Karl Münchinger und sein Stuttgarter Kammerorchester
Erschienen im FONO FORUM im Juli 1959

Zehntausend Kilometer war das Stuttgarter Kammerorchester mit seinem Dirigenten Professor Karl Münchinger zwischen 35 Konzerten innerhalb zweier Monate in den USA und in Kanada zu Beginn dieses Jahres unterwegs. Wieviel könnte man auf einer solchen Reise sehen und erleben, wenn man sich Zeit dazu nähme. Aber ein Orchester hat eine andere Aufgabe zu erfüllen und verzichtet auf vieles, nur um ein paar Stunden ausruhen zu können, sich zu sammeln, um beim abendlichen Musizieren wieder ganz auf der Höhe zu sein. Diese Opfer, stillschweigend und selbstverständlich gebracht, haben sich in einem sehr hohen Maße gelohnt. Noch selten hat ein deutsches Orchester in Amerika und Kanada ein solch begeistertes Echo gefunden. Der Washingtoner Musikkritiker Day Thorpe schrieb von einer „hinreißenden Schönheit des Tones" und lobte besonders die „männliche Kraft und Klarheit des Spiels", und es heißt von Thorpe, der sonst sehr zurückhaltend ist, viel, wenn er trotz der sehr perfekten amerikanischen Orchester zu der Feststellung kommt: „Die Symphonie in A-dur von Mozart ist den Einwohnern von Washington besser bekannt als irgend eine andere . . . Ich glaube aber, dass die unerreichte Mitteilungskraft und die Leidenschaft des Werkes nie zuvor so vollständig zum Ausdruck gekommen sind."
Man hat während und nach der Tournee Münchingers in deutschen Blättern sehr wenig darüber gelesen. Nur 18 Zeilen brachte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) über dieses für das westdeutsche kulturelle Leben bedeutungsvolle Ereignis
1945 — das katastrophale Ende eines furchtbaren Krieges — war zugleich das Jahr, in dem Karl Münchinger, ein geborener Stuttgarter, 16 junge Musiker um sich sammelte und das Stuttgarter Kammerorchester gründete. Schon drei Jahre danach hatte Münchinger, ein Schüler Hermann Abendroths, bei seinem Orchester eine solche Perfektion erreicht, dass ein Wiener Kritiker schrieb: „In jedem einzelnen Mitglied des Orchesters ist ein geradezu fanatischer Wille zur Vollkommenheit lebendig." 1949 hatte das Orchester bereits in ganz Westeuropa gespielt und die Menschen überall begeistert. Paris: Münchinger wirkt wie ein Zauberkünstler. London: Ein Abend reinster Freude. Madrid: Mehr als nur Vollkommenheit. Mailand: Mitreißender Applaus und helle Begeisterung. Oslo: Ein Erlebnis für sich. Salzburg: Ein magisches Ereignis wird bei dem Spiel des Stuttgarter Kammerorchesters schönste Wirklichkeit.
Fragt man sich ob dieser Erfolge nach dem Geheimnis, die zu solchen Leistungen befähigen, dann führt die Spur über jedes einzelne Orchestermitglied, das unermüdlich an sich selbst arbeitet, um in der Gemeinschaft aufzugehen unter einem Dirigenten, der stets das Herz des Ganzen ist. Münchinger weiß zu genau, dass die große Anzahl von Konzerten leicht die Gefahr heraufbeschwört, nur routiniert zu spielen, was ihn einmal zu dem klassisch-anekdotischen Ausspruch bewegt hat: „Heute ist nichts drin und das muss raus!" Er duldet keine Konzessionen, und Fragen des Stils sind für ihn kein Problem. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an ihm, dass er mit völliger Sicherheit jedes Werk mit dem richtigen Geiste zu erfüllen vermag. „Ich versuche, die Mitte zu erreichen", sagte er uns in einem Gespräch über den umstrittenen Begriff der Werktreue, die, absolut genommen, ein „trockenes, akademisches Musizieren ergibt" und im anderen Fall der zwei Möglichkeiten „zu einem Super-Romantismus führt, bei dem das falsche Werk herauskommt." Scherzend meinte Münchinger, dass er gar nicht den Ehrgeiz habe, seine 9. Symphonie Beethovens aufzuführen, sondern „man muss natürlich empfinden können, unkompliziert sein und ein Werk von sich aus musizieren lassen. Je natürlicher und frischer gespielt wird, desto unmittelbarer empfindet das Publikum ein Kunstwerk." Und das ist das, was die großen Musikkritiker immer wieder an Münchinger feststellen: Seine ausgewogene Klarheit, kein schematischer und starrer Aufbau, die Gegenwärtigkeit der gespielten Musik, das Feinsinnige und Großzügige seiner