Archiv

Lorin Maazel

Von
Friedrich Herzfeld
Erschienen in der Printausgabe im
Februar 1959
Lesezeit ca.
Minuten

Wie oft fragen wir bei Künstlern nach ihrer Abstammung, nach dem Lebenskreis, aus dem sie herkommen, um dann gewisse Züge ihres Wesens davon abzuleiten. Bei den Dirigenten unterscheiden wir darüber hinaus deutsche, italienische, französische und russische Schulen. (Auch der Unterschied zwischen Furtwängler und Toscanini wurde immer wieder mit ihrer Herkunft begründet.) Bei Lorin Maazel ist damit freilich nichts anzufangen, denn bei ihm fehlt jede Spur der Geborgenheit in einem bestimmten Lebenskreis. Dass er aus einer Familie von Musikern und Ärzten stammt, bestätigt eine alte Erfahrung. Kein Berufsstand ist der Musik so zugetan wie der des Arztes. Aber dann beginnt das globale Durcheinander. Sein Vater lebte in New York. Seine Mutter ist Ungarin. Der Name Maazel hat flämischen Ursprung. Der niederländische Einschlag in seiner Vaterfamilie ist in der Tat sehr stark. Von der Mutter her ist er nicht nur halber Ungar, sondern über sie hat er auch russische Ahnen. Eine „Landsmannschaft" ist bei Maazel also überhaupt nicht feststellbar, er ist von Geburt Weltbürger. Wenn man seinen künstlerischen Stil beobachtet, wird deutlich, dass dieses Freisein von allen lokalen, volklichen, rassischen und sonstigen Bindungen eine wesentliche Voraussetzung für seinen Werdegang ist.

Die internationale Mischung in Maazel ist mit dem Gesagten noch nicht erschöpft. Geboren wurde er in Paris. Sein wichtigster Lehrer war ein Weißrusse in Pittsburg. Verheiratet ist Maazel mit einer brasilianischen Komponistin, die mit Nachdruck betont, ihrem Gatten noch nie eine Komposition zur Aufführung vorgelegt zu haben. Als Wohnsitz hat sich Maazel Rom ausgesucht. In Deutschland musiziert er oft und gern, weil er im Augenblick vor allem darauf bedacht ist, sich die deutschen Klassiker zu erobern. Offenbar sagen ihm auch die deutschen Orchesterverhältnisse besonders zu.

Aber das eilt seiner Entwicklung voraus. Maazel war ein Wunderkind. Er spielte annähernd alle Instrumente schon in frühester Jugend. Geige beherrscht er so gut, dass er jetzt wagen kann, als Solist in einem Bachschen Violinkonzert vor die Öffentlichkeit zu treten. Selbstverständlich leitet er zugleich das Orchester. Zu dirigieren verstand er in einem Alter, in dem andere Knaben anfangen, mit der Eisenbahn zu spielen. Als Achtjähriger stand er zum erstenmal vor dem New Yorker Philharmonischen Orchester, einem der besten und darum mit Recht anspruchsvollsten Orchester der Welt. Toscanini war davon so beeindruckt, dass er eine ständige Zusammenarbeit des Knaben Maazel mit dem NBC-Orchester vermittelte.

Da ergibt sich wieder eine große Ausnahme, diesmal von der Regel, die besagt, dass aus Wunderkindern fast nie etwas wird. Bei den Geigern haben wir allerdings mehrere Frühbegabungen erlebt, die sich doch zur Meisterschaft entwickelten, seltener unter den Pianisten, niemals unter den Dirigenten. Während die geigenden Knaben mit zeitig entwickelter Technik und kindlicher Musikalität die Wirkung eines Wunders erreichen, verlangt das Dirigieren eine Vielseitigkeit der Begabung und der Beherrschung, die dem Status der ersten beiden Lebensjahrzehnte einfach widerspricht. Aus den immer wieder auftretenden Dirigierkindern ist darum nie etwas geworden. Lorin Maazel bildet die einzige Ausnahme.

