Mehr als nur der kleine Bruder
Vor dreihundert Jahren starb der italienische Komponist Antonio Maria Bononcini

Die Karrieren musikalischer Geschwister waren im 18. Jahrhundert oft eng miteinander verflochten. Das beste Beispiel sind die Gebrüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun, die lange gemeinsam in Berlin wirkten und sich heute sogar ein Werkverzeichnis teilen. Aber kaum ein Geschwisterpaar „klebte“ so lange und eng beieinander wie die Brüder Giovanni Battista (1670-1747) und Antonio Maria Bononcini (1677-1726) aus Modena. Das lag zweifellos auch am frühen Tod der Eltern: Die Mutter starb bereits kurz nach der Geburt Antonio Marias und der Vater, ebenfalls Komponist, nur ein Jahr später. Zudem spezialisierten sich beide auf dasselbe Instrument: das Violoncello.
Wie sein älterer Bruder studierte Antonio Maria ab 1686 bei Giovanni Paolo Colonna, dem Kapellmeister der Basilika San Petronio in Bologna. Bereits während des Studiums spielten beide im berühmten Orchester von San Petronio. Da über die frühen Jahre Antonio Marias nur wenig bekannt ist und die Quellen gelegentlich die Bononcinis durcheinanderwerfen, kann nur vermutet werden, dass er wie sein Bruder (seit Mai 1686) ebenfalls Mitglied der renommierten Accademia Filarmonica di Bologna wurde. Beide sind zudem von 1690 bis 1693 als Musiker im Orchester des päpstlichen Legaten Kardinal Benedetto Pamphili nachgewiesen, der später in Rom als Förderer und Librettist des jungen Händels in Erscheinung trat. Diese Anstellung war bestens geeignet, einen Posten oder zumindest Aufträge in Rom zu ergattern, da Bologna zum Kirchenstaat gehörte, dessen Repräsentant beziehungsweise Gouverneur Pamphili war.
Überhaupt scheinen beide Bononcinis das, was wir heute Netzwerken nennen würden, mindestens ebenso gut wie die Komposition und das Cellospiel beherrscht zu haben: Anstellungen wählten sie nicht selten so, dass sie strategisch geschickt als Sprungbrett in nächst höhere beziehungsweise besser bezahlte Engagements dienen konnten. Dabei richtete es der ältere Bruder so ein, dass der jüngere über kurz oder lang nachziehen konnte. Als Giovanni tatsächlich Bologna verließ, um in Rom in die Dienste des einflussreichen Filippo II. Colonna zu treten, folgte Antonio Maria ihm bald nach, ab 1694 ist er als Cellist in Colonnas Orchester nachzuweisen. Wohin der ältere Bruder in den folgenden Jahren auch ging, Antonio Maria folgte ihm. Der jüngere Bruder war aber nicht nur Nutznießer im Windschatten des älteren. Die Aufträge für Serenaten und Huldigungsmusiken in Rom belegen eine stetig wachsende Anerkennung für den jüngeren Bononcini. Dennoch folgte Antonio Maria seinem Bruder um 1700 nach Wien, wo er schnell Aufträge vom kaiserlichen Hof erhielt und Wertschätzung erfuhr, die sich auszahlen sollte. Während des Spanischen Erbfolgekrieges für kurze Zeit an den preußischen Hof in Berlin exiliert, rief ihn der neue Kaiser Joseph I. 1705 zurück nach Wien, wo Antonio Maria Bononcini elf größere Vokalwerke für den Hof komponierte und Kontakte zum späteren Kaiser Karl VI. knüpfte, der in Spanien als Gegenkönig Karl III. letztlich erfolglos die Habsburger Ansprüche auf den spanischen Thron durchzusetzen versuchte. In späteren Quellen wird Antonio Maria als dessen Kapellmeister bezeichnet, was durch zahlreiche Widmungen seiner Werke an Karl III./VI. untermauert wird.
Das Jahr 1711 brachte eine Wende im Leben der beiden Brüder: Joseph I. starb unerwartet an den Pocken, und sein Bruder bestieg als Karl VI. den Kaiserthron. Doch die Hoffnungen der beiden Bononcinis auf offizielle Posten und lukrative Aufträge zerschlugen sich – der Spanische Erbfolgekrieg hatte die Finanzen des Kaiserhauses erschöpft. Und die Bononcinis ließen sich ihre Dienste anscheinend so üppig entlohnen, dass daran in der Vergangenheit bereits Engagements gescheitert waren. Nun kehrten die Brüder nach Italien zurück, zumindest Antonio Maria allerdings nicht mit gänzlich leeren Händen: Als Folge des Friedens von Utrecht, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendet hatte, erhielten die Habsburger die einst spanischen Besitzungen in Italien, und so stellte man Antonio Maria den Posten des Kapellmeisters in seiner Heimatstadt Modena in Aussicht, sobald dieser frei werden würde.
