Porträt: Van Cliburn
Erschienen im FONO FORUM im April 1960

Wenn man den Begeisterungsschrei hört, in den das Publikum der New Yorker Carnegie Hall am 19. Mai 1958 nach den letzten Akkorden des 3. Klavierkonzertes von Rachmaninow ausbricht — wenn man dann in russischen Zeitungen vom April 1958 liest, dass „kein Musiker irgendwelcher Nationalität seit Menschengedenken einen solchen Eindruck bei den sehr kritischen Moskauer Musikfreunden hinterließ", und wie bei den Konzerten in Städten der Sowjetunion von Riga bis zum Schwarzen Meer die Menschen weinten, den Pianisten küssten, einfach außer sich waren vor Enthusiasmus über diesen jungen Pianisten aus Amerika — in einer Zeitspanne, da sich die amerikanisch- sowjetrussischen Beziehungen auf einem Tiefstand befanden —, und wenn man schließlich die Berichte über die Heimkehr dieses „Klavierphänomens aus Texas" verfolgt, die mit Konfetti-Wolken überschneite „Welcome parade" zur City Hall von New York, den Empfang bei Präsident Eisenhower im Weißen Haus, die Urteile der amerikanischen Presse über den 24jährigen, noch wenige Monate vorher kaum bekannten Pianisten — dann greift man als braver, auf seine Tradition und seine Erfahrung eingebildeter Abendländer, speziell als Deutscher, zuerst einmal zu dem eigentlichen Dokument, das geeignet wäre, mangels persönlichen Auftretens des Künstlers uns sein hochgepriesenes Können zu übermitteln: die Schallplatte.
Und man ist zunächst etwas enttäuscht. Es gibt bisher nur zwei Langspielplatten mit Aufnahmen van Cliburns. Die eine enthalt das b-moll-Konzert Tschaikowskys; sie erschien sofort nach der Rückkehr van Cliburns aus der Sowjetunion und ist eine Studio-Aufnahme. Die zweite Platte mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow ist der erst ein Jahr später veröffentlichte „Mitschnitt" einer der Programmnummern des triumphalen Konzertes vom 19. Mai 1958. Konnte diese Platte schon nicht den hohen Standard technischer Qualität erreichen, den man heute erwarten darf, so ist auch die andere Aufnahme, monaural wie in stereophonischer Fassung, technisch nicht durchweg befriedigend (vgl. die Einzelbesprechungen in den Heften 1/59 und 4/59 des „fono forum").
Das ist in beiden Fallen um so bedauerlicher, als es sich wie gesagt um die einzigen Zeugnisse der pianistischen Kunst van Cliburns handelt. Unerfindlich, warum im Zeitraum von fast zwei Jahren nicht weitere Aufnahmen gemacht wurden, und zwar von Musik, deren Substanz ungleich größer ist als die der Konzerte von Tschaikowsky und Rachmaninow. Van Cliburn hat ja bei den „Vorrunden" des Moskauer Tschaikowsky- Wettbewerbs Werke von Mozart und Beethoven, Bach, Brahms und Chopin gespielt. Findet ihre Interpretation noch keine Gnade vor seinen eigenen Ohren, um sie der Schallplatte anzuvertrauen? Oder wurde in den Konzerten, die er inzwischen in Amerika absolviert hat, offenbar, dass er doch kein „Genie" ist — als welches ihn kein Geringerer als Emil Gilels bezeichnete —, sondern ein zweifellos außerordentlich begabter Könner, dessen geistige und künstlerische Spannweite möglicherweise doch zu begrenzt ist, um ihn in die erste Reihe der Klavier-Titanen nachrücken zu lassen?
Wir können die Frage nicht beantworten, wohl aber erneut bestätigen, dass van Cliburns zwei Konzertaufnahmen zu den besten Interpretationen der betreffenden Werke zählen, ja in Einzelheiten besonders des jugendlichen Elans, der überlegen klaren Zeichnung, einschließlich subtilen Details, darüber hinaus unerreicht dastehen. Nur der Komponist und Pianist Rachmaninow vermag die Eleganz und das delikate Rubato seines eigenen Konzertes werkgerechter wiederzugeben — „in a lordly style!" — als zwanzig Jahre später der junge amerikanische Klavierspieler, der diesem d-moll-Konzert dafür einen ergreifend intimen Ausdruck verleiht.
