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Duke Ellington

Von
Dietrich Schulz-Köhn
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 1958
Lesezeit ca.
Minuten

Von einem Fachmann, der der Jazzmusik nicht ablehnend gegenübersteht, sollte einmal über die zahllosen Superlative geschrieben werden, in denen Fans und Kritiker von ,,ihrer" Musik sprechen. Da gibt es gar keine schlechten Aufnahmen oder Leistungen. Ich meine das nicht ironisch, sondern ganz ernst. Jedoch auf einen Mann treffen die Lobeshymnen zu: auf Duke Ellington.

Er nimmt tatsächlich eine Sonderstellung ein, nicht nur im Jazz, vielleicht in der Musik überhaupt. Er verkörpert gewissermaßen vier Persönlichkeiten in einer. Von diesen ist der Pianist die geringste. Er ist kein Solopianist - davon gibt es ohnehin genug im Jazz - sondern ein ausgesprochener Bandpianist und spielt seine Rolle meisterhaft, wenn auch auf ganz andere Weise als sein großer Gegenspieler Count Basie, der ebenfalls Bandpianist ist.

Dann ist da seine Funktion als ,,Bandleader". Wer die Schwierigkeiten kennt, denen sich der Jazzmusiker, besonders aber eine Big Band in den USA gegenübersieht, der muss Ellington besondere Fähigkeiten zugestehen. Denn seit 35 Jahren steht er ununterbrochen an der Spitze eines der führenden Jazzorchester. Ein Rekord, den bisher noch niemand erreicht hat und der auch in Zukunft nicht überboten werden dürfte. Bei der Abstimmung führender Kritiker aus aller Welt, vorgenommen von „Down Beat", wurde Ellington auf den ersten Platz gestellt. Viele sagen, er habe ,,das beste Jazzorchester."

Ich möchte es anders ausdrücken: Duke Ellington nimmt eine Sonderstellung ein, er leitet mehr als ein Jazzorchester und scheidet deshalb aus dem ,,Rennen" aus. Wir kommen damit zu den beiden weiteren Eigenschaften Ellingtons: als Komponist und Arrangeur. Beide sind bei ihm nicht zu trennen. Er hat damit eine Einheit hergestellt, wie sie wohl in diesem Maße - auch in der abendländischen Musik – noch nicht anzutreffen war. Als Instrumentalist dirigiert er einen Klangkörper, der fast nur eigene Kompositionen interpretiert, und zwar in einer Art und Weise, die unverwechselbar ist. - Hier liegt auch die größte Schwäche des Orchesters: ohne seine Solisten ist das Orchester nicht mehr ,,Ellington". Er steht hier im Gegensatz zu Benny Carter, Don Redman und Sy Oliver - sämtlich Instrumentalsolisten, Bandleader, Komponisten und Arrangeure. Aber diese sind gleichzeitig große ,,Trainer". Mit einer Handvoll unbekannter oder mittelmäßiger Talente können sie Wunderdinge vollbringen. Duke Ellington kann das nicht. Er ist auf seine Musiker angewiesen. Im Lauf seiner Karriere hatte er mehrfach einmalige Klangkörper zur Verfügung, einmal zehn Jahre hindurch ohne wesentlichen Änderungen (höchstens Erweiterungen) den gleichen Stamm. Es ist mitunter darauf hingewiesen, dass Jazzmusik eine Gemeinschaftsleistung ist, dass ein gutes Orchester mehr als die Summe der Musiker sei. Bei Duke Ellington haben wir den Beweis. Die Folge ist eine Liste von weit über 1000 Schallplattenaufnahmen.

