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Leonard Bernstein

Von
Horst Koegler
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1960
Lesezeit ca.
Minuten
Mit einem Erfolg, der die großen Erwartungen übertraf, beendete Leonard Bernstein seine Europagastspiele. Die Konzertbesucher bestaunten einen Meister am Dirigentenpult von magischer Vitalität, aus einem Guss.
Mit einem Erfolg, der die großen Erwartungen übertraf, beendete Leonard Bernstein seine Europagastspiele. Die Konzertbesucher bestaunten einen Meister am Dirigentenpult von magischer Vitalität, aus einem Guss.

Wenn ein Philharmonie-Chef ein Musical komponiert, das zum größten Broadway-Erfolg der Gegenwart wird, dann darf man das getrost eine Sensation nennen.

Sprechen wir von Leonard Bernstein, dem 41 Jahre jungen Mann aus Massachusetts, der von sich selber sagt: „Musik ist Musik, und ehe ich mich zur Ruhe setze, will ich alles versucht haben!"

Nun, dieser musikalische Draufgänger aus der amerikanischen „Beat-Generation" hat vielerlei versucht. Die Acht-Millionenstadt am Hudson verehrt ihn wie einen Baseball-Star. Die „Langhaarigen" und. die „Kurzhaarigen", die Klassikfreunde und die Jazzfans, die Gesellschaftsdamen der „Siebten" und die Jungen aus Greenwich-Town nennen ihn burschikos „Lennie". Das klingt, als wollten sie sagen: Dieser Philharmonie-Chef ist einer von uns! Ihm steht der Frack genauso gut wie das Buschhemd.

Es gibt heute wohl kaum einen Musiker, der eine größere Spannweite mit Erfolg demonstriert, als Lennie Bernstein.

Er schrieb Schlager, die wegen ihrer provokanten Texte und ihrer ausgepichten Melodien auffielen: „Ich hasse Musik", „Rag der falschen Noten", „Großartig, dass es mich gibt!"

Er komponierte die harte Filmmusik zu Marion Brandos „Faust im Nacken".

Er überraschte New York mit dem Musical „West Side Story", das in einem erfolgreichen Marathonlauf am Broadway und in London sich ebenbürtig neben „My fair Lady" behauptete.

Er komponierte zwei Sinfonien, eine Serenade für Violine, Streichorchester und Schlagzeug, eine Kurzoper, mehrere Ballette und musikalische Komödien.

Der Künstler mit seiner Gattin auf dem Flugplatz, der ihn so häufig sieht wie der Konzertsaal.

Er hält Fernsehvorträge mit Orchester-Demonstrationen vor 45 Millionen Zuschauern (from coast to coast) über Bach und Jazz, Kontrapunkt und Oper. Er machte die klassische Musik telegen.

Nach dem Urteil von Fachleuten wäre er einer der größten Klavier-Virtuosen geworden, wenn er sich ausschließlich auf das Klavierspiel konzentriert hätte. Bei Klavierkonzerten beweist er gelegentlich sein eminentes Können; er lenkt vom Flügel aus das Orchester.

Als neuer Chef der 116 Jahre alten New Yorker Philharmonie verlieh er diesem Klangkörper, der seit Toscaninis und Bruno Walters Abgang etwas im Schatten der Philharmonien von Boston und Philadelphia stand, wieder seine Erstrangigkeit.

Fügen wir diesem fast unmenschlichen Pensum noch hinzu, dass Leonard Bernstein gelegentlich Sonette schreibt, sechs Sprachen beherrscht (deutsch, französisch, italienisch, spanisch, hebräisch und lateinisch) und als Musikpädagoge an der Brandeis-Universität fast so etwas wie eine nationale Einrichtung wurde.

Sein Terminkalender ist stets randvoll gefüllt. Gegen 3 Uhr morgens pflegt er ins Bett zu wanken, um sich von Proben, Aufführungen, Interviews, Konferenzen oder vom Kaviar der Künstlerempfänge mit fünf Stunden Schlaf zu erholen.

Dennoch: Hinter vielen Äußerlichkeiten, die an den Lebensbetrieb eines geschäftigen Stars erinnern, verbirgt sich ein ernsthafter Künstler, ein starker Charakter.

Über allem steht das echte Können. Leonard Bernstein ist nach ausländischen Koryphäen wie Gustav Mahler, Willem Mengelberg, Arturo Toscanini, John Barbirolli und Dimitri Mitropoulos

der erste „waschechte Amerikaner" am Pult der New Yorker Philharmoniker. Er ist eigentlich der erste in den Vereinigten Staaten geborene Dirigent, der internationale Bedeutung errang.

Wie soll die Story dieses außergewöhnlichen Mannes, der sich wie ein verspäteter Renaissance-Mensch durch das Atomzeitalter bewegt, nun weitergehen? Wird er es schaffen, die schöne und reiche Welt der Musik weiterhin mit schöpferischer Kühnheit zu durchmessen und dabei jene ausgereifte Substanz bewahren, die er heute etwa mit seinen Beethoven-Interpretationen beweist?

