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Swjatoslaw Richter

Von
Paul Moor
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Das erste Mal hörte ich den Namen Swjatoslaw Richter vor vielleicht fünf oder sechs Jahren in Paris, als ich zu Besuch bei dem großen Cellisten Pierre Fournier und seiner Frau war. Eines Abends — wir saßen alle bei Tisch — erwähnte ich, wie froh ich sei, einige Aufnahmen des damals bei uns fast unbekannten sowjetischen Pianisten Emil Gilels aufgestöbert zu haben. Mit der beiläufigen Selbstzufriedenheit des besser Informierten sagte mir Jean-Pierre Founier (damals ein sehr heller Bengel von vielleicht 13 Jahren): „Die Russen selber finden aber Swjatoslaw Richter noch besser." Woher er seine Kenntnisse hatte, ist mir immer noch rätselhaft! Ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass dieser Name damals nicht nur mir, sondern auch dem gut unterrichteten, viel reisenden Pierre Fournier und ebenso seiner Frau, einer gebürtigen Russin, noch völlig fremd war. Doch kannte ich den kleinen Jean-Pierre gut genug, um ihn ernst zu nehmen: ehe ich Paris verließ, kaufte ich die einzige Platte von Richter (das 1. Konzert von Prokofieff), die damals in Paris bei „Le Chant du Monde" erschienen war.

Seit damals hat sich um diesen mysteriösen, in Shitomir geborenen Pianisten eine ganze lebende Legende entwickelt. So große Musiker wie Gilels, David und Igor Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch und Daniel Schafran sind in den Konzertsälen des Westens bekannt geworden wie — sagen wir — Menuhin oder Fischer-Dieskau. Aber wer Swjatoslaw Richter hören will, muss eine Reise wenigstens nach Prag unternehmen, weil er noch nie — obwohl als der größte russische Pianist der Gegenwart berühmt — im "Westen gespielt hat.

Oder besser gesagt: noch nie im Westen spielen durfte. Bekanntlich werden solche Fragen nicht so sehr vom sowjetischen Künstler als vielmehr vom Kulturministerium in Moskau entschieden. Im vorigen Jahr, nachdem ich ihn schon einmal in Prag gehört hatte, lernte ich Richter in Moskau kennen. Dort habe ich ihn mehrfach gesehen und hatte auch die sehr große Freude, bei ihm zu Gast zu sein; in seiner geschmackvoll eingerichteten Wohnung hängt im Foyer ein Original von Fernand Leger. Als ich ihn fragte, wann er im Westen spielen würde, sagte er zunächst: „Ich muss zuerst eingeladen werden". Als ich ihm überrascht erklärte, ich wüsste selber, dass mehrere Impresarien im Westen ihr Möglichstes getan hätten, die notwendige Genehmigung des Ministeriums zu bekommen, antwortete er bloß leicht ungeduldig: „Ich habe keinen Kopf für Geschäfte, wissen Sie, das Ministerium entscheidet alle diese Sachen. Es gibt noch viele Städte — große Städte — gerade hier in der Sowjetunion, wo ich noch nicht gespielt habe. Warum soll ich es so eilig haben, im Westen zu spielen?" Na ja, aber immerhin . . . Auffallend bleibt, dass Richter mit Ausnahme der DDR und Albanien den ganzen Ostblock einschließlich China bereist hat.

In Moskau habe ich Richter zweimal gehört, an einem Klavierabend und in zwei Orchesterkonzerten. Beide Abende bestätigten mir, was ich schon oft gehört hatte: für mich ist Swjatoslaw Richter mit 45 Jahren der bedeutendste lebende Pianist. Die große B-dur-Sonate von Schubert habe ich von Gieseking, Schnabel und Kempff gehört: von Richter war sie noch ausdrucksstärker und poetischer. Die Toccata von Schumann klang wie ein neues, bisher unentdecktes Werk. Der zweite Teil des Programms brachte Werke von Prokofieff. Man dachte, Richter hätte damit den Gipfel des Beifalls erreicht; aber dann kamen seine Zugaben — „Valses oubliée" von Liszt, „Les Cloches a travers les feuilles" von Debussy — und man musste gestehen: dieser Künstler ist so vielseitig, dass es wirklich unmöglich ist, zu sagen, was ihm am meisten liegt. Am nächsten Abend, als er das Konzert von Schumann und das Zweite Klavierkonzert von Brahms spielte, war es genauso. Ich habe vor einigen Wochen Emil Gilels dasselbe Konzert — Brahms — spielen hören. Als Gilels zum ersten Male in Amerika auftrat, feierte man ihn als den größten Pianisten seit Wladimir Horowitz; ich muss heute sagen — für mich ist Richter noch eindrucksvoller.

Warum er nicht im Westen gespielt hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Bisher hat man keinen Grund, zu glauben, dass das Verbot von Moskau ausgeht. Desto mehr freut es mich, dass die Deutsche Grammophon Gesellschaft die Initiative ergriffen hat: Da Richter nicht zu ihr kommen konnte, ging sie zu ihm! Vor zwei Jahren hat die DGG den Künstler in Prag aufgenommen und jetzt — erstmalig in Stereo! — in Warschau. Wer diese Aufnahmen hört, wird zugeben: bevor Swjatoslaw Richter nicht in Westeuropa gespielt hat, darf man bei uns nicht behaupten, die größten Pianisten unserer Zeit zu kennen.

