Musikgeschichte

Miniatur und Marathon

Von
Ecki Ramón Weber
Foto: Lenke Szilágyi
Foto: Lenke Szilágyi

Keine ausgreifenden Superformeln, keine wortgewaltigen Manifeste, keine dicken Memoiren, keine schrillen Aufführungsskandale. Im Gegensatz zu seinen berühmten, sich so visionär wie spektakulär gebenden Generationsgenossen Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Luigi Nono oder auch Hans-Werner Henze ist György Kurtág nie als breitbeiniger Zampano der Neuen Musik in Erscheinung getreten. Der große Formverlauf, die Masse der Mittel, Üppigkeit, Exzentrik und Exaltiertheit, all dies war ihm stets fremd. György Kurtág ist der Meister der kleinen Form, der Miniatur, der Konzentration, des Fragmentarischen. Die meisten seiner Werke sind für kleine Besetzung geschrieben. György Kurtág ist die Anti-Diva der Nachkriegsmoderne, in deren Verlauf er erst spät international wahrgenommen wurde. Heute hat seine Musik einen festen Platz im Repertoire. Ihre facettenreichen, teils brüchigen Perspektiven sprechen die Menschen an. Dabei beinhaltet Kurtágs Schaffen mehr Intensität und Spannung als manch anderes Werk, das als großer Wurf daherkommt.

Bestes Beispiel: Kurtágs Gesangszyklus „Kafka-Fragmente“, geschrieben für die unkonventionelle Besetzung Sopran und Violine, uraufgeführt 1987 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Der Zyklus ist bereits jetzt ein zeitgenössischer Klassiker. Er besteht aus vierzig Stücken, manche davon dauern nicht einmal eine halbe Minute, die meisten liegen unter zwei Minuten, nur zwei sind länger als vier Minuten. Für die einzelnen Stücke nahm Kurtág Stellen aus Tagebüchern und Briefen Franz Kafkas sowie Ausschnitte aus dessen Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, also bruchstückhaftes Textmaterial. Eineinhalb Jahre arbeitete er an dieser Musik. Die Stücke sprengen als Minidramen die Gattung Lied. Noch konzentrierter, noch radikaler ist Kurtágs 1973 begonnener Klavierzyklus „Játékok“ („Spiele“). Ursprünglich als experimentelle Werkreihe mit pädagogischer Zielsetzung begonnen, sind diese „Spiele“ – schlichter und bescheidener kann ein Titel nicht ausfallen – als Work in Progress bis heute auf elf „Bücher“ angewachsen. „Eine Werkstatt für mein Leben, ein Notizbuch“ seien diese Stücke, so Kurtág in einer seiner seltenen Äußerungen zur eigenen Musik. Die Strukturen reichen von simplen Melodien bis zu raffiniert verschachtelten Skalen und dichten Klangtrauben. Alles hochkonzentriert, konsequent in den Details, prägnant, verdichtet, ausdrucksstark, auch mal ironisch oder grotesk. Es finden sich zudem dezente Bezüge zur Musikgeschichte, von der Gregorianik bis zur Moderne, und Anklänge an Folklore. Manche Stücke sind ausdrücklich als Hommagen an berühmte Vorgänger, Zeitgenossen und Freunde komponiert, etwa Heinz Holliger. 2025 hat der Pianist Pierre-Laurent Aimard eine Auswahl aus diesem Füllhorn an musikalischen Ideen mustergültig auf einem Doppelalbum eingespielt, auch einige der erst als Manuskripte vorliegenden neuen Stücke. Das Prinzip eines kleinteiligen Work in Progress hat György Kurtág auch auf weitere Besetzungen angewendet: Ab 1984 in „Spiele und Botschaften“ für Bläser, ab 1989 in „Zeichen, Spiele und Botschaften“ für Streicher, schließlich von 1991 bis 1996 ausgeweitet auf Orchester in „Messages“ und ab 1998 in „New Messages“.

