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Eugene Ormandy

Von
Joachim Herrmann
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 1959
Lesezeit ca.
Minuten

Eugene Ormandy, der bedeutende Chefdirigent des Philadelphia-Orchesters, der auch als ein ständiger, gefeierter Gast vor europäischen Orchestern erscheint, gehört zu dem Typ des modernen Orchesterleiters, der auf das traditionelle Instrument seines Amtes, auf den Taktstock, verzichtet. Die stäbchenschwingenden Kollegen belächeln dies vielfach als eine äußerliche affektierte Geste ohne eigentliche musikalische und künstlerische Notwendigkeit. Dieser Verdacht ist bei Ormandy unzutreffend. Im Gegenteil, sein Verzicht auf den hölzernen Zeichengeber ist notwendiger Ausdruck eines höchstpersönlichen, individuellen Gestaltungsvermögens und Stils. Ja man hat bei Ormandy sogar den Eindruck, der Taktstock möchte für seine gedrungen schwingenden Hand- und Armbewegungen ein hinderlicher und daher höchst überflüssiger Gegenstand sein. Denn in seinem ursprünglichen Zweck war er ja nur der optischrhythmische Regulator, eben ein mechanischer Zeichengeber. Dirigieren bedeutet aber heute mehr. Gerade an den taktstocklosen Dirigenten wird dies deutlich. Aus dem Kapellmeister ist mehr und mehr ein musikalischer Regisseur geworden, der sich nicht allein mit einem korrekten, sauberen Spielablauf begnügt, der vielmehr als echter Spielleiter das innere Spannungsgefüge in der Vielfalt des dramatischen Klanggeschehens aufleuchten lässt. Und gerade Eugene Ormandy möchte man als genialen Typ eines mächtigen Klangregisseurs bezeichnen, unter dessen kraftvoll formenden Händen die Musik eine unmittelbare plastische Gestaltung erfährt. Mit titanischer Unerbittlichkeit und Besessenheit meißelt er wie ein Bildhauer die klingenden Konturen des Musikwerkes heraus. Besonders spürbar wird seine Gestaltungsweise an Werken, denen man sich meist mit spirituell-asketischer Gesinnung und puritanischem Ernst zu nähern pflegt, wie z. B. der „Mathis-Symphonie" von Paul Hindemith. Entsprechend ihren Vorbildern werden sie unter Ormandy zu wahren Klanggemälden von beinahe optischer Eindringlichkeit. Die kunstvolle Polyphonie Hindemiths leuchtet in satt-glühenden Farben auf, ihre Linien scheinen wie mit dem Pinsel gezogen und offenbaren erst im bewegten Klang die volle sinnliche Schönheit. Wer einmal dieses Werk im Konzertsaal unter Ormandy gehört hat, wird es niemals anders vernehmen wollen. Die Musik der Neuromantik, des Im- und Expressionismus musste daher eine ihm besonders wesenseigene Domäne werden, sein musikalischer Herrschaftsbereich, den er bis in die kleinste Motivfloskel hinein blutvoll-energisch durchpulst. Die Auffassung von der Musik als bewegtem Klang erfährt durch seinen weiten, souveränen Atem die überzeugende Bestätigung. Wie der bildende Künstler die Stein- oder Knetmasse, verwendet Ormandy den Klang als plastisches Material, in das er alle dynamischen Unterschiede und Schattierungen so hineinmodelliert, dass sie zu gespannten Modulationen werden. Dieses Verfahren steigert dann z. B. den „Don Juan" von Richard Strauss zu einer gewaltigen, dramatischen Klangorgie und die Virtuosität von Ravels „La Valse" zu der dämonischen Raserei eines beklemmend-drohenden Totentanzes. Solche gewaltigen Steigerungen und weiten dynamischen Bogen sind nicht allein mit einer perfekten manuellen Technik zu erzielen, denn das ist das weiter Bemerkenswerte an der starken Potenz von Ormandy, auch dem Weniger-Bedeutenden ein wirkungsvolles, fesselndes Ansehen zu geben. Er besitzt einen geheimnisvollen Spürsinn für Klangqualitäten und Klangformen, für den es kaum eine Erklärung geben dürfte, höchstens einen Anhaltspunkt, den man auch bei anderen Dirigenten des gleichen Typus beobachten kann, ohne dass er dabei schon als entscheidendes Beweismittel gelten könnte:

Ormandys Entwicklung ging von der Geige aus. Bereits mit vier Jahren hatte er mit dem Violinspiel begonnen. Hermann Scherchen, der unbeirrbare Pionier der neuen Musik und überzeugende Gestalter schwierigster Klangprobleme, war ebenfalls erst als Geiger tätig. Und auch der großartige Nachwuchsdirigent Lorin Maazel ist ein hochbegabter Geiger, der im gleichen Konzert als Dirigent und Solist tätig sein kann. Die stets wache Aufmerksamkeit des Geigers auf Klangqualität und eine elastisch-plastische Linienführung mögen die sinnlichen Empfindungsdispositionen doch wohl besonders wecken und fördern. Sicherlich darf man einen Einfluss des Instrumentes auf die Ausprägung der besonderen Fähigkeiten dieser drei stark profilierten Dirigenten annehmen.

Ormandy ist Ungar. Er wurde im Jahre 1899 in der musikgetränkten Stadt Budapest geboren. Mit fünfeinhalb Jahren war er bereits Schüler der Staatsakademie für Musik in seiner Vaterstadt. Hier studierte er vor allem bei dem berühmten Geiger Jenoe Hubay, dessen Spiel durch einen auffallend vollsatten blühenden Ton ausgezeichnet war. Mit sechzehn Jahren bestand er die Abschlussprüfung, mit achtzehn erhielt er das Staatsdiplom als Geiger und wurde schließlich mit neunzehn Jahren selbst Lehrer an der Akademie. Der Erfolg einer ausgedehnten Konzertreise durch Europa kurz nach dem ersten Weltkrieg lockte ihn im Jahre 1920 nach Amerika. Doch die Versprechungen des geschäftstüchtigen Managers erwiesen sich als Täuschungen. Ormandy war gezwungen, die Konzertmeisterstelle in einem kleinen Theater in New York anzunehmen. Vielleicht war die Enttäuschung über den Misserfolg der geigerischen Laufbahn der eigentliche Grund, dass er hier im Jahre 1924 vom Geigenpult zum Kapellmeisterpult hinüberwechselte. Nach Jahren emsiger Arbeit des Hineinwachsens in das neue Amt des Kapellmeisters erschien er bald als Gastdirigent bei größeren und bedeutenderen Orchestern. Und dann im Jahre 1931 schlug für Ormandy die glückliche Schicksalsstunde für seine große, weitgeschwungene internationale Laufbahn. Toscanini hatte kurzfristig ein Konzert mit dem Philadelphia Symphonie Orchester abgesagt. Ormandy sprang für ihn ein und stand von diesem Augenblick an im Mittelpunkt der musikalischen Öffentlichkeit. 1936 wurde er zusammen mit Leopold Stokowski dann an das Philadelphia-Orchester berufen, an dessen Spitze er allein seit 193S steht, als „Erster Mann des ersten Orchesters", wie man in Amerika sagt. Und heute gilt Ormandy als der Dirigent, der den großen Ruf und den hohen Ruhm dieses Orchesters begründet hat. Der Klangcharakter, die besondere Klangfarbe dieses großartigen Instrumentalkörpers werden als sein Verdienst gerühmt. Selbstverständlich ist Ormandy als Gastdirigent in den Konzertsälen der ganzen Welt bekannt. Sein künstlerischer Ruf brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein. Verschiedene amerikanische Universitäten zeichneten ihn m\t dem Ehrendoktor aus, die Bruckner-Gesellschaft verlieh ihm ihre Ehrenmedaille, die Dominikanische Republik schlug ihn zum Ritter. Dass seine Schallplattenaufnahmen vor allem mit seinem Philadelphia- Orchester eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, bedarf dann wohl keiner ausdrücklich empfehlenden Erklärung.

