Ein Ort für die Musik
Der Festivalleiter Dominik Šedivý über Richard Strauss, Garmisch-Partenkirchen und letzte Uraufführungen bei den Richard-Strauss-Tagen
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Zwischen den Richard-Strauss-Metropolen München und Salzburg hat sich Garmisch-Partenkirchen als dritter wichtiger Ort der Strauss-Pflege etabliert. Das liegt vor allem am Richard-Strauss-Institut und den Richard-Strauss-Tagen, die beide vom gebürtigen Tiroler und promovierten Musikwissenschaftler Dominik Šedivý geleitet werden.
Herr Šedivý, das Motto der Richard-Strauss-Tage ist: Wo Strauss daheim war. Wie eng war denn die Beziehung zwischen Richard Strauss und Garmisch-Partenkirchen?
Strauss hat vierzig Jahre hier gelebt. Er war ja gebürtiger Münchner und dem Alpenraum, nenne ich es mal, stets eng verbunden, selbst in den zwanzig Jahren, in denen er in Berlin Dirigent war. Seine Gattin Pauline war auch eine Bayerin aus Ingolstadt. Sie haben in der Zeit, als er seine Tondichtungen komponiert hat, jeden Sommer in Marquartstein im Chiemgau verbracht. Und so war es naheliegend, dass er sich von den Einnahmen aus dem Welterfolg der „Salome“ eine Sommerresidenz kaufte. Warum er das in Garmisch tat, weiß man nicht so genau. Vielleicht hatten ihm Bekannte von der traumhaften Natur und den freundlichen Menschen und dem guten Essen vorgeschwärmt. Garmisch und Partenkirchen, damals waren sie ja noch getrennt, waren um die Jahrhundertwende beliebte Ferienwohnorte für großbürgerliche Menschen, Intellektuelle. Der Dirigent Hermann Levi hatte sich hier 1896 eine Villa gebaut, die Villa, die sich sein Cousin drei Jahre vorher hatte erbauen lassen, beherbergt heute das Richard-Strauss-Institut. 1906 hat Strauss beim bekannten Architekten Emanuel von Seidel eine Villa in Auftrag gegeben, in die er 1908 eingezogen ist. Er hat hier die „Elektra“ zum Abschluss gebracht und den „Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und letztlich alle weiteren Werke einschließlich der „Metamorphosen“ komponiert. Nachdem „Elektra“ und „Rosenkavalier“ Welterfolge geworden waren, hat Strauss das Komponieren zu seiner hauptberuflichen Tätigkeit gemacht. Er hat in Berlin nur noch die wesentlichen Abonnementkonzerte dirigiert und an anderen Orten seine eigenen Werke als Gastdirigent. Sein Hauptwohnsitz war Garmisch. Nur nach dem Ersten Weltkrieg musste er wieder regelmäßige Einnahmen generieren und war für fünf Jahre Direktor der Wiener Staatsoper.
Was ist heute in der Villa?
Sie ist nach wie vor in Familienbesitz. Sie war bis 2007 permanent bewohnt und ist heute eine nicht-öffentliche Gedenkstätte und ein Privatmuseum. Wir Forscher sind regelmäßig dort, um im Nachlass, der sich da befindet, zu arbeiten. Und gelegentlich gibt es Privatführungen.
Und das Richard-Strauss-Institut?
Das ist in der sogenannten „Villa Christina“ in Partenkirchen untergebracht. Die Initiative zum Richard-Strauss-Institut entstand in den 1960er Jahren zum hundertsten Geburtstag, vor allem Franz Strauss, der Sohn, und der Dirigent Wolfgang Sawallisch hatten angeregt, in München ein Institut mit Forschungstätigkeiten und als Anlaufstelle zu gründen. Das zog sich alles hin, erst 1982 erfolgte die Gründung, unter der gemeinsamen Trägerschaft der Stadt München und des Freistaates Bayern. Aufgrund von Finanzierungsproblemen wurde das Institut 1997 kurzfristig geschlossen und 1999 in Garmisch-Partenkirchen wiedereröffnet. Der damalige Bürgermeister war aufgestanden und hatte gesagt: Wir können dieses Institut in Garmisch-Partenkirchen brauchen. Heute sind wir Teil des kommunalen Kulturunternehmens, einer gemeinnützigen GmbH, die die Kulturarbeit der Stadt verantwortet. Das Institut wird nach wie vor anteilig vom Freistaat mitfinanziert.
