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Der letzte Repräsentant der Wieder Operette: Robert Stolz

Von
Karl Pfob, Wien
Erschienen in der Printausgabe im
Januar 1960
Lesezeit ca.
Minuten

„Die Operette ist tot und nichts kann sie mehr zum Leben erwecken", schrieben nicht die Musikkritiker von 1959. Nein — dieser Satz stammt aus dem Jahre 1905 und er wurde nicht irgendwo ausgesprochen. "Wien, die vielbesungene Stadt der großen Bälle, die Heimat von Johann Strauß, Lanner, Ziehrer und Millöcker, hat zu Beginn dieses Jahrhunderts den Stab über die Operette gebrochen!

Doch schon im selben Jahr (1905) begann auch die Renaissance der Wiener Operette mit Franz Lehar, um nochmals einen Siegeszug um die Welt anzutreten. Als der junge Theaterkapellmeister Robert Stolz Lehars Operette „Die Lustige Witwe" als Dirigent aus der Taufe hob, wusste er noch nicht, dass das Werk innerhalb von zwei Jahren über 500 Aufführungen bringen würde. Das Eis war gebrochen; mit Franz Lehar, Leo Fall, Oskar Straus und vielen anderen blühte die Wiener Operette noch einmal auf, ihr letzter lebender Repräsentant ist Robert Stolz.

Als jüngstes von 12 Kindern des Grazer Kapellmeisters und Musikschuldirektors Jakob Stolz wurde am 25. Mai 1882 Robert Stolz geboren. Von Kind auf vollkommen der Musik und dem Theater verschrieben, brachte er es in Mathematik und anderen Fächern nicht weit, sehr zur Sorge seiner Eltern. Mit um so mehr Fleiß arbeitete er sich vom 3. Ballettkorrepetitor bald zu einem angesehenen Theaterkapellmeister empor. Im Anschluss an eine ausgedehnte Russlandtournee mit einem österreichischen Operettenensemble war Robert Stolz viele Jahre Theaterkapellmeister in Brunn, wo er auch seine ersten Erfolge als Komponist mit „Manöverliebe" feierte. Richtig Wurzeln konnte Robert Stolz jedoch erst schlagen, als er im „Theater an der Wien" die Stätte seines Wirkens fand. Aus seiner ersten Wiener Zeit stammten eine große Zahl von Operetten, Chansons und Schlagerliedern wie „Servus Du", „Hallo, du süße Klingelfee" und die unsterblichen Lieder: „Im Prater blüh'n wieder die Bäume", „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier", „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist" und der Erfolg, mit dem Robert Stolz seinen Ruf als Operettenkomponist ein für allemal begründete: „Das Glücksmädl".

Das Glück ist dem Komponisten auch wirklich lange treu geblieben, und was uns Robert Stolz so sympathisch macht, ist seine stete Hilfsbereitschaft jenen gegenüber, denen das Glück nicht immer hold war. Folgende Begebenheit hat sich in den verschiedensten Varianten wiederholt zugetragen:

Ober: „Herr Kapellmeister, im Extrazimmer sitzt a Herr, der hat g'sagt, Sie werd'n für ihn zahl'n."

Stolz (von seiner Kalbsstelze aufblickend): „Wie schaut er denn aus?"

Ober: „So a klaner Dicker mit an Schnurbart und aner großen Glatzen."

Stolz (kopfschüttelnd): „Keine Ahnung, wer der Mensch ist."

Ober: „Sie kennen sein Namen net, hat er g'sagt, Herr Kapellmeister, aber er kennt Ihnen. Er weiß, daß Sie der Meister Robert Stolz sind, der was für alle Künstler aufkommt. Er is nämlich auch a Künstler, a Maler."

Stolz (einen Schluck Bier nehmend): „So? Was malt er denn?"

Ober: „Keine Ahnung, Herr Kapellmeister."

Stolz: „So? Davon weiß ich gar nix . . . Was hat er denn heut' g'habt?"

Ober (den Rechnungszettel ablesend): „Eine Krebsensuppe. An Kukuruz. Einen Rostbraten mit Nockerln und ein Erbsenpüree

Stolz (ironisch lächelnd): „Sonst nix?"

Ober: „Ja, und acht Krügeln Bier."

Stolz: „Und Mehlspeis kane?"

Ober: „Nein, Herr Kapellmeister, der Mann ist zuckerkrank."

