zeit meist Camerich genannt, konnte sich als Fürstbistum im Heiligen Römischen Reich noch bis ins späte 17. Jahrhundert seine mehr oder weniger unabhängige Stellung zwischen Burgund/Habsburg und Frankreich bewahren.

Dass Dufays Talent früh erkannt wurde, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er bereits mit 17 Jahren zum Konzil mitgenommen wurde, wo alle Größen Europas natürlich auch ihre Kapellen dabei hatten. Jedenfalls hat Dufay mit seiner Musik (dieser Zeit werden drei Messkompositionen zugeordnet) offenbar auch in Konstanz Aufmerksamkeit erregt, denn wenig später, 1419, trat er in die Dienste der herzoglichen Familie Malatesta. 1420 schrieb er für die anstehende Hochzeit von Cleofe Malatesta (mit einem Sohn des Kaisers von Byzanz!) seine Motette „Vassilissa ergo gaude“. Es waren also höchste Kreise, in denen der junge, 1427 zum Priester geweihte Musiker verkehrte – nach weiteren Stationen, darunter Bologna, wechselte er 1428 in die zwölf Sänger zählende päpstliche Kapelle in Rom. 1431 war es Dufay, der die Motette zum Amtsantritt des neuen Papstes Eugen IV. komponierte. 1433 folgte er einer Einladung des Herzogs von Savoyen nach Chambéry, der zur Hochzeit seines Sohns eine angemessene Musik brauchte – schließlich war der Herzog von Burgund zu Gast, da musste man repräsentieren. Und der Herzog unterhielt eine Kapelle mit mehr als dreißig Musikern! 1435 ging es für Dufay zurück an die päpstliche Kapelle, die nun in Florenz weilte – der Papst war ein Jahr zuvor aus Rom vertrieben worden. Zur Weihe des Doms mit Brunelleschis Kuppel schrieb Dufay 1436 seine heute berühmteste Motette, „Nuper rosarum flores“, die die steinerne Architektur in Musik spiegelt und ausgeklügelte Zahlensymbolik aufweist.

1437 war Dufay wieder am Hofe des Herzogs von Savoyen – zog sich von dort aber zurück, bevor Amadeus VIII. 1439 zum Gegenpapst gewählt wurde. In solche Konflikte ließ man sich als Musiker lieber nicht hineinziehen. Dufay ist dieser Drahtseilakt offenbar gut gelungen, sein Verhältnis zu Rom und zu Savoyen blieb sein Leben lang intakt.

Seit 1439 lebte Dufay wieder in Cambrai, 1452 bis 1459 erneut in Savoyen, war aber auch in Kontakt mit dem Herzog von Burgund, mit den Herren von Ferrara, den Medici und anderen. 1459 zog er sich dann endgültig, schon über sechzig Jahre alt, nach Cambrai zurück, wo er sein Grabmal in Auftrag gab – das wundersamerweise die Zerstörung der Kathedrale überstanden hat und erhalten ist. Er setzte auch ein ausführliches Testament auf, in dem er bis ins Detail bestimmte, wie sein Sterbevorgang, begleitet von acht Sängern, und die Beerdigung auszusehen hätten. Das klappte aber dann nicht, Dufay starb am 27. November 1474 so überraschend, dass die gewünschten Sänger sich nicht an seinem Totenbett versammeln konnten.

Quelle: Pariser Nationalbibliothek, Ms Fr 12476 fol. 98r

Guillaume Dufays Werk ist in zahlreichen Handschriften überliefert, was für die weite Verbreitung seiner Musik spricht. Besonders bedauerlich ist, dass sein Requiem verschollen ist – sonst wäre er wohl anstelle von Johannes Ockeghem als Erster in die Musikgeschichte eingegangen, der ein Requiem komponierte.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will von der Klangwelt Dufays, sollte vielleicht mit der Motette „Nuper rosarum flores“ anfangen, dem meistanalysierten Werk zwischen dem „Sommerkanon“ und dem „Orfeo“, wie der Musikwissenschaftler Peter Gülke schreibt. In den Proportionen ihrer Teile (6:4:2:3) entspricht sie den Maßen des Doms – und gleichzeitig den biblischen Maßen des Tempels in Jerusalem mit 30 Ellen Höhe, 60 Ellen Länge und 20 Ellen Breite. Weitere umfangreiche Zahlensymbolik, die Dufay in seine Motette eingebaut hat, ist natürlich nicht zu hören. Aber wie viel von der Aufführungspraxis abhängt, kann man ideal erkennen, wenn man die solistische A-cappella-Aufnahme des Orlando Consorts mit der Paul Van Nevels vergleicht, die die Pracht dieser Klangarchitektur, die schon die Zeitgenossen gepriesen haben, durch einen Chor und die Mitwirkung von Instrumenten hervorhebt. Schließlich berichtet der Chronist der Domweihe von einer „großen Reihe von Trompetern, Lautenisten und Flötisten“.

