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Porträt: Leonie Rysanek

Von
Walter Panofsky
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1959
Lesezeit ca.
Minuten

Im „Goldenen Hufeisen" der Metropolitan Opera knisterte eine ungute Spannung. Statt Maria Meneghini-Callas, die nach einem fulminanten Krach mit Mr. Bing, dem Intendanten der Met, reichlich kurzfristig abgesagt hatte, gastierte eine gewisse Leonie Rysanek. Noch dazu in einer ebenso schwierigen wie undankbaren Rolle: als Lady Macbeth in Verdis gleichnamiger Oper.

Die Spannung blieb bis zu jener berühmten Arie, da Lady Macbeth, vom schlechten Gewissen gepeinigt, nachts halb wahnsinnig durch die Gänge ihres Schlosses schleicht und dabei ihr blutiges Geheimnis preisgibt. Es ist eine der schwierigsten Arien, die Verdi je schrieb: der Wahnsinn der Lady zeichnet sich in großen, hektischen Sprüngen zwischen der tiefsten und der höchsten Stimmlage ab. Die Melodieführung ist zerrissen: Fetzen, die sich nur sehr schwer zu einem Ganzen verweben lassen. Als Leonie Rysanek geendet hatte und von der Bühne abging, blieb es totenstill. Ihr schien diese Stille das Verdammungsurteil: der Sprung zum Weltruhm schien missglückt. Sie ahnte nicht, dass sich zunächst nur deshalb keine Hand rührte, weil die dreieinhalbtausend Menschen unfähig waren, sich in Sekundenschnelle aus dem Bann zu lösen, den ihre Stimme und ihr Spiel geschlagen hatte. Dann aber brach eine Ovation los, wie sie die Met seit den Tagen Carusos und Schaljapins kaum je wieder erlebt hatte. Eine Viertelstunde lang musste sich Leonie Rysanek wieder und wieder verneigen: es gab niemanden, der ihre Leistung nicht enthusiastisch feierte. Was kaum je zuvor geglückt, was nach den Traditionen der Met eigentlich unmöglich war, war Wirklichkeit geworden: eine deutsche Sängerin hatte im italienischen Fach gesiegt, das seit Jahrzehnten ausschließlich Italienerinnen und Slawinnen vorbehalten war.

Erst zehn Jahre sind vergangen, seit Leonie Rysanek — von ihrem Lehrer und späteren Gatten Rudolf Grossmann geleitet — ihre Opernkarriere begann. Innsbruck war die erste Station: hier sang sie alles, was „gut und teuer" war, wie es der Betrieb an einem kleinen Theater häufig mit sich bringt. Einmal trat sie innerhalb einer Woche als Gilda und — als Brünhilde auf: heute wird ihr nachträglich noch ein wenig bang über solche stimmlichen Parforce-Ritte, die manchmal die Karriere kosten können. Der erste große Sprung wurde im Jahre 1951 getan: Wieland Wagner holte Leonie Rysanek als Sieglinde nach Bayreuth, wo sie auch im vorigen Jahr die Elsa im „Lohengrin" sang, in diesem Jahr eine ihrer Lieblingsrollen, die Senta im „Fliegenden Holländer" singen wird.

Was diese Sängerin auszeichnet, ist eine ebenso kraftvolle wie nuancenreiche Stimme. Es gibt kein Orchester-Fortissimo, das sie nicht mühelos übertönen, es gibt jedoch auch kein vierfaches Pianissimo, das sie nicht meistern würde. Ihr steht eine fast einzigartige Ausdrucksskala zur Verfügung. Sie ist deshalb auch auf kein „Fach" festzulegen: ob Wagner oder Puccini, Strauß oder Verdi, Weber oder Mascagni — es gibt wenige Rollen, die sie nicht erfüllen könnte.

Jedoch nicht allein die strahlend schöne, junge Stimme — durch die alte Opernbesucher manchmal an die Stimme der Jeritza erinnert werden — verhalf Leonie Rysanek zu Weltruhm; auch ihr ungewöhnlich intensives Spiel, ihre psychologische Durchdringung der Rollen. „Nur mit aaner schönen Stimm' kann man heut' nur die Hälfte machen", meinte sie einmal in einem Gespräch. Und sie erklärt, warum die Lady Macbeth zu ihren Lieblingsrollen zählt: diese Figur fordert nicht nur vom Stimmlichen, sondern vor allem vom Darstellerischen her gesehen das Letzte von einer Sängerin.

