Hochklang aus Thule
Dennis Brain

Zweimal in kurzen Jahren griff ein tückischer Tod nach zwei der größten unter den musikalischen Menschen ihres Landes: Herbst 1953 nach Kathleen Ferrier, der begnadeten Kontra-Altistin unserer Jahrzehnte, 40jährig im Zenit ihrer Sternenbahn stehend; Herbst 1957 nach Dennis Brain, dem ersten Hornisten des Jahrhunderts, 36jährig in voller Wirkkraft lebend. Jene schlug er mit schleichendem Kehlkopfkrebs (wie Caruso, wie Puccini), diesen erschlug er jählings im Getümmel der Autostraßen.
Dass ihrer beider Atem weiterwirkt, dass ihre Stimme, ihr Klang unter uns fortlebt, danken wir ihrer magischen Chiffrierung auf Schallplatten. Das Erinnern an ihr siebenjähriges Zusammenwirken in der „English Opera Group", das Erinnern an die Bruno-Walter-Konzerte mit Kathleen Ferrier als Glucks „Orpheus", als Brahms-Rhapsodin oder in Mahlers „Lied von der Erde", das Erinnern an das Männerbündnis Britten-Pears-Brain in jener trauerschönen altenglischen „Serenade" oder an die Dennis-Brain-Konzerte von London und Amsterdam bis Berlin, Wien, Venedig mit Mozarts — wie mit Straussens Hornkonzerten; das alles ist unvergessen für die, die dabei sein durften; und es ist unvergesslich für die Ungezählten, denen es im Anhören unserer kleinen, tönenden Disken immer neu Erlebnis wird. Edinburgh, die nordische, Thule am nächsten gelegene Festivalstadt, gab Dennis Brain die letzte, eigentliche Gloriole. In ihrem fernen Glanz lebt und webt seine Gestalt seit jener Sommer-Serenade mit dem Philharmonia Orchestra, seinem Concert-Finish, fort: Orpheus Britannicus mit dem Horn in den Händen. Nach diesem Triumph, noch ehe die Sonne ein zweites Mal in das Nordmeer sank, sollte, was sterblich war an Brain, verschollen sein. Auf der Rückreise nach London, am 1. September 1957, stieß er mit seinem Sportwagen in einen mörderischen Verkehrsunfall hinein.
Wie, wo hatte dieser Weg begonnen? Vater und Großvater schon waren Hornisten gewesen, aus einer ihrem angelsächsischen Stamm seit je eingeborenen Leidenschaft zum beseelten Naturklang. Naturhorn, Jagdhorn, Waldhorn — gibt es seit langen Jahrhunderten jetzt und heute noch ein Instrument, das diesem Hang und Klang mehr entspräche? Aus dieser Mitgift wurde der junge Brain zum Meister, in unbeirrbarer Beständigkeit und in aller Stille, bis er, 25-jährig, durch Beecham als „a wonder" entdeckt und unverzüglich als 1. Solohornist in das Royal Philharmonie Orchestra berufen wurde. Was Schumann von dem jungen Brahms schrieb, dass er, Pallas Athene gleich, vollkommen gerüstet Kronions Haupt entsprungen sei, das traf auf den Jüngling-Meister Brain nicht minder zu.
Seitdem er sich 1938 mit den „Busch Chamber Players" in der Londoner Queen's Hall erstmals und unter enthusiasmiertem Beifall einer weiten musikalischen Öffentlichkeit stellte, ließ er nicht mehr ab, mit den ersten Kammermusikvereinigungen in der alten und der neuen Welt dem Hörn neue Freunde zu gewinnen. Mit seinem inzwischen gegründeten „Dennis-Brain-Wind-Ensemble" warb und wirkte er ganz vornehmlich für die Musik unserer Zeit. Sein ingeniöses Spiel, so virtuos wie erzmusikalisch, so beseelt wie sicher, faszinierte die Komponisten, ja Brain inspirierte sie durch die bisher „unerhörte" Skala seiner Zwischenstufungen dynamischer und klangfarbiger Werte zu neuen Klangwelten: Britten ebenso wie Hindemith, Fricker wie Malipiero und andere mehr.
