Auf Reisen

Musikstadt Athen

Von
Bernhard Blattmann
Foto: Yiorgis Yerolymbos
Foto: Yiorgis Yerolymbos

Griechische Opernsänger wie Maria Callas, Agnes ­Baltsa, ­Elena Souliotis, Elena Nikolaidi, Irma Kolassi, Myrtò Papatanasiu, ­Mary-Ellen Nesi, Nikos Zachariou (Nicola Zaccaria) oder Tassis Christoyannis sind wohlklingende Namen in der Opernwelt, und dennoch zögert man hierzulande, Griechenland als Opernland zu bezeichnen. Dabei kann das südosteuropäische Land sehr wohl eine lange Operntradition vorweisen, die sich zunächst auf Korfu konzentrierte, da die Insel im Ionischen Meer nie zum Osmanischen Reich gehörte. So konnte sich mit der sogenannten Ionischen Schule schon im 19. Jahrhundert eine eigene griechische Operntradition etablieren. Nach der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich und der Staatsgründung wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ermoupolis, der Hauptstadt der kleinen, aber damals sehr wohlhabenden Insel Syros, das Apollon-Opernhaus gebaut, das heute noch im Rahmen eines kleinen ­Festivals bespielt wird.

Als das griechische Opernhaus mit dem am längsten durchgehenden Opernbetrieb darf die Griechische Nationaloper in Athen gelten, die 1939 gegründet wurde. Zuvor hatten sich die Athener Opernfreunde mit Gastauftritten reisender Opernkompanien, später dann mit privaten Operninitiativen wie der Hellenic Melodrama bescheiden müssen, die von 1888 bis 1943 existierte. Es war übrigens diese Operngesellschaft, bei der 1938 eine gewisse Maria Kalogeropoulou ihr Debüt als Santuzza in Mascagnis „Cavalleria rusticana“ gab – als Maria Callas sollte sie eine der bedeutendsten Opernsängerinnen ­aller Zeiten werden. Das professionelle ­Debüt der Callas folgte dann als ­Beatrice in Franz von Suppés „­Boccaccio“ an der Athener Nationaloper in der Saison 1940/41.

Bis 1944 liefen Opernvorstellungen der Nationaloper lediglich als Teil des Sprechtheaters und fanden im von dem deutschen Architekten Ernst Ziller konzipierten Gebäude des Königlichen Theaters in der Agiou-Konstantinou-Straße statt. Erst 1944, also noch während der deutschen Besatzung, konnte man als eigenständiges Ensemble ins Theater Olympia an der Akademias-­Straße umziehen, wo man mit der Oper „Rhea“ von Spyros Samaras den Spielbetrieb eröffnete. Der Bau erwies sich bald als unzureichend für einen modernen Opernbetrieb, und so wurde 1958 das neue Olympia-Theater erbaut. In den folgenden Jahren wurde das Repertoire des Ensembles erheblich erweitert, wobei man bis heute besonderen Wert auf die Pflege und Erweiterung des griechischen Opern- und Operettenrepertoires legt. Neugierige Opernfreunde können am Olympia Werke griechischer Komponisten erleben, die man außerhalb Griechenlands leider so gut wie nie zu hören bekommt.

In den 1940er Jahren begann man dann, auch das antike Odeon des Herodes Atticus am Fuß der Akropolis sowie das antike Theater von Epidauros zu bespielen, legendär geworden sind die Aufführungen der „Norma“ 1960 und der „Medea“ 1961 mit Maria Callas. Diese Tradition hat sich im Rahmen des Athen-Epidauros-Festivals bis heute bewahrt: Wenn im Sommer der reguläre Opernbetrieb ruht, haben Einheimische und Touristen die Gelegenheit, Aufführungen in den beiden antiken Spielstätten zu erleben. Dem Zauber, wenn etwa bei der Arie „Casta Diva“ in einer „Norma“-Aufführung im Odeon des Herodes Atticus hinter dem antiken Bühnenhaus langsam der echte Vollmond aufsteigt, kann sich einfach niemand entziehen. Leider wurde kürzlich bekannt gegeben, dass das Odeon wegen dringender Instandhaltungs- und Restaurierungsarbeiten von 2025 an für mindestens drei Jahre geschlossen bleiben muss.

