Metamorphosen statt Brüche
Paul Ben-Haim, ein zu Unrecht vernachlässigter Komponist

Er gilt als Pionier und wichtigster Vertreter der israelischen Kunstmusik. Gleichwohl setzte nach seinem Tod 1984 eine ungerechtfertigte Vernachlässigung ein, die erst seit Kurzem und eher langsam auch diskografisch korrigiert wird. In Deutschland teilte Paul Ben-Haim zudem das Schicksal vieler jüdischer Komponisten, die entweder dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen oder ins Exil gezwungen wurden: Eine Rehabilitierung beziehungsweise Rezeption seines Schaffens fand hier erst lange nach dem Ende der Nazizeit statt und wenn, dann nur vereinzelt, was nicht zuletzt auch an der jahrzehntelangen Dominanz der Darmstädter Schule lag, die in der Neuen Musik ausschließlich den Serialismus gelten ließ.
Ben-Haim wurde 1897 als Paul Frankenburger in München geboren. Zweifellos hätte er eine glänzende Karriere als Kapellmeister und Komponist in Deutschland haben können: 1920 machte er an der Münchner Akademie der Tonkunst seinen Abschluss mit Bestnoten, dem umgehend Assistenzen bei Bruno Walter und Hans Knappertsbusch an der Bayerischen Staatsoper folgten. 1924 erhielt er die Stelle des dritten und 1929 des ersten Kapellmeisters am Stadttheater Augsburg und begann sich auch als Komponist von Kammermusik und Orchestermusik zu etablieren. So entstanden mit dem Streichtrio op. 10 (1927) und dem Concerto grosso (1931) zwei bemerkenswert eigenständige und erstaunlich reife Werke. Beispielsweise greift das Concerto grosso zwar barocke Gattungen und Formen auf, setzt diese aber in der Tradition der deutschen Spätromantik sowie seiner damaligen Vorbilder Gustav Mahler und Max Reger um. Das Stück hat damit nur wenig mit dem eher spielerischen neobarocken Ansatz ähnlicher Werke von Igor Strawinsky oder Bohuslav Martinů aus dieser Zeit gemein.
Er verband die deutsche Kammermusiktradition mit der Musik seiner neuen Heimat
Der Kontakt und die Freundschaft mit dem rund zehn Jahre älteren Komponisten Heinrich Schalit ab etwa 1927 verstärkte bei Frankenburger den Wunsch, sich mit jüdischer Musik und seinem jüdischen Erbe auseinanderzusetzen. Allerdings war die Hinwendung Frankenburgers, der aus einem dem liberalen Judentum zugewandten Elternhaus stammte, weniger religiös, sondern vielmehr kulturell und spätestens mit der Gründung des Staates Israel auch politisch motiviert. Der im Juli 1931 beim Deutschen Sängerfest in Nürnberg mit großem Erfolg uraufgeführte Psalm 126 „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird“ op. 13 für Männerchor ist zweifellos das bedeutendste Werk aus der Frühphase dieser Hinwendung. Stilistisch ist es noch weitgehend in der deutschen spätromantischen Chormusik-Tradition verwurzelt, die aber durch gemäßigte expressionistische Elemente bereichert wird.
