Musikgeschichte

Der Meister der Unvorhersehbarkeit

Von
Christoph Schlüren
Havergal Brian 1972
Havergal Brian 1972

Genau betrachtet besteht die Geschichte der Höchstleistungen des menschlichen Geistes fast durchgehend aus Ausnahmen, aus Unwahrscheinlichkeiten, aus unvorhersehbaren Einzelbeiträgen, und der große Entwicklungsfluss durch Epochen und Stile, den uns die Geschichtsbücher präsentieren, ist nichts weiter als der bürokratische Versuch, die unüberblickbare Vielfalt einzuhegen. Wenn wir uns dann dem individuellen Fall nähern, erscheint uns vieles einfach unglaublich.

Das musikalische England hatte sich nach den großen Zeiten der Renaissance und des Barock, mit dem Tode von Henry Purcell, zur Ruhe gebettet und lebte forthin vom Import: George Frederick Handel, Joseph Haydn, Felix Mendelssohn Bartholdy und Antonín Dvořák sind die umworbenen Helden in einem „Land ohne Musik“, dessen bedeutendste einheimische Namen Cipriani Potter und William Sterndale Bennett sind. Endlich durfte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts die lang erhoffte English Musical Renaissance mit ihren Vorboten Charles Villiers Stanford und Hubert Parry um die beiden neuen Großmeister Edward Elgar und Frederick Delius emporranken, und weitere folgten: Granville Bantock, Ralph Vaughan Williams, Gustav Holst, Arnold Bax, Arthur Bliss, Ernest J. Moeran usw. Restenglands Ehre war gerettet, als das mächtige Kolonialreich unaufhaltsam in seine Teile zerfiel.

Doch indem nun eine so überwältigende Zahl hervorragender Komponisten das lange vorhandene Vakuum füllte, konnte man sich umso ungenierter leisten, selbst ganz große Genies zu ignorieren, nicht nur lebenslänglich, sondern auch posthum: Havergal Brian und John Foulds, später Christian Darnton, Arnold Cooke, Daniel Jones, George Lloyd, Bernard Stevens und Robert Simpson sind die Spitze des Eisbergs der unsichtbaren Substanz der jüngeren Musikgeschichte. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass Brian und Foulds, die ersten Hauptverlierer des Spiels um nationale Prominenz, aus den Midlands stammten.

Symphonischer Weltrekord

Die Geschichte von Havergal Brian ist so maßlos verrückt, dass man sie kaum glauben kann. Er wurde am 29. Januar 1876 als William Brian in Dresden, Staffordshire, heute einem Stadtteil von Stoke-on-Trent, dem damaligen Zentrum der großindustriellen Töpferei, in eine einfache Arbeiterfamilie hineingeboren. Stoke, heute Partnerstadt von Erlangen, wurde noch 2023 zur stinkendsten Stadt Großbritanniens gewählt. Brian besuchte nur die Grundschule und brachte sich fast alles Weitere selbst bei. Er entwickelte sich zu einem glühenden Verehrer der deutschen Kultur von Bach und Goethe bis Wagner und Strauss, begeisterte sich bald für Edward Elgar und schloss Freundschaft mit seinem Kollegen Granville Bantock.

