Auf Reisen

„Why not?“

Von
Georg Rudiger
Foto: Britt Schilling
Foto: Britt Schilling

Zum Auftritt des Philharmonischen Orchesters Freiburg geht es in den Keller. Nur wenige Stuhlreihen sind aufgestellt. Das Glas Wein kann zum Sitzplatz mitgenommen werden, der größere Teil des Publikums steht. „Wir sind die Vorband“, sagt Generalmusikdirektor André de Ridder lächelnd, bevor ein Kammerensemble des städtischen Orchesters Johann Sebastian Bachs fünftes Brandenburgisches Konzert spielt – mit griffigen Streichern und perlenden Cembaloläufen. Dass ein paar Konzertbesucher mit ihrem Handy filmen, stört hier im Freiburger Jazzhaus niemanden. Manche hören zum allerersten Mal ein Orchester. Und auch für Abonnenten ist die ungewöhnliche Umgebung spannend.

Beim Freiburg.Phil Club geht es aber nicht nur darum, mit dem Orchester der Stadt andere Orte als gewohnt aufzusuchen – die Konzertreihe soll auch künstlerisch neue Wege gehen. „Normalerweise ist der von mir moderierte Abend dreiteilig“, sagt André de Ridder. „Wir beginnen mit einem meist zeitgenössischen Werk von etwa zehn Minuten Dauer. Im zweiten Schritt gibt es eine Kollaboration zwischen einer Band und dem Philharmonischen Orchester, im dritten spielen die musikalischen Gäste dann ihr eigenes Set.“ An diesem Abend im Jazzhaus folgt auf Bach die Komposition „Brandenburg Interstices“ der US-Amerikanerin Gabriella Smith, die das fünfte Brandenburgische Konzert im Original zitiert, mit Glissandi und verzerrten, experimentellen Klängen anreichert und auch mal zu einer temperamentvollen Bluegrass-Nummer werden lässt. Dann betritt die Kölner Rapperin Leila Akinyi im schwarzen Glitzerkleid die Bühne und textet zur Orchesterbegleitung und elektro­nischen Beats: „Ich bin eine crazy Braut aus deiner Fantasie. Schau in meine Augen rein, was du siehst, ist Trouble, mehr als 500 Jahre alt.“ Ihr Produzent hat aus Gabriella Smiths Werk ein paar Samples gebaut und elektronisch bearbeitet, die wiederum vom Orchester live gespielt werden. Akinyis Auftritt besticht durch Bühnenpräsenz, Musikalität und die Wucht der Texte. Das Orchester legt keinen Streicherteppich aus, sondern wird zum Partner auf Augenhöhe. Und auch das anschließende Solo-Set der Künstlerin sorgt für Begeisterung beim gemischten Publikum.

Die musikalischen Gäste im Jazzhaus wählt de Ridder selbst aus. „Dabei hat er bislang guten Geschmack bewiesen“, sagt Nico Schrader, Booker und Veranstaltungsleiter. „Wir stellen den Raum und unsere Erfahrung zur Verfügung. Natürlich haben wir auch eine große Reichweite und so die Möglichkeit, ein anderes Publikum anzusprechen.“

Bisher traten im Jazzhaus das Duo Witch’n’Monk, bestehend aus dem kolumbianischen Experimentalflötisten Mauricio Velasierra und der englischen Sängerin und E-Gitarristin Heidi Heidelberg, und die französische Sängerin Halo Maud auf. „Ich finde es cool, wenn bei uns im Club nicht nur Drums, Gitarre und Bass auf der Bühne sind, sondern auch mal ein Cembalo, Bratschen oder Violinen einen HipHop-Beat spielen.“ Das Feedback sei sehr positiv, die Zuschauerzahlen steigen. „Neben dem kulturellen Mehrwert und dem Aufbrechen von Genres und Konventionen finde ich es schön zu sehen, wie alle Beteiligten großen Spaß an diesen experimentellen Projekten haben“, sagt Schrader.