Von Musikfest zu Musikfest sich durch Europa blasend, fand er überfüllte Säle, wo immer er auftrat, der dunkelhaarige, eher zierliche, eher scheue Musiker. Um ihn war, endlich einmal, nicht das überhitzte Klima gemanagter Sensation, aber Adel und Einfachheit wirklicher Meisterschaft; ein beglückendes Beispiel dafür, dass in der Kunst wie im Leben das Große auch immer das Stille, Wahrheit auch Klarheit, Reife auch Demut ist. „Dignity and beauty", das alte Tugendpaar englischer Musikkultur, war in ihm, seiner Persönlichkeit und seinem Spiel, eine reine Verbindung eingegangen.
Gleich die ersten Takte eines Mozartschen Hornkonzertes (eines der drei für seinen Salzburger Bläserfreund Ignatz Leitgeb geschriebenen Es-Dur-Konzerte) nahmen und nehmen mit Brain Ohr und Herz gefangen: die Art der inneren Bindung, die Makellosigkeit der Intonation. Das steigert sich womöglich noch in den Romanzen und in den humorigen Lichtern der Rondofinali. Alle Stärkegrade, alle Höhenlagen kommen hier mit gleichem Duft und Schmelz zum Klingen. Keine Zwischenstufe chromatischer Umfärbung, die Brain nicht mit der schönsten Selbstverständlichkeit des Dämpfens oder des Stopfens rein und rund in den Tönereigen einschwingen ließe.
Oder man höre (und wird nicht davon loskommen, es immer wieder hören zu wollen), wie Brain das in den Naturtönen gehaltene Hornsolo zu Brittens „Serenade" aufklingen macht: klanggewordener Atem nordischer Sommernacht — Hornklang aus Thule.
Zweimal in kurzen Jahren griff ein tückischer Tod nach zwei der größten unter den musikalischen Menschen ihres Landes: Herbst 1953 nach Kathleen Ferrier, der begnadeten Kontra-Altistin unserer Jahrzehnte, 40jährig im Zenit ihrer Sternenbahn stehend; Herbst 1957 nach Dennis Brain, dem ersten Hornisten des Jahrhunderts, 36jährig in voller Wirkkraft lebend. Jene schlug er mit schleichendem Kehlkopfkrebs (wie Caruso, wie Puccini), diesen erschlug er jählings im Getümmel der Autostraßen.
Dass ihrer beider Atem weiterwirkt, dass ihre Stimme, ihr Klang unter uns fortlebt, danken wir ihrer magischen Chiffrierung auf Schallplatten. Das Erinnern an ihr siebenjähriges Zusammenwirken in der „English Opera Group", das Erinnern an die Bruno-Walter-Konzerte mit Kathleen Ferrier als Glucks „Orpheus", als Brahms-Rhapsodin oder in Mahlers „Lied von der Erde", das Erinnern an das Männerbündnis Britten-Pears-Brain in jener trauerschönen altenglischen „Serenade" oder an die Dennis-Brain-Konzerte von London und Amsterdam bis Berlin, Wien, Venedig mit Mozarts — wie mit Straussens Hornkonzerten; das alles ist unvergessen für die, die dabei sein durften; und es ist unvergesslich für die Ungezählten, denen es im Anhören unserer kleinen, tönenden Disken immer neu Erlebnis wird. Edinburgh, die nordische, Thule am nächsten gelegene Festivalstadt, gab Dennis Brain die letzte, eigentliche Gloriole. In ihrem fernen Glanz lebt und webt seine Gestalt seit jener Sommer-Serenade mit dem Philharmonia Orchestra, seinem Concert-Finish, fort: Orpheus Britannicus mit dem Horn in den Händen. Nach diesem Triumph, noch ehe die Sonne ein zweites Mal in das Nordmeer sank, sollte, was sterblich war an Brain, verschollen sein. Auf der Rückreise nach London, am 1. September 1957, stieß er mit seinem Sportwagen in einen mörderischen Verkehrsunfall hinein.
