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Edwin Fischer in Memoriam

Von
Hortensia Weiher-Waege
Erschienen in der Printausgabe im
März 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Schon seit einigen Jahren verwehrten die Folgen eines Schlaganfalls ihm das öffentliche Auftreten; man musste sich damit abfinden, dass Edwin Fischers Konzertlaufbahn zu Ende war. Nun ist er, im Alter von dreiundsiebzig Jahren, selbst dahingegangen. Die Todesnachricht schmerzte wie ein persönlicher Verlust, wenngleich keine direkten Beziehungen bestanden hatten. Denn auch vom Podium aus sprach Fischer in seinem Musizieren unmittelbar als Mensch zum Menschen; auf seine Kunst passte das schöne Geleitwort von Beethovens Missa Solemnis „Von Herzen — möge es wieder zu Herzen gehen!"

Der kritische Verstand allein konnte sein Spiel nicht ganz erfassen und dem Künstler nicht voll gerecht werden, für den alle Musik „Ausdruck der Empfindung" war. Selbstverständlich hat dieser große Musiker die Werke, die er gestaltete, musikalisch und geistig genau durchgearbeitet und auf Stil- und Interpretationsfragen, technische und klangliche Probleme hin eingehend untersucht. Aber nach diesen unerlässlichen Voraussetzungen künstlerischen Wirkens hatte das Gefühl das entscheidende Wort. Für ihn war das Musizieren ein immer neues seelisches Erleben; fern jeder Routine behielt es stets einen improvisatorisch- genialischen Zug, der sich in glücklichen Stunden — es gab deren viele! — zur genialen Inspiration erhöhte. Als eine solche Stunde ist mir eine Wiedergabe von Beethovens Diabelli- Variationen in lebhafter Erinnerung geblieben: Fischer stürmte aufs Podium, spielte, fast noch im Stehen, das banale Walzerthema herunter. Dann begann er zu formen; wie in impulsiver Eingebung wuchsen die dreiunddreißig „Veränderungen" unter seinen Händen, und trotzdem Heß er den großartigen Aufbau des Ganzen ahnen. Der Eindruck war unvergleichlich und im einzelnen unwiederholbar. Fischer selbst hat einmal Musik mit einer Landschaft verglichen, die man in immer anderer Gestalt und Beleuchtung und auch in immer anderer eigener Stimmung erlebt. Auch über seiner persönlichen Musiklandschaft lagen wechselnd Licht und Schatten, Sturm und klarer Himmel; im Untergrund spürte man immer die vulkanische Glut, die vom Ethos künstlerischen Willens oft nur mühsam gebändigt wurde. In jungen Jahren hatte sie sich vielfach in tobenden Ausbrüchen befreit, später noch zu lautem, selbstvergessenen Mitsingen getrieben; selbst in der Zeit der letzten Reife ließ sie zuweilen den Boden leise erbeben.

Nur einmal habe ich Fischer aus nächster Nähe erlebt, als ich bei einer Unterrichtsstunde in einem Salzburger Meisterkursus zuhörte. Das Lehren ist für diese starke, zur Mitteilung drängende Persönlichkeit wohl immer ein echtes Bedürfnis gewesen. Bei aller Autorität wirkte er nicht die Spur selbstgefällig oder doktrinär; weise und gütig gab er sein Urteil, seine Ratschläge und Erläuterungen, die manchmal blitzartig eine problematische Stelle erhellten. So sagte er von der berühmten „Bebung" im Adagio von Beethovens op. 110: „Da arbeitet es in ihm." Diese unvergessliche Bemerkung beleuchtete auch sein eigenes nach schöpferisches Gestalten. Er nahm die Werke in ihrem überlieferten Notenbild nicht als einzige Ausgangspunkte und die Buchstabentreue nicht als höchstes Kriterium, sondern ging bis auf den Grund zurück, auf dem sie gewachsen waren, und erlebte den Werdeprozeß intuitiv nach. Sein außerordentliches Einfühlungsvermögen für bestimmte Meister, vor allen Bach, Beethoven, Mozart und Schumann, deutete auf ursprüngliche Geistes- oder innige Wahlverwandtschaft; vielleicht erklärt sich aus so ungewöhnlich nahen Beziehungen zu wenigen Komponisten das relativ eng begrenzte solistische Konzertrepertoire des universal gebildeten und vielseitig beschlagenen Musikers. Er musste beim Konzertieren das Herz sprechen lassen. Ich weiß nicht, ob er zum Beispiel öffentlich für Bartok oder Hindemith eingetreten ist, habe aber von ihm, kurz nach ihrem Erscheinen, die Klaviersonate von Strawinsky gehört, die ihn vermutlich wegen ihrer Beziehungen zu Bach interessierte.

