Auf Reisen

Theater und Konzert hier bei uns

Von
Arnt Cobbers
Hinter der neoklassizistischen Fassade verbirgt sich ein intimer Saal mit vierhundert Plätzen: das Landestheater Neustrelitz; Foto: Evelin Kretschmer
Hinter der neoklassizistischen Fassade verbirgt sich ein intimer Saal mit vierhundert Plätzen: das Landestheater Neustrelitz; Foto: Evelin Kretschmer

Gewöhnlich ist hier eigentlich gar nichts. Das geht schon beim Namen los. Die sind zwar Schall und Rauch, meint der Volksmund, aber trotzdem hilfreich. „250 Jahre Theater für die Seenplatte“ feiert man in dieser Saison, und damit zieht man sich elegant aus der Affäre, die gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen ist. Bereits seit 1726 wurde Theater gespielt am Hofe des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz, doch das dreihundertste Jubiläum feiert man nicht, weil das Strelitzer Schloss bereits fünf Jahre später abbrannte und der Fürst sich wenige Kilometer weiter, am Zierker See, ein neues Schloss erbauen und dazu eine Residenzstadt angelegen ließ: Neustrelitz. Seit 1736 ist eine feste Hofkapelle nachweisbar, 1776 dann, vor genau 250 Jahren, etablierte sich ein festes Hoftheater im alten Reithaus neben dem Schloss. Kurioserweise verbrachte der Herzog seine Sommermonate nicht wie andere Fürsten auf dem Lande – er residierte ja schon am Rande in einer Kleinstadt –, sondern in der größten Stadt seines Ministaates: im dreißig Kilometer entfernten Neubrandenburg, wo er elf Jahre später ein „Komödienhaus“ errichten ließ. Der Fachwerkbau, der wundersamerweise Kriegszerstörung und radikal modernen Wiederaufbau überstand, ist (in den 1990er Jahren wiederhergerichtet) heute das älteste Theater Mecklenburg-Vorpommerns und Schauspielhaus des merkwürdigen Verbundes, auf den wir bald zu sprechen kommen werden. Zunächst weiter in der Chrolonogie: Der Theatergründer hinterließ bei seinem Tod reichlich Schulden, der Nachfolger schloss das Hoftheater, dessen Nachfolger öffnete es erneut, und nach glanzvollen Jahren, in denen man „Freischütz“, „Figaro“ und „Fidelio“ gab und die Crème de la Crème der deutschen Schauspielzunft gastierte, erzwangen die Revolutionäre 1848 die erneute Schließung. Nach Jahren als – zum Teil staatlich subventioniertes – Privattheater wurde das Neustrelitzer Haus 1901 zum Großherzoglichen Hoftheater geadelt, 1919, nach dem Ende der Monarchie, in Landestheater Neustrelitz umbenannt und brannte 1924 ab.

Die gotische Marienkirche in Neubrandenburg wurde zur „Konzertkirche“; Foto: Christian Brachwitz

Den Neubau entwarf kein Geringerer als der Münchner Max Littmann, von dem unter anderem das Prinzregententheater, die Stuttgarter Staatsoper, der Kissinger Regentenbau und das Nationaltheater Weimar stammen. 1945, nach nur 17 Jahren, brannte es aus, wurde aber in den alten Formen, wenn auch im Inneren dem Zeitgeist angepasst, 1954 wiedereröffnet. Neubrandenburg wurde zur Industriestadt ausgebaut und zur Bezirks(haupt)stadt erhoben und erhielt vor 75 Jahren ein eigenes Symphonieorchester, Neustrelitz behielt das Schauspiel- und Opernhaus der Region, nun Friedrich-Wolf-Theater genannt. 1991 wurde es in Landestheater Mecklenburg umbenannt, seit 2000 heißt es Landestheater Neustrelitz. Allerdings nicht mehr als eigenständiges Theater, 1993 war schon das Theaterorchester aufgelöst worden, 1996 das Ballett, und im Jahr 2000 fusionierte man das Landestheater und die Neubrandenburger Philharmonie zur „Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg Neustrelitz“, für die man das Kürzel tog (sprich: tock) etablierte.