Die Daten des Lebens: La van Cliburn wurde am 12. Juli 1934 in Shreveport/Louisiana geboren und wuchs in dem Texas-Städtchen Kilgore auf. Die Mutter, selber ehemals Berufspianistin, gab dem hochbegabten Jungen den ersten Unterricht; mit 17 Jahren bezog er das angesehene Musikinstitut der Juilliard School in New York und absolvierte die Meisterklasse von Rosa Lhevinne, einer der besten Pädagoginnen. 1952 Chopin-Stipendium der Kosciuszko-Stiftung, zwei Jahre später die wichtige Auszeichnung des Leventritt-Preises. Im gleichen Jahr 1954 Debüt mit den New Yorker Philharmonikern und Konzerte im „Hinterland". Aber die Struktur des öffentlichen Musiklebens mit dem Übergewicht kommerziellen Denkens und des Starkults ließ den hervorragenden Nachwuchs-Pianisten nicht recht vorankommen.
Auf eigene Faust, ganz im geheimen und finanziell von Freunden unterstützt, nahm van Cliburn 1958 am Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau teil. Am 11. April siegte er über 50 Konkurrenten aus 19 Ländern, am 14. vollzog der Komponist Schostakowitsch die offizielle Ehrung mit Goldmedaille, Diplom und einem Geldpreis von 25.000 Rubel. Einer triumphalen Konzertreise durch russische Städte folgte Mitte Mai 1958 die Heimkehr. Die Amerikaner nennen den 19. Mai 1958 den dritten Markstein in der Geschichte ihrer Musik. Der erste war der 18. November 1954, als die Uraufführung von Rolf Liebermanns „Konzert für Jazzband und Orchester" Jazz-Fans und „Klassizisten" brüderlich vereinte; der zweite Markstein wurde am 7. Januar 1955 gesetzt, als mit Marian Anderson zum ersten Mal eine farbige Sängerin in der New Yorker Metropolitan Oper auftrat.
Anmerkung: Philips bereitet unter der Devise „the Philips and France's answer to van Cliburn" die Herausgabe von Aufnahmen mit dem französischen Pianisten Philippe Entremont vor.
Wenn man den Begeisterungsschrei hört, in den das Publikum der New Yorker Carnegie Hall am 19. Mai 1958 nach den letzten Akkorden des 3. Klavierkonzertes von Rachmaninow ausbricht — wenn man dann in russischen Zeitungen vom April 1958 liest, dass „kein Musiker irgendwelcher Nationalität seit Menschengedenken einen solchen Eindruck bei den sehr kritischen Moskauer Musikfreunden hinterließ", und wie bei den Konzerten in Städten der Sowjetunion von Riga bis zum Schwarzen Meer die Menschen weinten, den Pianisten küssten, einfach außer sich waren vor Enthusiasmus über diesen jungen Pianisten aus Amerika — in einer Zeitspanne, da sich die amerikanisch- sowjetrussischen Beziehungen auf einem Tiefstand befanden —, und wenn man schließlich die Berichte über die Heimkehr dieses „Klavierphänomens aus Texas" verfolgt, die mit Konfetti-Wolken überschneite „Welcome parade" zur City Hall von New York, den Empfang bei Präsident Eisenhower im Weißen Haus, die Urteile der amerikanischen Presse über den 24jährigen, noch wenige Monate vorher kaum bekannten Pianisten — dann greift man als braver, auf seine Tradition und seine Erfahrung eingebildeter Abendländer, speziell als Deutscher, zuerst einmal zu dem eigentlichen Dokument, das geeignet wäre, mangels persönlichen Auftretens des Künstlers uns sein hochgepriesenes Können zu übermitteln: die Schallplatte.
Und man ist zunächst etwas enttäuscht. Es gibt bisher nur zwei Langspielplatten mit Aufnahmen van Cliburns. Die eine enthalt das b-moll-Konzert Tschaikowskys; sie erschien sofort nach der Rückkehr van Cliburns aus der Sowjetunion und ist eine Studio-Aufnahme. Die zweite Platte mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow ist der erst ein Jahr später veröffentlichte „Mitschnitt" einer der Programmnummern des triumphalen Konzertes vom 19. Mai 1958. Konnte diese Platte schon nicht den hohen Standard technischer Qualität erreichen, den man heute erwarten darf, so ist auch die andere Aufnahme, monaural wie in stereophonischer Fassung, technisch nicht durchweg befriedigend (vgl. die Einzelbesprechungen in den Heften 1/59 und 4/59 des „fono forum").
