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Die grossen Interpreten der Schallplatte

Von
Hans Unnewehr
Erschienen in der Printausgabe im
Heft 5, 1957
Lesezeit ca.
Minuten
Jörg Blobelt - Own work, CC BY-SA 4.0
Jörg Blobelt - Own work, CC BY-SA 4.0

„Fülle des Wohllauts" überschreibt Thomas Mann ein Kapitel im zweiten Band seines Romans DER ZAUBERBERG, und dann sagt er auf den folgenden Seiten das Schönste über die Schallplatten, ihren Wert, ihre Wirkung, ihre Aufgabe, was jemals gesagt wurde. Er spricht von einer edlen, im Grunde seltsamen Leidenschaft, der sein Held, Hans Castorp, verfällt und der ein jeder verfallen kann. Und der Autor bekennt sich erfüllt von ,,den geheimen Reizen des Gegenstandes", aufrichtig begierig, sie mitzuteilen, zu berichten vom „Füllhorn heiteren und seelenschweren Genusses". Ein jeder möge es nachlesen, was dieser Magier des Wortes zu sagen hat von der schlichten Distinktion des Plattenspielers, vom „ganzen Zauber zu freier Lust".

Wenn man dieses Kapitel liest, sollte man meinen, dass ein solch frühzeitiges Bekenntnis zu etwas Neuem, dem die Zuhörer mit offenem Munde lauschten, den Streit um das Für und Wider der Schallplatte nach so berufenem Urteil für immer beendet hätte. „Es war vorzüglich", empfindet Thomas Mann und beschreibt die Stimme einer Sopranistin, die eine

Arie stakkiert und trillert „mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit". Dieses sympathische Urteil verweist auf das nähere Anliegen dieser Zeilen, auf den Dank an eine Künstlerin, die uns über Jahrzehnte hinweg mit ihrer großen Kunst beglückt hat, die zu preisen und der zu danken man nicht müde werden sollte.

Es darf wohl angenommen werden, dass die Zuneigung zu Erna Berger nicht der Passion, der Bezauberung eines einzelnen entspringt, hat doch Wilhelm Furtwängler erklärt: „Sie ist die Beste, die wir haben!" Der zu früh verstorbene Walter Michael Berten, den FONO FORUM-Lesern wohlbekannt, berichtet von ihm, dass er nach einer Aufführung der ZAUBERFLÖTE im Londoner Covent Garden, in der die Künstlerin die außerordentlichen Koloraturen der Königin der Nacht mit letzter Bravour meisterte, sie in seine Arme schloss und voll Rührung auf die Stirn küsste. Fürwahr ein köstliches Bild, wenn man sich die zierliche Statur der Sängerin und die lange, schmale Gestalt des Meisterdirigenten vergegenwärtigt, dieweil das anspruchsvolle Londoner Publikum im Begeisterungstaumel raste. Eine Aufnahme der ZAUBERFLÖTE aus dem Jahre 1936 unter Sir Thomas Beecham steht zur Verfügung, die einen Eindruck vermittelt, welche Ahnung von eisiger Weltraumkälte den Hörer ankommt, wenn die rachelüsterne Königin und Mutter in Sarastros Reich einzubrechen droht. Hier handelt es sich um eine der großartigsten Leistungen der Künstlerin, die an den Anfang der Aufzählung aller Gaben, mit denen sie uns beglückt hat, gesetzt werden soll. Sie stellt mit höchst bewusster Kunst einen Grenzfall unter den Sängerinnen dar. Diese Kunst wird nicht perfektioniert, sondern über künstlerische Potenz hinaus wieder zur Natur zurückgeführt. So wie wir in Medea das Äußerste an Rachsucht, Grausamkeit und Leid kennenlernen, erkennen wir in der Stimme Erna Bergers das Letzte an Präzision, Genauigkeit der Aussprache, Bildung des Tons, Wohllaut der Stimme, größte Charakterisierungskunst, die sich mit liebenswerter Innigkeit vereinigt. Man blicke hin, wohin man will. Von jener Zeit, da der große Dirigent Fritz Busch die Künstlerin für kleine Rollen an die Dresdener Staatsoper verpflichtete und sie sehr schnell über die Charlottenburger Oper an die Berliner Staatsoper wechselte, deren Mitglied sie jahrzehntelang war, hat sie bis heute in ungezählten Rollen als Gilda, Violetta, Zerline, Norina, Rosine, Susanne, Zerbinetta, Königin der Nacht u. a. m. gesungen. Immer sind ihre Gestaltungen so, wie man sie sich wünschte und vorstellte. Feinfühlig, ohne Schnörkel, ohne simple Eigenmächtigkeiten, niemals mittelmäßig, immer vollendet, so prägten sie sich ein. Ein hoher künstlerischer Ernst paart sich hier mit echter Menschlichkeit, sonst wären diese Leistungen undenkbar. Es heißt, Frau Berger habe nur eine Schülerin angenommen und ausgebildet — Rita Streich, heute gleichfalls eine bekannte und beliebte Koloratursopranistin, die dieses Vertrauen der Lehrerin gerechtfertigt hat, manifestiert sich doch auch hier die Meisterschaft Erna Bergers.