1907 hatte er in London seinen ersten großen Erfolg als Komponist. Henry Wood, Thomas Beecham, Donald Francis Tovey und Bantock waren seine frühen Förderer, und bald darauf fand er einen Gönner, der ihn jahrelang großzügig finanzierte und ihm in seiner Heimatstadt ein freischaffendes Leben ermöglichte. Er gründete eine erste Familie, überwarf sich jedoch mit seiner Frau und ließ sie mit vier Kindern zurück. Mit seiner zweiten Frau hatte er fünf weitere Kinder und geriet in immer größere finanzielle Schwierigkeiten. Doch zeigte sich paradoxerweise, dass sein Schaffensdrang immer vehementer wurde, je schwieriger die äußeren Umstände sich entwickelten. Jahrelang wurde fast nichts von ihm aufgeführt, während er die satirische Oper „The Tigers“ und – von 1919 bis 1927 – seine erste Symphonie „The Gothic“ schrieb. Dieses Werk, das er mit über fünfzig Jahren vollendete, ist in jeder Hinsicht von so gewaltigen Ausmaßen, dass es Eingang ins „Guinness Book of Records“ fand als längste und größtbesetzte Symphonie (mit mehreren Chören und vier separaten Blasorchestern) der Geschichte – unter dem Radar der Guinness-Wächter war Jean-Louis Nicodés gigantische Symphonie „Gloria! Ein Sturm- und Sonnenlied“ von 1902-04 geblieben. Die dem „Meister Richard Strauss“ gewidmete „Gothic Symphony“ schließt nach drei großen instrumentalen Sätzen mit einer in ihrer statuarischen Intensität durchaus an Bruckners Te Deum gemahnenden, auf der Polyphonie der Renaissance-Meister und Bachs fußenden Satzkunst und zugleich unverkennbar in ihrer Zeit stehenden Vertonung des Te Deum. Und tatsächlich gelang es Brian sogar, die Drucklegung der Partitur beim Verleger Cranz zu erreichen (es sollte die einzige Symphonie bleiben, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurde). Doch auf eine Aufführung bestand nicht die geringste Chance, und Brian, der in fortgeschrittenen Jahren nun endlich seinen gesicherten Lebensunterhalt bestreiten konnte (tagsüber arbeitete er als Rezensent für den „Musical Observer“, nachts als Komponist) fand sich damit ab, dass es in seinem Fall ausschließlich um das Schaffen von Werken ging und nicht darum, dass sie aufgeführt wurden. Denn mit der Vollendung der „Gothic Symphony“ war der Symphoniker von der Leine gelassen, und vier weitere große Symphonien folgten in den nächsten Jahren, worunter die Vierte von 1932/33, die den Titel „Das Siegeslied“ trägt, Luthers Übersetzung des 68. Psalms vertont und, auf Deutsch zu singen, eine Hommage an Händel darstellt. Die fünfte Symphonie, „Wine of Summer“, ist 1937 die letzte mit vokalem Anteil.

Unersetzliche Verluste und überreiche Ernte

Während des Krieges schrieb Brian sein eigentliches Hauptwerk, eine Vertonung von Percy Shelleys „Prometheus Unbound“, doch ausgerechnet dieses Werk ist schon damals verschollen (nicht das einzige: Eine seiner „English Suites“ ging auf dem Postweg zu Thomas Beecham verloren, und sein erstes Violinkonzert wurde ihm im Zug gestohlen, worauf er postwendend ein zweites komponierte). 1948 legte er wieder los mit einer „Sinfonia Tragica“ und schrieb nun im Alter zwischen 72 und 92 Jahren, also innerhalb von zwei Jahrzehnten, 26 weitere, um es schließlich auf 32 Symphonien zu bringen, ein wirklich substanzieller Beitrag zur Gattung und im 20. Jahrhundert einmalig. Außerdem schrieb er in dieser Zeit noch einige Opern (darunter „Faust“ und, als Vorspiel zu Strauss’ „Elektra“, „Agamemnon“) und weitere Orchesterwerke. Und er hatte, wo es von ihm nur einige Klavierwerke und so gut wie keine Kammermusik gibt, eigentlich noch vor, sich dem Streichquartett zu widmen, doch in den letzten vier Jahren seines Lebens ruhte seine Feder.

