Musikgeschichte

Das unbekannte Philadelphia

Von
Christoph Schlüren

Anshel Brusilow (1928-2018) war eine legendäre Figur des US-amerikanischen Musiklebens, doch in Europa kennen ihn die wenigsten. Nun hat Sony Classical – sozusagen als Ergänzung zur Ormandy-Edition – erstmals sämtliche RCA-Aufnahmen der Chamber Symphony of Philadelphia, eingespielt 1967/68 unter ihrem Leiter Brusilow, in einer 6-CD-Box veröffentlicht. Das Scheinwerferlicht ist damit auf ein Kapitel der Geschichte Philadelphias gerichtet, das nicht nur ungeheuer produktiv, sondern auch turbulent war und sich um drei große Namen rankt: Eugene Ormandy, Anshel Brusilow und Richard Yardumian (1917-85), den bedeutendsten dort ansässigen Komponisten.

Anshel Brusilow wurde als Sohn russisch-jüdischer Emigranten in Philadelphia geboren. Er studierte Geige, nach den Anfängen bei William Happich zunächst elfjährig am Curtis Institute bei Efrem Zimbalist, dann vor allem an der Philadelphia Music Academy beim ungarischen Juden Jáni Szántho (1887-1977), der ab 1912 als Konzertmeister in Lübeck (unter Furtwängler) und von 1920 bis 1936 an der Münchner Akademie der Tonkunst als Professor gewirkt hatte, bevor er 1939 über England in die USA fliehen konnte. Bis zu seinem Lebensende hat Brusilow betont, dass er Szántho seine entscheidende Prägung verdankte.

Schon vor dem Abschluss des Studiums 1947 hatte Brusilow 1944 die Gelegenheit ergriffen, in Tanglewood als jüngster Dirigierschüler Pierre Monteux’ dabei zu sein. Monteux förderte Brusilow im Hinblick auf eine Karriere als Violinsolist, doch ließ er ihn abrupt fallen, als sich Brusilow in eine Stewardess verliebte und heiratete. 1951 war Brusilow Solist der Uraufführung des
Violinkonzerts von Richard Yardu­mi­an unter der Leitung Ormandys mit dem Philadelphia Orchestra. Er hatte dabei eine Rolle inne, die derjenigen Joseph Joachims bei der Fertigstellung des Violinkonzerts von Brahms ähnelt. Yardumian ließ Brusilow alles auf Spielbarkeit und Wirkung hin modifizieren. Wenn man die später mit den gleichen Kräften entstandene Einspielung dieses meisterhaften und höchst eigenartigen Konzerts hört (enthalten in der Ormandy-Anthologie Columbia Stereo 1958-63), so fällt nicht nur die phänomenale musikalische Umsetzung auf, sondern auch die hochvirtuose, geigerisch dankbare Gestaltung und die wohlberechnete Wechselwirkung mit dem Orchester, das als echter konzertanter Partner behandelt ist. Yardumian und Brusilow gingen auch künftig zusammen durch dick und dünn.

1954 wurde Brusilow Konzertmeister und Associate Conductor des New Orleans Symphony. 1955 ging er als stellvertretender Konzertmeister in George Szells Cleveland Orches­tra. In seiner Autobiografie „Shoot the Conductor“ beschreibt Brusilow die gnadenlose Perfektion und unumschränkte Herrschaft Szells und insbesondere, wie Szell ihm aus dem direkten Umgang mit Richard Strauss die lebendige Aufführungstradition von „Till Eulenspiegels lustigen Streichen“ am Klavier vermittelte. 1959 warb Eugene Ormandy Brusilow als Konzertmeister zum Philadelphia Orchestra ab. Dort herrschte ein flexiblerer Geist. So erwähnt Brusilow, wie er zunächst überhaupt nicht darauf gefasst war, dass das ganze Orchester hinter Ormandys Schlag zu spielen gewohnt war und dieser es auch so erwartete – im Gegensatz zu Cleveland, wo das Orchester scharf und direkt auf den Schlag Szells zu spielen getrimmt war. Kein Wunder also, dass alles so ganz anders klingt!

Ormandy wusste von Brusilows Dirigierambitionen und machte ihm zur Bedingung, als Dirigent in Philadelphia keine Konkurrenz aufzubauen. Brusilow war als Konzertmeister die ideale Besetzung, und in der Ormandy-Anthologie 1958-63 ist er nicht nur mit den fulminanten Soli in Rimsky-Korsakows „Scheherazade“ und Strauss’ „Heldenleben“ zu hören, sondern auch mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und im Violinkonzert Yardumians, Ormandys Haus- und Hofkomponisten. Allerdings frönte Brusilow zusehends seiner Dirigierleidenschaft, was Ormandy zunächst tolerierte. Jedoch ist es in den USA nicht wie in Deutschland: Die Finanzierung läuft fast ausschließlich über Mäzene, und deren Fördertöpfe sind begrenzt. Brusilow leitete 1961-65 das Chamber Orchestra of Philadelphia mit vielen Spitzenkräften des Philadelphia Orchestra und kündigte schließlich seine Konzertmeisterstelle. 1966 landete er den großen Coup: einen exklusiven Vertrag mit RCA. Nun wurde es ernst für Ormandy. Er sorgte hinter den Kulissen dafür, dass dem Treiben ein Ende gesetzt wurde, und wechselte selbst mit dem Philadelphia Orchestra zu RCA.

Brusilows Orchester, seit 1966 unter dem Namen Chamber Symphony of Philadelphia, saß schnell auf dem Trockenen und löste sich auf. 1971-73 wirkte Brusilow als Chefdirigent und Intendant des Dallas Symphony Orchestra, und in jener Zeit dirigierte er auch zwei feine Schallplatten in Bournemouth für die EMI (Borodins Zweite und ein Yardumian-Programm). Dann wirkte er, mit Unterbrechung, von 1973 bis 2008 als Dirigierprofessor in Denton, Texas.

Die Darbietungen unter Brusilows Leitung sind hinreißend brillant und schwungvoll musikantisch, auch von romantischer Emphase, was Werken wie der „Bürger als Edelmann“-Suite von Strauss, aber auch Tschaikowskys Mozartiana-Suite oder Arenskys Tschaikowsky-Variationen sehr zugutekommt. Bei Brahms, Haydn, Ravel, Françaix, Ibert und in Cherubinis Sinfonie steht die Virtuosität im Vordergrund. Wertvollstes Stück der Sammlung ist die Messe „Come, Creator Spirit“ von Yardumian, ein archaisierendes Werk von hoher kontrapunktischer Kunst, reizvoll Moderne und Tradition verbindender Harmonik und vollendeter Kunst zusammenhängender Formung. Hier dient Brusilow dem Werk in Hingabe. Es ist dies eine wesentliche Ergänzung der amerikanischen Pionierleistungen Ormandys in jener Zeit, unter denen Yardumians Symphonien, Instrumentalhymnen und das Violinkonzert – unter Mitwirkung des Konzertmeisters Brusilow – gleichfalls hervorragen.