In den zehn Jahren ihrer Laufbahn hat Leonie Rysanek mit allen großen Dirigenten Kontakt bekommen. Unter Wilhelm Furtwängler sang sie in einer Aufnahme von Wagners „Walküre", die zu den letzten Platten des unvergesslichen Dirigenten zählt. Mit Herbert von Karajan, dem sie „unendlich viel verdankt", verbindet sie eine herzliche Freundschaft. Erich Kleiber, der mit seinem Lob stets sehr sparsam umging, zog sie einmal in Neapel vor den Vorhang und meinte, sie sollte jetzt — nach einer Wagner-Oper! — das Lied: „Mei Muatterl war a Weanerin!" singen. Das war so ziemlich das höchste Lob, das Kleiber zu vergeben hatte. Knappertsbusch, Karl Böhm, Dimitri Mitropoulos, Andre Cluytens — Leonie Rysanek

kennt sie alle aus Wien, aus Mailand, aus London, aus München und Bayreuth.

Eine ihrer ersten großen Schallplatten-Auf nahmen war die Rolle der Kaiserin in der „Frau ohne Schatten" von Richard Strauss, die Leonie Rysanek eine seltene Ehrung der Wiener Philharmoniker einbrachte: die „Silberne Rose". Die Gesamtaufnahme von Verdis „Macbeth" wird im Herbst erscheinen. Aber die außerordentliche Stimm- und Gefühlsskala der Rysanek wird schon auf einer RCA-Platte (LM 2262-C) gegenwärtig, auf der sie unter Arturo Basile große italienische Arien in der Originalsprache singt. Ob es das todesbange Lied der Desdemona ist, die Friedensarie der Leonora aus Verdis „Macht des Schicksals", ob es um die Gestalten der Aida, der Santuzza oder die Prinzessin Turandot geht — Leonie Rysanek erfüllt alle mit einer bezwingenden Eindringlichkeit, dass sich keiner dem Bann dieser Leistung entziehen kann. Wer diese Schallplatte in sich aufnimmt, versteht, warum aus Leonie Rysanek „die" Rysanek geworden ist.

Im „Goldenen Hufeisen" der Metropolitan Opera knisterte eine ungute Spannung. Statt Maria Meneghini-Callas, die nach einem fulminanten Krach mit Mr. Bing, dem Intendanten der Met, reichlich kurzfristig abgesagt hatte, gastierte eine gewisse Leonie Rysanek. Noch dazu in einer ebenso schwierigen wie undankbaren Rolle: als Lady Macbeth in Verdis gleichnamiger Oper.

Die Spannung blieb bis zu jener berühmten Arie, da Lady Macbeth, vom schlechten Gewissen gepeinigt, nachts halb wahnsinnig durch die Gänge ihres Schlosses schleicht und dabei ihr blutiges Geheimnis preisgibt. Es ist eine der schwierigsten Arien, die Verdi je schrieb: der Wahnsinn der Lady zeichnet sich in großen, hektischen Sprüngen zwischen der tiefsten und der höchsten Stimmlage ab. Die Melodieführung ist zerrissen: Fetzen, die sich nur sehr schwer zu einem Ganzen verweben lassen. Als Leonie Rysanek geendet hatte und von der Bühne abging, blieb es totenstill. Ihr schien diese Stille das Verdammungsurteil: der Sprung zum Weltruhm schien missglückt. Sie ahnte nicht, dass sich zunächst nur deshalb keine Hand rührte, weil die dreieinhalbtausend Menschen unfähig waren, sich in Sekundenschnelle aus dem Bann zu lösen, den ihre Stimme und ihr Spiel geschlagen hatte. Dann aber brach eine Ovation los, wie sie die Met seit den Tagen Carusos und Schaljapins kaum je wieder erlebt hatte. Eine Viertelstunde lang musste sich Leonie Rysanek wieder und wieder verneigen: es gab niemanden, der ihre Leistung nicht enthusiastisch feierte. Was kaum je zuvor geglückt, was nach den Traditionen der Met eigentlich unmöglich war, war Wirklichkeit geworden: eine deutsche Sängerin hatte im italienischen Fach gesiegt, das seit Jahrzehnten ausschließlich Italienerinnen und Slawinnen vorbehalten war.

