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Zwei bedeutende Rundfunkdirigenten

Von
Hans Koeltzsch
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Als historische Aufnahme ist die Schallplatte Telefunken BLE 14102 des Teldec-Kataloges gekennzeichnet. Es handelt sich um die Aufnahme des Violinkonzertes von Beethoven mit Georg Kulenkampff als Solisten. Der musikalische Leiter dieser Aufnahme war der erste Dirigent, der sich mit dem neuen Medium Schallplatte und mit der „Konservierung" von Musik auf ihr praktisch befasste. In den zwanziger Jahren wurde sein Name durch eine Reihe ausgezeichneter Schallplattenaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern weithin bekannt, und Hans Schmidt-Isserstedt galt als Hausdirigent der Firma Telefunken.

Schmidt-Isserstedt stand damals am Beginn einer Karriere, die, ohne dass er es ahnte, in die Tätigkeit für ein anderes, der Schallplatte in gewissen Zügen verwandtes Medium einmünden sollte: den Rundfunk. Hier aber hatte er Vorgänger: Hans Rosbaud, der sich bereits in den Jahren 1929 bis 1937 an den Frankfurter Sender band und von 1948 an das Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden aufbaute — und neben ihm Eugen Jochum, 1932 bis 1934 musikalischer Leiter der Berliner Funkstunde, 1949 bis 1960 Chef des Sinfonieorchesters am Bayerischen Rundfunk. (Als vierter im Bund dieser namhaften Rundfunkdirigenten wäre Hans Müller-Kray zu nennen, der seit 1948 in Personalunion Leiter der Musikabteilung und des Sinfonieorchesters beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart ist.)

Als Hans Schmidt-Isserstedt vor kurzem (am 5. Mai 1960) seinen 60. Geburtstag feierte — mit einem vom Norddeutschen Rundfunk übertragenen Sonderkonzert, am Vorabend mit einer Aufführung des von ihm einstudierten „Don Giovanni" an der Hamburgischen Staatsoper —, wurde unter anderem die kontinuierliche Arbeit gepriesen, die er seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten mit einem und demselben Orchester, mit „seinem" Orchester, im Dienste des Rundfunks leistet. „Mein Wunschtraumorchester", so nannte er einmal das große Ensemble, das er im Sommer 1945, mitten in den Nöten und Wirren des Zusammenbruchs, auf englischen Befehl aus 600 000 deutschen Kriegsgefangenen riesiger Lager des Landes Schleswig-Holstein zusammensuchte. In kurzer Zeit machte er es zum namhaftesten Rundfunk-Sinfonieorchester, ja zu einem der ersten europäischen Orchester überhaupt.

„Es waren, die kürzesten Jahre meines Lebens, und die Arbeit bildete eine stete Quelle heimlicher Sorgen und unheimlicher Freuden", sagte Hans Schmidt-Isserstedt im Gespräch mit dem Verfasser dieser Zeilen. In Hamburg und innerhalb des Musikprogramms des Norddeutschen Rundfunks vermochte er in konstanter Fülle das zu verwirklichen, was ihm an werktreuer Interpretationskunst vorschwebt: klassisches Musikgut, Mozart voran, und viele Zeugnisse modernen Schaffens. Man sieht's ihm nicht an, dass er schon 60 ist, und gar nichts von diesem betagten Alter ist zu spüren in seinem Humor, seiner Berliner Schlagfertigkeit, in dem jugendlichen Schwung, der natürliehen Frische seines Musizierens, ganz abgesehen von der Klarheit und Geradheit seiner künstlerischen Gesinnung.

