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Dean Dixon

Von
Horst Koegler
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Können Beliebtheit bei Orchestermusikern, Publikum und Presse ein Grund dafür sein, einen Dirigenten nicht wiederzuengagieren? Ich will es nicht glauben, aber Dean Dixon zählt mit strahlender Miene die Beispiele auf, denn er hat die Erfahrung nicht nur einmal, sondern wiederholt gemacht. Da sind die Chefdirigenten, die konkurrenz-allergisch sind, da sind die Generalintendanten, die aus diktatorischen Gelüsten keinen Chefdirigenten neben sich haben wollen. Es ist ja auch nicht ohne Pikanterie, wenn die Musiker Petitionen unterschreiben, in denen sie das Engagement eines bestimmten Dirigenten fordern. Wo immer das geschieht (und es geschieht durchaus nicht nur im Ausland, wie ich in meiner Naivität zuerst annahm), weiß Mr. Dixon, dass er das betreffende Orchester wahrscheinlich zum letzten Mal dirigiert hat. Aber er lacht darüber, und er kann es tun, weil es ihm nicht auf die Zuneigung der Chefs, sondern auf das menschlich-warme Sympathiegefühl ankommt, das ihm noch alle Musiker, mit denen er zusammen musiziert hat, entgegengebracht haben. Und diese Einstellung hat sich auf die Dauer bewährt.

Sie hat ihm auch den Weg durch die europäischen Konzertsäle geebnet — nicht die Bemühungen irgendwelcher Manager, auch nicht die Publicitywoge seiner guten Kritiken. Es waren die Musiker, die seinen Ruhm gemacht haben. Es begann damit, dass er Anfang der fünfziger Jahre in Paris ein Konzert der Radiodiffusion française dirigierte. Und da die Pariser Orchester wohl verschiedene Namen, aber meistens die gleichen Musiker haben, schlössen sich sehr bald weitere Konzerte an: mit dem Pasdeloup-, dem Lamoureux- und dem Conservatoire-Orchester. Die Musiker waren zu den Orchesterdirektionen gegangen und hatten gesagt: also den Monsieur Dixon, den müsst ihr unbedingt einmal engagieren! Und auf Paris folgten andere Städte in Frankreich, folgten Skandinavien und Deutschland, Österreich, England und Italien, und von den Ländern des Ostblocks die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen. Es war der Beginn einer Karriere, die ihn heute durchschnittlich 340 Tage im Jahr unterwegs sein lässt.

„Und was ist mit Amerika? Sie sind doch Amerikaner?"

„Sagen wir, dass ich einen amerikanischen Pass besitze," entgegnet er mir — und dabei lacht er nun gar nicht mehr.

Mit einiger Mühe hole ich aus ihm heraus: er ist in New-York-City — von sehr englisch-nationalitätsbewußten Eltern — geboren, hat die üblichen Schulen durchlaufen, war an der Columbia-Universität immatrikuliert (wo er sich zwei Jahre mit seiner Doktorarbeit über moderne Beethoven-Instrumentationen beschäftigte, um sie kurz vor ihrem Abschluss hinzuwerfen, weil er zu der Überzeugung gelangt war, dass es nach- gerade ein Frevel sei, auch nur eine Note in Beethovens Manuskripten zu ändern), hat auch an der Juillard School studiert (in dessen Orchester er an jedem Instrumentenpult gesessen hat), und dann . . .

„Und dann . . .?"

„Na ja, die großen Orchester haben mich halt alle einmal engagiert, das Boston-, das Philadelphia-Orchester und die anderen, der Erfolg bei Musikern, Publikum und Presse war einhellig — aber man hatte ja nun seinen Beitrag zur Überwindung der Rassenschranken geliefert. Mehr wäre von Übel gewesen."

Und seine Frau spricht von den außerordentlich harten Jahren, die er damals in Amerika durchgemacht hat.

„Aber das liegt ja nun glücklich hinter Ihnen, denn hier in Europa haben Sie Ihrer Hautfarbe wegen doch sicher nicht gegen derartige Vorurteile anzukämpfen?"

„Sagen Sie das nicht zu laut! Sie sind hier natürlich nicht so verbreitet. Aber es gibt sie auch hier. Sie sind allerdings subtiler. Ich könnte Ihnen von einem kürzlichen Gastspiel in Mannheim erzählen, wo es ein paar Abonnenten so impertinent fanden, einen Neger Brahms Dritte dirigieren sehen zu müssen, dass sie es vorzogen, dem Konzert fernzubleiben." Das musste ihn besonders kränken, weil er gerade zu Brahms ein intensives persönliches Verhältnis hat. Zu Brahms und zu Beethoven — und überhaupt zur deutschen Musik. Im übrigen: „Mein Spezialgebiet ist die Musik vom Ende des 17. Jahrhunderts bis etwa 1963!" Und: „Unter den lebenden Komponisten habe ich verschiedene Freunde, von denen ich noch nie ein Werk dirigiert habe, und in meinem Repertoire habe ich viele Werke von lebenden Komponisten, denen ich nie begegnet bin." Auf die Frage nach einem ihn besonders interessierenden, zeitgenössischen deutschen Komponisten nennt er mir Orff. Aber er hat auch ein offenes Herz für den Jazz — „für guten Jazz", fügt er hinzu, „wie eben überhaupt

für alle gute Musik"!