Es sei hier auch eine Aufnahme von Verdis RIGOLETTO erwähnt, die unter der Leitung von Renato Cellini mit dem Ensemble der Metropolitan Opera, New York, dem RCA-Victor-Orchester und Erna Berger in der Rolle der Gilda gemacht wurde. Es kam eine Aufführung zustande, die in ihrer Art wohl kaum zu überbieten ist und dem Hörer unvergesslich bleibt.

Man konnte Erna Berger im Salzburger DON GIOVANNI erleben, klug, charmant, sehr lebendig, und man wusste, warum Furtwängler ihr nach so viel Jahren die Rolle der Zerlina anvertraute, aus der sie eine ganz ausgewogene Studie machte, die zum Tagesgespräch in Salzburg wurde. — Wir sahen sie im Konzertsaal, wo die Junggebliebene ihre Hörer verzauberte mit Liedern von Mozart, Schubert, Schumann, Wolf und Reger. Sie sang Lieder in fünf Sprachen. Vor uns stand kein Star, keine Primadonna, sondern eine schlichte, liebenswürdige Frau mit freundlichen Gesten. Unbekümmert um das Parkett, schwingt sie sich herum und singt für die Jugend auf den Bühnenplätzen, frenetischen Beifall erntend. Und als sie dann zu später Nachtstunde bat, als Beschluss ihr eigenes Lieblingslied, ein englisches geistliches Lied, singen zu können, da wurde offenbar, dass Kunst und Können

auch zugleich ein Dienen ist. Wer sie hört — und die Schallplatte vermag uns diese Stimme zu vermitteln —, wer sie erlebt mit

„Der Tod, das ist die kühle Nacht"

„Immer leiser wird mein Schlummer"

„Wir wandelten, wir zwei zusammen"

„Heilige Nacht, du sinkest nieder"

mit allen anderen, ungezählten Liedern, wenn sie singt „ätherische ferne Töne", dann ist diese Stimme dem Text absolut adäquat, fast unirdisch, engelrein. Uns bleibt es, zu lauschen und dankbar zu sein für die „Fülle des Wohllauts", Wegweisung nach innen, abseits der Prosperität, für die ganz große Kunst Erna Bergers.

„Fülle des Wohllauts" überschreibt Thomas Mann ein Kapitel im zweiten Band seines Romans DER ZAUBERBERG, und dann sagt er auf den folgenden Seiten das Schönste über die Schallplatten, ihren Wert, ihre Wirkung, ihre Aufgabe, was jemals gesagt wurde. Er spricht von einer edlen, im Grunde seltsamen Leidenschaft, der sein Held, Hans Castorp, verfällt und der ein jeder verfallen kann. Und der Autor bekennt sich erfüllt von ,,den geheimen Reizen des Gegenstandes", aufrichtig begierig, sie mitzuteilen, zu berichten vom „Füllhorn heiteren und seelenschweren Genusses". Ein jeder möge es nachlesen, was dieser Magier des Wortes zu sagen hat von der schlichten Distinktion des Plattenspielers, vom „ganzen Zauber zu freier Lust".

Wenn man dieses Kapitel liest, sollte man meinen, dass ein solch frühzeitiges Bekenntnis zu etwas Neuem, dem die Zuhörer mit offenem Munde lauschten, den Streit um das Für und Wider der Schallplatte nach so berufenem Urteil für immer beendet hätte. „Es war vorzüglich", empfindet Thomas Mann und beschreibt die Stimme einer Sopranistin, die eine

Arie stakkiert und trillert „mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit". Dieses sympathische Urteil verweist auf das nähere Anliegen dieser Zeilen, auf den Dank an eine Künstlerin, die uns über Jahrzehnte hinweg mit ihrer großen Kunst beglückt hat, die zu preisen und der zu danken man nicht müde werden sollte.

