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Elisabeth Schwarzkopf

Von
Hans Unnewehr
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 1958
Lesezeit ca.
Minuten

Der Augenblick, in dem Elisabeth Schwarzkopf die Bühne oder das Konzertpodium betritt, ist ein Erlebnis besonderer Art. Hier begegnet uns eine künstlerische Persönlichkeit, die an Erscheinung, Auftreten und Besonderheit ihres Wesens nur wenige ihresgleichen unter den Sängerinnen der Gegenwart finden dürfte. Schönheit mit Intelligenz gepaart sind ein seltenes Geschenk, und diese Frau scheint uns vom Schicksal bevorzugt. Wie sie, dem Auge wohlgefällig, ihre Liedinterpretationen charakterisiert, mit höchst bewusster Gestaltungskunst zu einer das Sinnliche nicht verdrängenden Perfektion ansetzt, offenbart sie dem empfänglichen Hörer die Zusammenhänge von Kunst und Können.

Es ist merkwürdig genug, dass Frau Schwarzkopf im Ausland bekannter ist als in Deutschland, wo sie zwar eine in größter Verehrung ergebene Gemeinde besitzt, dennoch aber nicht jene Popularität erreichte, die heute mit dem Begriff „berühmt" verbunden scheint. Dem Rundfunk kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass er hier auch ein Versäumnis begeht. Wien mit seinem sublimen Theaterpublikum zeigte sich ihrer vollendeten Kunst, der Synthese von Schöngesang, differenzierter Gestaltung und komödiantischer Begabung am ehesten gerecht. Daneben wurden Salzburg und Luzern, Mailand und London die europäischen Gegenpole zu San Franzisko, Los Angeles und New York, wo die Sängerin hoch gefeiert wird.

Das Attribut, eine der vollendetsten Sängerinnen unserer Zeit zu sein, ist berechtigt. Hoheitsvoller als sie singt heute niemand die Gräfin Almaviva, tragisch in der Größe und Bangnis um den treulosen Gatten. Der Wechsel von umschatteter Depression zum Jubel neuer Hoffnungen ist eines der unvergesslichen Erlebnisse, an denen uns die Künstlerin teilhaben lässt. Pathetisch als Primadonna und ergreifend in ihrer Trauer als „Ariadne", unerhört die echten und falschen Töne der leichtfertigen, treulos-treuen Dame

Fiordiligi in „Cosi fan tutte"!

In Mailand sang sie erstmals die Marschallin im „Rosenkavalier", eine Rolle, die für sie geschaffen zu sein scheint und die es ihr vergönnt, verführerisch und zugleich geistvoll die Schönheiten und Weisheiten des Horfmannsthalschen Librettos und Straussens geniale Vertonung dieser „Komödie für Musik" auszudeuten.

Vor nunmehr zwanzig Jahren debütierte die ganz junge Elisabeth Schwarzkopf als „erstes Blumenmädchen" in Parsifal an der Städtischen Oper Berlin und sang dann in schneller Folge kleinere und mittlere Partien des lyrischen Fachs. Die Begegnung mit der großen Maria Ivogün und deren Gatten Michael Raucheisen wurde von entscheidendem Einfluss; und Frau Ivogün bekennt noch heute, wie stolz sie auf ihre berühmte, ehrgeizige Schülerin ist. Unter ihrem Patronat entwickelten sich das Stilgefühl und die Technik rasch. Wien brachte dann den Durchbruch zur Spitze — eine schwere, lange Krankheit mit ihren seelischen Auswirkungen wohl die große menschliche Reife und Überlegenheit.