Das erste Mal hörte ich den Namen Swjatoslaw Richter vor vielleicht fünf oder sechs Jahren in Paris, als ich zu Besuch bei dem großen Cellisten Pierre Fournier und seiner Frau war. Eines Abends — wir saßen alle bei Tisch — erwähnte ich, wie froh ich sei, einige Aufnahmen des damals bei uns fast unbekannten sowjetischen Pianisten Emil Gilels aufgestöbert zu haben. Mit der beiläufigen Selbstzufriedenheit des besser Informierten sagte mir Jean-Pierre Founier (damals ein sehr heller Bengel von vielleicht 13 Jahren): „Die Russen selber finden aber Swjatoslaw Richter noch besser." Woher er seine Kenntnisse hatte, ist mir immer noch rätselhaft! Ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass dieser Name damals nicht nur mir, sondern auch dem gut unterrichteten, viel reisenden Pierre Fournier und ebenso seiner Frau, einer gebürtigen Russin, noch völlig fremd war. Doch kannte ich den kleinen Jean-Pierre gut genug, um ihn ernst zu nehmen: ehe ich Paris verließ, kaufte ich die einzige Platte von Richter (das 1. Konzert von Prokofieff), die damals in Paris bei „Le Chant du Monde" erschienen war.

Seit damals hat sich um diesen mysteriösen, in Shitomir geborenen Pianisten eine ganze lebende Legende entwickelt. So große Musiker wie Gilels, David und Igor Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch und Daniel Schafran sind in den Konzertsälen des Westens bekannt geworden wie — sagen wir — Menuhin oder Fischer-Dieskau. Aber wer Swjatoslaw Richter hören will, muss eine Reise wenigstens nach Prag unternehmen, weil er noch nie — obwohl als der größte russische Pianist der Gegenwart berühmt — im "Westen gespielt hat.

Oder besser gesagt: noch nie im Westen spielen durfte. Bekanntlich werden solche Fragen nicht so sehr vom sowjetischen Künstler als vielmehr vom Kulturministerium in Moskau entschieden. Im vorigen Jahr, nachdem ich ihn schon einmal in Prag gehört hatte, lernte ich Richter in Moskau kennen. Dort habe ich ihn mehrfach gesehen und hatte auch die sehr große Freude, bei ihm zu Gast zu sein; in seiner geschmackvoll eingerichteten Wohnung hängt im Foyer ein Original von Fernand Leger. Als ich ihn fragte, wann er im Westen spielen würde, sagte er zunächst: „Ich muss zuerst eingeladen werden". Als ich ihm überrascht erklärte, ich wüsste selber, dass mehrere Impresarien im Westen ihr Möglichstes getan hätten, die notwendige Genehmigung des Ministeriums zu bekommen, antwortete er bloß leicht ungeduldig: „Ich habe keinen Kopf für Geschäfte, wissen Sie, das Ministerium entscheidet alle diese Sachen. Es gibt noch viele Städte — große Städte — gerade hier in der Sowjetunion, wo ich noch nicht gespielt habe. Warum soll ich es so eilig haben, im Westen zu spielen?" Na ja, aber immerhin . . . Auffallend bleibt, dass Richter mit Ausnahme der DDR und Albanien den ganzen Ostblock einschließlich China bereist hat.

In Moskau habe ich Richter zweimal gehört, an einem Klavierabend und in zwei Orchesterkonzerten. Beide Abende bestätigten mir, was ich schon oft gehört hatte: für mich ist Swjatoslaw Richter mit 45 Jahren der bedeutendste lebende Pianist. Die große B-dur-Sonate von Schubert habe ich von Gieseking, Schnabel und Kempff gehört: von Richter war sie noch ausdrucksstärker und poetischer. Die Toccata von Schumann klang wie ein neues, bisher unentdecktes Werk. Der zweite Teil des Programms brachte Werke von Prokofieff. Man dachte, Richter hätte damit den Gipfel des Beifalls erreicht; aber dann kamen seine Zugaben — „Valses oubliée" von Liszt, „Les Cloches a travers les feuilles" von Debussy — und man musste gestehen: dieser Künstler ist so vielseitig, dass es wirklich unmöglich ist, zu sagen, was ihm am meisten liegt. Am nächsten Abend, als er das Konzert von Schumann und das Zweite Klavierkonzert von Brahms spielte, war es genauso. Ich habe vor einigen Wochen Emil Gilels dasselbe Konzert — Brahms — spielen hören. Als Gilels zum ersten Male in Amerika auftrat, feierte man ihn als den größten Pianisten seit Wladimir Horowitz; ich muss heute sagen — für mich ist Richter noch eindrucksvoller.

Warum er nicht im Westen gespielt hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Bisher hat man keinen Grund, zu glauben, dass das Verbot von Moskau ausgeht. Desto mehr freut es mich, dass die Deutsche Grammophon Gesellschaft die Initiative ergriffen hat: Da Richter nicht zu ihr kommen konnte, ging sie zu ihm! Vor zwei Jahren hat die DGG den Künstler in Prag aufgenommen und jetzt — erstmalig in Stereo! — in Warschau. Wer diese Aufnahmen hört, wird zugeben: bevor Swjatoslaw Richter nicht in Westeuropa gespielt hat, darf man bei uns nicht behaupten, die größten Pianisten unserer Zeit zu kennen.

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