Interview mit Karl Böhm: „Ziel der Schallplatte: Das künstlerische Erlebnis!“
Erschienen im FONO FORUM im Juli 1959

Man möchte es nicht glauben: am 28. August 1959 hat sich für den österreichischen Meisterdirigenten das 65. Lebensjahr vollendet. Schlank, feinnervig, agil, temperamentvoll wie ein Vierziger steht Karl Böhm nicht nur mitten im unteilbaren Musikleben der Kulturwelt, sondern auch als Persönlichkeit dem Alltag gegenüber. Er ist ein Österreicher, wie er im Buch steht: das Gegenteil von protzig, pianissimo melancholisch, aber nur so weit, dass die Gesamtstimmung nicht getrübt ist. Er weiß — um mit Krenek zu sprechen —: „Jedes Ziel ist ein neuer Anfang". Er ist sich bewusst, dass es in der Kunst des Interpreten keinen Stillstand, kein Verharren gibt. Stolz ist er (ohne dass er's geradewegs zugibt) auf seine Frau, auf Thea Böhm, die viele Musikfreunde noch als Thea Linhardt kennen, als sie selbst noch auf der Bühne und auf dem Konzertpodium als Sängerin stand. Stolz ist er (und das sagt er auch) auf seinen Sohn Karl-Heinz, den bekannten Filmschauspieler. Den Großvater Böhm glaubt man dem Dirigenten kaum; aber Hauptsache: er ist es . . .
Von seinem Leben und dem Gang der Karriere wissen wir viel: dass der junge doctor juris, der „nebenbei" als Pianist das Konservatorium, das Theoriestudium beim Brahms-Vertrauten Mandyczewsky absolviert und als Correpetitor am Opernhaus seiner Heimatstadt begonnen hatte, sich 1919 für die Dirigentenlaufbahn entschieden hat. Bruno Walter holte auf Mucks Empfehlung den jungen Kapellmeister 1921 nach München. Sechs Jahre später finden wir Karl Böhm als Generalmusikdirektor in Darmstadt, 1931 als Opernchef in Hamburg. Bis er dann Nachfolger Fritz Buschs an der Dresdner Oper wurde und 1943 erstmals (1954 dann neuerlich) Direktor der Wiener Staatsoper. Nach dem Kriege hatte sich Karl Böhm Europa „erobert" und vor allem Südamerika. Und in den letzten Jahren kam es zu den Metropolitan-Triumphen des Dingenten.
Im launigen Gespräch werden ein paar Einzelheiten zu dieser Übersicht nachgetragen. Eine Stellprobe von Lortzings „Zar und Zimmermann" war das erste aktive Bühnenerlebnis Karl Böhms in Graz. „Ich hatte keine Ahnung", erinnert sich Karl Böhm, „aber das wurde bald anders". Der erste Bühnendienst des jungen Repetitors galt Verdis „Aida", beileibe keine leichte Aufgabe. „Ich habe auch Possen und Operetten dirigiert, ich kenne das Musiktheater von der Pike an." Ein Telegramm Bruno Walters hat Gastspiele in München zur Folge: Webers „Freischütz" und Puccinis „Butterfly" sind Böhms Antrittsopern in der bayerischen Hauptstadt. Gleich bei der ersten Orchesterprobe findet Böhm einen Notenfehler. Die Musiker mussten sich überzeugen lassen, dass sie jahrelang einem Irrtum erlegen waren; die Autorität Karl Böhms war spontan gefestigt.
Böhm ist Musiker, ist Musikant. Aus natürlichen Quellen fließt seine Interpretation, seine Stilkenntnis weiß wohlgeordnete Unterscheidungen zu treffen, nichts in seinen Wiedergaben wirkt gekünstelt oder verkrampft. „Gebt dem Komponisten, was des Komponisten ist", scheint sein Hauptgrundsatz zu sein. Voll von Optimismus steht er vor seinen Musikern und regiert als Primus inter pares. Untrennbar ist Böhms Wirken mit Richard Strauß verbunden. Dem Dirigenten, der dem engen Freundeskreis des Meisters zugehörte, ist die Oper „Daphne" gewidmet, ihm galt die Dokumentation des künstlerischen Vermächtnisses des letzten großen Opernkomponisten für den nachfolgenden Direktorkollegen an der Wiener Staatsoper. Mit Strauß, dessen „Schweigsame Frau" Böhm in Dresden uraufführte, hat der Dirigent die Liebe zu Mozart gemeinsam. Der Mozartstil von heute, distanziert vom Pathos des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist mit sein Werk. Sein Mozart-Kult in den letzten Kriegsjahren an der Wiener Staatsoper legte den Grund zur Mozart-Renaissance, die in den Nachkriegsjahren von Wien und Salzburg ausging und sich die Kulturwelt erobert hat. Zwanzig Jahre lang dirigiert Karl Böhm bei den Salzburger Festspielen. Dem „Don Giovanni" und der „Entführung" galten seine ersten Taten in der Mozartstadt, später folgten die „Zauberflöte" und der „Rosenkavalier". Dass er auch in diesem Festspielsommer als Mozart- und Strauß-Dirigent fungiert, beweist die Kontinuität seiner künstlerischen Absichten. Synthese, Zusammenschau, Großflächigkeit — solche Begriffe treffen Böhms Interpretationen am sinnfälligsten.