Erst zehn Jahre sind vergangen, seit Leonie Rysanek — von ihrem Lehrer und späteren Gatten Rudolf Grossmann geleitet — ihre Opernkarriere begann. Innsbruck war die erste Station: hier sang sie alles, was „gut und teuer" war, wie es der Betrieb an einem kleinen Theater häufig mit sich bringt. Einmal trat sie innerhalb einer Woche als Gilda und — als Brünhilde auf: heute wird ihr nachträglich noch ein wenig bang über solche stimmlichen Parforce-Ritte, die manchmal die Karriere kosten können. Der erste große Sprung wurde im Jahre 1951 getan: Wieland Wagner holte Leonie Rysanek als Sieglinde nach Bayreuth, wo sie auch im vorigen Jahr die Elsa im „Lohengrin" sang, in diesem Jahr eine ihrer Lieblingsrollen, die Senta im „Fliegenden Holländer" singen wird.

Was diese Sängerin auszeichnet, ist eine ebenso kraftvolle wie nuancenreiche Stimme. Es gibt kein Orchester-Fortissimo, das sie nicht mühelos übertönen, es gibt jedoch auch kein vierfaches Pianissimo, das sie nicht meistern würde. Ihr steht eine fast einzigartige Ausdrucksskala zur Verfügung. Sie ist deshalb auch auf kein „Fach" festzulegen: ob Wagner oder Puccini, Strauß oder Verdi, Weber oder Mascagni — es gibt wenige Rollen, die sie nicht erfüllen könnte.

Jedoch nicht allein die strahlend schöne, junge Stimme — durch die alte Opernbesucher manchmal an die Stimme der Jeritza erinnert werden — verhalf Leonie Rysanek zu Weltruhm; auch ihr ungewöhnlich intensives Spiel, ihre psychologische Durchdringung der Rollen. „Nur mit aaner schönen Stimm' kann man heut' nur die Hälfte machen", meinte sie einmal in einem Gespräch. Und sie erklärt, warum die Lady Macbeth zu ihren Lieblingsrollen zählt: diese Figur fordert nicht nur vom Stimmlichen, sondern vor allem vom Darstellerischen her gesehen das Letzte von einer Sängerin.

In den zehn Jahren ihrer Laufbahn hat Leonie Rysanek mit allen großen Dirigenten Kontakt bekommen. Unter Wilhelm Furtwängler sang sie in einer Aufnahme von Wagners „Walküre", die zu den letzten Platten des unvergesslichen Dirigenten zählt. Mit Herbert von Karajan, dem sie „unendlich viel verdankt", verbindet sie eine herzliche Freundschaft. Erich Kleiber, der mit seinem Lob stets sehr sparsam umging, zog sie einmal in Neapel vor den Vorhang und meinte, sie sollte jetzt — nach einer Wagner-Oper! — das Lied: „Mei Muatterl war a Weanerin!" singen. Das war so ziemlich das höchste Lob, das Kleiber zu vergeben hatte. Knappertsbusch, Karl Böhm, Dimitri Mitropoulos, Andre Cluytens — Leonie Rysanek

kennt sie alle aus Wien, aus Mailand, aus London, aus München und Bayreuth.

Eine ihrer ersten großen Schallplatten-Auf nahmen war die Rolle der Kaiserin in der „Frau ohne Schatten" von Richard Strauss, die Leonie Rysanek eine seltene Ehrung der Wiener Philharmoniker einbrachte: die „Silberne Rose". Die Gesamtaufnahme von Verdis „Macbeth" wird im Herbst erscheinen. Aber die außerordentliche Stimm- und Gefühlsskala der Rysanek wird schon auf einer RCA-Platte (LM 2262-C) gegenwärtig, auf der sie unter Arturo Basile große italienische Arien in der Originalsprache singt. Ob es das todesbange Lied der Desdemona ist, die Friedensarie der Leonora aus Verdis „Macht des Schicksals", ob es um die Gestalten der Aida, der Santuzza oder die Prinzessin Turandot geht — Leonie Rysanek erfüllt alle mit einer bezwingenden Eindringlichkeit, dass sich keiner dem Bann dieser Leistung entziehen kann. Wer diese Schallplatte in sich aufnimmt, versteht, warum aus Leonie Rysanek „die" Rysanek geworden ist.