Foto: Marco Borggreve

Die ersten beiden Jahre seit André de Ridders Amtsantritt 2022 wurde der Freiburg.Phil Club durch Bundesmittel aus der Initiative „Exzellente Orchesterlandschaft“ gefördert. Seit der Spielzeit 2024/25 wird das Herzensprojekt des Freiburger GMDs aus dem normalen Etat finanziert. Mit einem Dirigenten als Vater und einer Opernsängerin als Mutter ist der 54-jährige Berliner zwar in einem ganz von klassischer Musik geprägten Haushalt groß geworden, hatte aber durch seinen Freundeskreis intensiv mit dem New Wave der späten 80er-Jahre zu tun und spielte Gitarre in einer Band. „Nach meinen Dirigierstudium an der Royal Academy of Music in London bin ich wieder stärker darauf zurückgekommen, weil in England die Trennung zwischen E- und U-Musik nicht so stark ist wie in Deutschland. Da gibt es viele Berührungspunkte“, sagt de Ridder, der 2027 übrigens, wie im Mai bekannt wurde, nach London zurückkehren wird – als Chefdirigent der English National Opera.

Auch in der Minimal Music ist er zu Hause, wie seine souveränen Dirigate von John Adams’ „Nixon in China“ an der Stuttgarter Staatsoper und „Einstein on the Beach“ am Theater Basel zeigten. Seinen musikalischen Einstand als Freiburger GMD feierte er mit Alban Bergs „Wozzeck“.

Mit dem von ihm 2013 gegründeten Ensemble stargaze, dessen Mitglieder klassische Instrumente spielen, ist er zwischen den musikalischen Genres unterwegs, nimmt Musik von Komponisten wie Bryce Dessner, dem Gitarristen der Rockband The National, auf und hat auch schon bei den BBC Proms einen David-Bowie-Abend zum Gedenken an den 2016 verstorbenen Rockstar gegeben. Die stilistisch vielfältige Arbeit mit stargaze war für ihn ein Vorbild für den Freiburg.Phil Club, der auch in der neuen Saison unter dem neuen Intendanten Felix Rothenhäusler fortgesetzt wird.

Der Freiburg.Phil Club bespielt nicht nur neue Orte. Die Konzertreihe geht auch musikalisch neue Wege

Neben Konzerten im Kleinen Haus des Theaters – hier spielten unter anderem 1000 Robota, Andi Haberl von der bayerischen Indieband The Notwist und die Elektronikkünstlerin Nik Colk Void von Factory Floor – gibt es auch eine Zusammenarbeit mit dem kleinen, intimen Slow Club im Freiburger Westen. Der Vorsitzenden Sévérine Kpoti gefallen die von de Ridder ausgelösten musikalischen Clashs: „Ich bin ein großer Fan von interdisziplinären und progressiven Grenzgängen.“ Hier im Slow Club wählt dieser „Verein für notwendige kulturelle Maßnahmen“ selbst die Künstlerinnen und Künstler aus. Als besonders gelungenes Projekt empfand Kpoti die Kollaboration des Philharmonischen Orchesters mit der Kraut/Psych-Rockband Wolkenkratzer. „Besonders schön war es, das erstaunte Publikum zu sehen, als die Bandmitglieder in Schutzanzügen zuerst einmal die Bühne staubsaugten als Teil ihrer Performance. Das gemeinsam mit der E-Cellistin Dina Fortuna-Bollon gespielte Stück ‚Industry‘ von Michael Gordon erzeugte eine Klangatmosphäre, die den ganzen Saal in Bann gezogen hat.“

Es kann aber beim Freiburg.Phil Club auch weniger verzerrt zugehen. Im Kleinen Haus des Theaters wurde schon ein Teil von Max Richters „Vier Jahreszeiten“ nach Antonio Vivaldi von einem Streichorchester gespielt. André de Ridder hat das massentaugliche, neoklassische Werk für die Recomposed-Reihe der Deutschen Grammophon selbst aufgenommen und im letzten Neujahrskonzert des Philharmonischen Orchesters im Konzerthaus präsentiert. Berührungsängste hat de Ridder jedenfalls keine.

„Es werden hier beispielsweise die Verwandtschaft von barocken Motiven und Sequenzen der Minimal Music deutlich und zu einem künstlerisch spannenden Amalgam geführt. Natürlich gewinnen wir dank der Popularität des Werkes auch neue Hörer für Konzertmusik überhaupt. Why not?“