Musikgeschichte

Superhit als Hypothek

Von
Ecki Ramón Weber
Foto: Burkard Meyendriesch auf Pixabay
Foto: Burkard Meyendriesch auf Pixabay

Diese Komposition hat es sogar zum gastronomischen Evergreen geschafft – als Pizza „Quattro stagioni“. Der musikalische Gang durch die Jahreszeiten von Antonio Vivaldi ist auch Menschen, die sonst eher im Pop, Rock oder Schlager zu Hause sind, geläufig. Kein Wunder: Dieser Konzertzyklus aus dem Barock wird als populärer „Klassikhit“ in Werbung und Filmen, als Fahrstuhlmusik, Klingelton und Hintergrundrauschen für Anwendungen im Spa oder im Friseursalon verwendet. 2025 feiern Antonio Vivaldis „Quattro stagioni“ Jubiläum. Vor dreihundert Jahren erschien die erste Partiturausgabe im Verlag Le Cène in Amsterdam, einem damals bedeutenden Zentrum des Notendrucks. Unter dem selbstbewussten und werbewirksamen Titel „Il cimento dell’armonia e dell’invenzione („Wagnis der Harmonie und der Erfindung“) als Opus 8 veröffentlicht, versammelt der Notenband insgesamt zwölf Violinkonzerte von Vivaldi, darunter die vier „Jahreszeiten“-Konzerte. Für sie dichtete der Komponist eigens Sonette, die das, was in der Musik geschildert wird, konkretisieren. 

Wann genau „Le quattro stagioni“ komponiert wurden, ist nicht bekannt. Im Vorwort zur Partitur widmet Vivaldi das Werk als „Probe meiner tiefen Verehrung“ dem böhmischen Adeligen Graf Venceslaw Morzin, den er wahrscheinlich bei dessen Italienaufenthalt 1718 kennengelernt und für dessen Hofkapelle in Prag er in den Folgejahren eine Reihe anderer Konzerte geschrieben hatte. Vivaldi bemerkt im Vorwort, „Le quattro stagioni“ hätten „schon seit so langer Zeit das Wohlwollen eurer erlauchten Gnaden gefunden“. Papieruntersuchungen und Vergleiche mit anderen Werken des Komponisten deuten sogar auf eine Entstehung ab 1715 hin. 

1730 erschienen weitere Notendrucke von „Le quattro stagioni“ in London und Paris. Damals wurde auch zumindest das beliebte „Frühlings“-Konzert dem französischen König Louis XV. vorgespielt. Danach beginnt Vivaldis Stern in seiner Heimatstadt Venedig, wo er große Erfolge gefeiert hat, allmählich zu sinken. 1740 geht er nach Wien, hat dort aber kein Glück und stirbt im Jahr darauf in der Donaumetropole. In Frankreich ist seine Musik noch einige Jahrzehnte gefragt – in Bearbeitungen: 1739 veröffentlicht Nicolas Chédeville, Oboist der Pariser Oper, das Potpourri „Le Printems [!] ou les saisons amusantes“, Arrangements mit Passagen aus den Konzerten „Frühling“ und „Herbst“ sowie sechs weiteren Werken aus Vivaldis Opus 8. 1765 verarbeitet der Komponist Michel Corrette Material aus dem „Frühling“ in der Motette „Laudate Dominum“ mit Chor, Streichern und Blasinstrumenten. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, ebenfalls Komponist, transkribiert 1775 das „Frühling“-Konzert für Traversflöte solo. Danach gerät Vivaldi wie viele seiner Kollegen aus dem Barock in Vergessenheit.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg, im Zuge der antiromantischen Tendenzen der Moderne und der Rückbesinnung auf das 18. Jahrhundert im Zuge des musikalischen Neoklassizismus, zudem befeuert durch das Auftauchen von Vivaldi-Autographen in Turin 1926, kehren allmählich auch „Die vier Jahrszeiten“ zurück ins Rampenlicht. Doch die Interpreten haben keine Kenntnisse mehr, wie man diese Musik stilgetreu spielt. Denn wie das so ist bei der Musik aus dem Barock, stehen in den Partituren praktisch keine Angaben zu Verzierungen, zur Ausführung des Generalbasses, zur Agogik, zur Dynamik, zum Ausdruck. All das wird zu Vivaldis Zeiten als professionelle Praxis vorausgesetzt. So spielt man im 20. Jahrhundert „Le quattro stagioni“ lange wie eine Sinfonie von Beethoven oder Brahms: mit üppigem Orchesterklang, sozusagen Barock in Cinemascope. Nachzuhören etwa bei einer Aufnahme von 1964 mit dem Geiger John Corigliano, dem Vater des gleichnamigen Komponisten, und dem New York Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernstein. Auch zwanzig Jahre später, mit Anne-Sophie Mutter und den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan, eine Aufnahme, die mit Gold und Platin ausgezeichnet wurde, herrscht „luxuriöse Schönheit im Geist des 19. Jahrhunderts“ vor, wie der Kritiker Joachim Kaiser anmerkte. Der riesige Erfolg des einen Werks stellt zudem lange Zeit das übrige Schaffen Vivaldis in den Schatten, seine fast fünfhundert anderen Konzerte, seine Opern, seine Sakralmusik. Die enorme Popularität der „Vier Jahreszeiten“ im 20. Jahrhundert hat wohl auch damit zu tun, dass die ansprechenden Schilderungen in diesen Konzerten anschlussfähig an romantische Programmmusik von Hector Berlioz und Franz Liszt oder Tondichtungen von Richard Strauss sind. Auch wenn bei Vivaldi die musikalischen Darstellungen von Vogelrufen, Gewitterszenen, Nymphen- und Hirtentänzen, Insektensummen, Stürmen, Bauernreigen, Jagdfanfaren, Hundegebell, Zähneklappern in Eiseskälte und dem Prasseln des Feuers im Kamin auf der Folie der barocken Konzertform letztlich ganz anderen ästhetischen ­Regeln folgen.