Als Bach-Interpret ist Fischer, der nach anfangs streng „klassischer" Schulung besonders von den bedeutenden Liszt-Schülern Martin Krause und Eugen d'Albert beeinflusst wurde, schon früh eigene Wege gegangen. Während die Mehrzahl der großen Virtuosen im Konzert noch die pompösen Klavierübertragungen Bachscher Orgelwerke bevorzugte, setzte der junge Pianist getrost — und erfolgreich — Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier auf seine Programme. Bald nach dem ersten Weltkrieg hörte ich von ihm Bachsche Klavierkonzerte mit einem Kammerorchester, das er vom Steinway aus leitete, dazu das damals fast unbekannte Ricercar aus dem Musikalischen Opfer und das 6. Brandenburgische Konzert. Einige Jahre später dirigierte er die Chorkonzerte des Münchener Bachvereins. Denn so fest er dem Klavier auch verhaftet war: der Musiker in ihm war noch stärker als der Pianist. Als Liedbegleiter hatte er seine Konzertkarriere begonnen; zeitlebens liebte er die Kammermusik und pflegte sie in echtem Ensemblegeist mit Partnern von Rang wie Adolf Busch, Georg Kulenkampff, später Mainardi und Schneiderhan. Überhaupt hatte er lebendigen Kontakt mit vielen großen Musikern seiner Zeit, mit Komponisten, Pianisten, Dirigenten. Er war selbst ein suggestiver Dirigent, hat einige Jahre die Symphoniekonzerte in Lübeck geleitet und später häufig mit eigenem Kammerorchester oder andern Vereinigungen konzertiert. Den faszinierenden Hauptteil der Programme bildeten meistens Klavierkonzerte, bei denen er gleichzeitig Dirigent und Solist war. Zu den Höhepunkten seiner Kunst zählen für mich die beiden Abende im Jahr 1952, an denen er mit dem Winterthurer Kammerorchester alle sechs Klavierkonzerte von Beethoven hinreißend gestaltete. Zwei Jahre später reiste er als Mozart-Interpret noch einmal mit der Königlichen Kapelle Kopenhagen. Die Haffner-Symphonie und zwei Klavierkonzerte des von ihm so innig geliebten Meisters waren das letzte kostbare Geschenk, das die Erinnerung aufnehmen durfte.

Das Andenken dieses einmaligen Musikers ist glücklicherweise nicht an das Gedächtnis einzelner gebunden, auch nicht nur an die Überlieferung seiner besten und selbständigen Schüler, die ihn nicht äußerlich kopieren, sondern Geist von seinem Geist empfangen haben: er selbst hat einige bedeutende Zeugnisse seines Künstlertums hinterlassen, eindrucksvolle Schriften; (die wenigen, vom Lexikon erwähnten Kompositionen sind mir leider nicht bekannt). Sie sind gering an Zahl, aber sehr schön. Die „Musikalischen Betrachtungen" und die kleine Studie über Bach offenbaren eine echte Humanität und Weite des geistigen Horizonts; in der Natürlichkeit und Wärme der Sprache wirken sie so impulsiv wie sein Spiel. Ebenso lebendig ist der Eindruck seiner Vorträge über „Beethovens Klaviersonaten", sie vermitteln eine Fülle künstlerischer Erkenntnisse und speziell pianistischer Anregungen. Auch das Studium seiner Bach-Ausgaben ist interessant und lohnend.