Stolz (sichtlich aufatmend): „Da hab ich ja noch a Mordsglück g'habt . . . (mit einer gleichmütigen Geste): Also, schreibend das Zeug zu meiner Kalbsstelzen dazu. . . Hauptsach, der Maler hat an g'segneten Appetit!" (Aus dem Buch: „Im Dreiviertel-Takt durch die Welt").

Das Ende des ersten Weltkrieges mit seinen für die Monarchie tödlichen Folgen hat merkwürdigerweise überhaupt keinen Einfluss auf die Blüte der „Silbernen Epoche" der Wiener Operette gehabt. Selten ist in der Stadt an der schönen blauen Donau soviel Musik gemacht worden, wie in jenen Jahren, da die Menschen zu Hause hungerten und froren; die Theater und die Unterhaltungsstätten aber-waren brechend voll. Der Wiener Humor mit seinem Hang zur Selbstkarikierung war nicht umzukriegen. Eines der nettesten Beispiele ist folgendes: Graf Bobby trifft den Grafen Rudi an einem Samstag des Jahres 1919. Graf Bobby: „Rudi, was machst denn morgen?" Graf Rudi: „Morgen schau ich mir die Republik Österreich an." Graf Bobby (müde lächelnd): „Na, und was machst dann am Nachmittag?"

Nach einem kleinen Seitensprung auf das Gebiet der dramatischen Oper mit: „Die Rosen der Madonna" kehrte Robert Stolz schnell wieder reuig in die Arme der Leichten Muse zurück, sehr zum Wohle der walzerliebenden Menschheit, sehr zum Wohle auch seiner recht angespannten finanziellen Situation in den Nachkriegsjahren. „Das Sperrsechserl", die Geschichte des Wiener Hausmeisters, der auch die intimsten Geheimnisse aller seiner Mieter kennt, hat über tausend Aufführungen en Suite allein in einem Theater erzielt.

In den Bühnenwerken „Tanzgräfin" (1920) und „Tanz ins Glück" (1922) hat Robert Stolz wohl erstmals moderne Tanzrhythmen verarbeitet, wie z. B. den Onestep „Du, nur Du". Verleitet von den Erfolgen der letzten Jahre ließ sich der Komponist darauf ein, ein eigenes Theater zu eröffnen; leider endete das Unternehmen mit einem völligen Bankrott mangels der nötigen Theatererfahrung. Stolz trug diese Katastrophe mit Würde und Gelassenheit. Sehr bald schon sanierte er sich mit der Musik zu dem ersten deutschen Tonfilm, der ihn weltberühmt gemacht hat: „Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt". Von dem gleichnamigen Walzer sind bisher rund 7 Millionen Klavierausgaben verkauft worden, die sogar in japanischer und chinesischer Sprache erschienen.

Es liegt auf der Hand, dass Stolz bald einer der meistbeschäftigten Filmkomponisten wurde, der es sich leisten konnte, auf ein Angebot von Hollywood folgende Antwort zu schreiben: „1. Goldene Nockerln kann ich nicht essen. 2. Wenn ich mich auf ein Schiff setz', werd' ich seekrank. 3. Was möchten meine Freunde im Café Dobner ohne mich anfangen." — Früher als er glaubte, hat Stolz diese Antwort bereut. Er hatte zwar als makelloser „Arier" jede Aufstiegsmöglichkeit unter Hitler, aber seine Freundschaft zu vielen jüdischen Kollegen und regimefeindlichen Kreisen zwang ihn zur Flucht in die Schweiz und von da über Paris nach Amerika. Die Gestapo plünderte seine Wiener Wohnung und schleppte 16 Kisten mit Entwürfen zu 11 Operetten, etlichen hundert Liedern und vieles andere Wertvolle aus seiner Bibliothek weg.

Er verstand es jedoch glänzend, auch in Amerika bald Fuß zu fassen, nicht zuletzt Dank seines Geschickes, Publicity für sich zu machen. (So hat er sich beim Haydn-Planetarium in New York 24 als Passagier für den ersten Mondflug angemeldet!) Unmittelbar nach Kriegsende ist er wieder nach Wien zurückgekehrt, wo der Komponist des erfolgreichsten Walzers nach „An der schönen blauen Donau", der Schöpfer von über 50 Operetten, von beinahe 100 Tonfilm-Musiken und über 1000 Liedern als musikalischer Betreuer der Wiener Eisrevue noch heute lebt.