Gleichzeitig wurde im Zuge zunehmender Kommerzialisierung Vivaldis berühmtester Wurf als Steinbruch für Easy Listening im Sinne „Leichter Klassik“ verwurstet. Das James-Last-Orchester, einst Stammgast im westdeutschen Fernsehen, verwandelte 1985 die schnellen Sätze aus „Le quattro stagioni“ mit Drumset und dickem Streicherteppich zu seichtem Pop im Barockkostüm. Noch weiter ging das Ensemble Rondò Veneziano 1990: In Vivaldi-Potpourris mit Best-of-Häppchen erklangen neben Streichern und Drumset auch E-Gitarre, E-Bass und Synthesizer. Letztendlich war es dabei gleichgültig, welche Vorlage massentauglich herangezogen wurde – die Popularität des klingenden Referenzobjekts garantierte Absatzzahlen. Die ruhigen Sätze wurden wiederum gern als Klangkulisse für Meditation und Wellness genommen, oft angereichert mit Feldaufnahmen von fernem Gewitter und Vogelgezwitscher oder wie 1992 in Gomer Edwin Evans „Vivaldi with Calm Ocean Sounds“ mit eingespielter Meeresbrandung.

Dabei demonstrierten Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis auf Streichinstrumenten mit Darmsaiten längst, wie man sich Vivaldi ernsthaft nähern könnte, um ihn frisch klingen zu lassen. Schon 1977 luden beispielsweise die Pioniere Alice und Nikolaus Harnoncourt mit ihrem Concentus Musicus Wien „Le quattro stagioni“ prall und gestisch prägnant als barocke Klangrede dramatisch auf. Helmut Haack bezeichnete das Experimentelle dieser Aufnahme damals im FONO FORUM als „Sensation“. Eine neue Wildheit in der Alten Musik zeichnete auch die Einspielung des Drottningholm Baroque Ensemble mit Nils-Erik Sparf von 1985 aus, die mit improvisatorischer Freiheit neue Maßstäbe setzte. Doch nicht bloß die Spezialensembles ließen aufhorchen. 1989 sorgte der Brite Nigel Kennedy für eine Sensation: Mit Punkfrisur und Rockstar-Attitüde nahm er die vier Konzerte in ihren schnellen Sätzen so treibend und ekstatisch wie Heavy-Metal-Nummern und die langsamen Sätze wie Jazzballaden. Seine Einspielung hielt sich gut ein Jahr auf dem Spitzenplatz der britischen Klassikcharts. Mit drei Millionen verkauften Exemplaren gilt sie als meistverkauftes Klassikalbum aller Zeiten.

