Archiv

Porträt: Alfred Brendel

Von
Wolfram Schwinger
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Er ist eine starke, eigenwillige Persönlichkeit. Als ich ihn das erste Mal Klavierspielen hörte (das ist erst ein Jahr her), fand ich die Intensität seines Musizierens beinahe beängstigend. Seine Art, die Musik nicht nur geistig, sondern auch körperlich nachzuerleben, wirkte — im kleinen Rahmen eines Hauskonzerts — fast erdrückend. Dennoch: Schuberts Wandererfantasie hatte ich zuvor noch nicht so erfüllt, pianistisch noch nie so faszinierend gehört. Technische Bravour, differenzierteste Anschlagkultur (die selbst im stärksten Forte keine Härte kennt) mit nahezu singender Tongebung vereinten sich zu beispielhafter Werkdeutung. Dann erlebte ich ihn in Salzburg wieder — mit Mozarts spätem C-dur-Konzert (KV 503). Hatte ihn das Fluidum dieser Stadt, personifiziert in der humorig-direkten, väterlicherwärmenden Dirigierart Hofrat Paumgartners, verwandelt? Brendel war jedenfalls ein anderer. Ruhig und gelassen, bei aller angespannten Hingabe doch auch der spielerischen Seite dieser Musik zugeneigt, in einem idealen Ausgleich zwischen intellektueller Geistigkeit und gefühlshafter Versenkung — so spielte er Mozart. So brillant die in diesem herrlichen Konzert des „Figaro"-Jahres besonders ausgeprägte Virtuosität des Klaviersatzes auch herausgearbeitet war — die schlichte Kantabilität Mozartscher Melodik kam dazwischen (etwa in den Seitenthemen des ersten Satzes) auf wundersame Weise zum Klingen.

Brendel hält Mozarts große Klavierkonzerte für den absoluten Höhepunkt der gesamten Klavierkonzert-Literatur. Er spielt diese Werke deshalb mit besonderer Vorliebe. Franz Willnauer berichtete im vorjährigen Augustheft des fono forum von Brendels Beethoven-Abend bei den Wiener Festwochen als dem „Höhepunkt der pianistischen Darbietungen" (Backhaus und SvjatosIav Richter waren die anderen Pianisten dieser internationalen Konzerttage). Auf seine Durchdringung des strukturellen Kompositionsgeschehens wurde dabei besonders aufmerksam gemacht. Ich erlebte Brendels Wiedergabe der Sonate op. 111 und war zutiefst beeindruckt von dem geistigen und technischen Kontrastreichtum seiner Interpretation, die über einen formalen Aufriss hinaus weit in die seelischen Hintergründe dieser geheimnisvollen Musik eindrang. Zu den von Brendel weiterhin bevorzugten Meistern der Klaviermusik gehören Schubert und Liszt. Das Nebeneinanderstehen dieser beiden Namen ist nur scheinbar abwegig; denn an Liszt reizen Brendel in erster Linie nicht die klaviertechnischen Probleme (die zu lösen ihm mühelos gelingt), sondern — wie er sagt — „Liszts Vermögen, alles in Poesie und Ausdruck zu verwandeln". Während Brendel von Schubert alle Werke spielt, auch die Lieder — die „Schöne Müllerin" mit Hermann Prey stand auch auf seinem diesjährigen Salzburger Festspielprogramm —, hält er bei Liszt allerdings eine Auswahl für nötig. Jedenfalls tut er mit großer, echter Begeisterung das Seine, das mitteleuropäische Vorurteil (nur hier gibt es das!) gegenüber Liszt überwinden zu helfen. Er sieht eine wichtige Aufgabe darin, Liszt in seiner oftmals „überwältigenden Frische" dem modern eingestellten Hörer zugänglich zu machen.

Brendels Repertoire reicht bis zu Schönbergs Klaviermusik (dessen Klavierkonzert spielt er in dieser Saison bei den Berliner Philharmonikern).

Die Impressionisten sind rar in seinen Programmen, gar nicht spielt er Bach („der gehört aufs Cembalo") und Chopin („Freiheiten, bei ihm notwendig, sind anderswo verhängnisvoll; deshalb lieber nicht erst angewöhnen").