O gemma lux; Huelgas Ensemble (2011); harmonia mundi

The Florentine Renaissance; Orlando Consort (2021); hyperion

Der Einbruch des Fauxbourdons (mit seinen parallel laufenden Stimmen) in die polyfone Klangwelt, den Dufay 1427 in die Communio seiner „Missa Sancti Jacobi“ integrierte, ist sehr schön zu hören in der Aufnahme des Binchois Consorts von 1998:

Dufay: Music for St. James the Greater; Binchois Consort (1998); hyperion

Am besten hört man es im Vergleich zu einer seiner bedeutenden Messen; etwa dem Kyrie aus seiner „L’homme armee“-Messe:

Dufay: Les messes a teneur; Cut circle (2015); Musique en Wallonie

Seinen eigenen Namen hat Dufay in seine Motette „Ave regina caelorum“ (III) eingebaut („Miserere tui labentis Dü Fay“). Auffällig ist hier die Klangfärbung, die er durch eine B-Vorzeichnung auf das Wort „miserere“ (Erbarme Dich) angebracht hat:

Dufay: Motetten Vol. 2; Cantica Symphonia (2005); Glossa

Und unbedingt sollte man einen Blick auf seine Chansons werfen, in denen Dufay nicht mehr nur, wie seine Vorgänger und Zeitgenossen, Textstruktur spiegelt, sondern auch Textinhalt ausdrückt. Ein besonders schönes Beispiel ist die Ballade „Se la face ay pale“, die Dufay auch den Tenor einer seiner bekanntesten Messen lieferte. Mindestens ebenso bemerkenswert ist eine von nur zwei Petrarca-Vertonung des 15. Jahrhunderts: „Vergene bella“. Beide liegen in sehr schönen Aufnahmen vor:

Dufay: Chansons;  Cantica Symphonia (2005); Glossa

Um Guillaume Dufay ist es merkwürdig ruhig geblieben im Jubiläumsjahr 2024, obwohl der am 27. November 1474 in Cambrai gestorbene Komponist eigentlich der bedeutendste musikalische Jubilar des Jahres ist, trotz Bruckner, Puccini und Fauré. Man könne Dufays „Bedeutung für die europäische Musikgeschichte des 15. Jahrhunderts ohne Übertreibung mit der Beethovens für das 19. Jahrhundert vergleichen“. So hat es Jürg Stenzl in Metzler/Bärenreiters „Lexikon der Komponisten“ formuliert. Und die Musikforschung ist sich da recht einig – man schaue sich etwa die ebenso kenntnis- wie materialreichen Monografien Peter Gülkes (2003) oder Alejandro Plancharts (2018) an. Dufay hat nicht nur mit seinen Beiträgen zur Motette, zur Messe und zur Chanson maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Musik im 15. Jahrhundert und darüber hinaus genommen. Er war auch einer der Ersten, die sich selbst als Komponist gesehen haben, als einen, dessen Beruf es ist, musikalische Werke zu verfassen.

Dufays Motette „Nuper rosarum flores“ spiegelt 1436 die steinerne Architektur des Florentiner Doms in Musik

Die Reihe „Musik-Konzepte“ hat ihm, nach einem bereits 1988 erschienen Band, in diesem Jahr einen sehr schönen neuen gewidmet. Doch auf dem Tonträgermarkt ist das fehlende Interesse auffällig. Keine einzige Aufnahme mit Musik Dufays ist in diesem Jahr bisher erschienen. Und auch in den Jahren zuvor war das Interesse nicht sehr groß. Im FONO FORUM war zuletzt von der Domweihmotette „Nuper rosarum flores“ (auf der 2022 aufgenommenen CD „Splendour Of Florence“ der Gothic Voices) zu lesen, 2020 von Chansons mit dem Ensemble Giles Binchois und vom „The Dufay Spectacle“ der Gothic voices von 2018.