So hat man nun also das Opernhaus in der 20.000-Einwohner-Stadt Neustrelitz (unter den rund achtzig deutschen Opernstädten ist nur Annaberg-Buchholz noch kleiner), während das Schauspiel und das Orchester im 65.000 Einwohner zählenden Neubrandenburg angesiedelt sind. Es sind vor allem zwei mittelalterliche Bauwerke, die die alte Hansestadt (und Kreisstadt des größten deutschen Landkreises, Mecklenburgische Seenplatte) bis heute prägen: der fast geschlossene Mauerring mit vier prächtigen Stadttoren und die gotische Marienkirche, die als Ruine den Nachkriegsneuaufbau der Stadt überstand und ab 1996 zur „Konzertkirche Neubrandenburg“ ausgebaut wurde, nach Plänen des finnischen Architekten Pekka Salminen. Den skandinavischen Geist spürt man im Gebäude, das sich innerhalb der kahlen Backsteinmauern als luftig-filigraner, im klassischen Konzert fast siebenhudnert Besucher fassender Konzertsaal aus Stahl, Beton, Eschenholz und Glas entpuppt. 2001, also vor 25 Jahren eröffnet, ist er seitdem Konzertort, aber auch Probestätte der Neubrandenburger Philharmonie, eines 68-Musiker-Orchesters, das vermutlich auch deshalb so gut ist, weil es in einem der akustisch besten Konzerthäuser des Landes arbeiten kann. Chefdirigent ist seit 2023 Daniel Geiss, der sich als Solo­cellist des Staatstheaters Wiesbaden und im Festspielorchester Bayreuth anscheinend so viel von den Pultstars abgeschaut hat, dass er nun selbst rasant Karriere macht; ab 2026 hat ihn der neue Festspielintendant Daniel Hope zum Leiter der Dirigierakademie im schweizerischen Gstaad berufen.

Die Neubrandenburger Philharmonie mit ihrem GMD Daniel Geiss; Foto: Matthias Horn

Intendant der tog und Operndirektor des Landestheaters ist der studierte Musikwissenschaftler und Musikregisseur Sven Müller, der fünf Jahre lang die Königliche Oper Kopenhagen leitete, ehe er der Familie wegen beschloss, nach Deutschland zurückzukehren und ins beschauliche Neustrelitz zu gehen. Und der Kaufmännische Geschäftsführer Malte Bähr ist eigentlich Physiker, arbeitete in der IT-Branche und bei der Heinrich-Böll-Stiftung und fährt nun statt durch Berlin täglich zwanzig Kilometer per Fahrrad durch den mecklenburgischen Wald in sein Büro im Landestheater Neustrelitz.

Es ist eine ungewöhnliche Führungsriege, die das Theater mit Geschick und Enthusiasmus führt – und auch mit Mut. Neben „Frau Luna“ und „My Fair Lady“ stehen in der Jubiläumsspielzeit die „Königskinder“ von Engelbert Humperdinck auf dem Programm (der übrigens 1921 bei einem Besuch in Neustrelitz starb). Im Schlossgarten wird im Sommer neben der „Csárdásfürstin“ auch Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gegeben, und „Die Entführung aus dem Serail“ vertraute man einem prominenten Regiedebütanten an, dem Musikkritiker Axel Brüggemann, der die Handlung, nur halbwegs stimmig, aber unterhaltsam in eine Neustrelitzer Dönerbude verlegt und aus Bassa Selim den Ganoven Sascha Pelim macht. Die jungen Sänger schlagen sich achtbar bis beeindruckend, und die Philharmoniker spielen im Graben unter Daniel Geiss einen überzeugend knackigen Mozart.