Während seiner Zeit in Wien hatte Antonio Maria nach und nach aus dem Schatten seines europaweit bekannten Bruders heraustreten und als Komponist weltlicher Vokalmusik reüssieren können. 1710 komponierte er für Wien mit „Tigrane, re d’Armenia“ seine erste Oper, der schon bald weitere, u. a. für die habsburgisch gewordenen Opernzentren Neapel und Mailand, folgten. Nun erst, Antonio Maria war Mitte dreißig, trennten sich die Wege der Brüder endgültig, und der Jüngere wirkte in Italien als erfolgreicher Opernkomponist mit Engagements u. a. in Venedig und Rom, ehe er 1721 die versprochene Stelle des Hofkapellmeisters bei Francesco III. d’Este in Modena übernahm.
In den fünf Jahren bis zu seinem Tod am 8. Juli 1726 beschränkte er sich offenbar ganz auf Ausführung und Leitung der Hofmusik, Opern schrieb er nicht mehr. Während Giovanni Bononcini schon früh und regelmäßig Werke in Druck gab, hat Antonio Maria keines seiner Werke veröffentlicht, was zwar die Exklusivität seiner Musik erhöhte, auf lange Sicht aber deren Wirkung und seine Popularität außerhalb der höfischen Kennerkreise einschränkte. Vielleicht verstand er sich in erster Linie als Opernkomponist, dem es genügte, dass seine übrige Musik in Kirchen- und Hofkreisen geschätzt und aufgeführt wurde.
Bereits in jungen Jahren zeichnete sich Antonio Maria Bononcini durch eine besondere Begabung und Vorliebe für den Kontrapunkt aus, den er meisterhaft beherrschte. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich mit der Oper und anderer weltlicher Vokalmusik auf Gattungen konzentrierte, bei denen diese Fähigkeit keine Rolle spielte. Gleichwohl weist seine Oper „Griselda“ (1718) im zweiten Akt eine gelehrte Vokalfuge auf, wie man sie sonst nur noch in seinen Oratorien für den Wiener Hof findet. Auffällig ist auch, dass sich nur wenig von seiner geistlichen Musik erhalten hat, darunter sein heute bekanntestes Werk, das späte Stabat Mater für Soli, Chor und Orchester aus seiner Zeit in Modena. Es besticht durch das geschickt gestaltete Nebeneinander von strengem Kontrapunkt in den Chören und den emotional gestalteten Arien mit ihrer ansprechenden Einfachheit.
Es ist bedauerlich, dass Antonio Maria heute wieder im Schatten seines Bruders Giovanni Battista steht, denn bereits der Zeitgenosse Francesco Geminiani urteilte, dass Antonio Maria hinsichtlich Tiefe und Wissen seinen Bruder bei Weitem übertroffen habe. Auch der angesehene Musiktheoretiker Padre Martini äußerte sich noch Jahre nach dessen Tod überschwänglich: „So erklingt in seinen Kompositionen doch ein solch erhabener, solch lebendiger, solch raffinierter und ergötzlicher Stil, dass er sich gar über den Großteil der Komponisten am Beginn dieses Jahrhunderts, das an ganz vortrefflichen Männern überaus üppig war, hinwegsetzte.“ In der Tat steht seine Musik exemplarisch für den Übergang vom Barock zum Galanten Stil, was sich besonders in seiner Melodik widerspiegelt, die sich durch schlichte Anmut und Grazie auszeichnet. Eine Überwältigung des Hörers durch expressive Dramatik oder effektvolle Virtuosität wie bei seinen Zeitgenossen Vivaldi und Händel war ihm fremd.
Hinsichtlich Aufnahmen seiner Werke besteht dringender Nachholbedarf. Auch wäre zu wünschen, dass exzellente, aber gestrichene Aufnahmen mit seiner Musik wiederveröffentlicht würden, zum Beispiel das Stabat Mater mit Rinaldo Alessandrini (bei Naïve). Antonio Maria Bononcinis Musik hätte mehr Hörer verdient.
