Umbaute Musik
Die Stuttgarter „Liederhalle" erweist sich als eine der besten und glücklichsten Lösungen des modernen Konzerthausbaues. Ein neues Lebensgefühl und neue akustische Erkenntnisse bestimmen heute dessen Architektur und Technik, deren Gestalt auf unser heutiges Musikerlebnis von Einfluss ist.

Das riesige, fast fensterlose Gebäude am Rande der Stuttgarter Innenstadt, sparsam geschmückt mit künstlerischen Effekten, verrat selbst am grauen Vormittag den Zauber großer Musikabende. Auch der anfangs kritische Besucher wird beim Eintreten in den großen Betonklotz durch die Vielgestaltigkeit der Innenräume, durch die sinnvolle Gesamtkonzeption, den Reichtum der architektonischen Ideen fasziniert. Mit staunender Bewunderung wandert er, im großen Foyer beginnend, zum Konzertsaal, den er in solcher Form noch nie sah und mit fast andächtiger Stille zum Kammermusiksaal, einem edlen Fünfeck-Raum.
Rund hunderttausend Kubikmeter umbauten Raumes dienen hier der Kunst, drei Musiksäle umschließend — einen großen, überraschend asymmetrischen Konzertsaal mit seinen konkaven, konvexen Wänden, der kühnen Empore, die sich vom Parkett aus hinaufschwingt, mit seiner wellenförmig begrenzten Bühne, die Platz fast fünfhundert Mitwirkenden bietet und einem Riesencello gleicht; einem Kammermusiksaal, in klarer Fünfeckform von schönster Geschlossenheit, in dessen zulaufender Spitze das Podium magischer Mittelpunkt scheint — und einen kleinen Rechtecksaal mit einer Experimentierbühne, Wänden aus Glas gegenüber Holz und Stein.
Die Wirkung des Ganzen, einbezogen die fantasievollen Foyers und Treppen mit den verschiedenen Materialeffekten, ist von überwältigender Ideenfülle und Kühnheit. Die Konsequenz der Architekten Professor Gutbrod, Stuttgart, und Professor Abel, München, hier eindeutig funktionell — d. h. musikalisch — zu bauen, die Musik gleichsam zu umbauen, hat überzeugend neue Raumeffekte ergeben und die herkömmlichen Formen gesprengt. Von konventioneller klassischer Repräsentation ist keine Spur mehr — eher von bewegten dynamischen Reizen.
Die Lage des Konzerthauses, 1955 56 fast genau an der Stelle erbaut, an der die alte Liederhalle von 1875 durch Bomben des letzten Krieges zerstört wurde, gab mit ihrem Niveauunterschied von fast zehn Metern zwischen den begrenzenden Straßen Anlass zum Bau der interessanten spanischen Freitreppe, zum Bau einer Tiefgarage für mehrere hundert Autos der Besucher.
Die Architekten meinen wörtlich: „Was wäre natürlicher, als die musikalischen Gesetze auch bei der Gestaltung von Konzertsälen anzuwenden? Die Asymmetrie so großer Räume mag vielen vielleicht als ein Wagnis erscheinen, was es aber durchaus nicht ist. Vielmehr erfüllt sie die Forderung der Akustik in idealer Weise".
Zweitausend Sitzplätze fasst der große ecken- und nischenlose Saal, in asymmetrische Gruppen gefasst, von jedem Platz aus eine gute Sicht auf die Bühne bietend. Keine Gliederung um eine Achse ist hier das Ordnungsprinzip des Raumes, der bei aller Gewaltigkeit fast leicht und graziös wirkt und dessen Decke aus konzentrischen, von Lichtlinien begleiteten Kreiselementen zu schweben scheint. Teakholz verkleidet das Rund der Rückwände, die unverputzte Betonmauer wölbt sich konvex hervor, durch sparsame Mosaikeffekte und eine golden glänzende Türumrahmung geschmückt. Vor allem den Musiktechniker interessiert die Reihe übereinander gestaffelter Balkons und Fenster, die Radio-, Fernseh-, Schallplattenregie- und Aufnahmeräume enthalten. Die Telefunkcn-Decca-Gesellschaft und die Deutsche Grammophon Gesellschaft haben wegen der idealen akustischen Verhältnisse Aufnahmen hier vorgesehen.