Seit den ersten Versuchen des Achtjährigen sind zwanzig Jahre vergangen, in denen Maazel mit den besten Orchestern diesseits und jenseits des großen Wassers gearbeitet hat. Mit seinen 28 Lebensjahren hat er eine Meisterschaft erreicht, die einem Fünfzigjährigen entspricht. Er sieht auch nicht wie ein Mensch aus, der das dritte Lebensjahrzehnt noch nicht vollendet hat. In den dunklen Glutaugen brennt dämonisches Feuer. Von dem Zug um den Mund lesen wir herrischen Willen ab. Wenn Maazel erscheint, wird uns bange. Ein schmächtiger Jüngling tänzelt in wiegendem Schritt dem Pult entgegen, verkrampft die Finger beider Hände ineinander und verbeugt sich wie ein dekadenter Spross der Jeunesse dorée. Auch beim natürlich auswendigen Dirigieren ohne Taktstock bleiben die Hände in verzirkelter Künstlichkeit. Aber schon die ersten Takte verraten uns, dass all das Gehabe nur Versteckspiel ist. Man kann sich kein kraftvolleres und gesunderes Musizieren denken. Seine große Jugend schützt ihn vor Gefahren der blassen Routine. Maazel erlebt alle Werke mit der Unverbrauchtheit der ersten Begegnung und macht sie dadurch auch für uns Hörer neu. „Alle Werke" muss sehr buchstäblich genommen werden, denn er besitzt zu Strawinsky das gleiche unmittelbare Verhältnis wie zu Beethoven und Bach. Alle Stile, Epochen, Richtungen und Meister „liegen" ihm gleich gut.

Vor 20 Jahren wurde das „Wunder Karajan" bestaunt. Heute besteht aller Anlass, von dem „Wunder Maazel" zu reden. Was nicht in der Öffentlichkeit besprochen wird, dürfen die Kundigen als Gewissheit annehmen: dass Maazel alle Aussicht hat, der legitime Nachfolger Karajans zu werden.

Wie oft fragen wir bei Künstlern nach ihrer Abstammung, nach dem Lebenskreis, aus dem sie herkommen, um dann gewisse Züge ihres Wesens davon abzuleiten. Bei den Dirigenten unterscheiden wir darüber hinaus deutsche, italienische, französische und russische Schulen. (Auch der Unterschied zwischen Furtwängler und Toscanini wurde immer wieder mit ihrer Herkunft begründet.) Bei Lorin Maazel ist damit freilich nichts anzufangen, denn bei ihm fehlt jede Spur der Geborgenheit in einem bestimmten Lebenskreis. Dass er aus einer Familie von Musikern und Ärzten stammt, bestätigt eine alte Erfahrung. Kein Berufsstand ist der Musik so zugetan wie der des Arztes. Aber dann beginnt das globale Durcheinander. Sein Vater lebte in New York. Seine Mutter ist Ungarin. Der Name Maazel hat flämischen Ursprung. Der niederländische Einschlag in seiner Vaterfamilie ist in der Tat sehr stark. Von der Mutter her ist er nicht nur halber Ungar, sondern über sie hat er auch russische Ahnen. Eine „Landsmannschaft" ist bei Maazel also überhaupt nicht feststellbar, er ist von Geburt Weltbürger. Wenn man seinen künstlerischen Stil beobachtet, wird deutlich, dass dieses Freisein von allen lokalen, volklichen, rassischen und sonstigen Bindungen eine wesentliche Voraussetzung für seinen Werdegang ist.

Die internationale Mischung in Maazel ist mit dem Gesagten noch nicht erschöpft. Geboren wurde er in Paris. Sein wichtigster Lehrer war ein Weißrusse in Pittsburg. Verheiratet ist Maazel mit einer brasilianischen Komponistin, die mit Nachdruck betont, ihrem Gatten noch nie eine Komposition zur Aufführung vorgelegt zu haben. Als Wohnsitz hat sich Maazel Rom ausgesucht. In Deutschland musiziert er oft und gern, weil er im Augenblick vor allem darauf bedacht ist, sich die deutschen Klassiker zu erobern. Offenbar sagen ihm auch die deutschen Orchesterverhältnisse besonders zu.