„Die Operette ist tot und nichts kann sie mehr zum Leben erwecken", schrieben nicht die Musikkritiker von 1959. Nein — dieser Satz stammt aus dem Jahre 1905 und er wurde nicht irgendwo ausgesprochen. "Wien, die vielbesungene Stadt der großen Bälle, die Heimat von Johann Strauß, Lanner, Ziehrer und Millöcker, hat zu Beginn dieses Jahrhunderts den Stab über die Operette gebrochen!

Doch schon im selben Jahr (1905) begann auch die Renaissance der Wiener Operette mit Franz Lehar, um nochmals einen Siegeszug um die Welt anzutreten. Als der junge Theaterkapellmeister Robert Stolz Lehars Operette „Die Lustige Witwe" als Dirigent aus der Taufe hob, wusste er noch nicht, dass das Werk innerhalb von zwei Jahren über 500 Aufführungen bringen würde. Das Eis war gebrochen; mit Franz Lehar, Leo Fall, Oskar Straus und vielen anderen blühte die Wiener Operette noch einmal auf, ihr letzter lebender Repräsentant ist Robert Stolz.

Als jüngstes von 12 Kindern des Grazer Kapellmeisters und Musikschuldirektors Jakob Stolz wurde am 25. Mai 1882 Robert Stolz geboren. Von Kind auf vollkommen der Musik und dem Theater verschrieben, brachte er es in Mathematik und anderen Fächern nicht weit, sehr zur Sorge seiner Eltern. Mit um so mehr Fleiß arbeitete er sich vom 3. Ballettkorrepetitor bald zu einem angesehenen Theaterkapellmeister empor. Im Anschluss an eine ausgedehnte Russlandtournee mit einem österreichischen Operettenensemble war Robert Stolz viele Jahre Theaterkapellmeister in Brunn, wo er auch seine ersten Erfolge als Komponist mit „Manöverliebe" feierte. Richtig Wurzeln konnte Robert Stolz jedoch erst schlagen, als er im „Theater an der Wien" die Stätte seines Wirkens fand. Aus seiner ersten Wiener Zeit stammten eine große Zahl von Operetten, Chansons und Schlagerliedern wie „Servus Du", „Hallo, du süße Klingelfee" und die unsterblichen Lieder: „Im Prater blüh'n wieder die Bäume", „Adieu, mein kleiner Gardeoffizier", „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist" und der Erfolg, mit dem Robert Stolz seinen Ruf als Operettenkomponist ein für allemal begründete: „Das Glücksmädl".

Das Glück ist dem Komponisten auch wirklich lange treu geblieben, und was uns Robert Stolz so sympathisch macht, ist seine stete Hilfsbereitschaft jenen gegenüber, denen das Glück nicht immer hold war. Folgende Begebenheit hat sich in den verschiedensten Varianten wiederholt zugetragen:

Ober: „Herr Kapellmeister, im Extrazimmer sitzt a Herr, der hat g'sagt, Sie werd'n für ihn zahl'n."

Stolz (von seiner Kalbsstelze aufblickend): „Wie schaut er denn aus?"

Ober: „So a klaner Dicker mit an Schnurbart und aner großen Glatzen."

Stolz (kopfschüttelnd): „Keine Ahnung, wer der Mensch ist."

Ober: „Sie kennen sein Namen net, hat er g'sagt, Herr Kapellmeister, aber er kennt Ihnen. Er weiß, daß Sie der Meister Robert Stolz sind, der was für alle Künstler aufkommt. Er is nämlich auch a Künstler, a Maler."

Stolz (einen Schluck Bier nehmend): „So? Was malt er denn?"

Ober: „Keine Ahnung, Herr Kapellmeister."

Stolz: „So? Davon weiß ich gar nix . . . Was hat er denn heut' g'habt?"

Ober (den Rechnungszettel ablesend): „Eine Krebsensuppe. An Kukuruz. Einen Rostbraten mit Nockerln und ein Erbsenpüree

Stolz (ironisch lächelnd): „Sonst nix?"

Ober: „Ja, und acht Krügeln Bier."

Stolz: „Und Mehlspeis kane?"

Ober: „Nein, Herr Kapellmeister, der Mann ist zuckerkrank."

