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Wilhelm Backhaus

Von
Werner Bollert
Erschienen in der Printausgabe im
März 1959
Lesezeit ca.
Minuten
Die Patience nach dem Frühstück bei seinem Freunde Dr. Heyd in Hamburg.
Die Patience nach dem Frühstück bei seinem Freunde Dr. Heyd in Hamburg.

Der Ruf des bald fünfundsiebzigjährigen Pianisten Wilhelm Backhaus hat heute fast legendären Glanz. — Wer von den jungen kunstbegeisterten Menschen kennt seinen Beginn, der noch in die anscheinend so ruhige und glückliche Epoche vor dem ersten Weltkrieg fiel und die Probleme, die er zu bewältigen hatte, um unter den vielen seines Faches ein Besonderer zu werden.

Mütterlicherseits war ihm die Musikalität als Erbgut mit auf den Weg gegeben worden. Der Vater ließ seinen Sohn schon frühzeitig mit dem Klavierspiel beginnen, der Unterricht wurde sorgsam und systematisch aufgebaut. Ein erstes Konzert, das er mit acht Jahren in Leipzig gibt, macht ihn noch nicht zum Wunderkind; aber er hat das Glück, am Konservatorium in Alois Reckendorf den richtigen Lehrer zu finden und lange bei ihm bleiben zu können: „Kein Klaviervirtuose" — um mit Backhaus' eigenen Worten zu sprechen — „aber ein hervorragender, feinsinniger Musiker, eine der vornehmsten Persönlichkeiten, die mir im Leben begegnet sind und der mir die Ehrfurcht vor der Kunst und ihren großen Meistern einimpfte." Diese Unterweisung, wie sie sich vorzüglicher kaum denken ließ, endigte 1899; und der Fünfzehnjährige besaß genügend Kühnheit, nun einfach zu Eugen d'Albert zu fahren: Durch dessen Zuspruch ermutigt, wagt es der gerade Sechzehnjährige, im Dezember 1900 erstmalig im Ausland zu konzertieren; in der Londoner St. James Hall spielte er Werke von Schumann, Chopin, Liszt und Rachmaninoff, ein Unternehmen, das ihn einer Kritik aussetzte, der er noch nicht ganz gewachsen war. Fürs erste musste er unverrichteter Sache in die Heimat zurückkehren. Bereits im nächsten Jahre (1901) lud ihn das Leipziger Gewandhaus ein, in einem Sinfoniekonzert unter Arthur Nikisch als Solist aufzutreten — für ihn eine bedeutsame Empfehlung. Als einen der für ihn wichtigsten Abende hat Backhaus sein erstes Auftreten beim Halle-Orchester in Manchester (Frühling 1902) bezeichnet. Der berühmte Dirigent Hans Richter, unter dessen Leitung dieses Konzert stand, hat sich auch weiterhin als väterlicher Freund und Förderer erwiesen. Mit der Verleihung des Rubinstein-Preises, den er im August 1905 zu Paris erhielt, war der vorläufige erste Höhepunkt erreicht.

Backhaus scheint einer der ersten Pianisten seiner Generation gewesen zu sein, dem es aus Veranlagung und Erziehung heraus gegeben war, die Auswüchse der Lisztschen Richtung zu überwinden und das Klavierspiel wieder zum Ideal des Wesentlichen zurückzuführen. Könnte man seine Programme von 1905 bis heute verfolgen, so wäre aus ihnen sicherlich eine zunehmende Klärung und Vereinheitlichung abzulesen. Zwar hat er sich den markanten Werken seiner Epoche, den komponierenden Zeitgenossen Reger, Debussy, Strawinsky, Skriabin nicht verschlossen; doch werden ihm Mozart und Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Chopin mehr und mehr die bevorzugten Meister.