Seine Schallplatten-Beziehungen sind nicht erst so jungen Datums, wie die deutschen Kataloge vermuten lassen. Er hat schon vor Jahren eine Reihe von Westminster-Aufnahmen gemacht, von denen er aber nichts mehr wissen will. Sein Exklusivvertrag mit Ariola bedeutet den Beginn eines neuen Karriereabschnitts — das haben auch die anderen Schallplatten-Produzenten gemerkt, die plötzlich mit den verlockendsten Angeboten an ihn herangetreten sind. So sieht er sich vor die Wahl gestellt, entweder diesen Exklusivvertrag zu verlängern oder auf Titelverträge überzugehen. Die Chance, mit Ariola zusammen ein umfangreiches Repertoire aufzubauen ist verlockend. Wir dürfen sicher sein, dass die bisher erschienenen vier Aufnahmen erst den Start des Schallplatten-Dirigenten Dean Dixon bedeuten. (Siehe Bericht und Kritik.)

Nein, eine Hi-Fi-Kombination habe er nicht, antwortet er auf meine Frage. Wozu auch, da er ja ohnehin nie zu Hause sei (er wohnt in Rom — in Amerika ist er seit 1952 nicht gewesen!). Seine Kinder (drei an der Zahl) hätten einen einfachen Plattenspieler und der genüge ihren Ansprüchen, die gegenwärtig noch nicht über die neuesten Schlager und Rock'n Roll hinausgingen. Aber später, wenn er sich irgendwo einmal fest niederlassen würde, dann müsste natürlich auch ein Hi-Fi-Set herbei. Wann dieses „später" sein wird, kann er mir allerdings nicht sagen. Vielleicht, wenn man ihn eines Tages doch einmal als „General" irgendwohin holt. Unmöglich sei schließlich nichts auf der Welt. Vielleicht setzt sich eines Tages auch bei den Intendanten die Erkenntnis durch, dass die besten Konzerte dann Zustandekommen, wenn Dirigent und Orchester an einem Strange ziehen!

Können Beliebtheit bei Orchestermusikern, Publikum und Presse ein Grund dafür sein, einen Dirigenten nicht wiederzuengagieren? Ich will es nicht glauben, aber Dean Dixon zählt mit strahlender Miene die Beispiele auf, denn er hat die Erfahrung nicht nur einmal, sondern wiederholt gemacht. Da sind die Chefdirigenten, die konkurrenz-allergisch sind, da sind die Generalintendanten, die aus diktatorischen Gelüsten keinen Chefdirigenten neben sich haben wollen. Es ist ja auch nicht ohne Pikanterie, wenn die Musiker Petitionen unterschreiben, in denen sie das Engagement eines bestimmten Dirigenten fordern. Wo immer das geschieht (und es geschieht durchaus nicht nur im Ausland, wie ich in meiner Naivität zuerst annahm), weiß Mr. Dixon, dass er das betreffende Orchester wahrscheinlich zum letzten Mal dirigiert hat. Aber er lacht darüber, und er kann es tun, weil es ihm nicht auf die Zuneigung der Chefs, sondern auf das menschlich-warme Sympathiegefühl ankommt, das ihm noch alle Musiker, mit denen er zusammen musiziert hat, entgegengebracht haben. Und diese Einstellung hat sich auf die Dauer bewährt.

Sie hat ihm auch den Weg durch die europäischen Konzertsäle geebnet — nicht die Bemühungen irgendwelcher Manager, auch nicht die Publicitywoge seiner guten Kritiken. Es waren die Musiker, die seinen Ruhm gemacht haben. Es begann damit, dass er Anfang der fünfziger Jahre in Paris ein Konzert der Radiodiffusion française dirigierte. Und da die Pariser Orchester wohl verschiedene Namen, aber meistens die gleichen Musiker haben, schlössen sich sehr bald weitere Konzerte an: mit dem Pasdeloup-, dem Lamoureux- und dem Conservatoire-Orchester. Die Musiker waren zu den Orchesterdirektionen gegangen und hatten gesagt: also den Monsieur Dixon, den müsst ihr unbedingt einmal engagieren! Und auf Paris folgten andere Städte in Frankreich, folgten Skandinavien und Deutschland, Österreich, England und Italien, und von den Ländern des Ostblocks die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen. Es war der Beginn einer Karriere, die ihn heute durchschnittlich 340 Tage im Jahr unterwegs sein lässt.