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Die Richard-Strauss-Tage sind aber schon 1989, zum vierzigsten Todestag von Strauss, gegründet worden.
Auch auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Neidlinger, wie übrigens auch der Richard-Strauss-Brunnen im Garmischer Ortskern. Es wurde ein Kuratorium gegründet, dem neben den Enkelsöhnen des Komponisten unter anderem auch August Everding angehörte, man holte eine Veranstaltungsagentur ins Boot, und dann wurden die Strauss-Tage sehr schnell als jährliches Klassik-Festival konzipiert, unterstützt von einem Förderverein. Damals waren Klassik-Festivals außerhalb von München noch sehr selten in Bayern, und man hat gute Leute, auch große Orchester hergebracht. Die Strategie, die Richard-Strauss-Pflege fest hier im Ort zu verankern, ist jedenfalls aufgegangen.
Sind die Richard-Strauss-Tage das einzige Strauss-Festival?
Es gibt die Richard-Strauss-Tage an der Semperoper in Dresden, deren Tradition ja noch bis zu seinen Lebzeiten zurückgeht, aber die finden nur unregelmäßig statt. Und es gibt immer wieder Jubiläumsfestspiele mit besonderen Strauss-Schwerpunkten, besonders in München natürlich, aber auch in anderen Orten, die ihm besonders verbunden sind wie Salzburg und Wien. Doch das sind keine eigentlichen Strauss-Festivals.
Was ist die programmatische Idee hinter dem Festival, das sich ja über zehn Tage erstreckt?
Wir sind hier in den Alpen, wir sind am Ort, wo Strauss gelebt hat und der ihn inspiriert hat. Hier können wir eine authentische Richard-Strauss-Pflege betreiben. Strauss war der direkte Landschaftsbezug wichtig, und den haben Sie nicht in einem Opernhaus mit einer urbanen Kultur ringsum.
Die Konzerte finden aber nicht in „authentischen“ Konzertstätten statt, oder?
Nein, das ist infrastrukturell bedingt. Wir haben das Kongresszentrum mit dem sogenannten Festsaal Werdenfels mit 740 Plätzen, da können wir Tondichtungen spielen und konzertant kleiner besetzte Opern. Wir haben einen größeren Kammermusiksaal und den Saal des Instituts mit 66 Sitzplätzen. Der ist ideal für die Meisterkurse, die charakteristisch für das Festival geworden sind, nicht zuletzt durch die von 2008 bis 2017 amtierende künstlerische Leiterin Brigitte Fassbaender. Etwas Besonderes sind aber auch die kleineren Formate, die Mischformate, die wir anbieten: Wir gehen raus in die Natur und nutzen die Natur als Bühne, wir betreiben sehr intensiv Vermittlung, wir versuchen, die Musik von Strauss mit dem Volkstümlichen zu verbinden, der Blasmusik beispielsweise. Und mit vielen Informations-, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen oder auch in Verbindung mit Kulinarik und anderen künstlerischen Formen versuchen wir, Richard Strauss dem Publikum nahezubringen. Eine besondere Nähe entsteht aber auch zwischen den Künstlern und dem Publikum. Wenn Günther Groissböck beim Hüttenabend auf einem Berggasthof Wiener Lieder singt, dann steht der nur ein paar Meter von Ihnen entfernt. Und hinterher können Sie noch mit ihm plaudern, wenn Sie möchten.