Generalmusikdirektor Ferdinand Leitner sagte, er habe noch nie einen so vollkommenen Saal erlebt. „Vom ersten Takt an fühlte ich mich hier zu Hause. Ich höre jeden Ton, es gibt keine einzige schwache Stelle im Raum." Das Erstaunliche sei, dass selbst im leeren Raum die Klangschönheit nicht gemindert wird.
Die Bühne des großen Saales, die ein Orchester von zweihundert Personen und dreihundertfünfzig Chorsänger zugleich fasst, kann auch für den Auftritt eines Solisten allein verändert werden. Nicht nur Beleuchtungseffekte oder der absenkbare große Reflektor dienen diesem Zweck. Die Chornische lässt sich durch fünf Schiebewände abtrennen, welche schalldurchlässig sind, damit die Reflektionsflächen hinter ihnen wirksam bleiben. Vor dem Vorhang kann ein Teil der Bühnenfläche zur Orchestergrube versenkt werden und die fünf Einzelflächen der Bühne selbst sind einzeln auf verschiedene Höhen auszufahren. Drei Großlautsprecher an der Bühne warten auf ihre Verwendung für elektroakustische Übertragung.
Der große Konzertsaal und der Kammermusiksaal sind Eisenbetonkonstruktionen, „Bunkerräume", die von der Außenwelt abgeschlossen sind; für die Luftzufuhr dienen hier Öffnungen unter den Sitzen der Räume, die auf der Empore des großen Saales fest installiert sind, während das Parkett bewegliche Bestuhlung besitzt. Über einen Fahrstuhl kann diese in ein Untergeschoß abtransportiert werden, wenn das Haus einer gesellschaftlichen Veranstaltung dient.
Die Stadt Stuttgart ist Bauherr des Millionenobjektes, und der „Liederkranz" hat das Recht zur dauernden Benutzung einer bestimmten Raumgruppe für seine Zwecke. Die Chronik der Konzerte seit der feierlichen Eröffnung am 21. Juli 1956 gibt Zeugnis von dem Dienst, den dieser kühne Bau moderner Architektur der Kunst, der Musik, erwies.
Das riesige, fast fensterlose Gebäude am Rande der Stuttgarter Innenstadt, sparsam geschmückt mit künstlerischen Effekten, verrat selbst am grauen Vormittag den Zauber großer Musikabende. Auch der anfangs kritische Besucher wird beim Eintreten in den großen Betonklotz durch die Vielgestaltigkeit der Innenräume, durch die sinnvolle Gesamtkonzeption, den Reichtum der architektonischen Ideen fasziniert. Mit staunender Bewunderung wandert er, im großen Foyer beginnend, zum Konzertsaal, den er in solcher Form noch nie sah und mit fast andächtiger Stille zum Kammermusiksaal, einem edlen Fünfeck-Raum.
Rund hunderttausend Kubikmeter umbauten Raumes dienen hier der Kunst, drei Musiksäle umschließend — einen großen, überraschend asymmetrischen Konzertsaal mit seinen konkaven, konvexen Wänden, der kühnen Empore, die sich vom Parkett aus hinaufschwingt, mit seiner wellenförmig begrenzten Bühne, die Platz fast fünfhundert Mitwirkenden bietet und einem Riesencello gleicht; einem Kammermusiksaal, in klarer Fünfeckform von schönster Geschlossenheit, in dessen zulaufender Spitze das Podium magischer Mittelpunkt scheint — und einen kleinen Rechtecksaal mit einer Experimentierbühne, Wänden aus Glas gegenüber Holz und Stein.
Die Wirkung des Ganzen, einbezogen die fantasievollen Foyers und Treppen mit den verschiedenen Materialeffekten, ist von überwältigender Ideenfülle und Kühnheit. Die Konsequenz der Architekten Professor Gutbrod, Stuttgart, und Professor Abel, München, hier eindeutig funktionell — d. h. musikalisch — zu bauen, die Musik gleichsam zu umbauen, hat überzeugend neue Raumeffekte ergeben und die herkömmlichen Formen gesprengt. Von konventioneller klassischer Repräsentation ist keine Spur mehr — eher von bewegten dynamischen Reizen.