Ellington hat seine Musik stets als ,,Negermusik" bezeichnet. Sie ist mehr als das. Seine Themen, die Klangfarben und Improvisationen in Verbindung mit dem Rhythmus, haben ihm Anerkennung gebracht, während Louis Armstrong Bewunderung zuteil wurde. Man könnte Ellingtons Musik als eine Art Impressionismus bezeichnen. Seine musikalische Palette weist unglaublich viel Nuancen auf, und die gesamte Skala menschlicher Empfindungen findet hier ihren modernen, jazzmäßigen Ausdruck. Da ist Sorglosigkeit und Heiterkeit neben rebellischem Pessimismus („The Mooche“ oder „Black and Tan Fantasy“, zwei Blues), dann wieder Zu-Tode-Betrübtsein („Mood Indigo“) neben Ausgelassenheit und Übermut (die zahlreichen „Stomps"), Nachdenklichkeit und Sehnsucht, abgesehen von den lautmalerischen Aufnahmen („Harlem Air Shaft“) und den ,,Porträts" (Bojangles, Chelsea Bridge, Bert Williams). Für zahlreiche Solisten hat er Miniatur-Concertos geschrieben (für Cootie, Rex, Bigard u. a.). Sein Einfallsreichtum ist so groß, dass viele Melodien nachträglich textiert und zu Schlagern wurden („Caravan“, „Sophisticated Lady”, „l'm Beginning To See The Light“), während andere Standard-Jazzthemen wurden („C Jam Blues“, „Perdido“). Ellington war der erste, der Werke von mehr als drei Minuten schrieb, eine Zeit, zu der die Jazzmusik durch die Schellackplatte verdammt schien. „Creole Rhapsody“ war 1931 der erste Versuch in dieser Richtung. Später folgten Suiten wie „Black, Brown and Beige“, die „Liberian Suite“ (eine Auftragskomposition des Staates Liberia) und in jüngster Zeit eine Shakespeare-Suite („Such Sweet Thunder“) und seine Auffassung über Entstehung und Entwicklung des Jazz (A Drum Is A Woman),

Der Duke in Hamburg

Gastspiele des Ellington-Orchesters in Europa sind selten, weil der Duke nur mit der Bahn oder dem Schiff reist und seinen Musikern einen Verdienstausfall von zwei Wochen gern erspart. Jeder einzelne Musiker ist nicht nur Solist, sondern auch Stilist, z. B. bei den vier Trompetern Ray Nance im modernen Swing-Stil, Harold Baker im melodiösen Sweet, Cat Anderson mit seinen hohen und schneidenden Tönen (er kommt an guten Tagen zum F über dem hohen F!) - der Zündfunke des ganzen Orchesters - und Clark Terry, einer der modernsten Trompeter überhaupt. Trotzdem ist er ein Ellington-Sprachrohr, so stark ist die Persönlichkeit des Duke. Im Satz dagegen spielen die vier wie ein Mann und jeder Akkord, den sie dem Ensemble aufsetzen, „steht“ förmlich im Raum.

Und wenn man von den einzelnen Solisten - deren Können bei den Konzerten nur zum Teil ausgeschöpft werden konnte - über die homogenen Gruppen (Saxophone, Posaunen, Trompeten und Rhythmus) zum Ganzen fortschreitet, so wird gerade bei Ellington klar, dass dieses Orchester mehr als die Summe seiner Teile ist, - eine neue Einheit, eine einmalige Einheit.

Farbe ist das hervorstechendste Merkmal an den Arrangements Duke Ellingtons und seines ,,Gehilfen" Billy Strayhorn. Da werden nicht Gruppen gegenübergestellt, wie es sonst bei den Jazzbands gang und gäbe ist, sondern die verschiedenartigsten Instrumente werden miteinander zu einem neuen Klangmuster verwoben, etwa die Ventilbaßposaune mit dem Baritonsaxophon und gestopfter, vibratolos gespielter Trompete, oder die Baßklarinette mit den Zugposaunen. – Auch in seinem Auftreten zeigte ersieh als Meister der.,, Klaviatur" ; mal setzte er Farbtupfer am Flüge! auf, mal pointierte und unterstrich er mit lässiger Eleganz bestimmte Ensemblephrasen. - Im Publikum sah man nicht nur (wohlerzogene) Jugend, sondern auch zahlreiche ältere Anhänger, die den Duke sicher noch von seinen Platten aus den zwanziger und dreißiger Jahren her in guter Erinnerung haben. Mit dem in Newport auf Wirkung erprobten ,,Diminuende and Crescendo in Blue" als Finale strömte alles nach vorn, nicht um zu randalieren, sondern um ihn von ganz nah zu sehen. Alles in allem ein Triumph der guten Jazzmusik.

