Verkannter Gigant
Die George-Lloyd-Edition des Labels Lyrita

Großbritannien hat eine reiche musikalische Tradition, und doch hört man immer wieder die Klage, es gebe zwar viele Komponisten, aber nur wenige wirklich große. Das freilich scheint nur so, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Nun wird mit George Lloyd (1913-98) ein verkannter Gigant endlich posthum ganz groß gewürdigt. Seine Musik wurde von der Kritik bisher meist sozusagen hinter vorgehaltener Hand gehandelt, da in einem Zeitalter des Hardcore-Modernismus der Rückständigkeit verdächtig. Lloyd hat unbeirrt davon immer einfach nur geschrieben, was ihm echt und existenziell erschien. Sein äußeres Leben gleicht einer langen Durststrecke mit schließlichem Durchbruch. Der wahre Durchbruch freilich findet jetzt statt.
Monumentale Werkschau
Wyastone Estate in Monmouth am River Wye, an der englisch-walisischen Grenze, ist Sitz des Labels Nimbus und hat ein substanzielles kulturelles Imperium akkumuliert, zu dem mittlerweile bedeutende Raritätenlabels wie die schwedische Sterling und vor allem Lyrita gehören. Lyrita war seit 1958 das große Selbstverwirklichungsprojekt von Richard Itter (1928-2014), der es schaffte, in Serie hochklassige Produktionen unbekannter Musik mit so herausragenden Künstlern wie Adrian Boult herauszubringen. Seinem idealistischen Engagement ist die Entdeckung von John Foulds ebenso zu verdanken wie diejenige von George Lloyd, dessen Symphonien Nr. 4 bis 8 unter Edward Downes veröffentlicht wurden. In der Folge ergriff Lloyd die große Chance und nahm für Albany Records seine kompletten zwölf Symphonien, vier Klavierkonzerte und einige weitere große Werke auf. Lloyd war ein Vollblutmusiker und exzellenter Dirigent, seine Aufführungen sind nicht nur authentisch, sondern auch in vielen komplizierten Details und dem organischen Gebrauch des Rubato vorbildlich.
Nun hat Wyastone in mäzenatenhafter Weise seinen Katalog ausgebaut, von Lloyds Erben dessen komplettes Oeuvre übernommen und legt alles im Eiltempo in käuflichen Ausgaben vor. Parallel schreitet die CD-Edition des Gesamtwerks voran. Sämtliche Symphonien und Klavierkonzerte, einige weitere Orchesterwerke und die großen vokalsymphonischen Werke (mit Ausnahme des von Lloyd für Decca aufgenommenen „The Vigil of Venus“) liegen nun, vom Komponisten dirigiert, auf zwölf CDs vor – mit exzellenten, umfangreichen Einführungen von Paul Conway versehen und sehr preisgünstig. Die beiden Violinkonzerte, das Cellokonzert (sein letztes Werk), die Klavier- und Kammermusik, die Werke für Blechbläser sowie das späte Requiem für Prinzessin Diana mit Orgelbegleitung ergänzen auf bisher neun weiteren CDs in ausgezeichneter Qualität diese monumentale Werkschau.
