Zwei bedeutende Rundfunkdirigenten
Am Südwestfunk Baden-Baden: Hans Rosbaud

Der Typus des Dirigenten ist vielfältigen Wandlungen unterworfen und in jeder Generation verschieden ausgeprägt. An ihm lässt sich das geistige Klima ablesen, das diese Zeit beherrscht.
Natürlich gibt es Ausnahmen, die genialisch den Rahmen sprengen und so unnachahmlich wie überzeugend rückwärtsgewandt eine vergangene Epoche heraufbeschwören. In der Regel aber kann man bei fast allen Dirigenten einer Generation ein Gemeinsames entdecken, das, auf einen Nenner gebracht, eine Quintessenz ergibt, einen Punkt, in dem sich die im Grunde ähnlichen, von den jeweiligen Persönlichkeiten verschieden ausgeprägten Werte in einen Begriff verdichten, der die hauptsächlichen künstlerischen Züge einer Generation elementar und schlagkräftig beleuchtet.
Man konnte diesen Begriff, auf die Generation Hans Rosbauds bezogen, mit dem Wort kennzeichnen, das in den verschiedenen Äußerungen der Kunst die ganze damalige Zeit erfüllte, nämlich „Neue Sachlichkeit". Der Dirigent Hans Rosbaud ist in seiner reproduktiven Arbeit ein glänzendes Beispiel,' geradezu ein Prototyp dieser Epoche, deren größtes Problem in der Abkehr von einer übersteigerten, schwülstigen Romantik lag, der musizieren nicht die persönliche Ausdeutung des Kunstwerks bedeutete, sondern die einzig in der präzisen Verdeutlichung des Notentextes ihr höchstes Ziel sah.
Dass diese sachliche Haltung der Emotion weniger geneigt ist denn der Logik, dem Kalkül, der Stimmigkeit, liegt auf der Hand. Dass ihr dabei die neue Musik dieser Jahre mehr entgegenkam als die romantische oder die impressionistische, ist gleichfalls einleuchtend. Für Künstler wie Rosbaud ist nie der rauschhafte Affekt in der Musik bestimmend gewesen, sondern die Konzentration auf den Kern der Sache, nämlich Erfüllung des musikalischen Sinns zu erreichen durch unbedingte Ausgewogenheit der geistigen Beziehungen aller Details des Werkes untereinander. Immer mag ein guter Schuss Pädagogik in seine Interpretationen eingeflossen sein, aber dieses lehrhafte Element hat in gutem, in bestem Sinn auf die nächste, die jüngere Generation heilsam und bildend gewirkt.
Er hat sich jedoch niemals nur ausschließlich dem engen Sektor der zeitgenössischen Musik verpflichtet gefühlt, sondern gleichermaßen mit Hingabe und großem Erfolg sowohl die alten Meister als auch Klassik und Romantik gepflegt. In München sind seine zyklischen Aufführungen der Sinfonien Beethovens und Bruckners wie sein Einsatz für das Schaffen Mahlers unvergessen. Was er aber auch dirigierte — immer blieb er sich selber treu. Um nur ein Beispiel zu nennen: Unter der blendenden Oberfläche der irisierenden Orchesterfarben in Ravels „Alborado del grazioso" —, die gleichwohl Glanz und Pracht nicht vermissen lassen, geht es bei Rosbaud unter die Haut, unter deren gleißendem Effekt mit äußerster Genauigkeit und distanzierender Kühle dem Hörer gleichsam ein Röntgenbild der Musik gezeigt wird. Dieses Ideal ist mehr das des Musikers als des Musikanten, welche zwei Begriffe nicht scharf genug unterschieden werden können — zugunsten des Musikers.
Hans Rosbauds Lebenslauf entbehrt der Sensation. Geboren 1895 in Graz, studiert er in Frankfurt am Hochschen Konservatorium bei Sekles (Komposition) und Hoehn (Klavier). Es folgen Jahre der Arbeit als Direktor der Musikschule in Mainz, als Dirigent am Frankfurter Rundfunk, als Musikdirektor in Straßburg und Münster, nach dem Krieg als Chef der Münchener Philharmoniker. 1948 übernimmt er die Leitung des Südwestfunk-Sinfonieorchesters, dessen Dirigent er bis heute geblieben ist. In der Zusammenarbeit mit Heinrich Strobel kommt es hier zu einem hingebungsvollen, idealistischen Dienst an der zeitgenössischen Musik, die an diesem Sender seitdem eine Pflegestätte hat wie nirgendwo. Seit einigen Jahren ist Zürich das zweite Wirkungsfeld Hans Rosbauds. Hier führte er 1957 Schönbergs „Moses und Aron" zum ersten Male szenisch auf, nachdem er bereits 1954 die konzertante Uraufführung in Hamburg geleitet hatte. Außer vielen Gastspielen in allen europäischen Musikzentren ist er ständiger Gast internationaler Musikfeste, wie Aix-en-Provence, wo er durch seine Wiedergabe von Mozarts Opern Aufsehen erregte, und Donaueschingen, das seinen unermüdlichen Einsatz für die avantgardistische Musik unserer Zeit immer wieder demonstriert.
Dass die Schallplatte diesen bedeutenden Künstler nicht in größerem Maße herausgestellt hat, ist zu bedauern. In den Katalogen ist sein Name leider nur spärlich vertreten — zu Unrecht, wie uns scheint.