Schon seit einigen Jahren verwehrten die Folgen eines Schlaganfalls ihm das öffentliche Auftreten; man musste sich damit abfinden, dass Edwin Fischers Konzertlaufbahn zu Ende war. Nun ist er, im Alter von dreiundsiebzig Jahren, selbst dahingegangen. Die Todesnachricht schmerzte wie ein persönlicher Verlust, wenngleich keine direkten Beziehungen bestanden hatten. Denn auch vom Podium aus sprach Fischer in seinem Musizieren unmittelbar als Mensch zum Menschen; auf seine Kunst passte das schöne Geleitwort von Beethovens Missa Solemnis „Von Herzen — möge es wieder zu Herzen gehen!"

Der kritische Verstand allein konnte sein Spiel nicht ganz erfassen und dem Künstler nicht voll gerecht werden, für den alle Musik „Ausdruck der Empfindung" war. Selbstverständlich hat dieser große Musiker die Werke, die er gestaltete, musikalisch und geistig genau durchgearbeitet und auf Stil- und Interpretationsfragen, technische und klangliche Probleme hin eingehend untersucht. Aber nach diesen unerlässlichen Voraussetzungen künstlerischen Wirkens hatte das Gefühl das entscheidende Wort. Für ihn war das Musizieren ein immer neues seelisches Erleben; fern jeder Routine behielt es stets einen improvisatorisch- genialischen Zug, der sich in glücklichen Stunden — es gab deren viele! — zur genialen Inspiration erhöhte. Als eine solche Stunde ist mir eine Wiedergabe von Beethovens Diabelli- Variationen in lebhafter Erinnerung geblieben: Fischer stürmte aufs Podium, spielte, fast noch im Stehen, das banale Walzerthema herunter. Dann begann er zu formen; wie in impulsiver Eingebung wuchsen die dreiunddreißig „Veränderungen" unter seinen Händen, und trotzdem Heß er den großartigen Aufbau des Ganzen ahnen. Der Eindruck war unvergleichlich und im einzelnen unwiederholbar. Fischer selbst hat einmal Musik mit einer Landschaft verglichen, die man in immer anderer Gestalt und Beleuchtung und auch in immer anderer eigener Stimmung erlebt. Auch über seiner persönlichen Musiklandschaft lagen wechselnd Licht und Schatten, Sturm und klarer Himmel; im Untergrund spürte man immer die vulkanische Glut, die vom Ethos künstlerischen Willens oft nur mühsam gebändigt wurde. In jungen Jahren hatte sie sich vielfach in tobenden Ausbrüchen befreit, später noch zu lautem, selbstvergessenen Mitsingen getrieben; selbst in der Zeit der letzten Reife ließ sie zuweilen den Boden leise erbeben.

Nur einmal habe ich Fischer aus nächster Nähe erlebt, als ich bei einer Unterrichtsstunde in einem Salzburger Meisterkursus zuhörte. Das Lehren ist für diese starke, zur Mitteilung drängende Persönlichkeit wohl immer ein echtes Bedürfnis gewesen. Bei aller Autorität wirkte er nicht die Spur selbstgefällig oder doktrinär; weise und gütig gab er sein Urteil, seine Ratschläge und Erläuterungen, die manchmal blitzartig eine problematische Stelle erhellten. So sagte er von der berühmten „Bebung" im Adagio von Beethovens op. 110: „Da arbeitet es in ihm." Diese unvergessliche Bemerkung beleuchtete auch sein eigenes nach schöpferisches Gestalten. Er nahm die Werke in ihrem überlieferten Notenbild nicht als einzige Ausgangspunkte und die Buchstabentreue nicht als höchstes Kriterium, sondern ging bis auf den Grund zurück, auf dem sie gewachsen waren, und erlebte den Werdeprozeß intuitiv nach. Sein außerordentliches Einfühlungsvermögen für bestimmte Meister, vor allen Bach, Beethoven, Mozart und Schumann, deutete auf ursprüngliche Geistes- oder innige Wahlverwandtschaft; vielleicht erklärt sich aus so ungewöhnlich nahen Beziehungen zu wenigen Komponisten das relativ eng begrenzte solistische Konzertrepertoire des universal gebildeten und vielseitig beschlagenen Musikers. Er musste beim Konzertieren das Herz sprechen lassen. Ich weiß nicht, ob er zum Beispiel öffentlich für Bartok oder Hindemith eingetreten ist, habe aber von ihm, kurz nach ihrem Erscheinen, die Klaviersonate von Strawinsky gehört, die ihn vermutlich wegen ihrer Beziehungen zu Bach interessierte.