Wie, wo hatte dieser Weg begonnen? Vater und Großvater schon waren Hornisten gewesen, aus einer ihrem angelsächsischen Stamm seit je eingeborenen Leidenschaft zum beseelten Naturklang. Naturhorn, Jagdhorn, Waldhorn — gibt es seit langen Jahrhunderten jetzt und heute noch ein Instrument, das diesem Hang und Klang mehr entspräche? Aus dieser Mitgift wurde der junge Brain zum Meister, in unbeirrbarer Beständigkeit und in aller Stille, bis er, 25-jährig, durch Beecham als „a wonder" entdeckt und unverzüglich als 1. Solohornist in das Royal Philharmonie Orchestra berufen wurde. Was Schumann von dem jungen Brahms schrieb, dass er, Pallas Athene gleich, vollkommen gerüstet Kronions Haupt entsprungen sei, das traf auf den Jüngling-Meister Brain nicht minder zu.
Seitdem er sich 1938 mit den „Busch Chamber Players" in der Londoner Queen's Hall erstmals und unter enthusiasmiertem Beifall einer weiten musikalischen Öffentlichkeit stellte, ließ er nicht mehr ab, mit den ersten Kammermusikvereinigungen in der alten und der neuen Welt dem Hörn neue Freunde zu gewinnen. Mit seinem inzwischen gegründeten „Dennis-Brain-Wind-Ensemble" warb und wirkte er ganz vornehmlich für die Musik unserer Zeit. Sein ingeniöses Spiel, so virtuos wie erzmusikalisch, so beseelt wie sicher, faszinierte die Komponisten, ja Brain inspirierte sie durch die bisher „unerhörte" Skala seiner Zwischenstufungen dynamischer und klangfarbiger Werte zu neuen Klangwelten: Britten ebenso wie Hindemith, Fricker wie Malipiero und andere mehr.
Von Musikfest zu Musikfest sich durch Europa blasend, fand er überfüllte Säle, wo immer er auftrat, der dunkelhaarige, eher zierliche, eher scheue Musiker. Um ihn war, endlich einmal, nicht das überhitzte Klima gemanagter Sensation, aber Adel und Einfachheit wirklicher Meisterschaft; ein beglückendes Beispiel dafür, dass in der Kunst wie im Leben das Große auch immer das Stille, Wahrheit auch Klarheit, Reife auch Demut ist. „Dignity and beauty", das alte Tugendpaar englischer Musikkultur, war in ihm, seiner Persönlichkeit und seinem Spiel, eine reine Verbindung eingegangen.
Gleich die ersten Takte eines Mozartschen Hornkonzertes (eines der drei für seinen Salzburger Bläserfreund Ignatz Leitgeb geschriebenen Es-Dur-Konzerte) nahmen und nehmen mit Brain Ohr und Herz gefangen: die Art der inneren Bindung, die Makellosigkeit der Intonation. Das steigert sich womöglich noch in den Romanzen und in den humorigen Lichtern der Rondofinali. Alle Stärkegrade, alle Höhenlagen kommen hier mit gleichem Duft und Schmelz zum Klingen. Keine Zwischenstufe chromatischer Umfärbung, die Brain nicht mit der schönsten Selbstverständlichkeit des Dämpfens oder des Stopfens rein und rund in den Tönereigen einschwingen ließe.
Oder man höre (und wird nicht davon loskommen, es immer wieder hören zu wollen), wie Brain das in den Naturtönen gehaltene Hornsolo zu Brittens „Serenade" aufklingen macht: klanggewordener Atem nordischer Sommernacht — Hornklang aus Thule.



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