Unser musikalischer Überblick muss auf Richard Strauß stoßen. Die „Rosenkavalier"-Aufnahme der Deutschen Grammophon ist der Anlass der Gesprächswendung. „Vor 35 Jahren habe ich zum ersten Male, gleichsam über Nacht, den ,Rosenkavalier' als Dirigent übernommen. In Hamburg habe ich Meister Strauß kennengelernt, anlässlich meiner „Arabella"-Neuinszenierung. 1934, zum 70. Geburtstag des Komponisten, haben wir in Dresden die Oper neu einstudiert. Nicht weniger als 23 Orchesterproben gab es damals! In London habe ich den ,Rosenkavalier' 1936 dirigiert. Die Aufnahme nun, im Dezember des Vorjahres in Dresden, hat mich über alle Maße gefesselt. Das Orchester — Sie müssen es hören, wie es mit der Strauß-Tradition lebendig verbunden ist. Die Solisten — nun ich bin kein Kritiker, aber ich muss sagen: ich war glücklich!" Unsere Gedanken gehen zu den großen Rosenkavalier-Sängern von einst zurück. Da denkt Karl Böhm an die Marschallinen Martha Fuchs, Maria Reining, Hilde Konetzni und Margerete Teschemacher, an Tiana Lemnitz und Marta Rohs als Octavian, an die unvergessene Maria Cebotari als Sophie, an Ludwig Ermold als Ochs.
Zuletzt wollen wir von Karl Böhm ein Wort zur Schallplatte an sich zitieren. Grundsätzlich sagt er nur eins zu diesem „Rosenkavalier", der gerade recht zum 10. Todestag Richard Strauß' herauskommt: „Das Wichtigste ist und bleibt das Theatererlebnis durch die Platte. Perfektion in Ehren, Perfektion als Mittel. Das Ziel heißt: pulsierendes Leben, bedenkenloser Einsatz für den Willen des Komponisten!"
Man möchte es nicht glauben: am 28. August 1959 hat sich für den österreichischen Meisterdirigenten das 65. Lebensjahr vollendet. Schlank, feinnervig, agil, temperamentvoll wie ein Vierziger steht Karl Böhm nicht nur mitten im unteilbaren Musikleben der Kulturwelt, sondern auch als Persönlichkeit dem Alltag gegenüber. Er ist ein Österreicher, wie er im Buch steht: das Gegenteil von protzig, pianissimo melancholisch, aber nur so weit, dass die Gesamtstimmung nicht getrübt ist. Er weiß — um mit Krenek zu sprechen —: „Jedes Ziel ist ein neuer Anfang". Er ist sich bewusst, dass es in der Kunst des Interpreten keinen Stillstand, kein Verharren gibt. Stolz ist er (ohne dass er's geradewegs zugibt) auf seine Frau, auf Thea Böhm, die viele Musikfreunde noch als Thea Linhardt kennen, als sie selbst noch auf der Bühne und auf dem Konzertpodium als Sängerin stand. Stolz ist er (und das sagt er auch) auf seinen Sohn Karl-Heinz, den bekannten Filmschauspieler. Den Großvater Böhm glaubt man dem Dirigenten kaum; aber Hauptsache: er ist es . . .
Von seinem Leben und dem Gang der Karriere wissen wir viel: dass der junge doctor juris, der „nebenbei" als Pianist das Konservatorium, das Theoriestudium beim Brahms-Vertrauten Mandyczewsky absolviert und als Correpetitor am Opernhaus seiner Heimatstadt begonnen hatte, sich 1919 für die Dirigentenlaufbahn entschieden hat. Bruno Walter holte auf Mucks Empfehlung den jungen Kapellmeister 1921 nach München. Sechs Jahre später finden wir Karl Böhm als Generalmusikdirektor in Darmstadt, 1931 als Opernchef in Hamburg. Bis er dann Nachfolger Fritz Buschs an der Dresdner Oper wurde und 1943 erstmals (1954 dann neuerlich) Direktor der Wiener Staatsoper. Nach dem Kriege hatte sich Karl Böhm Europa „erobert" und vor allem Südamerika. Und in den letzten Jahren kam es zu den Metropolitan-Triumphen des Dingenten.