„Hier kann man eine authentische Richard-Strauss-Pflege betreiben.“
Die Musikwanderungen mit Bergführer und Bläsern klingen auch sehr verlockend.
Wir können als Festival nicht mit Salzburg oder München konkurrieren, wir müssen hier keinen „Rosenkavalier“ produzieren. Aber immer wieder sagen mir Musiker, sie sehen die Berge, und schon klingt in ihrem Kopf die „Alpensinfonie“. Hier kann man eine direktere Verbindung zu Richard Strauss auf einer persönlichen Ebene herstellen. Nicht zum opulenten Symphoniker und Opernkomponisten, zum Mann von Welt, sondern zum Familienmenschen Strauss, zum naturverbundenen Menschen, der hier in der Abgeschiedenheit still für sich komponiert hat.
Sie haben aber auch zwei Sinfoniekonzerte mit den Stuttgarter Philharmonikern unter Rémy Ballot im Programm.
Da liegt der Fokus auf den Tondichtungen, die wir immer in einen Kontext stellen. In diesem Jahr kombinieren wir „Tod und Verklärung“ mit der Orchesterfantasie „Nirwana“ von Hans von Bülow, die vermutlich die wenigsten kennen. Das ist eine etwa fünfzehnminütige Tondichtung, die in thematisch engem Kontext zu „Tod und Verklärung“ steht und Strauss sicherlich beeinflusst hat – Bülow war ja Strauss’ Mentor. Der Konflikt, den Strauss in seinem Werk thematisiert, das Streben des Künstlers nach dem überpersönlichen Ideal, das er zu Lebzeiten nie erreichen wird, wird von Bülows „Nirwana“ her verständlich.
Die Sinfoniekonzerte liegen beide am zweiten Festival-Wochenende.
Wer die Highlight-Veranstaltungen besuchen möchte, der sollte zum zweiten Wochenende anreisen, in diesem Jahr vom 12. bis 14. Juni. Am Freitagabend wird das Berliner Ensemble SineQuaNon tatsächlich noch einige Werke von Richard Strauss uraufführen. Strauss hat ja Privatunterricht bezahlt bekommen von seinem Vater bei den besten Lehrern, die ihn durch eine harte Kontrapunktschule gejagt haben. Und an den Schülerarbeiten, die sich erhalten haben, sehen wir, wie er jede Form von Kanon und Fuge ausprobieren musste. Wir erkennen aber auch, wie er sich vom begabten, fleißigen Tonsatzschüler zum Komponisten entwickelt hat. Die fünfstimmige Doppelfuge für Violine und Klavier ist dann am Ende schon eine richtige Komposition. Die Bedeutung des Kontrapunkts für Strauss, aber auch für die Musikgeschichte der damaligen Zeit, gerade in München, wollen wir in diesem Konzert illustrieren. Wir kombinieren diese Schülerwerke mit Bach und einem Klavierquintett von Rheinberger, das eine sehr imposante Schlussfuge hat.
Und diese Schülerwerke von Strauss werden zum ersten Mal in der Öffentlichkeit aufgeführt?
Ja, es gibt noch einzelne wenige Werke, die noch nie aufgeführt worden sind. Und beenden werden wir die Richard-Strauss-Tage mit noch einer Erstaufführung: einer konzertanten „Salome“. Wir haben von Klemens
Vereno ein Arrangement für Kammerorchester und kleiner Besetzung erstellen lassen, um auch sehr kleinen Häusern und den Reise- und Sommeropern eine Fassung anzubieten, die sie aufführen können. Der Schott-Verlag wird das Werk dann in den Katalog übernehmen. Das machen wir sozusagen als Education-Projekt mit der Angelika Prokopp Sommerakademie der Wiener Philharmoniker und dem Department für Oper und Musiktheater der Universität Mozarteum in Salzburg.



