Auf Reisen

Vielfalt auf Schloss Esterházy

Von
Arnt Cobbers
Foto: Andreas Hafenscher
Foto: Andreas Hafenscher

Fast jeder große Komponist hat ein Festival, das ihm zu Ehren an einer ehemaligen Wirkungsstätte ausgerichtet wird: Bach in Leipzig, Mozart in Salzburg, Beethoven in Bonn, Bruckner in Linz, Strauss in Garmisch-Partenkirchen, Mahler in Toblach und so weiter und so fort. Nur Haydn taucht in dieser Liste nicht auf. Nicht mehr. Dreißig Jahre lang gab es im österreichischen Burgenland, wo Haydn aufwuchs und einen großen Teil seines Berufslebens verbrachte, die Haydn Festspiele. Ersetzt wurden sie 2017 durch das Festival Herbstgold, das programmatisch breiter aufgestellt ist. Und das ist eigentlich auch folgerichtig. Denn Haydn war ein vielseitiger Mann. Er erfand nicht nur die Sinfonie und das Streichquartett in der klassischen Form, er komponierte Werke in allen Gattungen, die man sich vorstellen kann, und versorgte dabei auch Exoten wie Baryton und Orgelleier mit Repertoire. 

Auch Julian Rachlin ist ein vielfältig begabter Mann. Er spielt Geige und Bratsche, dirigiert, hat eine Professur in seiner Heimatstadt Wien, ist Chefdirigent in Jerusalem und im norwegischen Kristiansand und gründete bereits mit 31 Jahren, 2005, sein eigenes Kammermusikfestival im niederösterreichischen Kloster Pernegg. Und so bunt wie sein Leben gestaltet er auch das Herbstgold-Festival, dessen Programm er seit vier Jahren verantwortet.

Dramaturgen mögen skeptisch gucken, doch der bunte Ansatz hat seinen Charme – und funktioniert, weil Rachlin das Programm mit Geschmack und Gespür für interessante Kombinationen zusammenstellt. Er hat die nötigen Kontakte und schafft ein Umfeld, das auch die größten Namen der Musikwelt nach Eisenstadt zieht – für unter-marktübliche Honorare, wie er betont. Dabei wird Herbstgold getragen von der schwerreichen Esterhazy-Stiftung, die die einstigen Besitztümer der Fürstenfamilie verwaltet. Doch selbst wenn viel Geld ins Festivalprogramm fließen sollte: Hier wäre es gut angelegt.

Zehn Tage lang, jeweils Mitte September vom Mittwoch bis zum übernächsten Sonntag, jagt ein Highlight das andere. Jeden Tag gibt es ein Konzert, sonntags sogar zwei und dazu ein kleines Rahmenprogramm mit Gesprächen oder Filmvorführungen. Spielstätten sind der Hayndsaal und der kleinere Empiresaal im Schloss Esterházy – und die sind beide eine Wucht. Im Festsaal aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hat Haydn oft gespielt und viele eigene Werke erstmals geleitet. Und die Akustik ist hervorragend.

Vor und nach den Konzerten kann man es sich im Restaurant und der Vinothek gegenüber dem Schloss gut gehen lassen, ein sehr gutes Hotel ist kürzlich auch in unmittelbarer Nähe des Schlosses eröffnet worden, und so konzentriert sich das Festivalgeschehen auf einen kleinen Raum im Zentrum der kleinsten Landeshauptstadt Österreichs. Die Atmosphäre ist intim und die Chance, die Musiker des Festivals auch mal abseits des Konzerts zu treffen, groß. Auch das ist etwas, was Festivalleiter Julian Rachlin besonders mag.

Es ist sicherlich auch dieses Umgezwungene, dieses Miteinbeziehen aller Beteiligten, was das Herbstgold-Festival für Musiker so attraktiv macht. „Für mich entsteht eine Festivalatmosphäre nur dann, wenn die Künstlerinnen und Künstler sich genauso einbringen können wie der Intendant“, sagt Julian Rachlin. Und da lässt er sich und seinen Kollegen freie Hand: „Die Idee ist, dass es keine Fesseln gibt. Ich gebe kein spezielles Motto vor, das sich dann musikalisch wie ein Faden durchs Programm zieht. Es gibt Freiraum zum Atmen. Und die Musikerinnen und Musiker und auch das Publikum lieben das.“

