Musikgeschichte

48 Takte Schnappatmung

Von
Christoph Vratz

Am Anfang deutet nichts auf den eigentlichen Charakter dieses Stücks hin. Dunkeldrängend die ersten Takte, mit winzigen Momenten des Atemholens. Nach einer dramatischen Verdichtung und einigen beißenden Harmonien fällt plötzlich die Maske. Ein Gleiten ins Hauptthema verrät: Es ist ein Walzer in a-Moll, melancholisch im Gestus, mit kleinen Verzierungen in der Melodie.

Diese 48 Takte haben im Herbst des letzten Jahres die Musikwelt in Schnappatmung versetzt. Eine Handschrift, versehen mit einem großen Namen, taucht, wie die „New York Times“ zuerst berichtete, in einem Tresor der Morgan Library & Museum auf. Der Titel ist ebenso schlicht notiert wie der Name des vermeintlichen Urhebers: „Walzer“ steht am linken oberen Rand des Manuskripts, und mittig, ebenfalls oberhalb der ersten Notenlinie: „Chopin“.

Nun gibt es zu den Handschriften von Chopin-Walzern nette Geschichten, etwa die von Byron Janis und seiner Frau Maria Cooper Janis, Tochter des Schauspielers Gary Cooper. Janis behauptete, 1967 in einem französischen Château nicht etwa wertvollen Wein, sondern zwei (bis dahin unbekannte) Handschriften von (bekannten) Chopin-Walzern entdeckt zu haben, mitsamt Signatur. Sechs Jahre später, welch ein Zufall, entdeckte derselbe Janis an der Yale University zwei weitere signierte Partituren, kurioserweise von denselben Walzern. Stoff für einen Film, den Martin Scorsese nach eigenem Bekunden drehen wollte, der aber nie realisiert wurde.

Für eine Urheberschaft Chopins spricht das für ihn typische Symbol des Bassschlüssels

Jetzt also wieder ein Chopin-Walzer, nur diesmal nicht als Abschrift einer ohnehin schon bekannten Partitur. Etwas komplett Unbekanntes taucht auf. Eine solche Nachricht alarmiert weltweit die Sachverständigen. Kurator Robinson McClellan, dem die unbekannte Handschrift in die Hände fiel, sucht zunächst Rat beim Chopin-Experten Jeffrey Kallberg von der Universität von Pennsylvania. Dem ist sofort klar: „Das habe ich noch nicht gesehen.“ 

Wie in solchen Fällen üblich, sollen genauere Analysen für Klarheit sorgen: Tinte, Handschrift, Papier. Das Ergebnis: Der Name „Chopin“ ist wohl nicht von selbigem geschrieben worden. Was aber ist mit dem Rest, den eigentlichen Noten? Vieles spricht sehr wohl für eine Urheberschaft von Frédéric Chopin, vor allem das für ihn typische Symbol des Bassschlüssels. 

Seither rätselt die Musikwelt: Warum hat Chopin diesen Walzer nicht selbst unterzeichnet – war er mit dem Werk unzufrieden? Zu welchem Zweck und vor allem wann ist dieser Entwurf entstanden? Im Morgan Museum glaubt man, die Handschrift stamme aus der Zeit zwischen 1830 und 1835, da war Chopin Anfang zwanzig. Auch Artur Szklener, Direktor des polnischen Nationalen Fryderyk-Chopin-Instituts, grübelt über Zeitpunkt und Anlass und wird in der spanischen Zeitung „El País“ dahingehend zitiert, dass es sich um ein Lehrstück handeln könnte – oder um einen musikalischen Scherz oder eine rasche Kompositionen für den Broterwerb. Bekannt ist, dass Chopin seine Walzer gelegentlich Freunden oder Schülern zum Geschenk gemacht hat. Der Walzer op. 70 Nr. 2 ist zu Chopins Lebzeiten nie veröffentlicht worden, doch gibt es 14 signierte (Geschenk-)Exemplare, darunter eines für Charlotte de Rothschild.

48 Takte also, kaum mehr als achtzig Sekunden kurz, so zumindest in der „Weltersteinspielung“, für die man – Prominenz ist gefragt – Lang Lang hat gewinnen können. Der Pianist vertritt auch prompt eine klare Meinung: „Die Harmonien, die Poesie, die Struktur. Nach meinem Verständnis ist es Chopin.“ Und: Es sei doch toll, dass es einen „neuen Chopin“ gebe. Und: Es sei toll, wenn noch mehr Werke namhafter Komponisten gefunden würden. Wenn das so einfach wäre … Der Genauigkeit halber sei gesagt, dass Lang Lang, um die achtzig Sekunden Spielzeit zu erreichen, das Autograph mit  Wiederholung spielt.