Von Nigel Kennedys Aufnahme der „Vier Jahreszeiten“ wurden drei Millionen Exemplare verkauft

Die späte Eingemeindung des 1992 verstorbenen „Tango-nuevo“-Erfinders Astor Piazzolla in den Klassikkanon hat auch Vivaldi um die Jahrtausendwende neu kontextualisiert: im Dialog mit der Ende 1960er Jahre entstandenen Suite „Las cuatro estaciones porteñas“ („Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires“). Piazzollas vier Stücke für Bandoneon und Ensemble nehmen, absichtlich ohne musikalische Rekurse auf Vivaldi, konsequent eine moderne Gegenposition ein. 2000 kombinierte eine CD-Produktion mit dem Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz, The Harp Consort und Andrew Lawrence-King Vivaldis Zyklus mit einer historischen Aufnahme mit Piazzolla am Bandoneon. 2009 wagte die Cappella Gabetta mit Andrés Gabetta an der Geige und Mario Stefan Pietrodarchi am Bandoneon den Spagat zwischen Vivaldi und Piazzolla und damit zwischen den Epochen.

In ähnlichen kreativen Dialogen aus ungewohnter Perspektive, dabei mit Blick auf die Einflussfaktoren der Musik Vivaldis versuchen heute Interpreten, wohlfeile Klischees zu vermeiden und „Le quattro stagioni“ neue Seiten abzugewinnen. „Die Kunst besteht darin, sich dieser Musik immer wieder von Neuem unvoreingenommen zu nähern, als ob man sie zum ersten Mal entdecken würde. Das sollte der Anspruch sein, um ihren Zauber immer wieder zu finden“, bringt es die studierte Geigerin und PR-Agentin Friederike Eckhardt auf den Punkt. Dafür gibt es interessante Beispiele: 2023 entwickelten der Geiger Julien Chauvin und sein Ensemble Le Concert de la Loge einen neuen Zugang mit dem Choreografen Mourad Merzouki und seiner Compagnie Käfig, die in ihren Produktionen Breakdance und Modern Dance verbindet. Diese Interpretation der Musik von Vivaldi in historisch informierter Aufführungspraxis, 2024 auf CD erschienen, ist deutlich von der Bühne geprägt, die musikalischen Schilderungen werden klanglich sehr plastisch als Theaterzauber interpretiert, mit Reibungsenergie und Betonung des Rhythmischen, aber auch innig und intim. Die bewusst theatrale Lesart des Konzertzyklus unterstreicht, dass Vivaldi auch ein bedeutender Opernkomponist war. In diesem Jahr war die Produktion bei den Schwetzinger SWR Festspielen und beim Kissinger Sommer zu Gast. Eine andere Art der Annäherung, mit Blick auf mögliche Folkloreeinflüsse in Vivaldis Konzertzyklus, verfolgt die Geigerin Ragnhild Hemsing. Auf ihrem 2024 veröffentlichten Album „The Norwegian Seasons“ mit dem Ensemble Barokkanerne orientiert sie sich allerdings nicht an den Traditionen Italiens, sondern interpretiert die Musik mit der im 18. Jahrhundert entwickelten Hardangerfiedel aus der ­Folklorepraxis ­Norwegens. Das Ergebnis kommt kernig, urig, rauer als gewohnt und mit ­mikrotonalen Schleifern daher und ­überzeugt als ­Experiment.

Klirrende Kälte, die er in seinem „Winter“ darstellte, kannte Vivaldi gut: 1709 waren Venedigs Kanäle zugefroren. Foto: Gabriele Bella

Der Geiger Tobias Feldmann, der an der Musikhochschule Leipzig lehrt, findet in „Le quattro stagioni“ vielfältige Möglichkeiten für die kreative Freiheit: „Gerade aufgrund der vielen klanglichen Effekte, die man doch recht unterschiedlich extrem gestalten kann“, sei es noch immer interessant, diese Musik zu interpretieren. „Darüber hinaus gibt es ja gerade im Barock hinsichtlich der Tempowahl, Dynamik, Artikulation und der Ausgestaltung kleiner Kadenzen einen großen Gestaltungsspielraum!“ Sein Kollege Stefan Hempel, Professor in Rostock, teilt diese Überzeugung: „Man kann immer noch Neues entdecken, wenn man das möchte.“ 

Das beweist die kürzlich erschienene Neuaufnahme mit Théotime Langlois de Swarte und dem Orchestre Le Consort. Langlois de Swarte spielt als Solist brillant, verzichtet aber auf Virtuosengestik und geht stattdessen auf Augenhöhe mit den übrigen Mitwirkenden. Phrasierungen, Einsätze, alles ist plastisch im Zusammenspiel gestaltet und extrem präzise in der Ausgestaltung, dabei mit Temperament und Übermut. Solist und Orchester stecken ein sehr weites dynamisches Spektrum ab, auch in der strukturellen Dichte, von spannungsreichen fragilen Momenten bis zum eindrucksvollen Auffächern der Tutti. Die Interpretation ist derart lebhaft, dass sie einem körperlich nahekommt. 

