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Renata Tebaldi

Von
Everett Helm
Erschienen in der Printausgabe im
September 1959
Lesezeit ca.
Minuten
Empfang für Renata Tebaldi in Zürich. Die Künstlerin, Direktor M. A. Rosengarten, der Schöpfer des klassischen Decca-Repertoires und ein schweizerischer Rundfunkreporter.
Empfang für Renata Tebaldi in Zürich. Die Künstlerin, Direktor M. A. Rosengarten, der Schöpfer des klassischen Decca-Repertoires und ein schweizerischer Rundfunkreporter.

Wer die Stimme von Renata Tebaldi in der glänzenden Wiedergabe von Puccinis Tosca (Decca LXT 2730/31) gehört hat, wird geneigt sein, dem amerikanischen Kritiker Recht zu geben, der die Tebaldi als „die größte Sopranistin der Welt" pries. So eine Stimme ist ein Wunder, das nur einige Male in einem Jahrhundert geschieht. Die Fülle des Klanges, die vollkommene Ausgeglichenheit der Stimme in allen Lagen, wobei man nie den Wechsel von der „Brust-" zur „Kopf-Lage" bemerkt; die natürliche Resonanz, die ohne Forcierung den fortissimi ihre Kraft verleiht, die aber auch bei den pianissimi den Stimmklang charakterisiert — das sind Eigenschaften einer Naturstimme von großer Seltenheit.

Insoweit ist Signora Tebaldi als Natur-Phänomen zu betrachten — noch eine in der Sonne Italiens gereifte Begabung in der Reihe von Großen, die schon einen Caruso, einen Gigli und eine Galli-Curci hervorgebracht hat.

Aber zu der Kunst der Tebaldi gehört viel mehr als eine begnadete Stimme. Ihre angeborene Musikalität hat sie so weiterentwickelt, dass ihr Stilgefühl, ihre Phrasierung und alle Dinge, die man bei jedem großen Künstler als fundamental spürt, bei ihr in hohem Maße vorhanden sind. (Man höre z. B. die Arie „Ritorna vincitor" aus Verdis „Aida": Decca LTX 2735/37.)

Und zuletzt, doch nicht zumindest, kommt der rein technische Faktor: wie die Künstlerin diese herrliche Stimme verwendet und moduliert. Auch dieses Geheimnis (denn trotz aller Methoden, Systeme, Diagramme des Kehlkopfes usw. bleibt das Singen ein Geheimnis) hat Signora Tebaldi in langjährigem Studium erforscht. Sie singt mühelos und „richtig"; sie schont ihre Stimme nicht dadurch, dass sie wenig oder wenig anstrengende Rollen singt, sondern weil sie genau weiß, wie jeder Ton erzeugt werden muss. Und diese Kenntnisse sind das Resultat harter Arbeit, die sich über viele Jahre erstreckte.

Renata Tebaldis Aufstieg zu ihrem jetzigen Ruhm stellt eine allmähliche und gesunde Entwicklung dar. Sie entstammt einer musikalischen Familie aus Pesaro an der Adria. Ihr Vater war Cellist; ihre Mutter sang sehr viel im Familienkreis. Bald bekam die junge Renata Klavierstunden; sie zeigte ein ungewöhnliches musikalisches Talent, und man überlegte, ob sie nicht ihre Karriere als Pianistin versuchen sollte. Aber Renata hatte andere Pläne. Sie sang am Konservatorium im nahegelegenen Parma vor und bekam sofort ein Stipendium für Gesang. So nahm sie mit sechzehn Jahren ihren ersten Gesangsunterricht. Es war 1938.

