Sinfonie der Gegensätze
Istanbul vereint Orient und Okzident – auch musikalisch. Das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra schlägt eine klangvolle Brücke zwischen Ost und West

Die Braut trägt ein traditionelles türkisches Hochzeitskleid – bordeauxrot, durchwebt mit goldschimmernden Fäden. Vertrauensvoll lehnt sie sich an ihren Bräutigam und blickt in die Kamera des eifrigen Fotografen, der das frisch vermählte Paar auf der Camondo-Treppe, einem architektonischen Jugendstil-Meisterwerk hinter dem Galataturm, ins Visier nimmt. Wenige Stufen oberhalb posieren zwei junge, hübsche Türkinnen vor einem Schaufenster, in dem ein knappes Paillettenkleidchen hängt, fürs perfekte Instagram-Foto. Tradition trifft auf Moderne, Orient auf Okzident – Istanbul zeigt beides gern. Schließlich schlägt in dieser 16-Millionen-Einwohner-Stadt, die sich wie eine Riesenkrake über mehr als fünftausend Quadratkilometer und sieben Hügel ausbreitet, ein Herz zwischen zwei Kontinenten: Europa und Asien. Trennlinie und Verbindung zugleich ist der Bosporus, die etwa dreißig Kilometer lange Wasserstraße, die das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet. Von der Rooftop-Bar des schicken Hotels „The Marmara“ überblickt man das in der Sonne blau glitzernde Wasser, auf dem sich täglich Tausende Schiffe tummeln – mit Blick auf Sultanahmet, das auf der historischen Halbinsel zwischen dem Goldenen Horn und dem Marmarameer liegt. Hier befinden sich die Hagia Sophia, die Blaue Moschee, der Topkapi-Palast und die Basilika-Zisterne. Während aus den Lautsprechern der Dachterrasse westliche Popmusik dröhnt und das Eis in den Cocktailgläsern klirrt, rufen Muezzine in einer der rund 2.900 aktiven Moscheen zum Gebet.
Schon 2010 sorgte das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra mit Mozart in Salzburg für Furore
Die orientalischen und westlichen Einflüsse, die sich überall in der Stadt widerspiegeln – in Architektur, Küche und Alltag (man wohnt in Asien, arbeitet in Europa oder umgekehrt) –, zeigen sich selbstverständlich auch in der Musik. Bereits im 19. Jahrhundert wurden westliche Komponisten an den osmanischen Hof geholt. Giuseppe Donizetti, Bruder des berühmten Gaetano, kam 1828 an den Hof Sultan Mahmuds II. – desselben Sultans, der das Elitekorps der Janitscharen gewaltsam auflöste und damit auch die Geschichte des Militärorchesters Mehterhâne beendete. Donizetti reorganisierte gegen gutes Geld die Hofkapelle, leitete sie jahrzehntelang und führte die westliche Notenschrift ein. Dank ihm hielten Instrumente wie Geige und Klavier Einzug in osmanische Salons. Der kraftvolle Klang der Janitscharenmusik beeinflusste übrigens Komponisten wie Beethoven, Mozart und Haydn. Parallel zur europäischen Klassik entwickelte sich eine klassisch-osmanische Musiktradition, stark geprägt von arabischen, persischen und byzantinischen Klängen. Typisch sind Instrumente wie die Ney-Flöte, die Oud (Laute) und die Kanun (Zither). Einer ihrer größten Meister war Tanburi Cemil Bey (1873-1916), ein Virtuose, der viele dieser Instrumente beherrschte. Heute verbindet das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra (BIPO) mit seinen Konzerten West und Ost: Beethoven und Mozart treffen auf türkische Komponisten wie Ulvi Cemal Erkin, Cemal Reşit Rey oder Fazıl Say.

Das BIPO ist eines der führenden Sinfonieorchester der Türkei und eng mit der Borusan Holding verbunden. Während große Orchester in Europa meist staatlich finanziert werden, steht hinter dem BIPO ein klassischer Mäzen: Ahmet Kocabıyık, Vorsitzender der Holding und passionierter Freund westlicher Klassik, initiierte 1993 die Gründung des Borusan-Kammerorchesters. Unter der musikalischen Leitung des Dirigenten Gürer Aykal entwickelte es sich bis 1999 zu einem Sinfonieorchester. Heute besteht das Orchester aus 85 Musikerinnen und Musikern, das Durchschnittsalter liegt bei etwa 35 Jahren, die meisten stammen aus der Türkei. Mit der Akademie BIPO wurde zudem ein Ausbildungsprogramm für Musikstudierende geschaffen, um den künstlerischen Nachwuchs zu sichern.