Brendel, 1931 in Mähren geboren, ist Wahlwiener — „slawisch und romanisch angereichert durch beide Eltern". In Zagreb und Graz begann er mit dem Klavierstudium, war dann Schüler von Paul Baumgartner und Eduard Steuermann, den entscheidenden Einfluss aber übte die Persönlichkeit Edwin Fischers auf ihn aus. In dieser positiven Einstellung zu Fischer trifft er sich mit seinen beiden „verwandten" Wiener Pianistenkollegen Paul Badura-Skoda und Jörg Demus. Obwohl jeder der drei seinen betont eigenen „Klaviercharakter" hat, tun sie etwas ganz Einmaliges: Sie geben gemeinsam alljährlich während der Wiener Festwochen Meisterkurse. Jeder unterrichtet dabei für sich; dieselben Schüler kommen wechselweise, umschichtig zu den drei Lehrern — meist mit dem gleichen Stück: Sie sollen für sich selbst entscheiden, welche Methode für sie persönlich die richtige ist.

Im übrigen ist Brendel von seiner Konzerttätigkeit voll ausgefüllt. Bald gibt es keinen Kontinent mehr, den er nicht bereiste. Nach mehreren Südamerika-Tourneen konzertiert er im Januar 1963 erstmalig in den USA, im Sommer und Herbst folgt Australien. Doch Brendel hastet nicht von Podium zu Podium. Er nimmt sich Zeit für seine Hobbies. Er liest viel und intensiv. Zu Musils „Mann ohne Eigenschaften" hat er einen exakten Index hergestellt. Leidenschaftlich sammelt er Kitsch und Kuriositäten, Fabelwesen („Anomalien aller Art, Geschöpfe, die das Natürliche hinter sich lassen") bevölkern seine Wiener Wohnung. Unfreiwilliger Humor, „wie er sich in Zeitungen öfters äußert", wird sorgfältig aufbewahrt. Zu seinen „Lieblingsbüchern" gehört das Wiener Telefonbuch, das er immer wieder durchforscht: an „Artur Jucker in der Ameisengasse" und „Herta Glatzl geb. Kamauf" hat er ebenso kindlichen Spaß wie an „Jakob Hungerleider, Lebensmittel en gros“ und der „Staatlichen Schutzimpfanstalt gegen Wut".

Energisch verwahrt sich Brendel dagegen, die Kitsch-Leidenschaft mit seiner Liszt-Begeisterung in Zusammenhang zu bringen. Ihm ist es Ernst mit Liszt und mit allem, was er als tiefgründiger Künstler und besessener Pianist deutet.

Er ist eine starke, eigenwillige Persönlichkeit. Als ich ihn das erste Mal Klavierspielen hörte (das ist erst ein Jahr her), fand ich die Intensität seines Musizierens beinahe beängstigend. Seine Art, die Musik nicht nur geistig, sondern auch körperlich nachzuerleben, wirkte — im kleinen Rahmen eines Hauskonzerts — fast erdrückend. Dennoch: Schuberts Wandererfantasie hatte ich zuvor noch nicht so erfüllt, pianistisch noch nie so faszinierend gehört. Technische Bravour, differenzierteste Anschlagkultur (die selbst im stärksten Forte keine Härte kennt) mit nahezu singender Tongebung vereinten sich zu beispielhafter Werkdeutung. Dann erlebte ich ihn in Salzburg wieder — mit Mozarts spätem C-dur-Konzert (KV 503). Hatte ihn das Fluidum dieser Stadt, personifiziert in der humorig-direkten, väterlicherwärmenden Dirigierart Hofrat Paumgartners, verwandelt? Brendel war jedenfalls ein anderer. Ruhig und gelassen, bei aller angespannten Hingabe doch auch der spielerischen Seite dieser Musik zugeneigt, in einem idealen Ausgleich zwischen intellektueller Geistigkeit und gefühlshafter Versenkung — so spielte er Mozart. So brillant die in diesem herrlichen Konzert des „Figaro"-Jahres besonders ausgeprägte Virtuosität des Klaviersatzes auch herausgearbeitet war — die schlichte Kantabilität Mozartscher Melodik kam dazwischen (etwa in den Seitenthemen des ersten Satzes) auf wundersame Weise zum Klingen.