Sein Beethoven-Spiel meidet jegliche Raffinesse und überflüssige Verzeichnungen nach dem Titanischen hin, er gibt ein Bild dieses großen Meisters, das auch über unsere Epoche hinaus zutreffend und gültig bleibt. Die Schallplattenindustrie hat sich ein echtes Verdienst erworben, seine Interpretationen gerade des Beethovenschen Klavierwerks der Nachwelt zu erhalten. Diese Deutung ist schlicht und in ihrer Wahrheit bezwingend, sie gibt dem Klavier, was des Klavieres ist. In unseren Tagen sind manche Pianisten große Kenner des Klaviers, Backhaus aber ist darüber hinaus (wie Kurt Blaukopf es formuliert hat) „ein großer Kenner der Musik, der uns diese Kenntnisse vermittelt und Beethovens Ideen interpretiert". Nirgends ist Routine in seinem Spiel zu finden, und noch die relativ häufig dargestellten Beethoven-Werke werden, wie er selbst gesteht, auch heute immer wieder neu erarbeitet. Die Virtuosität lässt er nur insoweit gelten, wie er sie für sich persönlich definiert hat: „als eine Reserve des Könnens, die so groß ist, dass der Künstler sie in der Praxis nie bis zum Rande ausschöpfen muss."

Zu seinem besinnlichen Wesen passt es auch, dass er sich bereits im Jahre 1931 in einer der schönsten Landschaften sesshaft machte: am Luganer See, wo er Mensch und Künstler sein kann nach eigenem Willen. Von diesem ruhigen Port aus tritt er seine Konzerttourneen an, die ihn mit der Welt in Verbindung halten. Zur größten Freude des letzten Jahrzehnts wurde ihm die erstmalige Verleihung des „Bösendorfer-Ringes", den die bekannte Wiener Klavierfirma stiftete, um ihn (nach dem Muster des Iffland-Ringes) dem jeweils würdigsten Pianisten auf Lebenszeit zu übereignen.

Zwischen dem Rubinstein-Preis von 1905 und dieser Auszeichnung von 1953 liegt ein reiches und erfolggesegnetes Künstlerdasein beschlossen, das Backhaus selbst stets dem Gesetz des Ethos unterstellt wissen wollte: „Man muss arbeiten und immer wieder arbeiten, nachdenklich und mit Begeisterung arbeiten. Die Musik ist eine Religion — sie ist eine Berufung und nicht ein Beruf."

Der Ruf des bald fünfundsiebzigjährigen Pianisten Wilhelm Backhaus hat heute fast legendären Glanz. — Wer von den jungen kunstbegeisterten Menschen kennt seinen Beginn, der noch in die anscheinend so ruhige und glückliche Epoche vor dem ersten Weltkrieg fiel und die Probleme, die er zu bewältigen hatte, um unter den vielen seines Faches ein Besonderer zu werden.

Mütterlicherseits war ihm die Musikalität als Erbgut mit auf den Weg gegeben worden. Der Vater ließ seinen Sohn schon frühzeitig mit dem Klavierspiel beginnen, der Unterricht wurde sorgsam und systematisch aufgebaut. Ein erstes Konzert, das er mit acht Jahren in Leipzig gibt, macht ihn noch nicht zum Wunderkind; aber er hat das Glück, am Konservatorium in Alois Reckendorf den richtigen Lehrer zu finden und lange bei ihm bleiben zu können: „Kein Klaviervirtuose" — um mit Backhaus' eigenen Worten zu sprechen — „aber ein hervorragender, feinsinniger Musiker, eine der vornehmsten Persönlichkeiten, die mir im Leben begegnet sind und der mir die Ehrfurcht vor der Kunst und ihren großen Meistern einimpfte." Diese Unterweisung, wie sie sich vorzüglicher kaum denken ließ, endigte 1899; und der Fünfzehnjährige besaß genügend Kühnheit, nun einfach zu Eugen d'Albert zu fahren: Durch dessen Zuspruch ermutigt, wagt es der gerade Sechzehnjährige, im Dezember 1900 erstmalig im Ausland zu konzertieren; in der Londoner St. James Hall spielte er Werke von Schumann, Chopin, Liszt und Rachmaninoff, ein Unternehmen, das ihn einer Kritik aussetzte, der er noch nicht ganz gewachsen war. Fürs erste musste er unverrichteter Sache in die Heimat zurückkehren. Bereits im nächsten Jahre (1901) lud ihn das Leipziger Gewandhaus ein, in einem Sinfoniekonzert unter Arthur Nikisch als Solist aufzutreten — für ihn eine bedeutsame Empfehlung. Als einen der für ihn wichtigsten Abende hat Backhaus sein erstes Auftreten beim Halle-Orchester in Manchester (Frühling 1902) bezeichnet. Der berühmte Dirigent Hans Richter, unter dessen Leitung dieses Konzert stand, hat sich auch weiterhin als väterlicher Freund und Förderer erwiesen. Mit der Verleihung des Rubinstein-Preises, den er im August 1905 zu Paris erhielt, war der vorläufige erste Höhepunkt erreicht.

