„Great things are done when men and mountains meet“
Dem Komponisten Carl Ruggles zum 150. Geburtstag

Im Jahr 1932 fuhr Nicolas Slonimsky (1894-1995), nach seiner Zeit als Assistent und Privattrainer von Serge Koussevitzky in Boston der unaufhaltsamste Vorkämpfer der US-amerikanischen Avantgarde, nach Europa, um – mit Geldmitteln von Charles Ives ausgestattet – diese damals extrem radikale Musikrichtung dem Publikum der Alten Welt vorzustellen. Zunächst dirigierte er Konzerte in Paris, bei denen Ives’ „Three Places in New England“, Edgard Varèses „Ionisation“, Carl Ruggles’ „Sun-Treader“ und weitere Werke uraufgeführt wurden. Mit den gleichen Stücken mietete er anschließend die Berliner Philharmoniker und bestritt ihre deutschen Erstaufführungen. Die konservativen Kritiker reagierten irritiert beziehungsweise pikiert, und Ruggles’ Meisterwerk, in deutscher Übersetzung des Robert-Browning-Mottos ‚Der Sonnenläufer‘, wurde vom Feuilleton zum ‚Latrinenläufer‘ degradiert, was den stets findigen Slonimsky zu seinem berühmten „Lexicon of Musical Invective“ inspirierte. Aber wie hätte man damals Carl Ruggles verstehen können?
Die Münchner Erstaufführung des „Sun-Treader“ fand am 24. Januar 2025 statt, 94 Jahre nach Vollendung des gewaltigen Werks, das die maximale eruptive Energie des großen Orchesters in schroff dissonant freitonaler, ekstatisch kontrapunktierender Linienführung – glutvoll gezackt emporstürmend und in Kaskaden herabstürzend, durchgliedert mit Atempausen und mit einem an entscheidenden wiederkehrenden Pauken-Accelerando den drängenden Ausdruck zuspitzend – auf den Zeitrahmen von 15 Minuten verdichtet. Barbara Hannigan dirigierte die Münchner Philharmoniker und schrieb den Programmheftbeitrag, in klarer Bewusstheit der historischen Tat, selbst. So fulminant diese Aufführung des von ihr als „Eckpfeiler der amerikanischen Musikgeschichte“ charakterisierten Werkes gelang, war auch klar, dass sich die meisten Orchester früher schwerer damit getan hätten.
Charles Sprague Ruggles wurde am 11. März 1876 in Massachusetts als Nachkomme von Walfängern geboren. Der Gesang seiner Mutter bewirkte, dass der Sechsjährige aus einer Zigarrenkiste eine Geige bastelte, woraufhin man sein musikalisches Talent zu fördern begann. Schon mit neun Jahren spielte er dem US-Präsidenten vor. In Boston studierte er Violine bei dem österreichischen Emigranten Felix Winternitz, einem einstigen Schüler von Robert Fuchs in Wien. 1903-07 studierte er Komposition bei John Knowles Paine an der Harvard University und änderte seinen Vornamen in seinem Enthusiasmus für die deutsche Kultur in Carl. 1907-17 wirkte er in Winona, Minnesota, wo er das Symphonieorchester gründete und die Sängerin Charlotte Snell heiratete, mit der er einen Sohn hatte. Er komponierte regelmäßig, doch vernichtete er später alle frühen Werke. 1917 zog die Familie nach New York, er übernahm wichtige Funktionen in der International Composers Guild und ab 1928 in der Pan American Association. „Toys“, eine Miniatur für Gesang und Orchester von 1919 zum vierten Geburtstag seines Sohns, ist das erste Werk, das Ruggles bestehen ließ. In der Folge entstanden „Men and Angels“ für Blechbläser (1920, 1939 überarbeitet als „Angels“), „Vox clamans in deserto“ für Gesang und Orchester (1923), „Men and Mountains“ für Orchester (1924), „Portals“ für Streicher (1925), „Sun-Treader“ (1926-31), „Evocations“ (1935-42), „Polyphonic Composition“ für drei Klaviere (1940), „Organum“ für großes Orchester (1949, uraufgeführt unter Leopold Stokowski) und schließlich 1958 als unscheinbares Farewell eine „Congregation“ für Unisono-Chor und Orgel. Das ist alles. „Portals“ und „Organum“, zusammengenommen 13 Minuten konzentrierteste Klangsubstanz, sind transzendente Meisterwerke, die fast niemand kennt. Eine Oper über Gerhart Hauptmanns „Die versunkene Glocke“ (Ottorino Respighi hatte 1925-26 denselben Stoff vertont) nahm während der Entstehung des „Sun-Treader“ Gestalt an, die Met war bereit zur Annahme, doch dann entschied sich Ruggles gegen die Vollendung und vernichtete die Partitur. Er hatte übrigens die Gewohnheit, seine Partituren auf riesigen zusammengeklebten Seiten von Backpapier, die auf dem Boden ausgebreitet lagen, in bunten Farben zu notieren.
Carl Ruggles, der am 24. Oktober 1971 in seinem idyllischen Domizil in Bennington, Vermont, starb, ist ein musikhistorisch einzigartiger Fall: Ein Komponist, der 95 Jahre alt wird, hinterlässt ein Gesamtwerk von maximal zehn Werken mit einer Gesamtdauer von etwas über achtzig Minuten. Die umfangreichste Komposition ist „Sun-Treader“. Dabei wird seine Musik stets als monumental, weitgespannt und transzendental rezipiert. Diese Monumentalität drückt sich in dem William-Blake-Zitat aus, das „Men and Mountains“ vorangestellt ist: „Great things are done when men and mountains meet.“ Als idealistischer Künstler mit jeder Faser seines Seins verstand er es stets, eine rundherum stimmige Einheit zu formen, und was die Welt dann mit dem Kunstwerk anstellte, focht ihn nicht mehr an. Er war ein Solitär unter seinen Kollegen, durch nichts von seinem einsamen Weg abzubringen.
Ausgerechnet seinen „Sun-Treader“ sollte Ruggles nie hören, denn als anlässlich seines neunzigsten Geburtstags Jean Martinon das Chicago Symphony Orchestra in der US-Premiere in Maine dirigierte, war der seit 1957 verwitwete Komponist indisponiert und sein Gehör extrem eingeschränkt. Dass er seit 1949 nicht mehr komponierte, hatte – abgesehen von seiner unerbittlichen Strenge mit sich selbst, die ihn seine wenigen Werke wieder und wieder revidieren ließ, sowie der Tatsache, dass eine reiche Schülerin entschied, ihn für den Rest seines langen Lebens von allen Unterhaltssorgen zu befreien – einen triftigen Grund: Er hatte die abstrakte Malerei für sich entdeckt, die er nun mit ebensolcher Ernsthaftigkeit und Akribie betrieb. Und auch hier ist sein Schaffen von höchstem Anspruch. Er selbst hatte das Naheliegende ohnehin längst ausgesprochen: „I paint music.“
So großartig und unnachahmlich eigentümlich Carl Ruggles’ Schaffen – das so kompakt ist, dass es heute auf einer CD Platz fände – sein mag, so intensiv die Verehrung in Kollegenkreisen bis heute nachwirkt, die Plattenfirmen haben sich nicht mit ihm angefreundet. 1980 veröffentlichte CBS Masterworks das Gesamtwerk auf zwei LPs mit dem Buffalo Philharmonic unter Michael Tilson Thomas. Das ikonische Album, von Sammlern gejagt, ist nie auf CD erschienen.



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