Porträt: Karl Richter
Eine der seltensten Karrieren, die es heute gibt, ist die: ohne Mitwirkung sensationeller Begleitumstände und mit bewusstem Verzicht auf den ewig rasselnden Trommelschlag selbstgelenkter Propaganda, allein durch Begabung und Leistung, zu unbestrittener Anerkanntheit aufzusteigen. Wem dieses Kunststück geglückt ist und wem es dann sogar noch gelingt, sich auf der erklommenen Höhe allgemeiner Geltung zu erhalten, wiederum ohne jene Art von Publicity zu pflegen, die sich an neckische Privatissima, Kulissentratsch und Spießerneugier knüpft, der verdient gewiss, als wahrhaft ungewöhnliche Erscheinung betrachtet und beachtet zu werden!

Eine der seltensten Karrieren, die es heute gibt, ist die: ohne Mitwirkung sensationeller Begleitumstände und mit bewusstem Verzicht auf den ewig rasselnden Trommelschlag selbstgelenkter Propaganda, allein durch Begabung und Leistung, zu unbestrittener Anerkanntheit aufzusteigen. Wem dieses Kunststück geglückt ist und wem es dann sogar noch gelingt, sich auf der erklommenen Höhe allgemeiner Geltung zu erhalten, wiederum ohne jene Art von Publicity zu pflegen, die sich an neckische Privatissima, Kulissentratsch und Spießerneugier knüpft, der verdient gewiss, als wahrhaft ungewöhnliche Erscheinung betrachtet und beachtet zu werden!
Ein Mann solcher Art ist Karl Richter, den man wohl zu den berufensten Bach-Interpreten, nicht nur der Gegenwart, zählen darf. Seine in der Archiv-Produktion der DGG erschienene Aufnahme der „Matthäuspassion" hat selbst bei den Kennern seiner schon vordem herausgekommenen Bach-Aufnahmen höchste Bewunderung erweckt. Sie ist von einer geistigen und künstlerischen Reife, die niemals auf einen Dreiunddreißigjährigen schließen ließe. Aber in der Tat erfreut sich der Musiker, dem das heutige München seinen von Jahr zu Jahr wachsenden Ruf als führende Bachstadt des Bundesgebiets verdankt, des Vorzugs dieses elastischen Lebensalters und daher einer Arbeitsenergie, deren vielseitige Auswirkung allein schon Staunen erregen kann.
Das Kulturleben Münchens beruhte von jeher auf der glücklichen Fähigkeit der Stadt, hervorragende Potenzen anzuziehen und ihrer Arbeit einen empfänglichen, fruchtbaren, anregenden musischen Boden bereitzuhalten. Dass dabei die öffentliche Bachpflege bislang nicht gerade sonderlich gedieh, hatte verschiedene Gründe, unter denen die konfessionellen meistens überschätzt werden. Vielmehr hing das mit der musikalischen Tradition der bayerischen Landeshauptstadt zusammen, die von ganz anderen Namen — Orlando di Lasso, Mozart, Wagner, Strauss, Pfitzner, Haas — sowie, gerade in Sachen der musica sacra, einem gewissen lokalen Epigonentum geprägt war.
Der junge Vogtländer (aus Plauen gebürtig) fand hier also in dieser Beziehung ein ziemlich jungfräuliches Terrain vor, als er 1951 als Lehrer an die Staatliche Musikhochschule und als Organist an die evangelische Markuskirche berufen wurde. Hinter ihm lagen damals als musikalische Laufbahn: fünf Jahre Dresdener Kreuzchor (1938 — 43), das Kirchenmusikstudium in Leipzig bei Karl Sträube, dem Altmeister und geistigen Vater einer ganzen Organistengeneration, und drei Jahre als Organist der Leipziger Thomaskirche. Noch im Jahre seines Amtsantritts in München gründete er den „Münchner Bachchor", den er seither zu einem unfehlbaren Instrument seiner Intentionen erzogen hat und der inzwischen zu einem festen Begriff in der Musikwelt geworden ist.
Richters Künstlertum ist so echt und elementar wie seine menschliche Haltung, für die u. a. seine Pressescheu charakteristisch ist. Er hat den Mut — und die Legitimation —, sich unbekümmert auf sein immenses handwerkliches Können, auf die festen Fundamente einer fraglosen Berufenheit zu verlassen. Als Dirigent zählt er nicht zu jenen Meistern dekorativer Selbstdarstellung, deren „linke Hand" (Hans Pfitzner sprach einmal höhnisch vom „Wunder der rechten Kniekehle") manche Kulturbarden zu dithyrambischen Feuilletonspalten hinreißt. Auch wenn er auf dem Podium am Cembalo oder auf der Empore vor dem Orgeltisch sitzt, bietet er ein Bild vollkommener, darum aber keineswegs blutloser Sachlichkeit. Eine fühlbare Hochspannung geht von seinem konzentrischen Werkdienst aus. Wer jemals einen Kantatenabend unter seiner Leitung, wer seine Interpretation der Goldberg-Variationen oder einer Bachschen Orgelfuge erlebte, wird das Außerordentliche der Verbindung von stupender Virtuosität, künstlerischer Intelligenz, musikantischem Temperament und geistiger Überlegenheit in dem vitalen, untersetzten Manne mit dem noch seltsam „unbeschriebenen", jugendlichen Gesicht empfunden haben — das Geheimnis seiner Suggestionskraft. Der Hörer hat bei ihm immer das Gefühl selbstverständlicher Sicherheit, einer förmlichen Garantie, authentisch in das Zentrum des Werkes geführt zu werden.