Von einem Fachmann, der der Jazzmusik nicht ablehnend gegenübersteht, sollte einmal über die zahllosen Superlative geschrieben werden, in denen Fans und Kritiker von ,,ihrer" Musik sprechen. Da gibt es gar keine schlechten Aufnahmen oder Leistungen. Ich meine das nicht ironisch, sondern ganz ernst. Jedoch auf einen Mann treffen die Lobeshymnen zu: auf Duke Ellington.

Er nimmt tatsächlich eine Sonderstellung ein, nicht nur im Jazz, vielleicht in der Musik überhaupt. Er verkörpert gewissermaßen vier Persönlichkeiten in einer. Von diesen ist der Pianist die geringste. Er ist kein Solopianist - davon gibt es ohnehin genug im Jazz - sondern ein ausgesprochener Bandpianist und spielt seine Rolle meisterhaft, wenn auch auf ganz andere Weise als sein großer Gegenspieler Count Basie, der ebenfalls Bandpianist ist.

Dann ist da seine Funktion als ,,Bandleader". Wer die Schwierigkeiten kennt, denen sich der Jazzmusiker, besonders aber eine Big Band in den USA gegenübersieht, der muss Ellington besondere Fähigkeiten zugestehen. Denn seit 35 Jahren steht er ununterbrochen an der Spitze eines der führenden Jazzorchester. Ein Rekord, den bisher noch niemand erreicht hat und der auch in Zukunft nicht überboten werden dürfte. Bei der Abstimmung führender Kritiker aus aller Welt, vorgenommen von „Down Beat", wurde Ellington auf den ersten Platz gestellt. Viele sagen, er habe ,,das beste Jazzorchester."

Ich möchte es anders ausdrücken: Duke Ellington nimmt eine Sonderstellung ein, er leitet mehr als ein Jazzorchester und scheidet deshalb aus dem ,,Rennen" aus. Wir kommen damit zu den beiden weiteren Eigenschaften Ellingtons: als Komponist und Arrangeur. Beide sind bei ihm nicht zu trennen. Er hat damit eine Einheit hergestellt, wie sie wohl in diesem Maße - auch in der abendländischen Musik – noch nicht anzutreffen war. Als Instrumentalist dirigiert er einen Klangkörper, der fast nur eigene Kompositionen interpretiert, und zwar in einer Art und Weise, die unverwechselbar ist. - Hier liegt auch die größte Schwäche des Orchesters: ohne seine Solisten ist das Orchester nicht mehr ,,Ellington". Er steht hier im Gegensatz zu Benny Carter, Don Redman und Sy Oliver - sämtlich Instrumentalsolisten, Bandleader, Komponisten und Arrangeure. Aber diese sind gleichzeitig große ,,Trainer". Mit einer Handvoll unbekannter oder mittelmäßiger Talente können sie Wunderdinge vollbringen. Duke Ellington kann das nicht. Er ist auf seine Musiker angewiesen. Im Lauf seiner Karriere hatte er mehrfach einmalige Klangkörper zur Verfügung, einmal zehn Jahre hindurch ohne wesentlichen Änderungen (höchstens Erweiterungen) den gleichen Stamm. Es ist mitunter darauf hingewiesen, dass Jazzmusik eine Gemeinschaftsleistung ist, dass ein gutes Orchester mehr als die Summe der Musiker sei. Bei Duke Ellington haben wir den Beweis. Die Folge ist eine Liste von weit über 1000 Schallplattenaufnahmen.