Dispositionen. Das sind die „Geheimnisse", mit denen Münchinger das Betörende und Ausdrucksvolle seines Orchesters erreicht. Die Wertschätzung, die Münchinger zuteil wird, beweisen seine vielen Gastverträge mit namhaften Sinfonieorchestern. So gibt er jährlich sechs Konzerte mit dem Brüsseler Philharmonischen Orchester in der belgischen Hauptstadt, vier in Paris mit dem „Orchestre de la Societe du Conservatoire de Paris", und er leitet dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen ein großes Mozartprogramm mit den Wiener Philharmonikern. Da denkt man an die fünf kostbaren Langspielplatten, die uns Münchinger mit den Wienern geschenkt hat, vier Haydn-Symphonien und zwei von Mozart, ferner Beethoven-Ouvertüren und Schuberts Unvollendete. Die großartige Aufnahme der sechs Brandenburgischen Konzerte auf zwei Langspielplatten wurde mit dem „Grand Prix", dem „Großen Schallplattenpreis", der jährlich von der Charles-Cros-Akademie in Paris nach strengen Gesichtspunkten verliehen wird, ausgezeichnet. Diesen „Oscar" für die Schallplatte möchte man noch mehreren Münchinger-Aufnahmen geben, so den „Vier Jahreszeiten" (Vivaldi), Haydns Cello-Konzert und dem von Boccerini und dann vor allem den beiden Klavierkonzerten Mozarts (Nr. 9 und Nr. 15) mit Wilhelm Kempff als Solist.
Vielleicht ist der eine oder andere Leser enttäuscht, weil in diesem Dirigentenportrait so wenig „persönlichstes" steht. Wir hielten es nützlich, die 14jährige Geschichte eines Orchesters und seines Gründer-Dirigenten als würdige Botschafter der Musik zu betrachten und zu erkennen, dass uns dieses Orchester — sei es im Konzertsaal oder zu Hause — immer ein Kunsterlebnis hohen Ranges vermitteln wird.
Zehntausend Kilometer war das Stuttgarter Kammerorchester mit seinem Dirigenten Professor Karl Münchinger zwischen 35 Konzerten innerhalb zweier Monate in den USA und in Kanada zu Beginn dieses Jahres unterwegs. Wieviel könnte man auf einer solchen Reise sehen und erleben, wenn man sich Zeit dazu nähme. Aber ein Orchester hat eine andere Aufgabe zu erfüllen und verzichtet auf vieles, nur um ein paar Stunden ausruhen zu können, sich zu sammeln, um beim abendlichen Musizieren wieder ganz auf der Höhe zu sein. Diese Opfer, stillschweigend und selbstverständlich gebracht, haben sich in einem sehr hohen Maße gelohnt. Noch selten hat ein deutsches Orchester in Amerika und Kanada ein solch begeistertes Echo gefunden. Der Washingtoner Musikkritiker Day Thorpe schrieb von einer „hinreißenden Schönheit des Tones" und lobte besonders die „männliche Kraft und Klarheit des Spiels", und es heißt von Thorpe, der sonst sehr zurückhaltend ist, viel, wenn er trotz der sehr perfekten amerikanischen Orchester zu der Feststellung kommt: „Die Symphonie in A-dur von Mozart ist den Einwohnern von Washington besser bekannt als irgend eine andere . . . Ich glaube aber, dass die unerreichte Mitteilungskraft und die Leidenschaft des Werkes nie zuvor so vollständig zum Ausdruck gekommen sind."
Man hat während und nach der Tournee Münchingers in deutschen Blättern sehr wenig darüber gelesen. Nur 18 Zeilen brachte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) über dieses für das westdeutsche kulturelle Leben bedeutungsvolle Ereignis
1945 — das katastrophale Ende eines furchtbaren Krieges — war zugleich das Jahr, in dem Karl Münchinger, ein geborener Stuttgarter, 16 junge Musiker um sich sammelte und das Stuttgarter Kammerorchester gründete. Schon drei Jahre danach hatte Münchinger, ein Schüler Hermann Abendroths, bei seinem Orchester eine solche Perfektion erreicht, dass ein Wiener Kritiker schrieb: „In jedem einzelnen Mitglied des Orchesters ist ein geradezu fanatischer Wille zur Vollkommenheit lebendig." 1949 hatte das Orchester bereits in ganz Westeuropa gespielt und die Menschen überall begeistert. Paris: Münchinger wirkt wie ein Zauberkünstler. London: Ein Abend reinster Freude. Madrid: Mehr als nur Vollkommenheit. Mailand: Mitreißender Applaus und helle Begeisterung. Oslo: Ein Erlebnis für sich. Salzburg: Ein magisches Ereignis wird bei dem Spiel des Stuttgarter Kammerorchesters schönste Wirklichkeit.