Die Karrieren musikalischer Geschwister waren im 18. Jahrhundert oft eng miteinander verflochten. Das beste Beispiel sind die Gebrüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun, die lange gemeinsam in Berlin wirkten und sich heute sogar ein Werkverzeichnis teilen. Aber kaum ein Geschwisterpaar „klebte“ so lange und eng beieinander wie die Brüder Giovanni Battista (1670-1747) und Antonio Maria Bononcini (1677-1726) aus Modena. Das lag zweifellos auch am frühen Tod der Eltern: Die Mutter starb bereits kurz nach der Geburt Antonio Marias und der Vater, ebenfalls Komponist, nur ein Jahr später. Zudem spezialisierten sich beide auf dasselbe Instrument: das Violoncello.
Wie sein älterer Bruder studierte Antonio Maria ab 1686 bei Giovanni Paolo Colonna, dem Kapellmeister der Basilika San Petronio in Bologna. Bereits während des Studiums spielten beide im berühmten Orchester von San Petronio. Da über die frühen Jahre Antonio Marias nur wenig bekannt ist und die Quellen gelegentlich die Bononcinis durcheinanderwerfen, kann nur vermutet werden, dass er wie sein Bruder (seit Mai 1686) ebenfalls Mitglied der renommierten Accademia Filarmonica di Bologna wurde. Beide sind zudem von 1690 bis 1693 als Musiker im Orchester des päpstlichen Legaten Kardinal Benedetto Pamphili nachgewiesen, der später in Rom als Förderer und Librettist des jungen Händels in Erscheinung trat. Diese Anstellung war bestens geeignet, einen Posten oder zumindest Aufträge in Rom zu ergattern, da Bologna zum Kirchenstaat gehörte, dessen Repräsentant beziehungsweise Gouverneur Pamphili war.
Überhaupt scheinen beide Bononcinis das, was wir heute Netzwerken nennen würden, mindestens ebenso gut wie die Komposition und das Cellospiel beherrscht zu haben: Anstellungen wählten sie nicht selten so, dass sie strategisch geschickt als Sprungbrett in nächst höhere beziehungsweise besser bezahlte Engagements dienen konnten. Dabei richtete es der ältere Bruder so ein, dass der jüngere über kurz oder lang nachziehen konnte. Als Giovanni tatsächlich Bologna verließ, um in Rom in die Dienste des einflussreichen Filippo II. Colonna zu treten, folgte Antonio Maria ihm bald nach, ab 1694 ist er als Cellist in Colonnas Orchester nachzuweisen. Wohin der ältere Bruder in den folgenden Jahren auch ging, Antonio Maria folgte ihm. Der jüngere Bruder war aber nicht nur Nutznießer im Windschatten des älteren. Die Aufträge für Serenaten und Huldigungsmusiken in Rom belegen eine stetig wachsende Anerkennung für den jüngeren Bononcini. Dennoch folgte Antonio Maria seinem Bruder um 1700 nach Wien, wo er schnell Aufträge vom kaiserlichen Hof erhielt und Wertschätzung erfuhr, die sich auszahlen sollte. Während des Spanischen Erbfolgekrieges für kurze Zeit an den preußischen Hof in Berlin exiliert, rief ihn der neue Kaiser Joseph I. 1705 zurück nach Wien, wo Antonio Maria Bononcini elf größere Vokalwerke für den Hof komponierte und Kontakte zum späteren Kaiser Karl VI. knüpfte, der in Spanien als Gegenkönig Karl III. letztlich erfolglos die Habsburger Ansprüche auf den spanischen Thron durchzusetzen versuchte. In späteren Quellen wird Antonio Maria als dessen Kapellmeister bezeichnet, was durch zahlreiche Widmungen seiner Werke an Karl III./VI. untermauert wird.
Das Jahr 1711 brachte eine Wende im Leben der beiden Brüder: Joseph I. starb unerwartet an den Pocken, und sein Bruder bestieg als Karl VI. den Kaiserthron. Doch die Hoffnungen der beiden Bononcinis auf offizielle Posten und lukrative Aufträge zerschlugen sich – der Spanische Erbfolgekrieg hatte die Finanzen des Kaiserhauses erschöpft. Und die Bononcinis ließen sich ihre Dienste anscheinend so üppig entlohnen, dass daran in der Vergangenheit bereits Engagements gescheitert waren. Nun kehrten die Brüder nach Italien zurück, zumindest Antonio Maria allerdings nicht mit gänzlich leeren Händen: Als Folge des Friedens von Utrecht, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendet hatte, erhielten die Habsburger die einst spanischen Besitzungen in Italien, und so stellte man Antonio Maria den Posten des Kapellmeisters in seiner Heimatstadt Modena in Aussicht, sobald dieser frei werden würde.