Linke Seite: Nationaloper (links) und Nationalbibliothek; oben: Cherubinis „Medea“ 2023

Auch das Haus an der Akademias war schon bald den wachsenden Anforderungen, aber auch den Besucherzahlen nicht mehr gewachsen. Zum Glück fand sich 2006 mit der Stavros-Niarchos-Stiftung, benannt nach einem Athener Reeder, ein mehr als großzügiger Unterstützer, der nicht nur einen Neubau im rund vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernten Stadtteil Kallithea finanzierte, sondern auch noch dessen Betriebskosten in den ersten drei Jahren übernahm. Nach der Fertigstellung des neuen Kulturzentrums der Stavros-Niarchos-Stiftung gab die Nationaloper 2017 ihre Abschlussvorstellung am Olympia mit demselben Stück, mit dem sie dort 1944 angefangen hatte: der Oper „Rhea“ von Samaras. Die alte Spielstätte fungiert seitdem als Städtisches Musiktheater Olympia-Maria Callas. Mehrmals im Jahr finden hier konzertante und szenische Opernaufführungen unter anderem mit dem Athener Rundfunkorchester statt, wobei der Schwerpunkt auf interessanten Raritäten wie zum Beispiel Rossinis „Le siège de Corinthe“ oder Händels „Semele“ liegt.

Die neue Griechische Nationaloper ist ein Meisterwerk des italienischen Stararchitekten Renzo Piano und Teil eines Zwillingskomplexes, der außerdem die neue Nationalbibliothek umfasst. Piano hat ihn in einer großzügigen, 210.000 Quadratmeter großen Parkanlage mit mediterraner Bepflanzung angelegt, die 2018 den Europäischen Gartenpreis erhielt und von den Athenern schnell als Naherholungsgebiet angenommen wurde. Vor einem Besuch oder während einer Pause kann man zudem an einem dreihundert Meter langen und dreißig Meter breiten Kanal flanieren, der abends illuminierte Wasserspiele bietet. Mehrere Cafés, ein Bistro und das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant Delta stehen den Besuchern zur Verfügung. Selbst ohne Spielbetrieb ist ein Besuch des Komplexes lohnenswert – und das gilt nicht nur für die Oper, sondern auch für die ebenfalls großzügig gestaltete Nationalbibliothek.

Das neue Opernhaus wurde mit ­neuester akustischer Technik ausgestattet; die edlen Materialien in den Innenräumen sehen nicht nur gut aus, sie beeinflussen auch die Akustik sehr positiv, auch in den Probebühnen und Proberäumen. Der Saal bietet ebenso den Zuschauern einigen Komfort: So gibt es in die Sitzlehnen integrierte Bildschirme, die mehrsprachige Informationen und Untertitel bieten. Wer keine der Aufführungen besuchen kann oder möchte, der kann sich vorab online für eine englischsprachige ­Führung durch das Gebäude außerhalb des ­Spielbetriebs anmelden.

Das Ensemble der Athener Nationaloper arbeitet in Koproduktionen mit einigen der großen Opernhäuser der Welt zusammen und vergibt auch Kompositionsaufträge für neue Bühnenwerke an zeitgenössische Komponisten. Zur Nationaloper gehören ­zudem das Griechische Nationalballett, ein bedeutendes nationales Musikarchiv, ein sehenswertes Kostümmuseum sowie Sammlungen von Bühnenmodellen und Partituren.

Wie in Südeuropa generell üblich, läuft der Betrieb nach dem Stagionesystem: Produktionen werden also mehrfach hintereinander gezeigt und danach in der Regel nicht wieder aufgenommen. Wer also eine Aufführungsreihe verpasst, hat – anders als im deutschen Repertoiresystem – keine Chance, die Inszenierung in der nächsten Spielzeit zu sehen. Dafür bietet sich manchmal die Chance, bemerkenswerte Koproduktionen mit anderen Opernhäusern hier noch einmal erleben zu können: in der aktuellen Spielzeit zum Beispiel die vielbeachtete Rekonstruktion der „­Carmen“-Uraufführung aus Frankreich, die in Zusammenarbeit mit der französischen Stiftung Palazzetto Bru Zane entstand. Ohne Zweifel ist diese Inszenierung ein absolutes Highlight der Saison, das eine Reise in das unterschätzte Opernland Hellas und seine Metropole Athen lohnenswert macht.

Eine Reise nach Athen lohnt sich für Kulturinteressierte also nicht nur wegen der antiken Denkmäler, der byzantinischen Kunst und interessanter moderner Architektur. Die lebendige, je nach Zählweise Drei- oder Vier-Millionen-Metropole hat auch musikalische Hochgenüsse zu bieten.