Mit ihrem ersten Gesangslehrer hatte Renata Tebaldi großes Glück. Während dreier Jahre arbeitete sie in Parma bei Campo Galliani, der später große Erfolge in der Mailänder Scala errang. Anschließend schickte er die junge Renata zu Carmen Melis, einer der großen Sängerinnen des „goldenen Zeitalters" und einer der besten „Toscas" des Jahrhunderts. Bis 1943 studierte Renata Tebaldi bei Carmen Melis, dann wurde sie mit ihrer Familie auf das Land evakuiert. Aber trotz des Krieges ging das Musikleben in Italien weiter, und im Mai 1944 trat Renata Tebaldi zum ersten Male vor die Rampe, und zwar als Elena in Boitos „Mefistofele".

Die Vorstellung fand in Rovigo, einem Städtchen unweit von Venedig, statt, und Renata Tebaldi hatte einen großen Erfolg, dessen Echo weit über die Grenzen der Provinz klang. Im darauffolgenden Jahr wurde sie an das Teatro Regio in Parma engagiert, wo sie bis Ende des Krieges sang.

Nun war ihr Name längst über Italien hinausgedrungen — sogar bis zu den Ohren von Arturo Toscanini. Er holte sie für das Te Deum von Verdi, mit dem die wiedererstellte Mailänder Scala 1946 eröffnet wurde. Im selben Jahr wurde sie in Triest Sensation als Desdemona in Verdis „Othello". Die Erfolge wiederholten sich in Neapel, Rom, Florenz und anderen italienischen Städten sowie in Barcelona, Edinburgh, London und in Südamerika — und nach wie vor an der Scala. 1950 trat sie zum ersten Mal in Amerika auf, und zwar in San Francisco, wo man noch heute von ihrer damaligen Aida spricht. Erst vier Jahre später konnte sie es zeitlich ermöglichen, in der New Yorker „Met" aufzutreten, wo sie wiederum einen Riesenerfolg hatte. Bei jeder Vorstellung, in der sie singt, sind die 3500 Plätze dieses Hauses ausverkauft.

Höchst erfreulich ist es, dass bei all dem Erfolg Signora Tebaldi nicht an Natürlichkeit verloren hat. Von Starallüren ist an ihr nichts zu merken. Sie bleibt ein liebenswürdiger, ungekünstelter Mensch, von dem sogar die Kollegen nur Gutes zu reden haben — und das will viel sagen.

„Die" Tebaldi (höchstes Lob, bedeutet Sonderklasse: prima c a n t a n t e assoluta) beherrscht stimmlich wie dramatisch jede Art Rolle — es sind etwa 36 in ihrem Repertoire. Ihr lyrisches „Dove sono" aus Mozarts „Figaro", oder ihr zärtliches und dennoch herzzerreißendes „Mia madre aveva una povera ancella" aus Verdis „Othello" sind das Gegenstück zu ihrem einmaligen zweiten Akt von „Tosca", wobei es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Und trotz all dieser Stilunterschiede bleibt ihr Vortrag „klassisch", d. h. die lange architektonische Linie — der große musikalische Bogen — ist immer vorhanden.

Die dramatische Intensität ihrer Tosca liegt zum großen Teil in der Stimme selber, mehr als an der schauspielerischen Leistung. Wie schlicht und ergreifend singt sie „Vissi d'arte"; aber mit welcher unheimlichen Spannung schickt sie den ermordeten Scarpia zu seiner Verdammnis in die Nachwelt. Gerade weil ihre Stimme so darstellungsfähig ist, vermisst man beim Zuhören ihrer Aufnahmen kaum die Bühne. Keine Gesten und Grimassen, keine Beleuchtung und keine Regie könnten die erschreckende, giftige Wut in der Arie, in der Santuzza Turiddu anklagt, „A te la mala Pasqua" aus Mascagnis „Cavalleria Rusticana" (RCA LM-6059), steigern.

Weil Signora Tebaldi eine so schlichte und im besten Sinne des Wortes einfädle Persönlichkeit ist, überträgt sich diese Einfachheit in Form von Natürlichkeit auf alles, was sie singt. Ihre Kunst zeigt die gleiche Selbstverständlichkeit, die eine Sonate von Mozart oder ein Gemälde von Veronese kennzeichnet: Form, Proportion, Schönheit und Persönlichkeit, die nie gewollt, nie erzwungen, sondern immer echt und ursprünglich wirken. Es ist das Glück unseres technischen Zeitalters, dass diese einmalige Stimme für die Zukunft auf Band und Schallplatte festgehalten ist.