In Neustrelitz sieht Mozarts „Entführung aus dem Serail“ etwas anders aus als gewohnt; Foto: Jörg Metzner

Die Akustik im vierhundert Plätze fassenden Saal mit einem Rang ist sehr gut, und vor allem ist man dicht am Geschehen, was ein ganz anderes Opernerlebnis ermöglicht als in einem großen Haus. Wer nun über magere vierhundert Plätze die Nase rümpft, möge sich bewusst machen: Das sind zwei Prozent der Neustrelitzer Einwohnerschaft, um den gleichen Bevölkerungsanteil zu fassen, müsste das Theater in Kiel fünftausend Plätze bieten, das in Duisburg zehntausend!

Ausverkauft, das gibt Intendant Sven Müller zu, ist das Theater meist nicht, doch für die alte Residenzstadt Neustrelitz ist es nach wie vor identitätsstiftend, und man muss hoffen, dass sich das Land Mecklenburg-Vorpommern auch nach dem Auslaufen des „Theaterpakts“ 2028 weiterhin finanziell engagieren wird. Besucher aus Neubrandenburg verirren sich eher selten ins Landestheater, und so bringt GMD Daniel Geiss nun die Oper in die „traditionelle Konzertgängerstadt“ Neubrandenburg: Eine konzertante „Tosca“ war ein voller Erfolg, weitere Opern in der Konzertkirche sollen folgen.

Nachwuchssorgen in Orchester und Ensemble machen sich die Theaterverantwortlichen übrigens nicht. Jedes Jahr verlassen so viele bestens ausgebildete Musiker die deutschen Hochschulen, dass auch ein B-Orchester exzellenten Nachwuchs bekommt, und dass man nur eine Stunde mit dem Zug nach Berlin fährt, mag ein zusätzliches Argument sein. Was ihnen Bauchschmerzen bereitet, ist der fehlende Nachwuchs in den nicht künstlerischen Gewerken, eine Bühnenmeisterstelle ist seit Längerem vakant – und ohne Bühnenmeister darf keine Vorstellung stattfinden!

Acht Sängerinnen und Sänger bilden das Solistenensemble, 16 Stellen hat der Opernchor. Und wenn mal Tänzer gebraucht werden: Eine Kooperation verbindet das tog mit einem weiteren Kuriosum. Die DDR unterhielt ein „Staatliches Folklore-Ensemble“, das zu seinen Glanzzeiten zwölf Tanzpaare, 32 Sänger und zwölf Instrumentalisten umfasste, die halbe Welt bereiste und in Neustrelitz ansässig war. Nachfolger des 1991 aufgelösten Ensembles ist die Deutsche Tanzkompanie, ein Tourneetheater, das mit derzeit zwölf Tänzerinnen und Tänzern modernen Tanz pflegt und dessen Geschäftsführer Marco Zabel ein passionierter Theaterhistoriker und fast folgerichtig Vorsitzender des Fördervereins des Landestheaters ist.

Gefeiert wird der 250. Geburtstag des „Theaters hier bei uns“, so ein anderes schönes Synonym, Ende Mai mit einer spartenübergreifenden Produk­tion, über die noch nichts verraten wird. Und am 3. Juli beginnen dann die (nach eigener Aussage) größten Operettenfestspiele Deutschlands, die „Festspiele im Schlossgarten Neustrelitz“, zu denen der Intendant persönlich Emmerich Kálmáns „Csárdásfürstin“ inszeniert. Der Schlossgarten mit Thea­ter und Marstall, Schlosskirche und Orangerie ringsherum ist ein wunderschönes Ensemble, dem nur leider das Zentrum fehlt: Das stattliche Herzogsschloss fiel 1945 einem Brand zum Opfer und wurde abgetragen, der Wiederaufbau wenigstens des Schlossturmes wird seit Jahren diskutiert. Aber auch die barock angelegte Stadt ist mit ihrer alten Bausubstanz sehenswert und verfügt dazu über erstaunlich gute Restaurants und Hotels. Neubrandenburg und Neustrelitz sind ganz sicher lohnende Reiseziele für Klassikfreunde!