Musikgeschichte

Erbe der Klassik mit Vorahnungen der Romantik

Von
Ecki Ramón Weber
Foto: Godefroy Engelmann
Foto: Godefroy Engelmann

Jan Dismas Zelenka (1679-1745) und Johann Baptist Georg Neruda (1707-80) machten Karriere am Hof zu Dresden. Jan Baptist Vanhal (1739-1813) war erfolgreich in Wien, Johann Stamitz (1717-57), der Leiter der Hofkapelle in Mannheim, wurde zum einflussreichen Protagonisten der Vorklassik. Und Josef Mysliveček (1737-81) wirkte als Opernkomponist in Italien. Was diese Komponisten gemeinsam haben? Sie alle stammen aus Böhmen. Im 18. und 19. Jahrhundert waren böhmische Musiker in ganz Europa hochgeschätzt und brachten wichtige Impulse in die Musik. Es sind Migrations- und Aufstiegsbiografien: Alle Genannten stammten aus einfachen Verhältnissen. Sie waren Söhne von Bauern, Handwerkern und Dorfschullehrern und erlangten später als Musiker Zutritt zu mächtigen Adelskreisen.

In diese illustre Runde gehört auch Jan Václav Voříšek, Komponist, Organist und Pianist, geboren am 11. Mai 1791 im Marktort Wamberg, heute Vamberk im Nordosten Tschechiens. Voříšek galt als musikalisches Wunderkind, sein Vater Václav František Voříšek, Schullehrer und Kantor in Wamberg, gab dem begabten Sohn bereits ab dem dritten Lebensjahr ­Klavier- und Gesangsunterricht. Bald kamen Violin- und Orgelstunden dazu. Als Siebenjähriger vertrat Jan Václav bereits den Organisten einer Nachbargemeinde. Wenige Jahre später erlangte er als Pianist und Geiger, nicht zuletzt mit Mozart-Konzerten und Eigenkompositionen, regionale Bekanntheit.

Kein Wunder, dass auch die Gräfin Rozina Kolowrat-Liebsteinsky, die Besitzerin der Ländereien um Wamberg, auf das vielversprechende Talent aufmerksam wird. Sie ermöglicht ihm nach 1800 eine Ausbildung am Jesuiten-Gymnasium in Prag, wo der junge Voříšek Organistendienste bei den Gottesdiensten übernimmt und mehrere Sakralwerke komponiert. 1804, mit 13 Jahren, erhält er seinen ersten Unterricht in Musiktheorie und Komposition bei Václav Jan Křtitel Tomášek, den sowohl Beethoven als auch der gestrenge Kritiker Eduard Hanslick schätzten. Beeindruckt von Voříšeks Talent, erteilt Tomášek ihm die Stunden unentgeltlich. Voříšek beschäftigt sich im Unterricht intensiv mit Bachs „Wohltemperiertem Clavier“ und schreibt im zarten Alter von 18 Jahren bereits ein Requiem. Eine Notiz in Tomášeks Tagebuch: „Großes Talent umsonst“, lässt darauf schließen, dass Voříšeks Vater für den Sohn andere Pläne als eine ­Musikerkarriere hatte. Und tatsächlich beginnt Jan ­Václav nach dem Schulabschluss 1810, an der Prager Universität Jura zu studieren. Er gibt aber weiterhin Konzerte in den ­Salons der Stadt.

Drei Jahre später, mit 22 Jahren, zieht Voříšek nach Wien, um dort sein Studium fortzusetzen. Ein weiteres Motiv für den Ortswechsel: Voříšek ist ein glühender Bewunderer Ludwig van Beethovens. Auf einer erhaltenen Lithografie ähnelt er kurioserweise seinem Vorbild sogar ein bisschen. In der Hauptstadt erhofft sich Voříšek generell neue Impulse für seine musikalische Entwicklung. So nimmt er Klavierunterricht beim Salieri- und Mozart-Schüler Johann Nepomuk Hummel – und übernimmt, als Hummel 1816 Wien verlässt, dessen Schüler. Bald macht sich Voříšek einen Namen als Pianist und Geiger, was ihm Zugang zu einflussreichen Kreisen Wiens ermöglicht. So wirkt er bei den Liebhaberkonzerten mit ­älteren Vokalwerken im Salon des Hofbeamten und passionierten Musikhistorikers Raphael Georg Kiesewetter Edler von Wiesenbrunn als Basso-continuo-Spieler mit.

Voříšek, der in Wien vor allem unter der deutschen Namensform Jan Hugo Worzischek bekannt wird, wird bald schon als ernsthafter Konkurrent des drei Jahre jüngeren, ebenfalls aus Böhmen stammenden Pianisten Ignaz Moscheles gehandelt. Die Wiener Zeitung nennt ihn 1822 „unseren herausragenden Meister auf dem Klavier“, und Beethoven äußert sich lobend über Voříšeks „Zwölf Rhapsodien“ für Klavier.