Im launigen Gespräch werden ein paar Einzelheiten zu dieser Übersicht nachgetragen. Eine Stellprobe von Lortzings „Zar und Zimmermann" war das erste aktive Bühnenerlebnis Karl Böhms in Graz. „Ich hatte keine Ahnung", erinnert sich Karl Böhm, „aber das wurde bald anders". Der erste Bühnendienst des jungen Repetitors galt Verdis „Aida", beileibe keine leichte Aufgabe. „Ich habe auch Possen und Operetten dirigiert, ich kenne das Musiktheater von der Pike an." Ein Telegramm Bruno Walters hat Gastspiele in München zur Folge: Webers „Freischütz" und Puccinis „Butterfly" sind Böhms Antrittsopern in der bayerischen Hauptstadt. Gleich bei der ersten Orchesterprobe findet Böhm einen Notenfehler. Die Musiker mussten sich überzeugen lassen, dass sie jahrelang einem Irrtum erlegen waren; die Autorität Karl Böhms war spontan gefestigt.
Böhm ist Musiker, ist Musikant. Aus natürlichen Quellen fließt seine Interpretation, seine Stilkenntnis weiß wohlgeordnete Unterscheidungen zu treffen, nichts in seinen Wiedergaben wirkt gekünstelt oder verkrampft. „Gebt dem Komponisten, was des Komponisten ist", scheint sein Hauptgrundsatz zu sein. Voll von Optimismus steht er vor seinen Musikern und regiert als Primus inter pares. Untrennbar ist Böhms Wirken mit Richard Strauß verbunden. Dem Dirigenten, der dem engen Freundeskreis des Meisters zugehörte, ist die Oper „Daphne" gewidmet, ihm galt die Dokumentation des künstlerischen Vermächtnisses des letzten großen Opernkomponisten für den nachfolgenden Direktorkollegen an der Wiener Staatsoper. Mit Strauß, dessen „Schweigsame Frau" Böhm in Dresden uraufführte, hat der Dirigent die Liebe zu Mozart gemeinsam. Der Mozartstil von heute, distanziert vom Pathos des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist mit sein Werk. Sein Mozart-Kult in den letzten Kriegsjahren an der Wiener Staatsoper legte den Grund zur Mozart-Renaissance, die in den Nachkriegsjahren von Wien und Salzburg ausging und sich die Kulturwelt erobert hat. Zwanzig Jahre lang dirigiert Karl Böhm bei den Salzburger Festspielen. Dem „Don Giovanni" und der „Entführung" galten seine ersten Taten in der Mozartstadt, später folgten die „Zauberflöte" und der „Rosenkavalier". Dass er auch in diesem Festspielsommer als Mozart- und Strauß-Dirigent fungiert, beweist die Kontinuität seiner künstlerischen Absichten. Synthese, Zusammenschau, Großflächigkeit — solche Begriffe treffen Böhms Interpretationen am sinnfälligsten.
Unser musikalischer Überblick muss auf Richard Strauß stoßen. Die „Rosenkavalier"-Aufnahme der Deutschen Grammophon ist der Anlass der Gesprächswendung. „Vor 35 Jahren habe ich zum ersten Male, gleichsam über Nacht, den ,Rosenkavalier' als Dirigent übernommen. In Hamburg habe ich Meister Strauß kennengelernt, anlässlich meiner „Arabella"-Neuinszenierung. 1934, zum 70. Geburtstag des Komponisten, haben wir in Dresden die Oper neu einstudiert. Nicht weniger als 23 Orchesterproben gab es damals! In London habe ich den ,Rosenkavalier' 1936 dirigiert. Die Aufnahme nun, im Dezember des Vorjahres in Dresden, hat mich über alle Maße gefesselt. Das Orchester — Sie müssen es hören, wie es mit der Strauß-Tradition lebendig verbunden ist. Die Solisten — nun ich bin kein Kritiker, aber ich muss sagen: ich war glücklich!" Unsere Gedanken gehen zu den großen Rosenkavalier-Sängern von einst zurück. Da denkt Karl Böhm an die Marschallinen Martha Fuchs, Maria Reining, Hilde Konetzni und Margerete Teschemacher, an Tiana Lemnitz und Marta Rohs als Octavian, an die unvergessene Maria Cebotari als Sophie, an Ludwig Ermold als Ochs.
Zuletzt wollen wir von Karl Böhm ein Wort zur Schallplatte an sich zitieren. Grundsätzlich sagt er nur eins zu diesem „Rosenkavalier", der gerade recht zum 10. Todestag Richard Strauß' herauskommt: „Das Wichtigste ist und bleibt das Theatererlebnis durch die Platte. Perfektion in Ehren, Perfektion als Mittel. Das Ziel heißt: pulsierendes Leben, bedenkenloser Einsatz für den Willen des Komponisten!"