Es darf wohl angenommen werden, dass die Zuneigung zu Erna Berger nicht der Passion, der Bezauberung eines einzelnen entspringt, hat doch Wilhelm Furtwängler erklärt: „Sie ist die Beste, die wir haben!" Der zu früh verstorbene Walter Michael Berten, den FONO FORUM-Lesern wohlbekannt, berichtet von ihm, dass er nach einer Aufführung der ZAUBERFLÖTE im Londoner Covent Garden, in der die Künstlerin die außerordentlichen Koloraturen der Königin der Nacht mit letzter Bravour meisterte, sie in seine Arme schloss und voll Rührung auf die Stirn küsste. Fürwahr ein köstliches Bild, wenn man sich die zierliche Statur der Sängerin und die lange, schmale Gestalt des Meisterdirigenten vergegenwärtigt, dieweil das anspruchsvolle Londoner Publikum im Begeisterungstaumel raste. Eine Aufnahme der ZAUBERFLÖTE aus dem Jahre 1936 unter Sir Thomas Beecham steht zur Verfügung, die einen Eindruck vermittelt, welche Ahnung von eisiger Weltraumkälte den Hörer ankommt, wenn die rachelüsterne Königin und Mutter in Sarastros Reich einzubrechen droht. Hier handelt es sich um eine der großartigsten Leistungen der Künstlerin, die an den Anfang der Aufzählung aller Gaben, mit denen sie uns beglückt hat, gesetzt werden soll. Sie stellt mit höchst bewusster Kunst einen Grenzfall unter den Sängerinnen dar. Diese Kunst wird nicht perfektioniert, sondern über künstlerische Potenz hinaus wieder zur Natur zurückgeführt. So wie wir in Medea das Äußerste an Rachsucht, Grausamkeit und Leid kennenlernen, erkennen wir in der Stimme Erna Bergers das Letzte an Präzision, Genauigkeit der Aussprache, Bildung des Tons, Wohllaut der Stimme, größte Charakterisierungskunst, die sich mit liebenswerter Innigkeit vereinigt. Man blicke hin, wohin man will. Von jener Zeit, da der große Dirigent Fritz Busch die Künstlerin für kleine Rollen an die Dresdener Staatsoper verpflichtete und sie sehr schnell über die Charlottenburger Oper an die Berliner Staatsoper wechselte, deren Mitglied sie jahrzehntelang war, hat sie bis heute in ungezählten Rollen als Gilda, Violetta, Zerline, Norina, Rosine, Susanne, Zerbinetta, Königin der Nacht u. a. m. gesungen. Immer sind ihre Gestaltungen so, wie man sie sich wünschte und vorstellte. Feinfühlig, ohne Schnörkel, ohne simple Eigenmächtigkeiten, niemals mittelmäßig, immer vollendet, so prägten sie sich ein. Ein hoher künstlerischer Ernst paart sich hier mit echter Menschlichkeit, sonst wären diese Leistungen undenkbar. Es heißt, Frau Berger habe nur eine Schülerin angenommen und ausgebildet — Rita Streich, heute gleichfalls eine bekannte und beliebte Koloratursopranistin, die dieses Vertrauen der Lehrerin gerechtfertigt hat, manifestiert sich doch auch hier die Meisterschaft Erna Bergers.

Es sei hier auch eine Aufnahme von Verdis RIGOLETTO erwähnt, die unter der Leitung von Renato Cellini mit dem Ensemble der Metropolitan Opera, New York, dem RCA-Victor-Orchester und Erna Berger in der Rolle der Gilda gemacht wurde. Es kam eine Aufführung zustande, die in ihrer Art wohl kaum zu überbieten ist und dem Hörer unvergesslich bleibt.

Man konnte Erna Berger im Salzburger DON GIOVANNI erleben, klug, charmant, sehr lebendig, und man wusste, warum Furtwängler ihr nach so viel Jahren die Rolle der Zerlina anvertraute, aus der sie eine ganz ausgewogene Studie machte, die zum Tagesgespräch in Salzburg wurde. — Wir sahen sie im Konzertsaal, wo die Junggebliebene ihre Hörer verzauberte mit Liedern von Mozart, Schubert, Schumann, Wolf und Reger. Sie sang Lieder in fünf Sprachen. Vor uns stand kein Star, keine Primadonna, sondern eine schlichte, liebenswürdige Frau mit freundlichen Gesten. Unbekümmert um das Parkett, schwingt sie sich herum und singt für die Jugend auf den Bühnenplätzen, frenetischen Beifall erntend. Und als sie dann zu später Nachtstunde bat, als Beschluss ihr eigenes Lieblingslied, ein englisches geistliches Lied, singen zu können, da wurde offenbar, dass Kunst und Können

auch zugleich ein Dienen ist. Wer sie hört — und die Schallplatte vermag uns diese Stimme zu vermitteln —, wer sie erlebt mit

„Der Tod, das ist die kühle Nacht"

„Immer leiser wird mein Schlummer"

„Wir wandelten, wir zwei zusammen"

„Heilige Nacht, du sinkest nieder"

mit allen anderen, ungezählten Liedern, wenn sie singt „ätherische ferne Töne", dann ist diese Stimme dem Text absolut adäquat, fast unirdisch, engelrein. Uns bleibt es, zu lauschen und dankbar zu sein für die „Fülle des Wohllauts", Wegweisung nach innen, abseits der Prosperität, für die ganz große Kunst Erna Bergers.