Ungeahnte Frauenpower
Die französische Komponistin Augusta Holmès steht vor ihrer überfälligen Wiederentdeckung

Es ist in den letzten Jahren viel darüber geschrieben worden, wie schwer es Frauen über Jahrhunderte hatten, Musik professionell zu betreiben. Und erst seit Kurzem werden ähnlich viele Dirigentinnen wie Dirigenten ausgebildet, sodass es noch eine Weile dauern wird, bis die Tatsache, dass eine Frau ein Orchester leitet, nicht mehr etwas Besonderes ist. Bei Komponistinnen gilt Ähnliches. Da ist es besonders bedauerlich, dass die Zeit nicht zurückgedreht werden kann und wir um die vielen talentierten Komponistinnen des 19. Jahrhunderts trauern müssen, die gar nicht in den Genuss einer professionellen Ausbildung kamen, geschweige denn ihre Werke publizieren durften. Was für ein Schatz ist uns da verloren gegangen beziehungsweise gar nicht erst entstanden!
Aus der romantischen Epoche sind nur wenige Komponistinnen wie etwa Clara Schumann oder Fanny Hensel bekannt, und leider haben sie kaum für großes Orchester geschrieben. Aus der spätromantischen Epoche kennt man unter anderem Florence Price, Ethel Smyth und Lili Boulanger. Doch die bedeutendste Entdeckung ist für mich die in Paris als Kind irischer Eltern geborene Augusta Holmès, die in ihrem kurzen Leben (1847-1903) eine ganze Reihe hoch beeindruckender Orchesterwerke geschaffen hat. Sie werden uns nun dankenswerterweise vom Raritätenlabel cpo vorgestellt.
Augusta Holmès hat sich, da ihr der Zugang zum Pariser Konservatorium verwehrt blieb, privat ausbilden lassen, unter anderem von César Franck, und zunächst unter männlichem Pseudonym publiziert. Sie muss ein spannendes Leben geführt haben – von den großen Musikern ihrer Zeit sehr geschätzt, eine engagierte Kämpferin nicht nur für Frauen, sondern auch für unterdrückte Nationen wie Irland und Polen und in einer Beziehung lebende, aber unverheiratete Mutter von fünf Kindern.
Ihre Tonsprache ist für ihre Zeit weit fortgeschritten: Das frühe Orchesterwerk „Roland Furieux“, eine dreisätzige Symphonie über den Ritter, der auch als „Rasender Roland“ und in einer Vivaldi-Oper als „Orlando Furioso“ bekannt ist, ist noch vor dem Jahr 1876, das die Musik nachhaltig veränderte (Uraufführung von Wagners „Ring“ und Brahms’ erster Symphonie), entstanden und kann sich mit den symphonischen Dichtungen von Liszt, Smetana oder Saint-Saëns (der später eine Ode für sie dichtete) messen. Das Vorbild Wagner klingt aus ihrem Poème symphonique „Irlande“ von 1881 heraus, einem Werk, dessen abschließender Marsch Ohrwurmcharakter hat.
Eingängig, aber dennoch komplex ist auch „Pologne“ von 1883 mit einer überaus idiomatischen Mazurka. Überaus stimmungsvoll ist das Zwischenspiel „La Nuit at l’Amour“ aus der Ode „Ludus pro Patria“ (die noch einer Einspielung harrt) – es ist mir völlig unverständlich, warum ein solches Werk nicht in den Kanon aufgenommen wird.
Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz kann man für ihren Einsatz für Augusta Holmès nicht genug preisen. Bisher war nur eine einzige CD mit ihren Orchesterwerken verfügbar, 1994 von Marco Polo herausgegeben und originellerweise ebenfalls von der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz gespielt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass bis auf eine Ausnahme auf beiden CDs dieselben Stücke enthalten sind. Dirigent der jüngeren Einspielung ist Michael Francis, der das Orchester zu motiviertem und klangschönem Spiel antreibt. Doch bei allem hohen Respekt vor den Künstlern: Für Augusta Holmès würde ich mir wünschen, dass ihre Werke auch von weltberühmten Orchestern und Dirigenten eingespielt und von den „Majors“ herausgegeben werden, damit sie die ihr zustehende Bekanntheit erlangt. Klaus Mäkelä, wäre das nicht etwas für Sie und das Orchestre de Paris?



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