Das Wien der Nachkriegszeit hatte den Vorzug, zahlreiche glanzvolle Stimmen in seinem Opernhaus zu versammeln. Wie sollte sich ein Talent dort nicht zu besonderer Größe entfalten? Die weiteren Stationen sind Salzburg und Luzern. Doch bleibt uns, denen es nicht vergönnt ist, von einem Festival zum anderen zu reisen, ein großer Trost: viele dieser Glanzleistungen sind uns auf Schallplatten erhalten. Als Freunde und Fachverständige der Platte erkennen wir bewundernd die Mühe und technische Leistung, die ein solches Aufnahmewerk zustandebringen. Schon jene Figaro-Aufnahme, die — vor 10 Jahren aufgenommen — bald der Musikgeschichte angehört, lässt die Arbeitsweise erkennen, welche auch alle späteren Aufnahmen gestaltete. Mit Hingabe haben Dirigent und Solisten mit den Wiener Philharmonikern und dem Philharmonia-Orchestra London musiziert. Über professionelle und merkantile Überlegungen hinaus verpflichtete man Ensembles, die in solcher künstlerischen Ausgewogenheit höchst selten gefunden werden. So konnten Aufführungen zustande kommen, die von dem künstlerisch anspruchsvollen Nachbarn Frankreich mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurden. Hiervon scheint dem Rezensenten die Gesamtaufnahme von „Cosi fan tutte" zu den glücklichsten Aufnahmen zu gehören. Das Zusammenklingen der Stimmen Elisabeth Schwarzkopfs mit der amerikanischen Altistin Nan Merriman, mit Rolando Panerai (italienischer Bariton), Sesto Bruscantini (italienischer Bass), Leopold Simoneau (kanadisch-französischer Tenor) und Lisa Otto unter Herbert von Karajan ist von vollkommener Grazie und Noblesse.

Neben unvergesslichen Aufnahmen von Bach's h-Moll-Messe, Beethovens 9. Sinfonie, Arien aus Opern von Mozart und der Vielfalt der schönsten Sopranpartien in Werken von Mozart, Orff, Puccini, Strauss, Verdi und Wagner gibt es noch zahlreiche Liederplatten, auf denen neben Michael Raucheisen und Gerald Moore große Pianisten wie Gieseking (Mozart-Lieder) und Edwin Fischer (Schubert-Lieder) ihre Kunst der Interpretation der Sängerin zugesellen und Dokumente des Liedgesangs geschaffen haben. Von den in Amerika erhältlichen Aufnahmen mit Mozart- und Bach- Arien soll hier nicht weiter gesprochen werden; der Sammler wird sich diese Kostbarkeiten gewiss nicht entgehen lassen.

Der Augenblick, in dem Elisabeth Schwarzkopf die Bühne oder das Konzertpodium betritt, ist ein Erlebnis besonderer Art. Hier begegnet uns eine künstlerische Persönlichkeit, die an Erscheinung, Auftreten und Besonderheit ihres Wesens nur wenige ihresgleichen unter den Sängerinnen der Gegenwart finden dürfte. Schönheit mit Intelligenz gepaart sind ein seltenes Geschenk, und diese Frau scheint uns vom Schicksal bevorzugt. Wie sie, dem Auge wohlgefällig, ihre Liedinterpretationen charakterisiert, mit höchst bewusster Gestaltungskunst zu einer das Sinnliche nicht verdrängenden Perfektion ansetzt, offenbart sie dem empfänglichen Hörer die Zusammenhänge von Kunst und Können.

Es ist merkwürdig genug, dass Frau Schwarzkopf im Ausland bekannter ist als in Deutschland, wo sie zwar eine in größter Verehrung ergebene Gemeinde besitzt, dennoch aber nicht jene Popularität erreichte, die heute mit dem Begriff „berühmt" verbunden scheint. Dem Rundfunk kann der Vorwurf nicht erspart bleiben, dass er hier auch ein Versäumnis begeht. Wien mit seinem sublimen Theaterpublikum zeigte sich ihrer vollendeten Kunst, der Synthese von Schöngesang, differenzierter Gestaltung und komödiantischer Begabung am ehesten gerecht. Daneben wurden Salzburg und Luzern, Mailand und London die europäischen Gegenpole zu San Franzisko, Los Angeles und New York, wo die Sängerin hoch gefeiert wird.

Das Attribut, eine der vollendetsten Sängerinnen unserer Zeit zu sein, ist berechtigt. Hoheitsvoller als sie singt heute niemand die Gräfin Almaviva, tragisch in der Größe und Bangnis um den treulosen Gatten. Der Wechsel von umschatteter Depression zum Jubel neuer Hoffnungen ist eines der unvergesslichen Erlebnisse, an denen uns die Künstlerin teilhaben lässt. Pathetisch als Primadonna und ergreifend in ihrer Trauer als „Ariadne", unerhört die echten und falschen Töne der leichtfertigen, treulos-treuen Dame

Fiordiligi in „Cosi fan tutte"!

