Fackelträger des Grand Siècle
Kein Musiker hat sich so sehr um die Wiederentdeckung der französischen Barockmusik verdient gemacht wie William Christie. Doch auch zu Purcell, Händel, Haydn und Mozart hat der heute Achtzigjährige einiges zu sagen

Er trage den Franzosen ihre Kulturschätze hinterher, die ihnen auf ihrem Weg durch die Geschichte achtlos entglitten seien, sagte William Christie einmal über sich selbst. Das klingt sehr selbstbewusst, charakterisiert die Lebensleistung des Dirigenten und Cembalisten aber treffend. Geboren 1944 in Buffalo, New York, studierte er in Harvard zunächst Medizin, dann Kunstgeschichte und Musik. 1966 wechselte er an die Yale School of Music zu Ralph Kirkpatrick, der sein ohnehin schon von Kindesbeinen an bestehendes Interesse an französischer Kultur förderte. Als ihm die Einberufung zum Militärdienst und damit womöglich ein Einsatz im Vietnamkrieg drohten, siedelte er 1970 nach London über, ein Jahr später nach Paris. Dort war die historische Aufführungspraxis noch längst nicht so weit entwickelt wie in den Niederlanden oder England, und so suchte Christie Kontakt zu Koryphäen wie Gustav Leonhardt, Kenneth Gilbert oder Christopher Hogwood, um nur einige zu nennen. Es war vor allem René Jacobs, der mit seinem Concerto Vocale dem zwei Jahre Älteren die Türen zu den Studios von Harmonia mundi öffnete. Führt man sich diese alten Aufnahmen heute zu Gemüte, so merkt man, dass Christie als Cembalist stark im Ensemble war, aber nicht das Zeug zu einem brillanten Virtuosen hatte. Und weil Jacobs sich damals überwiegend dem italienischen Repertoire widmete, war die Gründung eines eigenen Ensembles, mit dem das französische Feld bestellt werden konnte, rückblickend nur ein logischer Schritt.
Der durchschlagende Erfolg der Arts Florissants – ihr Name ist einer Kammeroper Charpentiers entlehnt – beruhte von Anfang an auf drei Säulen: Erstens hatte Christie von jedem Detail der Musik sehr präzise Vorstellungen, die teils musikwissenschaftlich, teils ästhetisch begründet waren; zweitens engagierte er projektbezogen immer diejenigen Musiker, die seinen Vorstellungen am besten entsprachen; und drittens realisierte er seine Konzepte stets mit einem kompromisslosen Perfektionismus, der ihn zu einem ebenso schwierigen wie faszinierenden Zeitgenossen machte. Diese Säulen tragen bis heute und machen jede der inzwischen rund zweihundert LP-, CD- und DVD-Aufnahmen unverwechselbar.
Ausgehend von den Werken Charpentiers, beleuchtete Christie ab 1979 gewissermaßen als kultureller Fackelträger nahezu das gesamte weltliche und geistliche Vokalrepertoire des Grand Siècle von Lully und Campra bis Rameau und Mondonville, und Harmonia mundi ließ ihm zunächst freie Hand, zumal die Verkaufszahlen stimmten. Der Zugriff auf Händel und Mozart war bei dieser französischen Firma jedoch Nicholas McGegan und René Jacobs vorbehalten. Das war einer der Gründe, aus denen Christie 1994 zu Erato und, als dort die Neuproduktionen eingestellt wurden, 2002 zu Virgin Classics wechselte. Nach der Übernahme dieser beiden Firmen durch Warner versuchte er es 2014/15 wie manch anderer Dirigent auch mit einem eigenen Label, doch nach nur fünf immerhin sehr aufwendig gestalteten Produktionen der Éditions AF kehrte er in den Schoß der Harmonia mundi zurück.
Zu Christies achtzigstem Geburtstag am 19. Dezember veröffentlicht Warner alle 39 Erato- und Virgin-Aufnahmen in einer Box, wobei aus kartellrechtlichen Gründen das Virgin- durch das Erato-Logo ersetzt ist. Auf den Couverts der 61 CDs sind vorn das originale Cover und hinten alle notwendigen Titelinformationen abgedruckt. Besetzungslisten der Ensembles und Libretti gibt es nicht, auch nicht digital, stattdessen ein Geleitwort des Jubilars und einen biografischen Essay von Marc Trautmann. In der Gesamtschau dieses stattlichen Oeuvres zeigt sich einmal mehr, dass Christie für das französische Repertoire immer noch Referenzstatus genießt und Marken gesetzt hat, die seine Schüler – darunter Christophe Rousset, Mark Minkowski und Hervé Niquet – erst einmal erreichen müssen. In Sachen Purcell, Händel, Haydn und Mozart hat er eine klare Meinung, die sich unter anderem in straffen Tempi und kräftigen, reifen Stimmen äußert. Hier setzt Christie, der 1995 französischer Staatsbürger wurde und zahlreiche Orden und Ehrentitel besitzt, sich dezidiert von englischen beziehungsweise deutschen Traditionen ab.
Harmonia mundi hatte bereits 2019 zum vierzigjährigen Bestehen der Arts Florissants einige ältere Aufnahmen thematisch gebündelt und verzichtet jetzt auf eine weitere Jubiläumsedition. Dafür erscheinen hier zwei CDs, die charakteristisch für den jungen und den alten William Christie sind: „Les musiques de Molière“ vereint Aufnahmen, die zwischen 1990 und 2023 entstanden sind, und verdeutlicht, wie lange und leidenschaftlich sich dieser Dirigent schon dafür einsetzt, französische Barockmusik und -dichtung als künstlerische Einheit zu begreifen. In „Bill & Friends“ umgibt er sich mit sieben Musikern, die seine Enkelkinder sein könnten. So wie er auf der Bühne gern in Jeans und schwarzem Oberhemd auftritt, zeigt er auch sonst großes Interesse an jungen Sprösslingen, denn in der Barockakademie Jardin des Voix fördert er seit 2002 zusammen mit seinem Stellvertreter Paul Agnew vokale Nachwuchstalente, und auf seinem gut zwölf Hektar großen Landsitz in der Vendée gibt er sich seiner zweiten Leidenschaft hin, die ihn jung hält: der Gartenkunst.


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