Eine weitere Strategie: Um dem von seiner enormen Popularität gebeutelten Werk neue Seiten abzugewinnen, wurden in den letzten Jahren auch diverse Überschreibungen versucht. Max Richter, Vertreter der Sparte „Neue Klassik“ und bekannt auch als Filmkomponist, hat 2012 einen sehr erfolgreichen Remix der „Quattro stagioni“ vorgelegt, Daniel Hope hat diese „Recomposed“-Version als Solist mit dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin, dirigiert von Andre de Ridder, eingespielt. Richter verwendete nur etwa ein Viertel des Vivaldi’schen Materials. Mittels Techniken aus der Minimal Music repetiert er die Bausteine als musikalische Patterns, variiert und verdichtet sie rhythmisch durch Phasenverschiebungen, versieht sie mit Elektrosounds – ausgerichtet letztlich in Richtung Clubmusik. Richters Version polarisiert: Vielen geht sie zu weit, sie hat aber auch eine Menge Fans. Der Autor Gabriel Yoran begrüßt das Projekt in seinem Buch „Schleichwege zur Klassik“ als Versuch „einer respektvollen Auseinandersetzung“ mit Vivaldi.

Die experimentierfreudigen Alte-Musik-Experten der Lautten Compagney Berlin, stets offen für den Blick über den eigenen Tellerrand, haben auf ihrem Album „New Vivaldi“ 2022 jeweils Überschreibungen ausgewählter Einzelsätze aus „Le quattro stagioni“ kreiert: Barockinstrumente wurden mit Saxofon und vielfältigem Schlagzeug kombiniert. Die in der Musik ohnehin angelegten Aspekte der Improvisation wurden sehr frei um Spielarten und Rhythmen aus Jazz, Blues und arabischen Musiktraditionen ausgeweitet. Noch beherzter ging 2024 das Janoska Ensemble aus Wien vor: Die vier Musiker durchdringen den gesamten Zyklus von Vivaldi ebenfalls aus globaler Perspektive, spitzen zu, bringen die tänzerischen Sätze noch temperamentvoller, ekstatischer und die ruhigen Sätze sehr leidenschaftlich. ­Vivaldi trifft in den eingestreuten ­Improvisationen auf Roma- und Sinti-Traditionen, Balkan Beats, Irish Folk, Bluegrass, Bukovina Club, Salsa, Samba und Tango. Das Verblüffende: Dieser verwegene Stilmix mit zwei Geigen, Kontrabass und Klavier funktioniert sehr gut. Wie auch bei der Lesart der Lautten Compagney Berlin erweisen sich die ­hinzugefügten neuen Idiome als geeignete ­Bespiegelungen der ­Vorlage, um das Wesen dieser Musik aus neuen ­Perspektiven ­weiterzudenken.

Das Projekt „The [Uncertain] Four Seasons“ verknüpft Vivaldis Musik mit der Klimakrise

Und noch eine weitere Kontextualisierung ist in den letzten Jahren zu beobachten: In Zeiten der ­Klimakrise und des Artensterbens fordern die dreihundert ­Jahre alten ­musikalischen ­Naturschilderungen Vivaldis auch ­Stellungnahmen zur bedrohten Situation ­unseres Planeten heute heraus. So hat das ­Merlin ­Ensemble Wien vor ­einigen Jahren mit dem bekannten Astrophysiker ­Harald Lesch das Programm „Die ‚Vier ­Jahreszeiten‘ im Klimawandel“ entwickelt. Bei der Darbietung von Vivaldis Musik gibt Lesch bei gemeinsamen ­Gastspielen Einblicke in die Entwicklung der Erde und geht auf die problematischen Veränderungen der Umwelt ein. Auch das international aufgestellte Projekt „The [Uncertain] Four Seasons“ verknüpft seit 2021 Vivaldis Musik mit der Klimakrise. 14 Klangkörper wirken daran mit, darunter viele Jugendorchester, etwa die Akademie des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Alan Gilbert oder die ­Orquestra Sinfônica da Universidade de São Paulo. 