In Mailand sang sie erstmals die Marschallin im „Rosenkavalier", eine Rolle, die für sie geschaffen zu sein scheint und die es ihr vergönnt, verführerisch und zugleich geistvoll die Schönheiten und Weisheiten des Horfmannsthalschen Librettos und Straussens geniale Vertonung dieser „Komödie für Musik" auszudeuten.

Vor nunmehr zwanzig Jahren debütierte die ganz junge Elisabeth Schwarzkopf als „erstes Blumenmädchen" in Parsifal an der Städtischen Oper Berlin und sang dann in schneller Folge kleinere und mittlere Partien des lyrischen Fachs. Die Begegnung mit der großen Maria Ivogün und deren Gatten Michael Raucheisen wurde von entscheidendem Einfluss; und Frau Ivogün bekennt noch heute, wie stolz sie auf ihre berühmte, ehrgeizige Schülerin ist. Unter ihrem Patronat entwickelten sich das Stilgefühl und die Technik rasch. Wien brachte dann den Durchbruch zur Spitze — eine schwere, lange Krankheit mit ihren seelischen Auswirkungen wohl die große menschliche Reife und Überlegenheit.

Das Wien der Nachkriegszeit hatte den Vorzug, zahlreiche glanzvolle Stimmen in seinem Opernhaus zu versammeln. Wie sollte sich ein Talent dort nicht zu besonderer Größe entfalten? Die weiteren Stationen sind Salzburg und Luzern. Doch bleibt uns, denen es nicht vergönnt ist, von einem Festival zum anderen zu reisen, ein großer Trost: viele dieser Glanzleistungen sind uns auf Schallplatten erhalten. Als Freunde und Fachverständige der Platte erkennen wir bewundernd die Mühe und technische Leistung, die ein solches Aufnahmewerk zustandebringen. Schon jene Figaro-Aufnahme, die — vor 10 Jahren aufgenommen — bald der Musikgeschichte angehört, lässt die Arbeitsweise erkennen, welche auch alle späteren Aufnahmen gestaltete. Mit Hingabe haben Dirigent und Solisten mit den Wiener Philharmonikern und dem Philharmonia-Orchestra London musiziert. Über professionelle und merkantile Überlegungen hinaus verpflichtete man Ensembles, die in solcher künstlerischen Ausgewogenheit höchst selten gefunden werden. So konnten Aufführungen zustande kommen, die von dem künstlerisch anspruchsvollen Nachbarn Frankreich mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurden. Hiervon scheint dem Rezensenten die Gesamtaufnahme von „Cosi fan tutte" zu den glücklichsten Aufnahmen zu gehören. Das Zusammenklingen der Stimmen Elisabeth Schwarzkopfs mit der amerikanischen Altistin Nan Merriman, mit Rolando Panerai (italienischer Bariton), Sesto Bruscantini (italienischer Bass), Leopold Simoneau (kanadisch-französischer Tenor) und Lisa Otto unter Herbert von Karajan ist von vollkommener Grazie und Noblesse.

Neben unvergesslichen Aufnahmen von Bach's h-Moll-Messe, Beethovens 9. Sinfonie, Arien aus Opern von Mozart und der Vielfalt der schönsten Sopranpartien in Werken von Mozart, Orff, Puccini, Strauss, Verdi und Wagner gibt es noch zahlreiche Liederplatten, auf denen neben Michael Raucheisen und Gerald Moore große Pianisten wie Gieseking (Mozart-Lieder) und Edwin Fischer (Schubert-Lieder) ihre Kunst der Interpretation der Sängerin zugesellen und Dokumente des Liedgesangs geschaffen haben. Von den in Amerika erhältlichen Aufnahmen mit Mozart- und Bach- Arien soll hier nicht weiter gesprochen werden; der Sammler wird sich diese Kostbarkeiten gewiss nicht entgehen lassen.