Als Bach-Interpret ist Fischer, der nach anfangs streng „klassischer" Schulung besonders von den bedeutenden Liszt-Schülern Martin Krause und Eugen d'Albert beeinflusst wurde, schon früh eigene Wege gegangen. Während die Mehrzahl der großen Virtuosen im Konzert noch die pompösen Klavierübertragungen Bachscher Orgelwerke bevorzugte, setzte der junge Pianist getrost — und erfolgreich — Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier auf seine Programme. Bald nach dem ersten Weltkrieg hörte ich von ihm Bachsche Klavierkonzerte mit einem Kammerorchester, das er vom Steinway aus leitete, dazu das damals fast unbekannte Ricercar aus dem Musikalischen Opfer und das 6. Brandenburgische Konzert. Einige Jahre später dirigierte er die Chorkonzerte des Münchener Bachvereins. Denn so fest er dem Klavier auch verhaftet war: der Musiker in ihm war noch stärker als der Pianist. Als Liedbegleiter hatte er seine Konzertkarriere begonnen; zeitlebens liebte er die Kammermusik und pflegte sie in echtem Ensemblegeist mit Partnern von Rang wie Adolf Busch, Georg Kulenkampff, später Mainardi und Schneiderhan. Überhaupt hatte er lebendigen Kontakt mit vielen großen Musikern seiner Zeit, mit Komponisten, Pianisten, Dirigenten. Er war selbst ein suggestiver Dirigent, hat einige Jahre die Symphoniekonzerte in Lübeck geleitet und später häufig mit eigenem Kammerorchester oder andern Vereinigungen konzertiert. Den faszinierenden Hauptteil der Programme bildeten meistens Klavierkonzerte, bei denen er gleichzeitig Dirigent und Solist war. Zu den Höhepunkten seiner Kunst zählen für mich die beiden Abende im Jahr 1952, an denen er mit dem Winterthurer Kammerorchester alle sechs Klavierkonzerte von Beethoven hinreißend gestaltete. Zwei Jahre später reiste er als Mozart-Interpret noch einmal mit der Königlichen Kapelle Kopenhagen. Die Haffner-Symphonie und zwei Klavierkonzerte des von ihm so innig geliebten Meisters waren das letzte kostbare Geschenk, das die Erinnerung aufnehmen durfte.

Das Andenken dieses einmaligen Musikers ist glücklicherweise nicht an das Gedächtnis einzelner gebunden, auch nicht nur an die Überlieferung seiner besten und selbständigen Schüler, die ihn nicht äußerlich kopieren, sondern Geist von seinem Geist empfangen haben: er selbst hat einige bedeutende Zeugnisse seines Künstlertums hinterlassen, eindrucksvolle Schriften; (die wenigen, vom Lexikon erwähnten Kompositionen sind mir leider nicht bekannt). Sie sind gering an Zahl, aber sehr schön. Die „Musikalischen Betrachtungen" und die kleine Studie über Bach offenbaren eine echte Humanität und Weite des geistigen Horizonts; in der Natürlichkeit und Wärme der Sprache wirken sie so impulsiv wie sein Spiel. Ebenso lebendig ist der Eindruck seiner Vorträge über „Beethovens Klaviersonaten", sie vermitteln eine Fülle künstlerischer Erkenntnisse und speziell pianistischer Anregungen. Auch das Studium seiner Bach-Ausgaben ist interessant und lohnend.