In einer Krise rät ihm seine Psychologin, auf die Grundelemente der Musik zurückzugehen

Miniatur und kleinteilige Schritte, verbunden mit langem Atem und Ausdauer, Marathon-Qualitäten, ziehen sich als Konstanten durch das Schaffen und in gewisser Weise auch durch das Leben von György Kurtág, der als Komponist erst spät internationale Beachtung fand. Geboren wird er am 19. Febuar 1926 in Lugoj in Rumänien, im Banat, jenem vielsprachigen, multiethnischen Kulturraum des einstigen Habsburgerreichs. Die assimilierte jüdische Familie Kurtág ist ungarischsprachig. Nach ersten frühkindlichen Versuchen am Klavier erhält György mit 14 Jahren systematischen Unterricht in den Fächern Klavier und Komposition im nahen Timişoara. 1945 verlässt er Rumänien und geht nach Budapest, um an der Franz-Liszt-Musikakademie zu studieren. Es wird mit der Rückkehr des großen Vorbilds Béla Bartók nach Budapest gerechnet, der jedoch im selben Jahr im Exil in New York City stirbt. Neben Klavier und Kammermusik belegt György Kurtág Komposition bei Sándor Veress und Ferenc Farkas. Seit der Aufnahmeprüfung ist Kurtág mit seinem Mitstudenten György Ligeti befreundet. Dieser erinnert sich später: „Ich fühlte, dass ich in Kurtág einen musikalischen Weggenossen gefunden hatte – so verwandt waren unsere Ansichten und so identisch unsere Vorstellungen eines neuen Musikstils. Ich mochte Kurtágs Schüchternheit, seine introvertierte Haltung und den völligen Mangel an Eitelkeit und Eingebildetheit. Er war intelligent, ehrlich und auf eine sehr komplexe Weise einfach.“

Kurtág beendet sein Studium 1955 mit einem Bratschenkonzert in der Bartók-Nachfolge. Im Jahr darauf kommt es zum ungarischen Volksaufstand gegen das kommunistische Regime, der nach einigen Wochen von der Sowjetarmee brutal niedergeschlagen wird. Ligeti flieht in den Westen, Kurtág folgt ihm ein Jahr später. Mit einem Stipendium studiert er in Paris bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen und lernt die Werke von Komponisten wie Strawinsky, Webern und Boulez kennen. In Paris, der Stadt der Künste, die so viele vor ihm inspiriert hat, durchlebt György Kurtág eine schwere Schaffenskrise mit depressiven Phasen. Er konsultiert die Psychologin Marianne Stein, die ihm im Laufe der Therapiestunden rät, auf die Grundelemente der Musik zurückzugehen und sich auf die Beziehungen zwischen wenigen Tönen zu konzentrieren. Diese Perspektive auf das Kleinteilige und die Reduktion bestimmt fortan Kurtágs musikalisches Denken. Zurück in Ungarn zeigen sich die neuen Erfahrungen 1959 im Streichquartett op. 1: Der erste Satz dauert nicht einmal eine Minute, im gesamten Werk fällt der Fokus auf einzelne Tonbeziehungen und kurze Melodiezellen auf, dazwischen gibt es Cluster sowie vielfältige neuartige Spieltechniken, gehauchte Klänge, Flageoletts und Geräuschhaftes.

Kurtágs „Fin de partie“ wird mit den Opern  Monteverdis oder Debussys verglichen

In Budapest ist György Kurtág in der Folge zunächst als Klavierbegleiter und Korrepetitor an der Ungarischen Staatsphilharmonie tätig, ab 1967 unterrichtet er Klavier, ab 1969 lehrt er als Professor das Fach Kammermusik an der Budapester Musikakademie, eine Position, die er bis 1986 innehat. Sein Wirken beschränkt sich zunächst weitgehend auf Ungarn. Zwar werden schon 1960 seine „Acht Klavierstücke“ bei den Darmstädter Ferienkursen vorgestellt, doch bleibt dies weitgehend unbeachtet. 1968 erleben in Darmstadt „Die Sprüche des Péter Bornemisza“ ihre Uraufführung, ein „Concerto für Sopran und Klavier“ auf Texte eines evangelischen Theologen aus dem Ungarn des 17. Jahrhunderts. Das Werk hat einen expressiven Gesangspart mit einem großen Tonumfang und einem mitunter hochvirtuosen Klavierpart. Darin verbinden sich Motivpartikel zu einer komplexen Struktur, die weit über eine bloße Gesangsbegleitung reicht. Der Erfolg der Uraufführung ist durchwachsen. Solch eine verdichtete Ausdruckskunst, wenn auch mit zeitgemäßen Mitteln erzielt, erregt damals in der auf Experiment, Happening oder Zufallsoperationen ausgerichteten, postseriellen Avantgarde-Schmiede Darmstadt wenig Interesse.