Eugene Ormandy, der bedeutende Chefdirigent des Philadelphia-Orchesters, der auch als ein ständiger, gefeierter Gast vor europäischen Orchestern erscheint, gehört zu dem Typ des modernen Orchesterleiters, der auf das traditionelle Instrument seines Amtes, auf den Taktstock, verzichtet. Die stäbchenschwingenden Kollegen belächeln dies vielfach als eine äußerliche affektierte Geste ohne eigentliche musikalische und künstlerische Notwendigkeit. Dieser Verdacht ist bei Ormandy unzutreffend. Im Gegenteil, sein Verzicht auf den hölzernen Zeichengeber ist notwendiger Ausdruck eines höchstpersönlichen, individuellen Gestaltungsvermögens und Stils. Ja man hat bei Ormandy sogar den Eindruck, der Taktstock möchte für seine gedrungen schwingenden Hand- und Armbewegungen ein hinderlicher und daher höchst überflüssiger Gegenstand sein. Denn in seinem ursprünglichen Zweck war er ja nur der optischrhythmische Regulator, eben ein mechanischer Zeichengeber. Dirigieren bedeutet aber heute mehr. Gerade an den taktstocklosen Dirigenten wird dies deutlich. Aus dem Kapellmeister ist mehr und mehr ein musikalischer Regisseur geworden, der sich nicht allein mit einem korrekten, sauberen Spielablauf begnügt, der vielmehr als echter Spielleiter das innere Spannungsgefüge in der Vielfalt des dramatischen Klanggeschehens aufleuchten lässt. Und gerade Eugene Ormandy möchte man als genialen Typ eines mächtigen Klangregisseurs bezeichnen, unter dessen kraftvoll formenden Händen die Musik eine unmittelbare plastische Gestaltung erfährt. Mit titanischer Unerbittlichkeit und Besessenheit meißelt er wie ein Bildhauer die klingenden Konturen des Musikwerkes heraus. Besonders spürbar wird seine Gestaltungsweise an Werken, denen man sich meist mit spirituell-asketischer Gesinnung und puritanischem Ernst zu nähern pflegt, wie z. B. der „Mathis-Symphonie" von Paul Hindemith. Entsprechend ihren Vorbildern werden sie unter Ormandy zu wahren Klanggemälden von beinahe optischer Eindringlichkeit. Die kunstvolle Polyphonie Hindemiths leuchtet in satt-glühenden Farben auf, ihre Linien scheinen wie mit dem Pinsel gezogen und offenbaren erst im bewegten Klang die volle sinnliche Schönheit. Wer einmal dieses Werk im Konzertsaal unter Ormandy gehört hat, wird es niemals anders vernehmen wollen. Die Musik der Neuromantik, des Im- und Expressionismus musste daher eine ihm besonders wesenseigene Domäne werden, sein musikalischer Herrschaftsbereich, den er bis in die kleinste Motivfloskel hinein blutvoll-energisch durchpulst. Die Auffassung von der Musik als bewegtem Klang erfährt durch seinen weiten, souveränen Atem die überzeugende Bestätigung. Wie der bildende Künstler die Stein- oder Knetmasse, verwendet Ormandy den Klang als plastisches Material, in das er alle dynamischen Unterschiede und Schattierungen so hineinmodelliert, dass sie zu gespannten Modulationen werden. Dieses Verfahren steigert dann z. B. den „Don Juan" von Richard Strauss zu einer gewaltigen, dramatischen Klangorgie und die Virtuosität von Ravels „La Valse" zu der dämonischen Raserei eines beklemmend-drohenden Totentanzes. Solche gewaltigen Steigerungen und weiten dynamischen Bogen sind nicht allein mit einer perfekten manuellen Technik zu erzielen, denn das ist das weiter Bemerkenswerte an der starken Potenz von Ormandy, auch dem Weniger-Bedeutenden ein wirkungsvolles, fesselndes Ansehen zu geben. Er besitzt einen geheimnisvollen Spürsinn für Klangqualitäten und Klangformen, für den es kaum eine Erklärung geben dürfte, höchstens einen Anhaltspunkt, den man auch bei anderen Dirigenten des gleichen Typus beobachten kann, ohne dass er dabei schon als entscheidendes Beweismittel gelten könnte:

Ormandys Entwicklung ging von der Geige aus. Bereits mit vier Jahren hatte er mit dem Violinspiel begonnen. Hermann Scherchen, der unbeirrbare Pionier der neuen Musik und überzeugende Gestalter schwierigster Klangprobleme, war ebenfalls erst als Geiger tätig. Und auch der großartige Nachwuchsdirigent Lorin Maazel ist ein hochbegabter Geiger, der im gleichen Konzert als Dirigent und Solist tätig sein kann. Die stets wache Aufmerksamkeit des Geigers auf Klangqualität und eine elastisch-plastische Linienführung mögen die sinnlichen Empfindungsdispositionen doch wohl besonders wecken und fördern. Sicherlich darf man einen Einfluss des Instrumentes auf die Ausprägung der besonderen Fähigkeiten dieser drei stark profilierten Dirigenten annehmen.

Ormandy ist Ungar. Er wurde im Jahre 1899 in der musikgetränkten Stadt Budapest geboren. Mit fünfeinhalb Jahren war er bereits Schüler der Staatsakademie für Musik in seiner Vaterstadt. Hier studierte er vor allem bei dem berühmten Geiger Jenoe Hubay, dessen Spiel durch einen auffallend vollsatten blühenden Ton ausgezeichnet war. Mit sechzehn Jahren bestand er die Abschlussprüfung, mit achtzehn erhielt er das Staatsdiplom als Geiger und wurde schließlich mit neunzehn Jahren selbst Lehrer an der Akademie. Der Erfolg einer ausgedehnten Konzertreise durch Europa kurz nach dem ersten Weltkrieg lockte ihn im Jahre 1920 nach Amerika. Doch die Versprechungen des geschäftstüchtigen Managers erwiesen sich als Täuschungen. Ormandy war gezwungen, die Konzertmeisterstelle in einem kleinen Theater in New York anzunehmen. Vielleicht war die Enttäuschung über den Misserfolg der geigerischen Laufbahn der eigentliche Grund, dass er hier im Jahre 1924 vom Geigenpult zum Kapellmeisterpult hinüberwechselte. Nach Jahren emsiger Arbeit des Hineinwachsens in das neue Amt des Kapellmeisters erschien er bald als Gastdirigent bei größeren und bedeutenderen Orchestern. Und dann im Jahre 1931 schlug für Ormandy die glückliche Schicksalsstunde für seine große, weitgeschwungene internationale Laufbahn. Toscanini hatte kurzfristig ein Konzert mit dem Philadelphia Symphonie Orchester abgesagt. Ormandy sprang für ihn ein und stand von diesem Augenblick an im Mittelpunkt der musikalischen Öffentlichkeit. 1936 wurde er zusammen mit Leopold Stokowski dann an das Philadelphia-Orchester berufen, an dessen Spitze er allein seit 193S steht, als „Erster Mann des ersten Orchesters", wie man in Amerika sagt. Und heute gilt Ormandy als der Dirigent, der den großen Ruf und den hohen Ruhm dieses Orchesters begründet hat. Der Klangcharakter, die besondere Klangfarbe dieses großartigen Instrumentalkörpers werden als sein Verdienst gerühmt. Selbstverständlich ist Ormandy als Gastdirigent in den Konzertsälen der ganzen Welt bekannt. Sein künstlerischer Ruf brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein. Verschiedene amerikanische Universitäten zeichneten ihn m\t dem Ehrendoktor aus, die Bruckner-Gesellschaft verlieh ihm ihre Ehrenmedaille, die Dominikanische Republik schlug ihn zum Ritter. Dass seine Schallplattenaufnahmen vor allem mit seinem Philadelphia- Orchester eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, bedarf dann wohl keiner ausdrücklich empfehlenden Erklärung.