Zweimalige Auferstehung
George Lloyds Leben liest sich wie eine Heldensage. Der junge Musiker wurde entscheidend geprägt vom Unterricht beim großen Geiger (und Komponisten) Albert Sammons, dessen sangliche Expressivität ihm auch als Komponist immer Leitbild blieb. Anfang der 1930er Jahre schrieb Lloyd seine ersten drei Symphonien, doch dann stellte sich heraus, dass er zusammen mit Benjamin Britten das Zeug dazu hatte, Englands führender Opernkomponist zu werden. Der Krieg fuhr dazwischen, und als Funker auf See musste Lloyd erleben, wie sein Schiff sich selbst torpedierte. Er wäre beinahe im auslaufenden Öl ertrunken, und nur die bedingungslose Aufopferung seiner Frau ließ den Kriegsversehrten überleben. Umso bemerkenswerter ist, wie unaufhaltsam er 1945/46 mit seiner vierten Symphonie – mit über einer Stunde sein umfangreichster Gattungsbeitrag – unter die Lebenden zurückkehrte. Doch nach dem Krieg galt sein kantabler, eigenwillig aus der Tradition weiterschreitender Stil schnell als unzeitgemäß. Seine nächste Oper, „John Socman“, geriet ins Fadenkreuz künstlerischer Fehden, und Lloyd erlitt einen zweiten Zusammenbruch. Er zog sich mit seiner Frau aufs Land zurück und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gemüsebauer. Während der folgenden 13 Jahre komponierte er unablässig im Stillen. Dann hob John Ogdon sein wild herausfahrendes, dissonanzgeladenes erstes Klavierkonzert „Scapegoat“ aus der Taufe, und Lloyd schrieb weiter Werk auf Werk. 1977 war es dann der einstige Scherchen-Assistent Edward Downes, der ihn wiederentdeckte und die Symphonien Nr. 4 bis 10 uraufführte. 1986 begann Lloyd selbst in Albany, New York, die Gesamteinspielung seiner Symphonien. Seine Lebensbahn brachte ihm doch noch den die Fachwelt überrumpelnden Triumph.
Hochdramatisch und ergreifend
Man kann in Lloyds Musik die existenziellen, traumatischen Erfahrungen und die Sehnsucht nach Erlösung und Transzendenz auf Schritt und Tritt miterleben. Und man versteht sofort, dass er auch ein geborener Opernkomponist gewesen sein muss (seine drei Opern werden noch in der Lyrita-Edition erscheinen): melodisch so eingängig wie charakteristisch, rhythmisch äußerst lebendig und immerfort fesselnd im von starken Gegensätzen geprägten Geschehen. Dieses entwickelt sich zwar nicht im Widerspruch zu rein musikalischen Gesetzen, folgt jedoch einem geradezu greifbaren Plot, der in seinen überraschenden und extrem wirkungsstarken Wendungen wie ein spannender Film den Zuhörer in seinen Bann zieht. Das Ausdrucksspektrum erstreckt sich von kapriziös quirligen Scherzi (im Flirt mit der „leichten Musik“) über innigsten Lyrismus hin zum Katastrophischen. Lloyd hat die ganze Tradition amalgamiert und hat das Einfache wie das Komplexe zu unverkennbar Eigenem gewandelt. Er baut seine großen Formen mit sicherer Hand, und außer in der ersten Symphonie gibt es kein schematisches Vorgehen und keine Längen. Die Orchestration ist von grandioser Kraft, Zartheit und Vielseitigkeit (man muss schon Namen wie Tschaikowsky oder Rachmaninow bemühen, um passende Vergleiche herzustellen). Für den Einsteiger möchte ich Werke wie das vehemente erste Klavierkonzert, das verklärte Cellokonzert, die abgründig-visionäre John-Donne-Kantate „A Litany“ und natürlich sämtliche reifen Symphonien empfehlen. Wunderbar auch das zweite Violinkonzert (mit Streichern) und die Klavier- und Kammermusik. Es gibt keine Ausfälle, auch wenn er um 1970 eine Phase durchlief, die mehr zur sachlichen Knappheit tendiert! Als Symphoniker erreicht Lloyd in der tragischen siebten Symphonie (1957-59) einen einsamen Gipfel. Mit „H. M. S. Trinidad“ hat er einen der herrlichsten Märsche der Geschichte geschrieben. Und wenn am Ende der gewaltigen „Symphonic Mass“ die Solotrompete in improvisatorisch befreiender Anmutung ihr Farewell um die Gesangslinie windet, sind wir alle schlicht ergriffen. George Lloyd ist eine große Entdeckung!


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