Fragt man sich ob dieser Erfolge nach dem Geheimnis, die zu solchen Leistungen befähigen, dann führt die Spur über jedes einzelne Orchestermitglied, das unermüdlich an sich selbst arbeitet, um in der Gemeinschaft aufzugehen unter einem Dirigenten, der stets das Herz des Ganzen ist. Münchinger weiß zu genau, dass die große Anzahl von Konzerten leicht die Gefahr heraufbeschwört, nur routiniert zu spielen, was ihn einmal zu dem klassisch-anekdotischen Ausspruch bewegt hat: „Heute ist nichts drin und das muss raus!" Er duldet keine Konzessionen, und Fragen des Stils sind für ihn kein Problem. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an ihm, dass er mit völliger Sicherheit jedes Werk mit dem richtigen Geiste zu erfüllen vermag. „Ich versuche, die Mitte zu erreichen", sagte er uns in einem Gespräch über den umstrittenen Begriff der Werktreue, die, absolut genommen, ein „trockenes, akademisches Musizieren ergibt" und im anderen Fall der zwei Möglichkeiten „zu einem Super-Romantismus führt, bei dem das falsche Werk herauskommt." Scherzend meinte Münchinger, dass er gar nicht den Ehrgeiz habe, seine 9. Symphonie Beethovens aufzuführen, sondern „man muss natürlich empfinden können, unkompliziert sein und ein Werk von sich aus musizieren lassen. Je natürlicher und frischer gespielt wird, desto unmittelbarer empfindet das Publikum ein Kunstwerk." Und das ist das, was die großen Musikkritiker immer wieder an Münchinger feststellen: Seine ausgewogene Klarheit, kein schematischer und starrer Aufbau, die Gegenwärtigkeit der gespielten Musik, das Feinsinnige und Großzügige seiner Dispositionen. Das sind die „Geheimnisse", mit denen Münchinger das Betörende und Ausdrucksvolle seines Orchesters erreicht. Die Wertschätzung, die Münchinger zuteil wird, beweisen seine vielen Gastverträge mit namhaften Sinfonieorchestern. So gibt er jährlich sechs Konzerte mit dem Brüsseler Philharmonischen Orchester in der belgischen Hauptstadt, vier in Paris mit dem „Orchestre de la Societe du Conservatoire de Paris", und er leitet dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen ein großes Mozartprogramm mit den Wiener Philharmonikern. Da denkt man an die fünf kostbaren Langspielplatten, die uns Münchinger mit den Wienern geschenkt hat, vier Haydn-Symphonien und zwei von Mozart, ferner Beethoven-Ouvertüren und Schuberts Unvollendete. Die großartige Aufnahme der sechs Brandenburgischen Konzerte auf zwei Langspielplatten wurde mit dem „Grand Prix", dem „Großen Schallplattenpreis", der jährlich von der Charles-Cros-Akademie in Paris nach strengen Gesichtspunkten verliehen wird, ausgezeichnet. Diesen „Oscar" für die Schallplatte möchte man noch mehreren Münchinger-Aufnahmen geben, so den „Vier Jahreszeiten" (Vivaldi), Haydns Cello-Konzert und dem von Boccerini und dann vor allem den beiden Klavierkonzerten Mozarts (Nr. 9 und Nr. 15) mit Wilhelm Kempff als Solist.
Vielleicht ist der eine oder andere Leser enttäuscht, weil in diesem Dirigentenportrait so wenig „persönlichstes" steht. Wir hielten es nützlich, die 14jährige Geschichte eines Orchesters und seines Gründer-Dirigenten als würdige Botschafter der Musik zu betrachten und zu erkennen, dass uns dieses Orchester — sei es im Konzertsaal oder zu Hause — immer ein Kunsterlebnis hohen Ranges vermitteln wird.