Stolz (sichtlich aufatmend): „Da hab ich ja noch a Mordsglück g'habt . . . (mit einer gleichmütigen Geste): Also, schreibend das Zeug zu meiner Kalbsstelzen dazu. . . Hauptsach, der Maler hat an g'segneten Appetit!" (Aus dem Buch: „Im Dreiviertel-Takt durch die Welt").

Das Ende des ersten Weltkrieges mit seinen für die Monarchie tödlichen Folgen hat merkwürdigerweise überhaupt keinen Einfluss auf die Blüte der „Silbernen Epoche" der Wiener Operette gehabt. Selten ist in der Stadt an der schönen blauen Donau soviel Musik gemacht worden, wie in jenen Jahren, da die Menschen zu Hause hungerten und froren; die Theater und die Unterhaltungsstätten aber-waren brechend voll. Der Wiener Humor mit seinem Hang zur Selbstkarikierung war nicht umzukriegen. Eines der nettesten Beispiele ist folgendes: Graf Bobby trifft den Grafen Rudi an einem Samstag des Jahres 1919. Graf Bobby: „Rudi, was machst denn morgen?" Graf Rudi: „Morgen schau ich mir die Republik Österreich an." Graf Bobby (müde lächelnd): „Na, und was machst dann am Nachmittag?"

Nach einem kleinen Seitensprung auf das Gebiet der dramatischen Oper mit: „Die Rosen der Madonna" kehrte Robert Stolz schnell wieder reuig in die Arme der Leichten Muse zurück, sehr zum Wohle der walzerliebenden Menschheit, sehr zum Wohle auch seiner recht angespannten finanziellen Situation in den Nachkriegsjahren. „Das Sperrsechserl", die Geschichte des Wiener Hausmeisters, der auch die intimsten Geheimnisse aller seiner Mieter kennt, hat über tausend Aufführungen en Suite allein in einem Theater erzielt.

In den Bühnenwerken „Tanzgräfin" (1920) und „Tanz ins Glück" (1922) hat Robert Stolz wohl erstmals moderne Tanzrhythmen verarbeitet, wie z. B. den Onestep „Du, nur Du". Verleitet von den Erfolgen der letzten Jahre ließ sich der Komponist darauf ein, ein eigenes Theater zu eröffnen; leider endete das Unternehmen mit einem völligen Bankrott mangels der nötigen Theatererfahrung. Stolz trug diese Katastrophe mit Würde und Gelassenheit. Sehr bald schon sanierte er sich mit der Musik zu dem ersten deutschen Tonfilm, der ihn weltberühmt gemacht hat: „Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt". Von dem gleichnamigen Walzer sind bisher rund 7 Millionen Klavierausgaben verkauft worden, die sogar in japanischer und chinesischer Sprache erschienen.

Es liegt auf der Hand, dass Stolz bald einer der meistbeschäftigten Filmkomponisten wurde, der es sich leisten konnte, auf ein Angebot von Hollywood folgende Antwort zu schreiben: „1. Goldene Nockerln kann ich nicht essen. 2. Wenn ich mich auf ein Schiff setz', werd' ich seekrank. 3. Was möchten meine Freunde im Café Dobner ohne mich anfangen." — Früher als er glaubte, hat Stolz diese Antwort bereut. Er hatte zwar als makelloser „Arier" jede Aufstiegsmöglichkeit unter Hitler, aber seine Freundschaft zu vielen jüdischen Kollegen und regimefeindlichen Kreisen zwang ihn zur Flucht in die Schweiz und von da über Paris nach Amerika. Die Gestapo plünderte seine Wiener Wohnung und schleppte 16 Kisten mit Entwürfen zu 11 Operetten, etlichen hundert Liedern und vieles andere Wertvolle aus seiner Bibliothek weg.

Er verstand es jedoch glänzend, auch in Amerika bald Fuß zu fassen, nicht zuletzt Dank seines Geschickes, Publicity für sich zu machen. (So hat er sich beim Haydn-Planetarium in New York 24 als Passagier für den ersten Mondflug angemeldet!) Unmittelbar nach Kriegsende ist er wieder nach Wien zurückgekehrt, wo der Komponist des erfolgreichsten Walzers nach „An der schönen blauen Donau", der Schöpfer von über 50 Operetten, von beinahe 100 Tonfilm-Musiken und über 1000 Liedern als musikalischer Betreuer der Wiener Eisrevue noch heute lebt.