Wer die Stimme von Renata Tebaldi in der glänzenden Wiedergabe von Puccinis Tosca (Decca LXT 2730/31) gehört hat, wird geneigt sein, dem amerikanischen Kritiker Recht zu geben, der die Tebaldi als „die größte Sopranistin der Welt" pries. So eine Stimme ist ein Wunder, das nur einige Male in einem Jahrhundert geschieht. Die Fülle des Klanges, die vollkommene Ausgeglichenheit der Stimme in allen Lagen, wobei man nie den Wechsel von der „Brust-" zur „Kopf-Lage" bemerkt; die natürliche Resonanz, die ohne Forcierung den fortissimi ihre Kraft verleiht, die aber auch bei den pianissimi den Stimmklang charakterisiert — das sind Eigenschaften einer Naturstimme von großer Seltenheit.

Insoweit ist Signora Tebaldi als Natur-Phänomen zu betrachten — noch eine in der Sonne Italiens gereifte Begabung in der Reihe von Großen, die schon einen Caruso, einen Gigli und eine Galli-Curci hervorgebracht hat.

Aber zu der Kunst der Tebaldi gehört viel mehr als eine begnadete Stimme. Ihre angeborene Musikalität hat sie so weiterentwickelt, dass ihr Stilgefühl, ihre Phrasierung und alle Dinge, die man bei jedem großen Künstler als fundamental spürt, bei ihr in hohem Maße vorhanden sind. (Man höre z. B. die Arie „Ritorna vincitor" aus Verdis „Aida": Decca LTX 2735/37.)

Und zuletzt, doch nicht zumindest, kommt der rein technische Faktor: wie die Künstlerin diese herrliche Stimme verwendet und moduliert. Auch dieses Geheimnis (denn trotz aller Methoden, Systeme, Diagramme des Kehlkopfes usw. bleibt das Singen ein Geheimnis) hat Signora Tebaldi in langjährigem Studium erforscht. Sie singt mühelos und „richtig"; sie schont ihre Stimme nicht dadurch, dass sie wenig oder wenig anstrengende Rollen singt, sondern weil sie genau weiß, wie jeder Ton erzeugt werden muss. Und diese Kenntnisse sind das Resultat harter Arbeit, die sich über viele Jahre erstreckte.

Renata Tebaldis Aufstieg zu ihrem jetzigen Ruhm stellt eine allmähliche und gesunde Entwicklung dar. Sie entstammt einer musikalischen Familie aus Pesaro an der Adria. Ihr Vater war Cellist; ihre Mutter sang sehr viel im Familienkreis. Bald bekam die junge Renata Klavierstunden; sie zeigte ein ungewöhnliches musikalisches Talent, und man überlegte, ob sie nicht ihre Karriere als Pianistin versuchen sollte. Aber Renata hatte andere Pläne. Sie sang am Konservatorium im nahegelegenen Parma vor und bekam sofort ein Stipendium für Gesang. So nahm sie mit sechzehn Jahren ihren ersten Gesangsunterricht. Es war 1938.

Mit ihrem ersten Gesangslehrer hatte Renata Tebaldi großes Glück. Während dreier Jahre arbeitete sie in Parma bei Campo Galliani, der später große Erfolge in der Mailänder Scala errang. Anschließend schickte er die junge Renata zu Carmen Melis, einer der großen Sängerinnen des „goldenen Zeitalters" und einer der besten „Toscas" des Jahrhunderts. Bis 1943 studierte Renata Tebaldi bei Carmen Melis, dann wurde sie mit ihrer Familie auf das Land evakuiert. Aber trotz des Krieges ging das Musikleben in Italien weiter, und im Mai 1944 trat Renata Tebaldi zum ersten Male vor die Rampe, und zwar als Elena in Boitos „Mefistofele".