Voříšek kam als Erster auf die Idee, ein Musikstück „Impromptu“ zu nennen. Schubert folgte ihm bald

Über den erwähnten Kiesewetter kommt Voříšek in Kontakt mit der noch jungen Gesellschaft der Musikfreunde, die so etwas wie eine Gegenveranstaltung zu den Konzertdarbietungen am Kaiserhof und in den adeligen Salons ist, wird sie doch vor allem vom stark an Einfluss gewinnenden Bürgertum getragen. 1818 wird Voříšek Assistenzdirigent bei der Gesellschaft der Musikfreunde, im Jahr darauf Orchesterleiter. Als Auftragswerk für die Musikfreunde entsteht auch sein bis heute bekanntestes Werk, die 1823 uraufgeführte Sinfonie D-Dur op. 24, seine einzige. Ihr rhythmischer Schwung, das resolute Hauptthema und einige Züge in der Harmonik belegen Einflüsse des frühen Beethoven. Der ist damals allerdings längst schon mit seiner Neunten beschäftigt. Auch wenn Voříšek in seiner Sinfonie ein Scherzo erklingen lässt, folgt er Beethoven nicht in jene dramatischen Ausdrucksbereiche, die dieser seit seiner Dritten, der 1805 uraufgeführten „Eroica“, betreten hat. Überhaupt ist Voříšek im ­Sinfonischen im Gegensatz zu Beethoven und dem jüngeren Franz Schubert stärker den Traditionen und Idealen der Wiener Klassik, vor allem in der Prägung Mozarts, verpflichtet. Das zeigt sich in der formalen Klarheit und Ausgewogenheit sowie in den überschaubaren Dimensionen von Voříšeks Sinfonie. Den Schritt hin zu intensiverem Ausdruck und zugespitzten Emotionen mit experimentelleren Lösungen vollzieht Voříšek in seiner Sinfonie nicht.

Seine Instrumentalkonzerte sind allesamt Bravourstücke für Virtuosen, etwa die Variations brillants für Klavier und Orchester von 1818 und drei Werke, in denen Voříšek die Besetzung von Beethovens Tripelkonzert (von 1803/04), Klavier, Violine und Violoncello und Orchester, aufnimmt: das Grand Rondeau concertant op. 25 (1820), die Variations di Bravura op. 14 (um 1820) und das Rondo espagnol op. 17 (um 1822). Daneben komponiert Voříšek weiterhin geistliche Werke, die seine profunden Kenntnisse im polyphonen Satz zeigen, zudem weltliche Chormusik, Lieder und Duette, Kammermusik und Klavierstücke.

Die ganze Zeit hat Voříšek parallel weiterstudiert, und mit dem Abschluss seines Jurastudiums 1822 erhält er einen Posten in der Marineabteilung im Kriegsministerium, kündigt diesen allerdings schon nach gut einem Jahr, nachdem er sich gegen sieben Mitbewerber für die Position des stellvertretenden Hoforganisten durchsetzen konnte. Wenig später stirbt der Hoforganist Václav Růžička, und Voříšek wird 1824 zu seinem Nachfolger ernannt. Doch sein neues Amt kann er nicht mehr lange genießen: Die Lungentuberkulose, an der er seit Jahren leidet, verschlimmert sich zusehends. Im Januar 1825 stellt er die Messe B-Dur fertig, sein letztes vollendetes Werk, wenige Wochen später muss er krankheitsbedingt sein Amt als Hoforganist aufgeben. Am 19. November 1825 stirbt Jan Václav Voříšek mit nur 34 Jahren, zwei Jahre vor Beethoven und drei vor Schubert. Begraben wird er auf dem Währinger Ostfriedhof, wo nach ihm auch Beethoven und Schubert bestattet werden. Heute befindet sich dort der Schubertpark.

Eine beachtliche Biografie, die Jan Václav Voříšek aber sicherlich keinen Platz in der Musikgeschichte gesichert hätte. Den verdankt er der Tatsache, dass er sich, im Gegensatz zur Orchestermusik, in seinen Klavierwerken sehr fortschrittlich zeigte. Manche Musikwissenschaftler sprechen seinen frühromantischen Stücken sogar einen Einfluss auf Schubert zu, den Voříšek aus dem Salon von Ignaz Sonnleithner kannte. Vor allem aber kam Jan Václav Voříšek, der als meisterlicher Improvisator auf der Orgel galt, als Erster auf die Idee, ein Musikstück „Impromptu“ zu nennen. Den aus dem Französischen entlehnten Begriff in der Bedeutung von „unvorbereitet“, „improvisiert“ oder „aus dem Stegreif“ gab es vereinzelt schon viel früher für Dichtungen. Aber erst Voříšek bezeichnete 1817, lange vor Schubert und Chopin, ein musikalisches Charakterstück in B-Dur als Impromptu. 1822 folgten die Sechs Impromptus op. 7, 1824 ein Impromptu F-Dur. All diese ­Kompositionen zeichnen sich durch Frische, Eleganz, Leichtigkeit, ansprechende Melodien, farbenreiche Harmonik und virtuose Momente aus, sind duftig, schwärmerisch und schwungvoll federnd.

Im Gegensatz zu Aufnahmen von Voříšeks einziger Sinfonie, die vorwiegend seine Nähe zu Beethoven, Antonio Salieri oder Hummel aufzeigen, stellen Einspielungen seiner Klaviermusik Voříšek auch in Dialog mit Schubert und Chopin. So kombiniert der junge Pianist Can Çakmur auf dem im Januar 2025 veröffentlichten vierten Album seines „Schubert+“-Projekts Impromptus von Voříšek mit Impromptus von Schubert, Chopin und Skrjabin. Und schon 2009 hat die deutsche Pianistin Gerlint Böttcher Voříšek und Schubert in einen frühromantischen Dialog gesetzt. Im Gesamtschaffen des vor zweihundert Jahren jung verstorbenen Komponisten Jan Václav Voříšek an der Schwelle zwischen Klassik und Romantik wäre aber noch einiges mehr zu entdecken.