Die Bedrohung durch den täglich wachsenden Antisemitismus, aber auch die Weltwirtschaftskrise stellten für Frankenburger einschneidende Entwicklungen dar. Die Wirtschaftskrise dürfte wohl die hauptsächliche Ursache für seine Entlassung am Theater Augsburg 1931 gewesen sein, denn zeitgleich verloren auch Nichtjuden am Theater ihre Arbeit. Frankenburger versuchte nun, seinen Unterhalt mit Unterricht und Konzertieren zu verdienen, und fand zugleich mehr Zeit zum Komponieren. Das 1931/32 entstandene Oratorium „Joram“ op. 18, das letzte größere Werk, das vor seiner Emigration nach Palästina entstand, bezeichnete er selbst als sein Hauptwerk. Basierend auf dem 1907 erschienenen Roman von Rudolf Borchardt, muss es als eines der wichtigsten musikalischen Zeugnisse der deutsch-jüdischen Kultur am Vorabend ihrer Auslöschung gesehen werden. Es steht allerdings auch exemplarisch für die Vernachlässigung der Musik, die Frankenburger noch in Deutschland komponierte. Das anspruchsvolle Werk für Solisten, Chor, Orchester und Orgel erlebte nämlich erst 1979 in Teilen und in hebräischer Übersetzung seine Uraufführung, in Israel. Die erste vollständige Aufführung der deutschen Originalfassung fand 2008 in München statt. Leider liegt bis heute keine kommerzielle Einspielung vor.
Angesichts seiner prekären Situation und der immer bedrohlicher werdenden politischen Lage in Deutschland sah sich Frankenburger gezwungen, einen Neuanfang zu wagen. Im Mai und Juni 1933 reiste er ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina, um sich ein Bild der dortigen Musikszene zu machen und Kontakte zu knüpfen. Da Frankenburger mit einem Touristenvisum, also ohne Arbeitserlaubnis, eingereist war, bediente er sich auf Anraten von Freunden bei Auftritten und als Privatlehrer eines Pseudonyms: Paul Ben-Haim, zu Deutsch: Sohn des Heinrich, nach seinem Vater Heinrich Frankenburger. Anfang November 1933 emigrierte er dann endgültig und ließ sich in Tel Aviv nieder. Sein Pseudonym wurde sein neuer Name, der 1948 mit der Staatsgründung Israels auch in seinem Pass eingetragen wurde.
Die erste Zeit in Palästina bedeutete für Paul Ben-Haim zunächst eine kompositorisch wenig fruchtbare Eingewöhnungsphase, in der er sich vor allem auf seine Lehrtätigkeit konzentrierte. Erst 1937 entstand sein erstes in Palästina komponiertes Werk, das Streichquartett op. 21, das rasch zu einem der populärsten in Israel entstandenen Kammermusikwerke avancierte. Ben-Haim erkannte schnell, dass er mit seinem bisherigen Werk als deutscher, aber nicht als jüdischer oder israelischer Komponist gesehen wurde, dass aber die sich gerade bildende Gesellschaft vor Ort geradezu eine neue nationale Musik benötigte.
Seine Bekanntschaft mit der populären Folkloresängerin Bracha Zefira, die ihm ab 1939 jüdische und arabische Lieder näherbrachte, gab ihm neue Impulse, ihre Zusammenarbeit beeinflusste seinen Kompositionsstil nachhaltig. Ben-Haim stellte seine bisherigen musikalischen Prägungen aber nicht grundsätzlich infrage, sondern integrierte die neuen Anregungen und Zitate einfallsreich in seinen existierenden Personalstil. Exemplarisch gelang ihm dies im Klarinettenquintett op. 31a von 1941, wo er meisterhaft die europäische beziehungsweise deutsche Kammermusiktradition mit der Musik seiner neuen Heimat verbindet. Völlig zu Recht zählt das Stück heute zu seinen bekanntesten Werken.
Bereits nach wenigen Jahren galt Ben-Haim auch im Ausland als bedeutendster und erfolgreichster Komponist des Landes. Seine 1941 uraufgeführte erste Sinfonie ist das erste Werk dieser Gattung, das in Palästina komponiert und uraufgeführt wurde. Der sprunghafte Anstieg ausgebildeter Musiker unter den Einwanderern ab 1936 hatte es möglich gemacht, mit dem Palestine Orchestra (dem heutigen Israel Philharmonic Orchestra) ein Sinfonieorchester nach europäischen Qualitätsstandards zu gründen. Das Werk nimmt deutlich Bezug auf die dramatischen Kriegsereignisse seiner Entstehungszeit. Es zeichnet sich nicht zuletzt durch seine unmittelbare Fassbarkeit der Musik aus, die einmal von David Hurwitz salopp, aber treffend als „Hindemith mit weniger klobigen Rhythmen und etwas mehr konsonanter Harmonie“ bezeichnet wurde. Bemerkenswert ist auch die durchdachte und farbenreiche Instrumentation. Die euphorische Aufnahme durch das Publikum und die Kritik bedeuteten den endgültigen Durchbruch Ben-Haims.