Die Lage des Konzerthauses, 1955 56 fast genau an der Stelle erbaut, an der die alte Liederhalle von 1875 durch Bomben des letzten Krieges zerstört wurde, gab mit ihrem Niveauunterschied von fast zehn Metern zwischen den begrenzenden Straßen Anlass zum Bau der interessanten spanischen Freitreppe, zum Bau einer Tiefgarage für mehrere hundert Autos der Besucher.
Die Architekten meinen wörtlich: „Was wäre natürlicher, als die musikalischen Gesetze auch bei der Gestaltung von Konzertsälen anzuwenden? Die Asymmetrie so großer Räume mag vielen vielleicht als ein Wagnis erscheinen, was es aber durchaus nicht ist. Vielmehr erfüllt sie die Forderung der Akustik in idealer Weise".
Zweitausend Sitzplätze fasst der große ecken- und nischenlose Saal, in asymmetrische Gruppen gefasst, von jedem Platz aus eine gute Sicht auf die Bühne bietend. Keine Gliederung um eine Achse ist hier das Ordnungsprinzip des Raumes, der bei aller Gewaltigkeit fast leicht und graziös wirkt und dessen Decke aus konzentrischen, von Lichtlinien begleiteten Kreiselementen zu schweben scheint. Teakholz verkleidet das Rund der Rückwände, die unverputzte Betonmauer wölbt sich konvex hervor, durch sparsame Mosaikeffekte und eine golden glänzende Türumrahmung geschmückt. Vor allem den Musiktechniker interessiert die Reihe übereinander gestaffelter Balkons und Fenster, die Radio-, Fernseh-, Schallplattenregie- und Aufnahmeräume enthalten. Die Telefunkcn-Decca-Gesellschaft und die Deutsche Grammophon Gesellschaft haben wegen der idealen akustischen Verhältnisse Aufnahmen hier vorgesehen.
Generalmusikdirektor Ferdinand Leitner sagte, er habe noch nie einen so vollkommenen Saal erlebt. „Vom ersten Takt an fühlte ich mich hier zu Hause. Ich höre jeden Ton, es gibt keine einzige schwache Stelle im Raum." Das Erstaunliche sei, dass selbst im leeren Raum die Klangschönheit nicht gemindert wird.
Die Bühne des großen Saales, die ein Orchester von zweihundert Personen und dreihundertfünfzig Chorsänger zugleich fasst, kann auch für den Auftritt eines Solisten allein verändert werden. Nicht nur Beleuchtungseffekte oder der absenkbare große Reflektor dienen diesem Zweck. Die Chornische lässt sich durch fünf Schiebewände abtrennen, welche schalldurchlässig sind, damit die Reflektionsflächen hinter ihnen wirksam bleiben. Vor dem Vorhang kann ein Teil der Bühnenfläche zur Orchestergrube versenkt werden und die fünf Einzelflächen der Bühne selbst sind einzeln auf verschiedene Höhen auszufahren. Drei Großlautsprecher an der Bühne warten auf ihre Verwendung für elektroakustische Übertragung.
Der große Konzertsaal und der Kammermusiksaal sind Eisenbetonkonstruktionen, „Bunkerräume", die von der Außenwelt abgeschlossen sind; für die Luftzufuhr dienen hier Öffnungen unter den Sitzen der Räume, die auf der Empore des großen Saales fest installiert sind, während das Parkett bewegliche Bestuhlung besitzt. Über einen Fahrstuhl kann diese in ein Untergeschoß abtransportiert werden, wenn das Haus einer gesellschaftlichen Veranstaltung dient.
Die Stadt Stuttgart ist Bauherr des Millionenobjektes, und der „Liederkranz" hat das Recht zur dauernden Benutzung einer bestimmten Raumgruppe für seine Zwecke. Die Chronik der Konzerte seit der feierlichen Eröffnung am 21. Juli 1956 gibt Zeugnis von dem Dienst, den dieser kühne Bau moderner Architektur der Kunst, der Musik, erwies.