Mit Blick auf ausgewählte Städte, darunter Male auf den Malediven, Sydney, Kapstadt, Seoul und Venedig, entstehen von KI generierte, jeweils spezifische Versionen der „Vier ­Jahreszeiten“. Dafür hat man Szenarien für die jeweiligen Orte mit Daten zu Niederschlag, Wasser- und Lufttemperatur von Vivaldis Epoche bis 2050 herangezogen. Aufgrund dieser Erkenntnisse werden die Strukturen der Originalpartitur in den Versionen für die einzelnen Orte verändert. So gibt es Fassungen mit reduziertem Vogelgesang im „Frühling“ aufgrund des Artensterbens, Extremwetterprognosen führen zu einer Intensivierung der Gewittermusik im „Sommer“, teils treten mehr Dissonanzen auf, ­schwungvolle Passagen verlangsamen sich oder ganze Passagen ­fallen völlig weg. Durch solche Strategien des musikalischen ­Dekonstruierens soll die gefährdete Situation der Erde an konkreten Beispielen ausgewählter Orte klanglich ­nachvollziehbar werden.

Noch radikaler ist der Zugriff der freien Berliner Opernkompanie Novoflot in ihrem aktuellen Vivaldi-Projekt „Die 5. Jahreszeit“, dessen erster Teil im Juni dieses Jahr in Berlin uraufgeführt wurde, der zweite folgt im November 2025. „Bei Vivaldi gibt es dieses geordnete System in der Abfolge der Jahreszeiten mit vier ­Konzerten. ­Alles ist sehr strukturiert, von der Natur ­bestimmt, so wie es vor dreihundert ­Jahren ­gewesen ist. Weil die Menschen sich der Natur unterordnen mussten. Mittlerweile ist es leider so, dass die Menschheit versucht hat, sich die Natur völlig ­untertan zu machen – und das läuft gerade ­komplett schief. Die ganze Weltordnung gerät durcheinander, ­eigentlich liegt alles im Chaos. Deshalb wird bei uns die Musik Vivaldis extrem dekonstruiert und vor allem eine ganz starke Verunsicherung gezeigt.“ So erläutert der Regisseur Sven Holm von ­Novoflot die ­Versuchsanordnung der Musiktheaterproduktion. Sie setzt sich mit „Le quattro stagioni“ als ­einem Trümmerhaufen auseinander. ­Lediglich mit Anklängen an die Vorlage wird „­lustvoll utopistisch“ versucht, „eine Art ­postbarocke Ordnung herzustellen“, so Sven Holm. Dies ­geschieht mit einem Ensemble aus einer Geigerin, einem Musiker an E-Bass/Gambe/Kontrabass, drei Interpreten an verschiedenen Tasteninstrumenten von Cembalo bis Keyboard sowie zwei Sängerinnen, mit Impulsen aus ­Jazzimprovisationen und ­Schauspiel sowie mit einem Kinderchor auf Video. Für Vicente ­Larrañaga, den musikalischen Leiter bei Novoflot, ist Vivaldis populäres Werk geradezu ein Sinnbild für die ­zerstörte Natur: „‚Le quattro stagioni‘ ist ­wahrscheinlich das am meisten missbrauchte Stück der Musikgeschichte. Es ergeben sich tatsächlich Parallelen mit unserem Umgang mit der Natur während der letzten dreihundert Jahre, vor allem der ­letzten siebzig Jahre. Lange wurde davon ­ausgegangen, man ­könne mit der Natur anstellen, was man ­wolle. So ist es auch mit der Musik von ­Vivaldi.“ Sollten „Le quattro ­stagioni“ also ­gewissermaßen unter ­Naturschutz ­gestellt ­werden? ­Angesichts einer „gefühlten Überpräsenz“, wie sie es ­formuliert, fände dies auch die ­Geigerin ­Friederike Eberhardt gar keine ­schlechte Idee: „­Manchmal ­denke ich, dass es dem Stück per se ­guttäte, für ein paar Jahre in Ruhe ­gelassen zu werden.“