Internationale Bekanntheit erlangt György Kurtág erst allmählich nach einem DAAD-Künstlerstipendium 1971 in West-Berlin. Noch einmal zehn Jahre später, 1981, erfolgt der Durchbruch nach der viel beachteten Pariser Uraufführung von „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Trussova“ für Sopran und Ensemble, einem Auftragswerk des Ensemble intercontemporain. „György Kurtág gelang es, in diesem Werk … eine ungemein wandlungsreiche und abgewandelte Atmosphäre zu schaffen, die sich jedem einzelnen Gedicht anpasst. Es gelang ihm gleichfalls, mit den Zeiten zu spielen. Diese in ihrer Länge oder Kürze sehr kontrastierenden Stücke erzeugen nichtsdestoweniger ein zusammenhängendes Netz, in dem sich freie, quasi improvisatorische Schreibweise mit strengeren Dispositionen abwechselt. Man findet in diesen Stücken – von der Miniatur bis zur ausführlichen Entwicklung – ununterbrochen eine verschwenderische Fülle von Ideen.“

Diese letzte Beobachtung des Kollegen Pierre Boulez gilt nahezu für Kurtágs gesamtes Schaffen und bringt sein Komponieren treffend auf eine Formel. Der Erfolg der Uraufführung fiel in eine Zeit, als in der westlichen Neue-Musik-Szene, nicht zuletzt durch Persönlichkeiten wie Wolfgang Rihm, auch wieder Emotion und Expressivität anschlussfähig für den Kunstdiskurs waren.

Seine Wahlheimat Budapest ehrt ihn mit vielfältigen Feierlichkeiten und einem Festival im Februar

In der Folge gab es Kompositionsaufträge aus vielen Ländern für György Kurtág. 1993 verließ er mit seiner Frau Márta Ungarn und war zunächst Composer in Residence der Berliner Philharmoniker. Hier wandte er sich, 1994 mit dem Auftragswerk „Stele“, erstmals dem großen Orchester zu. Allerdings auf seine Weise, mit vielen solistischen und kammermusikalischen Passagen. Es folgten eine Residenz am Konzerthaus Wien, eine Honorarprofessur in Den Haag sowie Gastaufenthalte am Berliner Wissenschaftskolleg, in Paris am Conservatoire und beim Ensemble intercontemporain. 2001 ließ sich das Ehepaar Kurtág schließlich in der Kleinstadt Saint-André-de-Cubzac bei Bordeaux nieder, im Jahr darauf nahm der Komponist zur ungarischen auch die französische Staatsbürgerschaft an. 2015 ging es zurück nach Budapest. Im Westen trat das Ehepaar Kurtág, das seit 1947 verheiratet war, noch hochbetagt als Klavierduo auf, mit Stücken aus dem Zyklus „Spiele“, aber auch mit Kurtágs „Transkriptionen von Machaut bis J. S. Bach“, einem weiteren Langzeitprojekt. Bis zu ihrem Tod 2019 war Márta Kurtág ihrem Mann stets wichtige Ratgeberin und erste kritische Lektorin.

Noch später als mit dem großen Orchester setzte sich Kurtág mit der Gattung Oper auseinander: 2018 wurde an der Mailänder Scala „Fin de partie“ uraufgeführt, basierend auf dem gleichnamigen Stück (zu Deutsch „Endspiel“) von Samuel Beckett. Das hatte Kurtág bereits 1957, als er in Paris eine Aufführung besuchte, gleichermaßen verstört wie beeindruckt. In der von Konventionen und Äußerlichkeiten befreiten, ans Existenzielle rührenden, fragmentierten, teils skurrilen Perspektive Becketts hat Kurtág die passende Inspiration für seine individuelle Ausprägung von Musiktheater gefunden. Mit einem vorwiegend rezitativischen Vokalduktus und schattenhafter, pointilistischer Orchestermusik, die Raum für Elegisches, Groteske und eigenen Zauber bietet, wurde „Fin de partie“ mit der Musikdramatik eines Monteverdi oder Debussy verglichen. Nach Aufführungen in Paris und Amsterdam und mehreren konzertanten Aufführungen gab es 2024 eine Neuinszenierung in Dortmund und 2025 eine weitere an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Am 19. Februar wird György Kurtág hundert Jahre alt. Im Laufe seines langen Lebens ist er mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet worden, darunter 1998 dem Ernst von Siemens Musikpreis und 2006 dem Grawemeyer Award. Seine Wahlheimat Budapest ehrt ihn mit vielfältigen Feierlichkeiten und einem Festival im Februar. In diesem Rahmen wird auch seine neue Kammeroper „Die Stechardin“ uraufgeführt, ein Werk über Liebe, Vergänglichkeit, Verbundenheit und eine Hommage an seine verstorbene Frau Márta.