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Porträt: Annie Fischer

Von
Hans Otto Spingel
Erschienen in der Printausgabe im
März 1963
Lesezeit ca.
Minuten

Sie darf in der Reihe der großen, beispielgebenden Interpreten nicht fehlen, und doch ist die Pianistin Annie Fischer in Deutschland weithin unbekannt. Das liegt an der abstrusen Vorliebe des großen Publikums für bekannte Namen und an der daraus resultierenden Sorge der Veranstalter, ein unbekannter würde den Saal nicht füllen und seiner Kasse zum Unheil gereichen.

Könnte man solche Gedankengänge privaten Agenturen und Konzertdirektionen noch zubilligen, so ist es beinahe unverzeihlich, dass ein Name wie der Annie Fischers nicht viel öfter in den Programmen der städtischen philharmonischen Konzerte oder der der Rundfunkanstalten auftaucht. Ich kann, mich z. B. nicht erinnern, dass sie jemals in Hamburg aufgetreten ist, einem Pflaster, das nun bekannt dafür ist, als musikalischer Naturschutzpark zu gelten für einheimische und sattsam bekannte Tiere.

Diese vermeintliche Abschweifung ist beabsichtigt, denn wenn es anders wäre, gäbe es ein lebendigeres, interessanteres Konzertleben, nicht umgeben von einem Panzer des starren Klischees ewig derselben Namen (und derselben Programme). Es ist also dringend zu empfehlen, sich den Namen Annie Fischer als den einer Künstlerin zu merken, die man zu den wenigen Persönlichkeiten von großem Format zählen kann. Ich wurde aufmerksam auf sie durch zwei Rundfunksendungen, die aus dem Ausland kamen. Sie spielte Bartóks 3. Konzert und Beethovens in c-moll. Ein. männliches Spiel hörte man, das beherrschte Kraft offenbarte. Ich hatte schon von ihr vernommen, war aber doch erstaunt, als ich ihren Namen hörte. Nicht weil es eine Frau war, denn längst verehrt man Clara Haskil, kennt und schätzt man Lili Kraus, Ingrid Haebler. Aber die vollendete Mischung zwischen Tiefe des Gefühls mit dem Ausdruck einer machtvollen Persönlichkeit, der Kontrapunkt, den gegen das In-sich-Hlneinhorchen die glanzvolle Ausstrahlung, das spontane Ergreifen der Zuhörer setzt: Dieser in ihrer Person vereinigte Gegensatz war es, der faszinierte. Er tat es auch jetzt wieder beim Hören von Schallplatten. Vor mir liegen Aufnahmen von vier Mozart-Konzerten und eine mit Schubert-Werken. Mittlerweiler hat sich herumgesprochen, dass große Musik einfach gespielt werden will, aber wie wenige können das. Ein wie kurzer Schritt ist es vom Schlichten zum Langweiligen, zum Naiven, zum Sterilen, zum pädagogischen Bla-Bla.

Annie Fischer aber weiß wirklich, was dieses kleine Wort bedeutet und wie lange der Musiker suchen muss, bis er's findet.

Sie steht mit Mozart und Schubert (und mit Beethoven und Bartok ebenso) auf vertrautem Fuß. Sie weiß, dass ihre Musik vom Himmel kommt und dass wir — Spieler wie Zuhörer — „nur zugelassen sind, ihren Klängen zu lauschen" (wie es Alfred Einstein einmal über Beethovens späte Streichquartette sagte). Dienst und Demut — das ist in ihrem Spiel zu spüren.

Aber das allein würde sie noch nicht zu dem Begriff „Annie Fischer" machen. Denn unmerklich gibt die Kraft ihres ganz auf die Musik konzentrierten Künstlertums dem, was sie spielt, Richtung, Ziel, Aktion. Die Todestraurigkeit in Schuberts später großer B-dur-Sonate hat auch ihr Spiel ergriffen, aber es gibt kein Klagen, keine Resignation. Beinahe lächelnd gibt sie diese „Nachricht von drüben" an uns weiter, Kommentar eines Menschen, den ein langes, erfahrungsreiches Leben zur Reife geführt hat.