Los geht es in diesem Jahr am
10. September mit dem Chamber Orchestra of Europe, dem Residenzorchester des Festivals seit 2022. András Schiff spielt als Solist zwei Klavierkonzerte von Mozart und dirigiert zwei Serenaden von Dvořák. Am nächsten Abend spielt das Janoska Ensemble, das bei jedem Festival einen – ausverkauften – Abend gestaltet, die „Vier Jahreszeiten“ in ihrem feurigen Gypsy-Style. Es folgen Brahms’ zweite Sinfonie und das Cellokonzert von Dvořák mit Jean-Guihen Queyras und dem BBC Philharmonic unter Leitung von Julian Rachlin, und am Samstag erklingen Mozarts „Haffner-Sinfonie“, Mendelssohns Violinkonzert und Beethovens „Eroica“ mit Janine Jansen und dem Chamber Orchestra of Europe wieder unter Leitung von Rachlin. Und so abwechslungsreich geht es weiter, unter anderem mit einem Jazz- und Weltmusikabend, einem Sextettabend mit Brahms und Schönberg, einem Liederabend mit Andrè Schuen und Daniel Heide sowie mit Edvard Griegs Klavierkonzert mit der  ganz jungen Alexandra Dowgan und dem Kristiansand Symfoniorkester unter der Leitung seines Chefdirigenten Julian Rachlin. 

Das Chamber Orchestra of Europe, das Residenzorchester des Festivals, im Haydnsaal von Schloss Esterházy. Foto: Julia Wesely

Hollywood-Star John Malkovich erzählt die vom Chilenen Roberto Bolano erdachte Geschichte eines Mannes, der Gedichte schrieb, zum Mörder wurde und verschwand: „The Infamous Ramirez Hoffman“, dazu spielt Anastasya Terenkova am Klavier Werke unter anderem von Satie, Piazzolla und Schnittke. Rachlin und András Schiff geben eine Matinee mit Mozart, Schubert und Beethovens „Kreutzer-Sonate“, und das Festivalfinale am 21. September bestreiten die virtuose Musikkomiker Igudesman & Joo.

Die konzertfreie Zeit kann man nutzen, um auf Joseph Haydns Spuren zu wandeln – Haydns einstiges Wohnhaus ist als Museum zu besichtigen, seine sterblichen Überreste ruhen im „Haydn-Mausoleum“ in der Bergkirche, keine zehn Minuten Fußweg vom Schloss entfernt. Man kann die Umgebung erkunden, zum Beispiel den Neusiedler See, das idyllische Städtchen Rust oder Franz Liszts Geburtsort Raiding. Oder man unternimmt einen Ausflug nach Ungarn, nach Bratislava oder nach Wien – alles in weniger als einer Stunde zu erreichen. Das Burgenland ist eine oft übersehene Ecke von Österreich, die viel zu bieten hat, nicht zuletzt guten Wein und kulinarische Spezialitäten.

Auch außerhalb des Herbstgold-Festivals stellt die Esterhazy-Stiftung einiges auf die Beine. Für Klassikfreunde besonders interessant ist das Beethoven-Projekt des Chamber Orchestra of Europe mit dem koreanischen Pianisten Sunwook Kim. Am 29. und 30. März werden sie die fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven im Haydnsaal des Schlosses Esterházy aufführen, auf ihrer ausgedehnten Europa-Tournee gastieren sie am 24. März im Berliner Kammermusiksaal mit den Konzerten Nr. 3 und 4.

Vom 4. bis 6. April lockt das Festival „quartetto plus“ ins Schloss Esterházy: Das Cuarteto Casals spielt Haydn, Arriaga und Boccherini, das Signum Saxophone Quartet unter anderem Dvořák und Bernstein, Sebastian Koch und das Herbert Nuss Jazzquartett gestalten eine musikalische Lesung von Schnitzlers „Traumnovelle“, und das Aris Quartett spielt Haydn, Schulhoff und gemeinsam mit Eckart Runge, einst Cellist des Artemis-Quartetts, Schuberts Quintett D 956.

„Wir versuchen das Unmögliche möglich zu machen“, fasst Julian Rachlin seine Philosophie des Herbstgold-Festivals in Eisenstadt zusamen. „Von der Qualität der Musiker und der Orchester stehen wir Salzburg eigentlich nicht nach. Es ist toll, dass diese großartigen Musiker kommen. Und dazwischen präsentieren wir ab und zu unbekannte Namen. Der Zuspruch des Publikums gibt uns Recht, es wird jedes Jahr internationaler, allmählich spricht sich herum, was für eine Qualität man in den zehn Tagen in Eisenstadt konzentriert erleben kann. Es ist einfach schön zu sehen, dass es funktioniert.“