Aber das eilt seiner Entwicklung voraus. Maazel war ein Wunderkind. Er spielte annähernd alle Instrumente schon in frühester Jugend. Geige beherrscht er so gut, dass er jetzt wagen kann, als Solist in einem Bachschen Violinkonzert vor die Öffentlichkeit zu treten. Selbstverständlich leitet er zugleich das Orchester. Zu dirigieren verstand er in einem Alter, in dem andere Knaben anfangen, mit der Eisenbahn zu spielen. Als Achtjähriger stand er zum erstenmal vor dem New Yorker Philharmonischen Orchester, einem der besten und darum mit Recht anspruchsvollsten Orchester der Welt. Toscanini war davon so beeindruckt, dass er eine ständige Zusammenarbeit des Knaben Maazel mit dem NBC-Orchester vermittelte.

Da ergibt sich wieder eine große Ausnahme, diesmal von der Regel, die besagt, dass aus Wunderkindern fast nie etwas wird. Bei den Geigern haben wir allerdings mehrere Frühbegabungen erlebt, die sich doch zur Meisterschaft entwickelten, seltener unter den Pianisten, niemals unter den Dirigenten. Während die geigenden Knaben mit zeitig entwickelter Technik und kindlicher Musikalität die Wirkung eines Wunders erreichen, verlangt das Dirigieren eine Vielseitigkeit der Begabung und der Beherrschung, die dem Status der ersten beiden Lebensjahrzehnte einfach widerspricht. Aus den immer wieder auftretenden Dirigierkindern ist darum nie etwas geworden. Lorin Maazel bildet die einzige Ausnahme.

Seit den ersten Versuchen des Achtjährigen sind zwanzig Jahre vergangen, in denen Maazel mit den besten Orchestern diesseits und jenseits des großen Wassers gearbeitet hat. Mit seinen 28 Lebensjahren hat er eine Meisterschaft erreicht, die einem Fünfzigjährigen entspricht. Er sieht auch nicht wie ein Mensch aus, der das dritte Lebensjahrzehnt noch nicht vollendet hat. In den dunklen Glutaugen brennt dämonisches Feuer. Von dem Zug um den Mund lesen wir herrischen Willen ab. Wenn Maazel erscheint, wird uns bange. Ein schmächtiger Jüngling tänzelt in wiegendem Schritt dem Pult entgegen, verkrampft die Finger beider Hände ineinander und verbeugt sich wie ein dekadenter Spross der Jeunesse dorée. Auch beim natürlich auswendigen Dirigieren ohne Taktstock bleiben die Hände in verzirkelter Künstlichkeit. Aber schon die ersten Takte verraten uns, dass all das Gehabe nur Versteckspiel ist. Man kann sich kein kraftvolleres und gesunderes Musizieren denken. Seine große Jugend schützt ihn vor Gefahren der blassen Routine. Maazel erlebt alle Werke mit der Unverbrauchtheit der ersten Begegnung und macht sie dadurch auch für uns Hörer neu. „Alle Werke" muss sehr buchstäblich genommen werden, denn er besitzt zu Strawinsky das gleiche unmittelbare Verhältnis wie zu Beethoven und Bach. Alle Stile, Epochen, Richtungen und Meister „liegen" ihm gleich gut.

Vor 20 Jahren wurde das „Wunder Karajan" bestaunt. Heute besteht aller Anlass, von dem „Wunder Maazel" zu reden. Was nicht in der Öffentlichkeit besprochen wird, dürfen die Kundigen als Gewissheit annehmen: dass Maazel alle Aussicht hat, der legitime Nachfolger Karajans zu werden.