1968 entstand mit den „Symphonic Metamorphoses on a Bach Chorale“ op. 68 über den Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 691a eines seiner wichtigsten instrumentalen Spätwerke. Ben-Haim wählte bewusst die Bezeichnung „Metamorphosen“ (Gestaltwandlungen) und führt dazu aus: „In diesem Werk gibt es keine Variationen im eigentlichen Sinne, sondern das Thema erfährt Verwandlungen und zwar so, dass Teile des Originals immer erkennbar sind, aber nicht in dem Stil dominieren wie bei Variationen.“ Sein Biograf Jeoash Hirshberg überträgt dieses Prinzip treffend als Grundmuster auf das Leben Ben-Haims. Es handele sich um einen bei allen biografischen Zäsuren und Neuorientierungen kontinuierlichen Prozess, der weniger von Umbrüchen als vielmehr von Übergängen geprägt war.
Betrachtet man das mehr als 250 Werke umfassende Oeuvre Ben-Haims, dann sind zwei Dinge besonders auffällig: zum einen, dass Ben-Haim weder für außereuropäische Instrumente komponierte, noch sich die Harmonik und besondere Rhythmik der arabischen Musik vor Ort zu eigen machte. Trotz seiner Öffnung hinsichtlich der Melodik blieb Ben-Haim zeitlebens ein stark europäisch geprägter Komponist, was letztendlich auch dem eurozentrischen Musikgeschmack weiter Teile des israelischen Konzertpublikums geschuldet war. Das trug ihm später auch Kritik von jüngeren israelischen Komponisten ein, die eine völlig neue israelische Musik propagierten: Sie sollte sich vom europäischen, besonders vom deutschen musikalischen Erbe befreien. Der Wertschätzung von Ben-Haims Werken beim Großteil des israelischen Publikums tat das freilich keinen Abbruch. Die zweite Auffälligkeit ist das Fehlen einer Oper in seinem Werkkatalog. Dass bei einem Komponisten, dessen Karriere an einem Opernhaus begann und in dessen Werk die Vokalmusik einen wichtigen Platz einnimmt, ausgerechnet diese Gattung fehlt, verwundert ein wenig. Vielleicht lag es an den zunächst fehlenden adäquaten Aufführungsmöglichkeiten in Palästina beziehungsweise Israel, vielleicht erinnerte ihn die Oper aber auch zu sehr an seine „Galeerenjahre“ in Augsburg, als ihm wegen des hohen Arbeitspensums (bei mäßiger Bezahlung) nur die Nacht zum Komponieren blieb.
Ausgerechnet ein Besuch in seiner Geburtsstadt München anlässlich eines Festkonzerts zu Ehren seines 75. Geburtstags 1972 wurde für Paul Ben-Haim zur persönlichen Katastrophe: Während eines Spazierganges durch die Stadt wurde er von einem Auto angefahren und war fortan an den Rollstuhl gefesselt. Auch wenn bis zu seinem Tod 1984 noch weitere Werke entstanden, war seine Fähigkeit zu komponieren seitdem deutlich eingeschränkt.
Trotz mancher Kritik blieb Ben-Haim in Israel ein geschätzter, ja bewunderter Komponist und Lehrer, der durch sein Wirken am Jerusalemer Konservatorium sowie am Tel Aviv Teacher’s College, dem heutigen Levinsky College of Education, zahlreiche junge israelische Komponisten, Lehrer und Musiker geprägt hat.



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