Während seiner Zeit in Wien hatte Antonio Maria nach und nach aus dem Schatten seines europaweit bekannten Bruders heraustreten und als Komponist weltlicher Vokalmusik reüssieren können. 1710 komponierte er für Wien mit „Tigrane, re d’Armenia“ seine erste Oper, der schon bald weitere, u. a. für die habsburgisch gewordenen Opernzentren Neapel und Mailand, folgten. Nun erst, Antonio Maria war Mitte dreißig, trennten sich die Wege der Brüder endgültig, und der Jüngere wirkte in Italien als erfolgreicher Opernkomponist mit Engagements u. a. in Venedig und Rom, ehe er 1721 die versprochene Stelle des Hofkapellmeisters bei Francesco III. d’Este in Modena übernahm.
In den fünf Jahren bis zu seinem Tod am 8. Juli 1726 beschränkte er sich offenbar ganz auf Ausführung und Leitung der Hofmusik, Opern schrieb er nicht mehr. Während Giovanni Bononcini schon früh und regelmäßig Werke in Druck gab, hat Antonio Maria keines seiner Werke veröffentlicht, was zwar die Exklusivität seiner Musik erhöhte, auf lange Sicht aber deren Wirkung und seine Popularität außerhalb der höfischen Kennerkreise einschränkte. Vielleicht verstand er sich in erster Linie als Opernkomponist, dem es genügte, dass seine übrige Musik in Kirchen- und Hofkreisen geschätzt und aufgeführt wurde.
Bereits in jungen Jahren zeichnete sich Antonio Maria Bononcini durch eine besondere Begabung und Vorliebe für den Kontrapunkt aus, den er meisterhaft beherrschte. Umso erstaunlicher ist es, dass er sich mit der Oper und anderer weltlicher Vokalmusik auf Gattungen konzentrierte, bei denen diese Fähigkeit keine Rolle spielte. Gleichwohl weist seine Oper „Griselda“ (1718) im zweiten Akt eine gelehrte Vokalfuge auf, wie man sie sonst nur noch in seinen Oratorien für den Wiener Hof findet. Auffällig ist auch, dass sich nur wenig von seiner geistlichen Musik erhalten hat, darunter sein heute bekanntestes Werk, das späte Stabat Mater für Soli, Chor und Orchester aus seiner Zeit in Modena. Es besticht durch das geschickt gestaltete Nebeneinander von strengem Kontrapunkt in den Chören und den emotional gestalteten Arien mit ihrer ansprechenden Einfachheit.
Es ist bedauerlich, dass Antonio Maria heute wieder im Schatten seines Bruders Giovanni Battista steht, denn bereits der Zeitgenosse Francesco Geminiani urteilte, dass Antonio Maria hinsichtlich Tiefe und Wissen seinen Bruder bei Weitem übertroffen habe. Auch der angesehene Musiktheoretiker Padre Martini äußerte sich noch Jahre nach dessen Tod überschwänglich: „So erklingt in seinen Kompositionen doch ein solch erhabener, solch lebendiger, solch raffinierter und ergötzlicher Stil, dass er sich gar über den Großteil der Komponisten am Beginn dieses Jahrhunderts, das an ganz vortrefflichen Männern überaus üppig war, hinwegsetzte.“ In der Tat steht seine Musik exemplarisch für den Übergang vom Barock zum Galanten Stil, was sich besonders in seiner Melodik widerspiegelt, die sich durch schlichte Anmut und Grazie auszeichnet. Eine Überwältigung des Hörers durch expressive Dramatik oder effektvolle Virtuosität wie bei seinen Zeitgenossen Vivaldi und Händel war ihm fremd.
Hinsichtlich Aufnahmen seiner Werke besteht dringender Nachholbedarf. Auch wäre zu wünschen, dass exzellente, aber gestrichene Aufnahmen mit seiner Musik wiederveröffentlicht würden, zum Beispiel das Stabat Mater mit Rinaldo Alessandrini (bei Naïve). Antonio Maria Bononcinis Musik hätte mehr Hörer verdient.