Die Vorstellung fand in Rovigo, einem Städtchen unweit von Venedig, statt, und Renata Tebaldi hatte einen großen Erfolg, dessen Echo weit über die Grenzen der Provinz klang. Im darauffolgenden Jahr wurde sie an das Teatro Regio in Parma engagiert, wo sie bis Ende des Krieges sang.

Nun war ihr Name längst über Italien hinausgedrungen — sogar bis zu den Ohren von Arturo Toscanini. Er holte sie für das Te Deum von Verdi, mit dem die wiedererstellte Mailänder Scala 1946 eröffnet wurde. Im selben Jahr wurde sie in Triest Sensation als Desdemona in Verdis „Othello". Die Erfolge wiederholten sich in Neapel, Rom, Florenz und anderen italienischen Städten sowie in Barcelona, Edinburgh, London und in Südamerika — und nach wie vor an der Scala. 1950 trat sie zum ersten Mal in Amerika auf, und zwar in San Francisco, wo man noch heute von ihrer damaligen Aida spricht. Erst vier Jahre später konnte sie es zeitlich ermöglichen, in der New Yorker „Met" aufzutreten, wo sie wiederum einen Riesenerfolg hatte. Bei jeder Vorstellung, in der sie singt, sind die 3500 Plätze dieses Hauses ausverkauft.

Höchst erfreulich ist es, dass bei all dem Erfolg Signora Tebaldi nicht an Natürlichkeit verloren hat. Von Starallüren ist an ihr nichts zu merken. Sie bleibt ein liebenswürdiger, ungekünstelter Mensch, von dem sogar die Kollegen nur Gutes zu reden haben — und das will viel sagen.

„Die" Tebaldi (höchstes Lob, bedeutet Sonderklasse: prima c a n t a n t e assoluta) beherrscht stimmlich wie dramatisch jede Art Rolle — es sind etwa 36 in ihrem Repertoire. Ihr lyrisches „Dove sono" aus Mozarts „Figaro", oder ihr zärtliches und dennoch herzzerreißendes „Mia madre aveva una povera ancella" aus Verdis „Othello" sind das Gegenstück zu ihrem einmaligen zweiten Akt von „Tosca", wobei es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Und trotz all dieser Stilunterschiede bleibt ihr Vortrag „klassisch", d. h. die lange architektonische Linie — der große musikalische Bogen — ist immer vorhanden.

Die dramatische Intensität ihrer Tosca liegt zum großen Teil in der Stimme selber, mehr als an der schauspielerischen Leistung. Wie schlicht und ergreifend singt sie „Vissi d'arte"; aber mit welcher unheimlichen Spannung schickt sie den ermordeten Scarpia zu seiner Verdammnis in die Nachwelt. Gerade weil ihre Stimme so darstellungsfähig ist, vermisst man beim Zuhören ihrer Aufnahmen kaum die Bühne. Keine Gesten und Grimassen, keine Beleuchtung und keine Regie könnten die erschreckende, giftige Wut in der Arie, in der Santuzza Turiddu anklagt, „A te la mala Pasqua" aus Mascagnis „Cavalleria Rusticana" (RCA LM-6059), steigern.

Weil Signora Tebaldi eine so schlichte und im besten Sinne des Wortes einfädle Persönlichkeit ist, überträgt sich diese Einfachheit in Form von Natürlichkeit auf alles, was sie singt. Ihre Kunst zeigt die gleiche Selbstverständlichkeit, die eine Sonate von Mozart oder ein Gemälde von Veronese kennzeichnet: Form, Proportion, Schönheit und Persönlichkeit, die nie gewollt, nie erzwungen, sondern immer echt und ursprünglich wirken. Es ist das Glück unseres technischen Zeitalters, dass diese einmalige Stimme für die Zukunft auf Band und Schallplatte festgehalten ist.