Ellington hat seine Musik stets als ,,Negermusik" bezeichnet. Sie ist mehr als das. Seine Themen, die Klangfarben und Improvisationen in Verbindung mit dem Rhythmus, haben ihm Anerkennung gebracht, während Louis Armstrong Bewunderung zuteil wurde. Man könnte Ellingtons Musik als eine Art Impressionismus bezeichnen. Seine musikalische Palette weist unglaublich viel Nuancen auf, und die gesamte Skala menschlicher Empfindungen findet hier ihren modernen, jazzmäßigen Ausdruck. Da ist Sorglosigkeit und Heiterkeit neben rebellischem Pessimismus („The Mooche“ oder „Black and Tan Fantasy“, zwei Blues), dann wieder Zu-Tode-Betrübtsein („Mood Indigo“) neben Ausgelassenheit und Übermut (die zahlreichen „Stomps"), Nachdenklichkeit und Sehnsucht, abgesehen von den lautmalerischen Aufnahmen („Harlem Air Shaft“) und den ,,Porträts" (Bojangles, Chelsea Bridge, Bert Williams). Für zahlreiche Solisten hat er Miniatur-Concertos geschrieben (für Cootie, Rex, Bigard u. a.). Sein Einfallsreichtum ist so groß, dass viele Melodien nachträglich textiert und zu Schlagern wurden („Caravan“, „Sophisticated Lady”, „l'm Beginning To See The Light“), während andere Standard-Jazzthemen wurden („C Jam Blues“, „Perdido“). Ellington war der erste, der Werke von mehr als drei Minuten schrieb, eine Zeit, zu der die Jazzmusik durch die Schellackplatte verdammt schien. „Creole Rhapsody“ war 1931 der erste Versuch in dieser Richtung. Später folgten Suiten wie „Black, Brown and Beige“, die „Liberian Suite“ (eine Auftragskomposition des Staates Liberia) und in jüngster Zeit eine Shakespeare-Suite („Such Sweet Thunder“) und seine Auffassung über Entstehung und Entwicklung des Jazz (A Drum Is A Woman),

Der Duke in Hamburg

Gastspiele des Ellington-Orchesters in Europa sind selten, weil der Duke nur mit der Bahn oder dem Schiff reist und seinen Musikern einen Verdienstausfall von zwei Wochen gern erspart. Jeder einzelne Musiker ist nicht nur Solist, sondern auch Stilist, z. B. bei den vier Trompetern Ray Nance im modernen Swing-Stil, Harold Baker im melodiösen Sweet, Cat Anderson mit seinen hohen und schneidenden Tönen (er kommt an guten Tagen zum F über dem hohen F!) - der Zündfunke des ganzen Orchesters - und Clark Terry, einer der modernsten Trompeter überhaupt. Trotzdem ist er ein Ellington-Sprachrohr, so stark ist die Persönlichkeit des Duke. Im Satz dagegen spielen die vier wie ein Mann und jeder Akkord, den sie dem Ensemble aufsetzen, „steht“ förmlich im Raum.

Und wenn man von den einzelnen Solisten - deren Können bei den Konzerten nur zum Teil ausgeschöpft werden konnte - über die homogenen Gruppen (Saxophone, Posaunen, Trompeten und Rhythmus) zum Ganzen fortschreitet, so wird gerade bei Ellington klar, dass dieses Orchester mehr als die Summe seiner Teile ist, - eine neue Einheit, eine einmalige Einheit.

Farbe ist das hervorstechendste Merkmal an den Arrangements Duke Ellingtons und seines ,,Gehilfen" Billy Strayhorn. Da werden nicht Gruppen gegenübergestellt, wie es sonst bei den Jazzbands gang und gäbe ist, sondern die verschiedenartigsten Instrumente werden miteinander zu einem neuen Klangmuster verwoben, etwa die Ventilbaßposaune mit dem Baritonsaxophon und gestopfter, vibratolos gespielter Trompete, oder die Baßklarinette mit den Zugposaunen. – Auch in seinem Auftreten zeigte ersieh als Meister der.,, Klaviatur" ; mal setzte er Farbtupfer am Flüge! auf, mal pointierte und unterstrich er mit lässiger Eleganz bestimmte Ensemblephrasen. - Im Publikum sah man nicht nur (wohlerzogene) Jugend, sondern auch zahlreiche ältere Anhänger, die den Duke sicher noch von seinen Platten aus den zwanziger und dreißiger Jahren her in guter Erinnerung haben. Mit dem in Newport auf Wirkung erprobten ,,Diminuende and Crescendo in Blue" als Finale strömte alles nach vorn, nicht um zu randalieren, sondern um ihn von ganz nah zu sehen. Alles in allem ein Triumph der guten Jazzmusik.

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