Natürlich ist uns Dufays Musik viel ferner als die Bruckners oder Puccinis – was es sehr viel schwieriger macht, das Revolutionäre seiner Musik sinnlich wahrzunehmen. Gleichzeitig erlaubt aber das Internet, sich ohne großen Aufwand oder Kaufverpflichtung einmal wenigstens einen kurzen Eindruck zu verschaffen. Doch ehe wir das tun, werfen wir zunächst einen Blick auf das Leben des ersten Komponisten überhaupt, über dessen Biografie wir recht genaue Kenntnis haben.

Guillaume Dufay (der eigentlich Du Fay geschrieben werden müsste) wurde wahrscheinlich am 5. August 1397 geboren. Er war einem zeitgenössischen Dokument nach ein Produkt des wenig zölibatären Benehmens der Kleriker der Zeit: Sohn einer „gefallenen“ Mutter und eines unbekannten Priesters. Oder, wie Planchart (2018) vermutet, Ergebnis einer Vergewaltigung. 1444 gelang es Dufay dennoch, die Beerdigung seiner Mutter im Dom zu Cambrai zu arrangieren – nur ein Beleg dafür, wie angesehen und einflussreich der Komponist war. 1409 wurde er in Cambrai in die Maitrise, also die Chorschule, aufgenommen. Damals war die (später in der Französischen Revolution zerstörte) Kathedrale von Cambrai in ihrer Bedeutung mit Chartres oder Paris zu vergleichen, ihr ehemaliger Bischof Pierre d’Ailly zählte beim Konstanzer Konzil zu den wichtigsten Protagonisten (er leitete u. a. das Verhör des Jan Hus). Dufay war wohl in seinem Gefolge in Konstanz – wo er auch die Hinrichtung von Jan Hus mitangesehen haben wird. Cambrai, auf Karten jener Zeit meist Camerich genannt, konnte sich als Fürstbistum im Heiligen Römischen Reich noch bis ins späte 17. Jahrhundert seine mehr oder weniger unabhängige Stellung zwischen Burgund/Habsburg und Frankreich bewahren.

Dass Dufays Talent früh erkannt wurde, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er bereits mit 17 Jahren zum Konzil mitgenommen wurde, wo alle Größen Europas natürlich auch ihre Kapellen dabei hatten. Jedenfalls hat Dufay mit seiner Musik (dieser Zeit werden drei Messkompositionen zugeordnet) offenbar auch in Konstanz Aufmerksamkeit erregt, denn wenig später, 1419, trat er in die Dienste der herzoglichen Familie Malatesta. 1420 schrieb er für die anstehende Hochzeit von Cleofe Malatesta (mit einem Sohn des Kaisers von Byzanz!) seine Motette „Vassilissa ergo gaude“. Es waren also höchste Kreise, in denen der junge, 1427 zum Priester geweihte Musiker verkehrte – nach weiteren Stationen, darunter Bologna, wechselte er 1428 in die zwölf Sänger zählende päpstliche Kapelle in Rom. 1431 war es Dufay, der die Motette zum Amtsantritt des neuen Papstes Eugen IV. komponierte. 1433 folgte er einer Einladung des Herzogs von Savoyen nach Chambéry, der zur Hochzeit seines Sohns eine angemessene Musik brauchte – schließlich war der Herzog von Burgund zu Gast, da musste man repräsentieren. Und der Herzog unterhielt eine Kapelle mit mehr als dreißig Musikern! 1435 ging es für Dufay zurück an die päpstliche Kapelle, die nun in Florenz weilte – der Papst war ein Jahr zuvor aus Rom vertrieben worden. Zur Weihe des Doms mit Brunelleschis Kuppel schrieb Dufay 1436 seine heute berühmteste Motette, „Nuper rosarum flores“, die die steinerne Architektur in Musik spiegelt und ausgeklügelte Zahlensymbolik aufweist.

1437 war Dufay wieder am Hofe des Herzogs von Savoyen – zog sich von dort aber zurück, bevor Amadeus VIII. 1439 zum Gegenpapst gewählt wurde. In solche Konflikte ließ man sich als Musiker lieber nicht hineinziehen. Dufay ist dieser Drahtseilakt offenbar gut gelungen, sein Verhältnis zu Rom und zu Savoyen blieb sein Leben lang intakt.