Brendel hält Mozarts große Klavierkonzerte für den absoluten Höhepunkt der gesamten Klavierkonzert-Literatur. Er spielt diese Werke deshalb mit besonderer Vorliebe. Franz Willnauer berichtete im vorjährigen Augustheft des fono forum von Brendels Beethoven-Abend bei den Wiener Festwochen als dem „Höhepunkt der pianistischen Darbietungen" (Backhaus und SvjatosIav Richter waren die anderen Pianisten dieser internationalen Konzerttage). Auf seine Durchdringung des strukturellen Kompositionsgeschehens wurde dabei besonders aufmerksam gemacht. Ich erlebte Brendels Wiedergabe der Sonate op. 111 und war zutiefst beeindruckt von dem geistigen und technischen Kontrastreichtum seiner Interpretation, die über einen formalen Aufriss hinaus weit in die seelischen Hintergründe dieser geheimnisvollen Musik eindrang. Zu den von Brendel weiterhin bevorzugten Meistern der Klaviermusik gehören Schubert und Liszt. Das Nebeneinanderstehen dieser beiden Namen ist nur scheinbar abwegig; denn an Liszt reizen Brendel in erster Linie nicht die klaviertechnischen Probleme (die zu lösen ihm mühelos gelingt), sondern — wie er sagt — „Liszts Vermögen, alles in Poesie und Ausdruck zu verwandeln". Während Brendel von Schubert alle Werke spielt, auch die Lieder — die „Schöne Müllerin" mit Hermann Prey stand auch auf seinem diesjährigen Salzburger Festspielprogramm —, hält er bei Liszt allerdings eine Auswahl für nötig. Jedenfalls tut er mit großer, echter Begeisterung das Seine, das mitteleuropäische Vorurteil (nur hier gibt es das!) gegenüber Liszt überwinden zu helfen. Er sieht eine wichtige Aufgabe darin, Liszt in seiner oftmals „überwältigenden Frische" dem modern eingestellten Hörer zugänglich zu machen.

Brendels Repertoire reicht bis zu Schönbergs Klaviermusik (dessen Klavierkonzert spielt er in dieser Saison bei den Berliner Philharmonikern).

Die Impressionisten sind rar in seinen Programmen, gar nicht spielt er Bach („der gehört aufs Cembalo") und Chopin („Freiheiten, bei ihm notwendig, sind anderswo verhängnisvoll; deshalb lieber nicht erst angewöhnen").

Brendel, 1931 in Mähren geboren, ist Wahlwiener — „slawisch und romanisch angereichert durch beide Eltern". In Zagreb und Graz begann er mit dem Klavierstudium, war dann Schüler von Paul Baumgartner und Eduard Steuermann, den entscheidenden Einfluss aber übte die Persönlichkeit Edwin Fischers auf ihn aus. In dieser positiven Einstellung zu Fischer trifft er sich mit seinen beiden „verwandten" Wiener Pianistenkollegen Paul Badura-Skoda und Jörg Demus. Obwohl jeder der drei seinen betont eigenen „Klaviercharakter" hat, tun sie etwas ganz Einmaliges: Sie geben gemeinsam alljährlich während der Wiener Festwochen Meisterkurse. Jeder unterrichtet dabei für sich; dieselben Schüler kommen wechselweise, umschichtig zu den drei Lehrern — meist mit dem gleichen Stück: Sie sollen für sich selbst entscheiden, welche Methode für sie persönlich die richtige ist.

Im übrigen ist Brendel von seiner Konzerttätigkeit voll ausgefüllt. Bald gibt es keinen Kontinent mehr, den er nicht bereiste. Nach mehreren Südamerika-Tourneen konzertiert er im Januar 1963 erstmalig in den USA, im Sommer und Herbst folgt Australien. Doch Brendel hastet nicht von Podium zu Podium. Er nimmt sich Zeit für seine Hobbies. Er liest viel und intensiv. Zu Musils „Mann ohne Eigenschaften" hat er einen exakten Index hergestellt. Leidenschaftlich sammelt er Kitsch und Kuriositäten, Fabelwesen („Anomalien aller Art, Geschöpfe, die das Natürliche hinter sich lassen") bevölkern seine Wiener Wohnung. Unfreiwilliger Humor, „wie er sich in Zeitungen öfters äußert", wird sorgfältig aufbewahrt. Zu seinen „Lieblingsbüchern" gehört das Wiener Telefonbuch, das er immer wieder durchforscht: an „Artur Jucker in der Ameisengasse" und „Herta Glatzl geb. Kamauf" hat er ebenso kindlichen Spaß wie an „Jakob Hungerleider, Lebensmittel en gros“ und der „Staatlichen Schutzimpfanstalt gegen Wut".

Energisch verwahrt sich Brendel dagegen, die Kitsch-Leidenschaft mit seiner Liszt-Begeisterung in Zusammenhang zu bringen. Ihm ist es Ernst mit Liszt und mit allem, was er als tiefgründiger Künstler und besessener Pianist deutet.