„Und was ist mit Amerika? Sie sind doch Amerikaner?"

„Sagen wir, dass ich einen amerikanischen Pass besitze," entgegnet er mir — und dabei lacht er nun gar nicht mehr.

Mit einiger Mühe hole ich aus ihm heraus: er ist in New-York-City — von sehr englisch-nationalitätsbewußten Eltern — geboren, hat die üblichen Schulen durchlaufen, war an der Columbia-Universität immatrikuliert (wo er sich zwei Jahre mit seiner Doktorarbeit über moderne Beethoven-Instrumentationen beschäftigte, um sie kurz vor ihrem Abschluss hinzuwerfen, weil er zu der Überzeugung gelangt war, dass es nach- gerade ein Frevel sei, auch nur eine Note in Beethovens Manuskripten zu ändern), hat auch an der Juillard School studiert (in dessen Orchester er an jedem Instrumentenpult gesessen hat), und dann . . .

„Und dann . . .?"

„Na ja, die großen Orchester haben mich halt alle einmal engagiert, das Boston-, das Philadelphia-Orchester und die anderen, der Erfolg bei Musikern, Publikum und Presse war einhellig — aber man hatte ja nun seinen Beitrag zur Überwindung der Rassenschranken geliefert. Mehr wäre von Übel gewesen."

Und seine Frau spricht von den außerordentlich harten Jahren, die er damals in Amerika durchgemacht hat.

„Aber das liegt ja nun glücklich hinter Ihnen, denn hier in Europa haben Sie Ihrer Hautfarbe wegen doch sicher nicht gegen derartige Vorurteile anzukämpfen?"

„Sagen Sie das nicht zu laut! Sie sind hier natürlich nicht so verbreitet. Aber es gibt sie auch hier. Sie sind allerdings subtiler. Ich könnte Ihnen von einem kürzlichen Gastspiel in Mannheim erzählen, wo es ein paar Abonnenten so impertinent fanden, einen Neger Brahms Dritte dirigieren sehen zu müssen, dass sie es vorzogen, dem Konzert fernzubleiben." Das musste ihn besonders kränken, weil er gerade zu Brahms ein intensives persönliches Verhältnis hat. Zu Brahms und zu Beethoven — und überhaupt zur deutschen Musik. Im übrigen: „Mein Spezialgebiet ist die Musik vom Ende des 17. Jahrhunderts bis etwa 1963!" Und: „Unter den lebenden Komponisten habe ich verschiedene Freunde, von denen ich noch nie ein Werk dirigiert habe, und in meinem Repertoire habe ich viele Werke von lebenden Komponisten, denen ich nie begegnet bin." Auf die Frage nach einem ihn besonders interessierenden, zeitgenössischen deutschen Komponisten nennt er mir Orff. Aber er hat auch ein offenes Herz für den Jazz — „für guten Jazz", fügt er hinzu, „wie eben überhaupt

für alle gute Musik"!

Seine Schallplatten-Beziehungen sind nicht erst so jungen Datums, wie die deutschen Kataloge vermuten lassen. Er hat schon vor Jahren eine Reihe von Westminster-Aufnahmen gemacht, von denen er aber nichts mehr wissen will. Sein Exklusivvertrag mit Ariola bedeutet den Beginn eines neuen Karriereabschnitts — das haben auch die anderen Schallplatten-Produzenten gemerkt, die plötzlich mit den verlockendsten Angeboten an ihn herangetreten sind. So sieht er sich vor die Wahl gestellt, entweder diesen Exklusivvertrag zu verlängern oder auf Titelverträge überzugehen. Die Chance, mit Ariola zusammen ein umfangreiches Repertoire aufzubauen ist verlockend. Wir dürfen sicher sein, dass die bisher erschienenen vier Aufnahmen erst den Start des Schallplatten-Dirigenten Dean Dixon bedeuten. (Siehe Bericht und Kritik.)

Nein, eine Hi-Fi-Kombination habe er nicht, antwortet er auf meine Frage. Wozu auch, da er ja ohnehin nie zu Hause sei (er wohnt in Rom — in Amerika ist er seit 1952 nicht gewesen!). Seine Kinder (drei an der Zahl) hätten einen einfachen Plattenspieler und der genüge ihren Ansprüchen, die gegenwärtig noch nicht über die neuesten Schlager und Rock'n Roll hinausgingen. Aber später, wenn er sich irgendwo einmal fest niederlassen würde, dann müsste natürlich auch ein Hi-Fi-Set herbei. Wann dieses „später" sein wird, kann er mir allerdings nicht sagen. Vielleicht, wenn man ihn eines Tages doch einmal als „General" irgendwohin holt. Unmöglich sei schließlich nichts auf der Welt. Vielleicht setzt sich eines Tages auch bei den Intendanten die Erkenntnis durch, dass die besten Konzerte dann Zustandekommen, wenn Dirigent und Orchester an einem Strange ziehen!