In Brians Musik kann man stets sicher sein, dass nichts so weitergeht, wie man es vermuten würde

Havergal Brian starb am 28. November 1972, drei Monate vor seinem 97. Geburtstag, nachdem er den beeindruckendsten „Indian Summer“ hingelegt hatte, der je einem Zunftgenossen beschieden war. Ausgelöst wurde der finale Schaffensschub von einem 45 Jahre jüngeren Kollegen, auch Symphoniker von herausragendem Format: von Robert Simpson (1921-97), der bei der BBC für die Sichtung und Programmierung neuer Werke Verantwortung übernommen hatte. Simpson, der soeben seine erste Symphonie vollendet hatte, fiel Brians neue Symphonie Nr. 8 von 1949 in die Hände, und er erkannte sofort die kompromisslose Eigenständigkeit und erratische Logik, losgelöst von allen konservativen und modernistischen Konventionen. Wie er denn vorgehe, wie er ein Werk plane, fragte Simpson Brian, der daraufhin vorgab, keine Pläne zu haben, sondern ganz natürlich das zu tun, was ihm in den Sinn käme. Als ihn Nicolas Slonimsky um ein Grundsatzstatement für sein kolossales Kompendium „Music Since 1900“ bat, schrieb Brian als zentrales Fazit: „The symphonies compose themselves.“ Die achte Symphonie war, dank Simpsons Fürsprache, die erste, die Brian von einem Orchester zu hören bekam. Und Simpson sorgte forthin dafür, dass so viele von Brians Symphonien wie nur irgend möglich gespielt wurden.

Ein phänomenaler Eklek­tiker, aber ohne Vorbilder

Die „Gothic Symphony“ blieb der große Ausreißer unter Brians Symphonien. Auch die nächsten drei sind noch recht umfangreich, doch dann zog er es vor, seine Aussage in immer neuer Weise zu verdichten. Die kürzeste Symphonie dauert um die zehn Minuten, im Schnitt sind es vielleicht 25 Minuten, oftmals dreisätzig, gerne auch in vier oder zwei Sätzen, und immer wieder – von Nr. 12-17 durchgehend – in einem einzigen Satz. Stilistisch wurde viel diskutiert, wie seine Tonsprache einzuordnen sei. Er war einerseits ein phänomenaler Eklektiker, der Elemente von Bach, Händel, spätem Beethoven, Berlioz, Schumann, Liszt, Elgar, Strauss und anderen einschmolz (Mahler oder Ives hingegen bei aller archaischen Affinität zu Marsch-Topoi kaum, denn deren Musik lernte er erst sehr spät kennen), doch andererseits ist seine Formung mit ihren abrupten Sprüngen, herausfordernden Diskontinuitäten, fortwährenden Unvorhersehbarkeiten und unorthodoxen Kombinationen einander scheinbar fernstehender Ausdruckselemente stets so eigenartig, dass man bis auf einige ruhiger ausgeformte Passagen nicht im Ernst von Vorbildern sprechen kann. Eigentlich kann man in Brians Musik stets sicher sein, dass nichts so weitergeht, wie man vermuten würde. Doch obwohl er auf nichts so wenig Wert legte wie auf geschmeidige, glättende Übergänge und alles in jener gänzlich undiplomatischen Weise, die ihm auch als Mensch auf den Leib geschrieben war, direkt konfrontierte, ist seine Musik auf der hintergründigen Ebene der Motivik, der versteckten Verwandtschaften erstaunlich organisch zusammenhängend organisiert.

Die große Genugtuung in der Öffentlichkeit kam für Brian in den 60er Jahren, als seine „Gothic Symphony“ uraufgeführt und 1966 sogar unter Adrian Boult dargeboten wurde – mit überwältigendem Erfolg. Im Konzertsaal ist Havergal Brians Musik, die immer noch selten gespielt wird, bisher ein fast ausschließlich englisches Phänomen geblieben. Keines der führenden Orchester auf dem europäischen Kontinent hat je eine Brian-Symphonie aufgeführt. Aber auf CD sind mittlerweile, dank der regen Tätigkeit von Naxos, Dutton und Toccata Classics, sämtliche Symphonien, viel weitere Orchestermusik und die Opern verfügbar, unter Dirigenten wie Boult, Charles Mackerras, Charles Groves oder Martyn Brabbins. Sie müssen nur noch andernorts aufgegriffen werden.