Der Typus des Dirigenten ist vielfältigen Wandlungen unterworfen und in jeder Generation verschieden ausgeprägt. An ihm lässt sich das geistige Klima ablesen, das diese Zeit beherrscht.
Natürlich gibt es Ausnahmen, die genialisch den Rahmen sprengen und so unnachahmlich wie überzeugend rückwärtsgewandt eine vergangene Epoche heraufbeschwören. In der Regel aber kann man bei fast allen Dirigenten einer Generation ein Gemeinsames entdecken, das, auf einen Nenner gebracht, eine Quintessenz ergibt, einen Punkt, in dem sich die im Grunde ähnlichen, von den jeweiligen Persönlichkeiten verschieden ausgeprägten Werte in einen Begriff verdichten, der die hauptsächlichen künstlerischen Züge einer Generation elementar und schlagkräftig beleuchtet.
Man konnte diesen Begriff, auf die Generation Hans Rosbauds bezogen, mit dem Wort kennzeichnen, das in den verschiedenen Äußerungen der Kunst die ganze damalige Zeit erfüllte, nämlich „Neue Sachlichkeit". Der Dirigent Hans Rosbaud ist in seiner reproduktiven Arbeit ein glänzendes Beispiel,' geradezu ein Prototyp dieser Epoche, deren größtes Problem in der Abkehr von einer übersteigerten, schwülstigen Romantik lag, der musizieren nicht die persönliche Ausdeutung des Kunstwerks bedeutete, sondern die einzig in der präzisen Verdeutlichung des Notentextes ihr höchstes Ziel sah.
Dass diese sachliche Haltung der Emotion weniger geneigt ist denn der Logik, dem Kalkül, der Stimmigkeit, liegt auf der Hand. Dass ihr dabei die neue Musik dieser Jahre mehr entgegenkam als die romantische oder die impressionistische, ist gleichfalls einleuchtend. Für Künstler wie Rosbaud ist nie der rauschhafte Affekt in der Musik bestimmend gewesen, sondern die Konzentration auf den Kern der Sache, nämlich Erfüllung des musikalischen Sinns zu erreichen durch unbedingte Ausgewogenheit der geistigen Beziehungen aller Details des Werkes untereinander. Immer mag ein guter Schuss Pädagogik in seine Interpretationen eingeflossen sein, aber dieses lehrhafte Element hat in gutem, in bestem Sinn auf die nächste, die jüngere Generation heilsam und bildend gewirkt.
Er hat sich jedoch niemals nur ausschließlich dem engen Sektor der zeitgenössischen Musik verpflichtet gefühlt, sondern gleichermaßen mit Hingabe und großem Erfolg sowohl die alten Meister als auch Klassik und Romantik gepflegt. In München sind seine zyklischen Aufführungen der Sinfonien Beethovens und Bruckners wie sein Einsatz für das Schaffen Mahlers unvergessen. Was er aber auch dirigierte — immer blieb er sich selber treu. Um nur ein Beispiel zu nennen: Unter der blendenden Oberfläche der irisierenden Orchesterfarben in Ravels „Alborado del grazioso" —, die gleichwohl Glanz und Pracht nicht vermissen lassen, geht es bei Rosbaud unter die Haut, unter deren gleißendem Effekt mit äußerster Genauigkeit und distanzierender Kühle dem Hörer gleichsam ein Röntgenbild der Musik gezeigt wird. Dieses Ideal ist mehr das des Musikers als des Musikanten, welche zwei Begriffe nicht scharf genug unterschieden werden können — zugunsten des Musikers.
Hans Rosbauds Lebenslauf entbehrt der Sensation. Geboren 1895 in Graz, studiert er in Frankfurt am Hochschen Konservatorium bei Sekles (Komposition) und Hoehn (Klavier). Es folgen Jahre der Arbeit als Direktor der Musikschule in Mainz, als Dirigent am Frankfurter Rundfunk, als Musikdirektor in Straßburg und Münster, nach dem Krieg als Chef der Münchener Philharmoniker. 1948 übernimmt er die Leitung des Südwestfunk-Sinfonieorchesters, dessen Dirigent er bis heute geblieben ist. In der Zusammenarbeit mit Heinrich Strobel kommt es hier zu einem hingebungsvollen, idealistischen Dienst an der zeitgenössischen Musik, die an diesem Sender seitdem eine Pflegestätte hat wie nirgendwo. Seit einigen Jahren ist Zürich das zweite Wirkungsfeld Hans Rosbauds. Hier führte er 1957 Schönbergs „Moses und Aron" zum ersten Male szenisch auf, nachdem er bereits 1954 die konzertante Uraufführung in Hamburg geleitet hatte. Außer vielen Gastspielen in allen europäischen Musikzentren ist er ständiger Gast internationaler Musikfeste, wie Aix-en-Provence, wo er durch seine Wiedergabe von Mozarts Opern Aufsehen erregte, und Donaueschingen, das seinen unermüdlichen Einsatz für die avantgardistische Musik unserer Zeit immer wieder demonstriert.
Dass die Schallplatte diesen bedeutenden Künstler nicht in größerem Maße herausgestellt hat, ist zu bedauern. In den Katalogen ist sein Name leider nur spärlich vertreten — zu Unrecht, wie uns scheint.