Backhaus scheint einer der ersten Pianisten seiner Generation gewesen zu sein, dem es aus Veranlagung und Erziehung heraus gegeben war, die Auswüchse der Lisztschen Richtung zu überwinden und das Klavierspiel wieder zum Ideal des Wesentlichen zurückzuführen. Könnte man seine Programme von 1905 bis heute verfolgen, so wäre aus ihnen sicherlich eine zunehmende Klärung und Vereinheitlichung abzulesen. Zwar hat er sich den markanten Werken seiner Epoche, den komponierenden Zeitgenossen Reger, Debussy, Strawinsky, Skriabin nicht verschlossen; doch werden ihm Mozart und Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Chopin mehr und mehr die bevorzugten Meister.

Sein Beethoven-Spiel meidet jegliche Raffinesse und überflüssige Verzeichnungen nach dem Titanischen hin, er gibt ein Bild dieses großen Meisters, das auch über unsere Epoche hinaus zutreffend und gültig bleibt. Die Schallplattenindustrie hat sich ein echtes Verdienst erworben, seine Interpretationen gerade des Beethovenschen Klavierwerks der Nachwelt zu erhalten. Diese Deutung ist schlicht und in ihrer Wahrheit bezwingend, sie gibt dem Klavier, was des Klavieres ist. In unseren Tagen sind manche Pianisten große Kenner des Klaviers, Backhaus aber ist darüber hinaus (wie Kurt Blaukopf es formuliert hat) „ein großer Kenner der Musik, der uns diese Kenntnisse vermittelt und Beethovens Ideen interpretiert". Nirgends ist Routine in seinem Spiel zu finden, und noch die relativ häufig dargestellten Beethoven-Werke werden, wie er selbst gesteht, auch heute immer wieder neu erarbeitet. Die Virtuosität lässt er nur insoweit gelten, wie er sie für sich persönlich definiert hat: „als eine Reserve des Könnens, die so groß ist, dass der Künstler sie in der Praxis nie bis zum Rande ausschöpfen muss."

Zu seinem besinnlichen Wesen passt es auch, dass er sich bereits im Jahre 1931 in einer der schönsten Landschaften sesshaft machte: am Luganer See, wo er Mensch und Künstler sein kann nach eigenem Willen. Von diesem ruhigen Port aus tritt er seine Konzerttourneen an, die ihn mit der Welt in Verbindung halten. Zur größten Freude des letzten Jahrzehnts wurde ihm die erstmalige Verleihung des „Bösendorfer-Ringes", den die bekannte Wiener Klavierfirma stiftete, um ihn (nach dem Muster des Iffland-Ringes) dem jeweils würdigsten Pianisten auf Lebenszeit zu übereignen.

Zwischen dem Rubinstein-Preis von 1905 und dieser Auszeichnung von 1953 liegt ein reiches und erfolggesegnetes Künstlerdasein beschlossen, das Backhaus selbst stets dem Gesetz des Ethos unterstellt wissen wollte: „Man muss arbeiten und immer wieder arbeiten, nachdenklich und mit Begeisterung arbeiten. Die Musik ist eine Religion — sie ist eine Berufung und nicht ein Beruf."