Ein Freund des „Wunderkindes" sagte: „Oft sitzen wir nachts beieinander, trinken irgendetwas Dampfendes und sprechen darüber, wie es wohl sein wird, wenn man erst mal richtig erwachsen ist."

Wenn ein Philharmonie-Chef ein Musical komponiert, das zum größten Broadway-Erfolg der Gegenwart wird, dann darf man das getrost eine Sensation nennen.

Sprechen wir von Leonard Bernstein, dem 41 Jahre jungen Mann aus Massachusetts, der von sich selber sagt: „Musik ist Musik, und ehe ich mich zur Ruhe setze, will ich alles versucht haben!"

Nun, dieser musikalische Draufgänger aus der amerikanischen „Beat-Generation" hat vielerlei versucht. Die Acht-Millionenstadt am Hudson verehrt ihn wie einen Baseball-Star. Die „Langhaarigen" und. die „Kurzhaarigen", die Klassikfreunde und die Jazzfans, die Gesellschaftsdamen der „Siebten" und die Jungen aus Greenwich-Town nennen ihn burschikos „Lennie". Das klingt, als wollten sie sagen: Dieser Philharmonie-Chef ist einer von uns! Ihm steht der Frack genauso gut wie das Buschhemd.

Es gibt heute wohl kaum einen Musiker, der eine größere Spannweite mit Erfolg demonstriert, als Lennie Bernstein.

Er schrieb Schlager, die wegen ihrer provokanten Texte und ihrer ausgepichten Melodien auffielen: „Ich hasse Musik", „Rag der falschen Noten", „Großartig, dass es mich gibt!"

Er komponierte die harte Filmmusik zu Marion Brandos „Faust im Nacken".

Er überraschte New York mit dem Musical „West Side Story", das in einem erfolgreichen Marathonlauf am Broadway und in London sich ebenbürtig neben „My fair Lady" behauptete.

Er komponierte zwei Sinfonien, eine Serenade für Violine, Streichorchester und Schlagzeug, eine Kurzoper, mehrere Ballette und musikalische Komödien.

Der Künstler mit seiner Gattin auf dem Flugplatz, der ihn so häufig sieht wie der Konzertsaal.

Er hält Fernsehvorträge mit Orchester-Demonstrationen vor 45 Millionen Zuschauern (from coast to coast) über Bach und Jazz, Kontrapunkt und Oper. Er machte die klassische Musik telegen.

Nach dem Urteil von Fachleuten wäre er einer der größten Klavier-Virtuosen geworden, wenn er sich ausschließlich auf das Klavierspiel konzentriert hätte. Bei Klavierkonzerten beweist er gelegentlich sein eminentes Können; er lenkt vom Flügel aus das Orchester.

Als neuer Chef der 116 Jahre alten New Yorker Philharmonie verlieh er diesem Klangkörper, der seit Toscaninis und Bruno Walters Abgang etwas im Schatten der Philharmonien von Boston und Philadelphia stand, wieder seine Erstrangigkeit.

Fügen wir diesem fast unmenschlichen Pensum noch hinzu, dass Leonard Bernstein gelegentlich Sonette schreibt, sechs Sprachen beherrscht (deutsch, französisch, italienisch, spanisch, hebräisch und lateinisch) und als Musikpädagoge an der Brandeis-Universität fast so etwas wie eine nationale Einrichtung wurde.

Sein Terminkalender ist stets randvoll gefüllt. Gegen 3 Uhr morgens pflegt er ins Bett zu wanken, um sich von Proben, Aufführungen, Interviews, Konferenzen oder vom Kaviar der Künstlerempfänge mit fünf Stunden Schlaf zu erholen.

Dennoch: Hinter vielen Äußerlichkeiten, die an den Lebensbetrieb eines geschäftigen Stars erinnern, verbirgt sich ein ernsthafter Künstler, ein starker Charakter.

Über allem steht das echte Können. Leonard Bernstein ist nach ausländischen Koryphäen wie Gustav Mahler, Willem Mengelberg, Arturo Toscanini, John Barbirolli und Dimitri Mitropoulos

der erste „waschechte Amerikaner" am Pult der New Yorker Philharmoniker. Er ist eigentlich der erste in den Vereinigten Staaten geborene Dirigent, der internationale Bedeutung errang.

Wie soll die Story dieses außergewöhnlichen Mannes, der sich wie ein verspäteter Renaissance-Mensch durch das Atomzeitalter bewegt, nun weitergehen? Wird er es schaffen, die schöne und reiche Welt der Musik weiterhin mit schöpferischer Kühnheit zu durchmessen und dabei jene ausgereifte Substanz bewahren, die er heute etwa mit seinen Beethoven-Interpretationen beweist?

Ein Freund des „Wunderkindes" sagte: „Oft sitzen wir nachts beieinander, trinken irgendetwas Dampfendes und sprechen darüber, wie es wohl sein wird, wenn man erst mal richtig erwachsen ist."