Dasselbe bei Mozarts Klavierkonzerten. Man ist versucht, jedem ein Adjektiv zu geben, aber schnell lässt man ein so kümmerliches Unternehmen. Denn in jedem ist alles enthalten, und alles lässt die Kunst Annie Fischers uns hören: Freude und Trauer, Stolz und Bescheidung. Sie spielt diese Musik mit einer Unfehlbarkeit der Tempowahl, der organischen Übergänge, der dynamischen Balance und einer glänzenden rhythmischen Sicherheit. Dazu kommt eine klangliche Feinheit, die ganz ohne „Raffinesse", ohne „Delikatesse" das Tüpfelchen aufs i setzt.

Das, was also Herz und Gehirn dieser außerordentlichen Frau ihren Händen befehlen, setzt sich durch sie in Klang und Form um. Es gibt nicht nur eine Art, einem Meisterwerk gerecht zu werden, aber ihr kraftvolles, bescheidenes, eben einfaches Spiel ist eine der Möglichkeiten, denen man uneingeschränkt zustimmen kann.

Ihre Lebensdaten: Sie ist in Budapest geboren und erhielt ihre Ausbildung am Franz-Liszt-Konservatorium von Arnold Szekele und Ernst von Dohnanyi. Achtjährig gab sie ihr Debüt in Budapest mit Beethovens C-dur-Konzert. Ihre internationale Karriere begann vier Jahre später mit einem Konzert in Zürich. Der Erfolg blieb ihr treu bis heute: Das hochmusikalische Wunderkind wurde die reife Künstlerin, als die wir sie kennen.

Sie hatte das Glück, den zweiten Weltkrieg in Schweden verleben zu können. Nach Kriegsende kehrte sie nach Budapest zurück, von wo aus sie heute ihre Konzertreisen in alle Welt unternimmt. Wir könnten uns glücklich schätzen, wäre sie bei uns ein wenig öfter zu Gast.

Sie darf in der Reihe der großen, beispielgebenden Interpreten nicht fehlen, und doch ist die Pianistin Annie Fischer in Deutschland weithin unbekannt. Das liegt an der abstrusen Vorliebe des großen Publikums für bekannte Namen und an der daraus resultierenden Sorge der Veranstalter, ein unbekannter würde den Saal nicht füllen und seiner Kasse zum Unheil gereichen.

Könnte man solche Gedankengänge privaten Agenturen und Konzertdirektionen noch zubilligen, so ist es beinahe unverzeihlich, dass ein Name wie der Annie Fischers nicht viel öfter in den Programmen der städtischen philharmonischen Konzerte oder der der Rundfunkanstalten auftaucht. Ich kann, mich z. B. nicht erinnern, dass sie jemals in Hamburg aufgetreten ist, einem Pflaster, das nun bekannt dafür ist, als musikalischer Naturschutzpark zu gelten für einheimische und sattsam bekannte Tiere.

Diese vermeintliche Abschweifung ist beabsichtigt, denn wenn es anders wäre, gäbe es ein lebendigeres, interessanteres Konzertleben, nicht umgeben von einem Panzer des starren Klischees ewig derselben Namen (und derselben Programme). Es ist also dringend zu empfehlen, sich den Namen Annie Fischer als den einer Künstlerin zu merken, die man zu den wenigen Persönlichkeiten von großem Format zählen kann. Ich wurde aufmerksam auf sie durch zwei Rundfunksendungen, die aus dem Ausland kamen. Sie spielte Bartóks 3. Konzert und Beethovens in c-moll. Ein. männliches Spiel hörte man, das beherrschte Kraft offenbarte. Ich hatte schon von ihr vernommen, war aber doch erstaunt, als ich ihren Namen hörte. Nicht weil es eine Frau war, denn längst verehrt man Clara Haskil, kennt und schätzt man Lili Kraus, Ingrid Haebler. Aber die vollendete Mischung zwischen Tiefe des Gefühls mit dem Ausdruck einer machtvollen Persönlichkeit, der Kontrapunkt, den gegen das In-sich-Hlneinhorchen die glanzvolle Ausstrahlung, das spontane Ergreifen der Zuhörer setzt: Dieser in ihrer Person vereinigte Gegensatz war es, der faszinierte. Er tat es auch jetzt wieder beim Hören von Schallplatten. Vor mir liegen Aufnahmen von vier Mozart-Konzerten und eine mit Schubert-Werken. Mittlerweiler hat sich herumgesprochen, dass große Musik einfach gespielt werden will, aber wie wenige können das. Ein wie kurzer Schritt ist es vom Schlichten zum Langweiligen, zum Naiven, zum Sterilen, zum pädagogischen Bla-Bla.