Das ist in beiden Fallen um so bedauerlicher, als es sich wie gesagt um die einzigen Zeugnisse der pianistischen Kunst van Cliburns handelt. Unerfindlich, warum im Zeitraum von fast zwei Jahren nicht weitere Aufnahmen gemacht wurden, und zwar von Musik, deren Substanz ungleich größer ist als die der Konzerte von Tschaikowsky und Rachmaninow. Van Cliburn hat ja bei den „Vorrunden" des Moskauer Tschaikowsky- Wettbewerbs Werke von Mozart und Beethoven, Bach, Brahms und Chopin gespielt. Findet ihre Interpretation noch keine Gnade vor seinen eigenen Ohren, um sie der Schallplatte anzuvertrauen? Oder wurde in den Konzerten, die er inzwischen in Amerika absolviert hat, offenbar, dass er doch kein „Genie" ist — als welches ihn kein Geringerer als Emil Gilels bezeichnete —, sondern ein zweifellos außerordentlich begabter Könner, dessen geistige und künstlerische Spannweite möglicherweise doch zu begrenzt ist, um ihn in die erste Reihe der Klavier-Titanen nachrücken zu lassen?
Wir können die Frage nicht beantworten, wohl aber erneut bestätigen, dass van Cliburns zwei Konzertaufnahmen zu den besten Interpretationen der betreffenden Werke zählen, ja in Einzelheiten besonders des jugendlichen Elans, der überlegen klaren Zeichnung, einschließlich subtilen Details, darüber hinaus unerreicht dastehen. Nur der Komponist und Pianist Rachmaninow vermag die Eleganz und das delikate Rubato seines eigenen Konzertes werkgerechter wiederzugeben — „in a lordly style!" — als zwanzig Jahre später der junge amerikanische Klavierspieler, der diesem d-moll-Konzert dafür einen ergreifend intimen Ausdruck verleiht.
Die Daten des Lebens: La van Cliburn wurde am 12. Juli 1934 in Shreveport/Louisiana geboren und wuchs in dem Texas-Städtchen Kilgore auf. Die Mutter, selber ehemals Berufspianistin, gab dem hochbegabten Jungen den ersten Unterricht; mit 17 Jahren bezog er das angesehene Musikinstitut der Juilliard School in New York und absolvierte die Meisterklasse von Rosa Lhevinne, einer der besten Pädagoginnen. 1952 Chopin-Stipendium der Kosciuszko-Stiftung, zwei Jahre später die wichtige Auszeichnung des Leventritt-Preises. Im gleichen Jahr 1954 Debüt mit den New Yorker Philharmonikern und Konzerte im „Hinterland". Aber die Struktur des öffentlichen Musiklebens mit dem Übergewicht kommerziellen Denkens und des Starkults ließ den hervorragenden Nachwuchs-Pianisten nicht recht vorankommen.
Auf eigene Faust, ganz im geheimen und finanziell von Freunden unterstützt, nahm van Cliburn 1958 am Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau teil. Am 11. April siegte er über 50 Konkurrenten aus 19 Ländern, am 14. vollzog der Komponist Schostakowitsch die offizielle Ehrung mit Goldmedaille, Diplom und einem Geldpreis von 25.000 Rubel. Einer triumphalen Konzertreise durch russische Städte folgte Mitte Mai 1958 die Heimkehr. Die Amerikaner nennen den 19. Mai 1958 den dritten Markstein in der Geschichte ihrer Musik. Der erste war der 18. November 1954, als die Uraufführung von Rolf Liebermanns „Konzert für Jazzband und Orchester" Jazz-Fans und „Klassizisten" brüderlich vereinte; der zweite Markstein wurde am 7. Januar 1955 gesetzt, als mit Marian Anderson zum ersten Mal eine farbige Sängerin in der New Yorker Metropolitan Oper auftrat.
Anmerkung: Philips bereitet unter der Devise „the Philips and France's answer to van Cliburn" die Herausgabe von Aufnahmen mit dem französischen Pianisten Philippe Entremont vor.