Seit 1439 lebte Dufay wieder in Cambrai, 1452 bis 1459 erneut in Savoyen, war aber auch in Kontakt mit dem Herzog von Burgund, mit den Herren von Ferrara, den Medici und anderen. 1459 zog er sich dann endgültig, schon über sechzig Jahre alt, nach Cambrai zurück, wo er sein Grabmal in Auftrag gab – das wundersamerweise die Zerstörung der Kathedrale überstanden hat und erhalten ist. Er setzte auch ein ausführliches Testament auf, in dem er bis ins Detail bestimmte, wie sein Sterbevorgang, begleitet von acht Sängern, und die Beerdigung auszusehen hätten. Das klappte aber dann nicht, Dufay starb am 27. November 1474 so überraschend, dass die gewünschten Sänger sich nicht an seinem Totenbett versammeln konnten.

Quelle: Pariser Nationalbibliothek, Ms Fr 12476 fol. 98r

Guillaume Dufays Werk ist in zahlreichen Handschriften überliefert, was für die weite Verbreitung seiner Musik spricht. Besonders bedauerlich ist, dass sein Requiem verschollen ist – sonst wäre er wohl anstelle von Johannes Ockeghem als Erster in die Musikgeschichte eingegangen, der ein Requiem komponierte.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will von der Klangwelt Dufays, sollte vielleicht mit der Motette „Nuper rosarum flores“ anfangen, dem meistanalysierten Werk zwischen dem „Sommerkanon“ und dem „Orfeo“, wie der Musikwissenschaftler Peter Gülke schreibt. In den Proportionen ihrer Teile (6:4:2:3) entspricht sie den Maßen des Doms – und gleichzeitig den biblischen Maßen des Tempels in Jerusalem mit 30 Ellen Höhe, 60 Ellen Länge und 20 Ellen Breite. Weitere umfangreiche Zahlensymbolik, die Dufay in seine Motette eingebaut hat, ist natürlich nicht zu hören. Aber wie viel von der Aufführungspraxis abhängt, kann man ideal erkennen, wenn man die solistische A-cappella-Aufnahme des Orlando Consorts mit der Paul Van Nevels vergleicht, die die Pracht dieser Klangarchitektur, die schon die Zeitgenossen gepriesen haben, durch einen Chor und die Mitwirkung von Instrumenten hervorhebt. Schließlich berichtet der Chronist der Domweihe von einer „großen Reihe von Trompetern, Lautenisten und Flötisten“.

O gemma lux; Huelgas Ensemble (2011); harmonia mundi

The Florentine Renaissance; Orlando Consort (2021); hyperion

Der Einbruch des Fauxbourdons (mit seinen parallel laufenden Stimmen) in die polyfone Klangwelt, den Dufay 1427 in die Communio seiner „Missa Sancti Jacobi“ integrierte, ist sehr schön zu hören in der Aufnahme des Binchois Consorts von 1998:

Dufay: Music for St. James the Greater; Binchois Consort (1998); hyperion

Am besten hört man es im Vergleich zu einer seiner bedeutenden Messen; etwa dem Kyrie aus seiner „L’homme armee“-Messe:

Dufay: Les messes a teneur; Cut circle (2015); Musique en Wallonie

Seinen eigenen Namen hat Dufay in seine Motette „Ave regina caelorum“ (III) eingebaut („Miserere tui labentis Dü Fay“). Auffällig ist hier die Klangfärbung, die er durch eine B-Vorzeichnung auf das Wort „miserere“ (Erbarme Dich) angebracht hat:

Dufay: Motetten Vol. 2; Cantica Symphonia (2005); Glossa

Und unbedingt sollte man einen Blick auf seine Chansons werfen, in denen Dufay nicht mehr nur, wie seine Vorgänger und Zeitgenossen, Textstruktur spiegelt, sondern auch Textinhalt ausdrückt. Ein besonders schönes Beispiel ist die Ballade „Se la face ay pale“, die Dufay auch den Tenor einer seiner bekanntesten Messen lieferte. Mindestens ebenso bemerkenswert ist eine von nur zwei Petrarca-Vertonung des 15. Jahrhunderts: „Vergene bella“. Beide liegen in sehr schönen Aufnahmen vor:

Dufay: Chansons;  Cantica Symphonia (2005); Glossa