Annie Fischer aber weiß wirklich, was dieses kleine Wort bedeutet und wie lange der Musiker suchen muss, bis er's findet.

Sie steht mit Mozart und Schubert (und mit Beethoven und Bartok ebenso) auf vertrautem Fuß. Sie weiß, dass ihre Musik vom Himmel kommt und dass wir — Spieler wie Zuhörer — „nur zugelassen sind, ihren Klängen zu lauschen" (wie es Alfred Einstein einmal über Beethovens späte Streichquartette sagte). Dienst und Demut — das ist in ihrem Spiel zu spüren.

Aber das allein würde sie noch nicht zu dem Begriff „Annie Fischer" machen. Denn unmerklich gibt die Kraft ihres ganz auf die Musik konzentrierten Künstlertums dem, was sie spielt, Richtung, Ziel, Aktion. Die Todestraurigkeit in Schuberts später großer B-dur-Sonate hat auch ihr Spiel ergriffen, aber es gibt kein Klagen, keine Resignation. Beinahe lächelnd gibt sie diese „Nachricht von drüben" an uns weiter, Kommentar eines Menschen, den ein langes, erfahrungsreiches Leben zur Reife geführt hat.

Dasselbe bei Mozarts Klavierkonzerten. Man ist versucht, jedem ein Adjektiv zu geben, aber schnell lässt man ein so kümmerliches Unternehmen. Denn in jedem ist alles enthalten, und alles lässt die Kunst Annie Fischers uns hören: Freude und Trauer, Stolz und Bescheidung. Sie spielt diese Musik mit einer Unfehlbarkeit der Tempowahl, der organischen Übergänge, der dynamischen Balance und einer glänzenden rhythmischen Sicherheit. Dazu kommt eine klangliche Feinheit, die ganz ohne „Raffinesse", ohne „Delikatesse" das Tüpfelchen aufs i setzt.

Das, was also Herz und Gehirn dieser außerordentlichen Frau ihren Händen befehlen, setzt sich durch sie in Klang und Form um. Es gibt nicht nur eine Art, einem Meisterwerk gerecht zu werden, aber ihr kraftvolles, bescheidenes, eben einfaches Spiel ist eine der Möglichkeiten, denen man uneingeschränkt zustimmen kann.

Ihre Lebensdaten: Sie ist in Budapest geboren und erhielt ihre Ausbildung am Franz-Liszt-Konservatorium von Arnold Szekele und Ernst von Dohnanyi. Achtjährig gab sie ihr Debüt in Budapest mit Beethovens C-dur-Konzert. Ihre internationale Karriere begann vier Jahre später mit einem Konzert in Zürich. Der Erfolg blieb ihr treu bis heute: Das hochmusikalische Wunderkind wurde die reife Künstlerin, als die wir sie kennen.

Sie hatte das Glück, den zweiten Weltkrieg in Schweden verleben zu können. Nach Kriegsende kehrte sie nach Budapest zurück, von wo aus sie heute ihre Konzertreisen in alle Welt unternimmt. Wir könnten uns glücklich schätzen, wäre sie bei uns ein wenig öfter zu Gast.