Der österreichische Dirigent Sascha Goetzel entwickelte das Orchester mehr als ein Jahrzehnt lang weiter und öffnete ihm die Türen zur internationalen Bühne. 2014 trat das BIPO als erstes türkisches Ensemble bei den BBC Proms auf – mit einem Programm namens „Oriental Promise“. Auch der Auftritt bei den Salzburger Festspielen 2010 war ein Erfolg. „In dieser Stadt spielte das BIPO ausgerechnet Mozart – und hatte Erfolg“, strahlt Zeynep Hamedi, stellvertretende Vorsitzende von Borusan Holding und leidenschaftliche Kunstförderin. Die Absolventin der University of Pittsburgh (Wirtschaft und deutsche Literatur) engagiert sich sowohl für das Orchester als auch für Bildungsprojekte wie Stipendienprogramme und kreative Workshops für Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren – inklusive des Borusan-Kinderchores.
Viele Istanbuler Konzertbesucher erleben mit dem BIPO zum ersten Mal ein Sinfonieorchester
Zeynep Hamedi und ihr Bruder Ahmet Kocabıyık verkörpern bestes Mäzenatentum. Klassische Musik ist in Istanbul nach wie vor einer kleinen Schicht vorbehalten. Viele Konzertbesucher erleben hier ein Sinfonieorchester zum ersten Mal. „Als Finanziers sehen wir uns auch in der Verantwortung, Menschen an klassische Musik heranzuführen – aber in die künstlerische Arbeit mischen wir uns nicht ein“, betont Hamedi.
„Die Popularität des Orchesters beweist, dass Musik Grenzen überwinden kann“, sagt Carlo Tenan, der aktuelle Chefdirigent des BIPO. Der italienische Dirigent, Pianist, Oboist und Komponist möchte die Erfolgsgeschichte des Orchesters fortsetzen, das bereits erfolgreich auf Tourneen durch Europa und bis nach Hongkong unterwegs war. Im April 2025 gastierte das BIPO in Großbritannien und Schottland, Anfang September folgen zwei Konzerte mit Fazıl Say in der Hamburger Elbphilharmonie und im Deutschen Haus Flensburg. Mit ihnen beschließt Say sein Künstlerporträt im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals – unter anderem mit seiner Sinfonie Nr. 6 op. 107 „Ein 100-jähriges Kind“, komponiert 2022 zum hundertsten Jubiläum der Republik Türkei. Auch das 2015 gegründete Borusan Quartet tritt im August zweimal im Rahmen des Festivals auf.
Das Label Onyx veröffentlichte im Mai 2025 ein neues Album des BIPO unter Leitung von Carlo Tenan. Zu hören sind Bohuslav Martinůs „Les Fresques de Piero della Francesca“, Zoltán Kodálys „Tänze von Galánta“, George Enescus Rumänische Rhapsodie Nr. 1 sowie Béla Bartóks Tanz-Suite – alle intensiv, emotional und mit kräftigen Klangbildern interpretiert. Diesen Stil kultiviert Tenan mit dem Orchester, wie er bereits im Juni 2024 mit einer kammermusikalisch anmutenden Aufführung von Mozarts Requiem beim Istanbul Music Festival bewies.
Die Kulturprojekte von Borusan beschränken sich jedoch nicht auf klassische Musik. Die Borusan Contemporary Art Collection zählt zu den bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in der Türkei, sie umfasst mehr als achthundert Werke mit Fokus auf Fotografie, Videokunst, Lichtinstallationen und neue Medien. Die Sammlung ist im Perili Köşk untergebracht, einem markanten historischen Villengebäude im Stadtteil Rumelihisarı. Unter der Woche ist es der Hauptsitz der Borusan Holding, am Wochenende Museum – ein außergewöhnliches „Office-Museum“-Konzept. Mitten im lebendigen Viertel Beyoğlu betreibt Borusan zudem das Borusan Kültür Sanat, ein Kulturzentrum in einem historischen Gebäude an der İstiklal Caddesi 160A. Auch dort finden regelmäßig Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt.
Apropos İstiklal Caddesi: Die 1,4 Kilometer lange Fußgängerzone verbindet das Galata-Viertel mit dem Taksim-Platz. Hier befindet sich das 2021 wiedereröffnete Atatürk Kültür Merkezi (AKM) – ein Kulturzentrum mit Opernhaus (2.040 Plätze), Theatersaal, Galerien, Bibliothek und einem markanten Kuppelbau aus Tausenden Keramikfliesen. Ebenfalls 2021 eröffnet: die riesige Taksim-Moschee, ein umstrittenes Symbol nach den Protesten 2013. Um elf Uhr abends pulsiert das Leben auf der İstiklal. Geschäfte haben geöffnet, Eisverkäufer zeigen akrobatische Kunststücke, um das traditionelle Dondurma zu verkaufen, und unzählige Paare und Familien flanieren die Straße entlang. Und dann sind da noch die Katzen – die heimlichen Stars der Stadt. Sie dürfen überall schlafen, werden gefüttert und umsorgt. Wer jetzt Ruhe sucht, geht in die Ernest’s Bar im Gebäude des ehemaligen US-Konsulats – eine charmante Hommage an Hemingway, der in den 1920ern im nahe gelegenen Pera Palace Hotel abgestiegen war.