Damit ist wohl das Entscheidende über Karl Richters musikalischen Rang ausgesprochen, und Besseres lässt sich zum Lobe eines ausübenden Künstlers überhaupt nicht sagen.
Eine der seltensten Karrieren, die es heute gibt, ist die: ohne Mitwirkung sensationeller Begleitumstände und mit bewusstem Verzicht auf den ewig rasselnden Trommelschlag selbstgelenkter Propaganda, allein durch Begabung und Leistung, zu unbestrittener Anerkanntheit aufzusteigen. Wem dieses Kunststück geglückt ist und wem es dann sogar noch gelingt, sich auf der erklommenen Höhe allgemeiner Geltung zu erhalten, wiederum ohne jene Art von Publicity zu pflegen, die sich an neckische Privatissima, Kulissentratsch und Spießerneugier knüpft, der verdient gewiss, als wahrhaft ungewöhnliche Erscheinung betrachtet und beachtet zu werden!
Ein Mann solcher Art ist Karl Richter, den man wohl zu den berufensten Bach-Interpreten, nicht nur der Gegenwart, zählen darf. Seine in der Archiv-Produktion der DGG erschienene Aufnahme der „Matthäuspassion" hat selbst bei den Kennern seiner schon vordem herausgekommenen Bach-Aufnahmen höchste Bewunderung erweckt. Sie ist von einer geistigen und künstlerischen Reife, die niemals auf einen Dreiunddreißigjährigen schließen ließe. Aber in der Tat erfreut sich der Musiker, dem das heutige München seinen von Jahr zu Jahr wachsenden Ruf als führende Bachstadt des Bundesgebiets verdankt, des Vorzugs dieses elastischen Lebensalters und daher einer Arbeitsenergie, deren vielseitige Auswirkung allein schon Staunen erregen kann.
Das Kulturleben Münchens beruhte von jeher auf der glücklichen Fähigkeit der Stadt, hervorragende Potenzen anzuziehen und ihrer Arbeit einen empfänglichen, fruchtbaren, anregenden musischen Boden bereitzuhalten. Dass dabei die öffentliche Bachpflege bislang nicht gerade sonderlich gedieh, hatte verschiedene Gründe, unter denen die konfessionellen meistens überschätzt werden. Vielmehr hing das mit der musikalischen Tradition der bayerischen Landeshauptstadt zusammen, die von ganz anderen Namen — Orlando di Lasso, Mozart, Wagner, Strauss, Pfitzner, Haas — sowie, gerade in Sachen der musica sacra, einem gewissen lokalen Epigonentum geprägt war.
Der junge Vogtländer (aus Plauen gebürtig) fand hier also in dieser Beziehung ein ziemlich jungfräuliches Terrain vor, als er 1951 als Lehrer an die Staatliche Musikhochschule und als Organist an die evangelische Markuskirche berufen wurde. Hinter ihm lagen damals als musikalische Laufbahn: fünf Jahre Dresdener Kreuzchor (1938 — 43), das Kirchenmusikstudium in Leipzig bei Karl Sträube, dem Altmeister und geistigen Vater einer ganzen Organistengeneration, und drei Jahre als Organist der Leipziger Thomaskirche. Noch im Jahre seines Amtsantritts in München gründete er den „Münchner Bachchor", den er seither zu einem unfehlbaren Instrument seiner Intentionen erzogen hat und der inzwischen zu einem festen Begriff in der Musikwelt geworden ist.
Richters Künstlertum ist so echt und elementar wie seine menschliche Haltung, für die u. a. seine Pressescheu charakteristisch ist. Er hat den Mut — und die Legitimation —, sich unbekümmert auf sein immenses handwerkliches Können, auf die festen Fundamente einer fraglosen Berufenheit zu verlassen. Als Dirigent zählt er nicht zu jenen Meistern dekorativer Selbstdarstellung, deren „linke Hand" (Hans Pfitzner sprach einmal höhnisch vom „Wunder der rechten Kniekehle") manche Kulturbarden zu dithyrambischen Feuilletonspalten hinreißt. Auch wenn er auf dem Podium am Cembalo oder auf der Empore vor dem Orgeltisch sitzt, bietet er ein Bild vollkommener, darum aber keineswegs blutloser Sachlichkeit. Eine fühlbare Hochspannung geht von seinem konzentrischen Werkdienst aus. Wer jemals einen Kantatenabend unter seiner Leitung, wer seine Interpretation der Goldberg-Variationen oder einer Bachschen Orgelfuge erlebte, wird das Außerordentliche der Verbindung von stupender Virtuosität, künstlerischer Intelligenz, musikantischem Temperament und geistiger Überlegenheit in dem vitalen, untersetzten Manne mit dem noch seltsam „unbeschriebenen", jugendlichen Gesicht empfunden haben — das Geheimnis seiner Suggestionskraft. Der Hörer hat bei ihm immer das Gefühl selbstverständlicher Sicherheit, einer förmlichen Garantie, authentisch in das Zentrum des Werkes geführt zu werden.
Damit ist wohl das Entscheidende über Karl Richters musikalischen Rang ausgesprochen, und Besseres lässt sich zum Lobe eines ausübenden Künstlers überhaupt nicht sagen.