Schmidt-Isserstedts Terminkalender war und ist dicht besetzt. 75 Orchester hat er bisher dirigiert, hat die ganze Welt bereist — aber der Hauptteil seiner Arbeitskraft galt immer dem Rundfunk. Nicht nur den regelmäßigen öffentlichen Konzerten der Wintersaison, sondern auch der eigentlichen Rundfunkarbeit, jenen vielen Aufgaben, die sich zunächst intern vollziehen — Bandaufnahmen für langfristige Planungen, Ergänzung und Erneuerung des für ein umfassend angelegtes Musikprogramm notwendigen Aufnahmebestandes, Konzerte im Sendesaal des Hamburger Hauses — und die oft erst später innerhalb des unaufhörlich laufenden Musikprogramms gleichsam ans Tageslicht gelangen. Darüber hinaus war es Schmidt-Isserstedt ein Bedürfnis — wie jedem Rundfunkdirigenten —, so weit es die Zeit erlaubte, Einladungen zu Gastspielen zu folgen, ja selbst in maßgeblicher Funktion außerhalb des Hamburger Funkhauses tätig zu sein (seit 1955 leitet er als deutscher Chef die Stockholmer Philharmoniker).

Als Ergänzung dieses Umrisses der Weg des Lebens: am 5. Mai 1900 in Berlin geboren; im Vaterhaus wurde viel Musik gemacht, an der der auffallend begabte Junge mit der Geige seinen Anteil hatte. Nach dem humanistischen Abitur Studium der Musik und der Musikwissenschaft, letzteres mit Promotion zum Dr. phil. und mit einer Dissertation über Mozart abschließend. Dann ging's in die Praxis des Operntheaters, und der Korrepetitor von Wuppertal saß oft am Geigenpult und beobachtete den Kapellmeister . . . Bald stand er selber an dessen Stelle; das war in Rostock und wurde erfolgreich im avantgardistischen Darmstadt fortgesetzt. 1933 kaltgestellt, wurde Schmidt-Isserstedt ein Jahr später Leiter der „Deutschen Musikbühne" des Erbprinzen Reuß. 1935 schon holte ihn die Hamburger Staatsoper, und 1943 wurde er Operndirektor des Charlottenburger Opernhauses. Als das von Bomben zerstört war, wurde im Admiralspalast weiter Oper gemacht, und als auch das ein Ende hatte — durch die vom „totalen Krieg" bedingte Schließung aller Musenstätten —, dirigierte Schmidt-Isserstedt die letzte Vorstellung, seine unvergessliche „Figaro "-Einstudierung.

Der Rest wurde bereits angedeutet: Aufbau eines Spitzenorchesters von internationalem Ruf, über das die in- und ausländische Presse schon viele Lobeshymnen schrieb — innere Disziplin, eines der besten Europas.

Als historische Aufnahme ist die Schallplatte Telefunken BLE 14102 des Teldec-Kataloges gekennzeichnet. Es handelt sich um die Aufnahme des Violinkonzertes von Beethoven mit Georg Kulenkampff als Solisten. Der musikalische Leiter dieser Aufnahme war der erste Dirigent, der sich mit dem neuen Medium Schallplatte und mit der „Konservierung" von Musik auf ihr praktisch befasste. In den zwanziger Jahren wurde sein Name durch eine Reihe ausgezeichneter Schallplattenaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern weithin bekannt, und Hans Schmidt-Isserstedt galt als Hausdirigent der Firma Telefunken.

Schmidt-Isserstedt stand damals am Beginn einer Karriere, die, ohne dass er es ahnte, in die Tätigkeit für ein anderes, der Schallplatte in gewissen Zügen verwandtes Medium einmünden sollte: den Rundfunk. Hier aber hatte er Vorgänger: Hans Rosbaud, der sich bereits in den Jahren 1929 bis 1937 an den Frankfurter Sender band und von 1948 an das Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden aufbaute — und neben ihm Eugen Jochum, 1932 bis 1934 musikalischer Leiter der Berliner Funkstunde, 1949 bis 1960 Chef des Sinfonieorchesters am Bayerischen Rundfunk. (Als vierter im Bund dieser namhaften Rundfunkdirigenten wäre Hans Müller-Kray zu nennen, der seit 1948 in Personalunion Leiter der Musikabteilung und des Sinfonieorchesters beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart ist.)

Als Hans Schmidt-Isserstedt vor kurzem (am 5. Mai 1960) seinen 60. Geburtstag feierte — mit einem vom Norddeutschen Rundfunk übertragenen Sonderkonzert, am Vorabend mit einer Aufführung des von ihm einstudierten „Don Giovanni" an der Hamburgischen Staatsoper —, wurde unter anderem die kontinuierliche Arbeit gepriesen, die er seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten mit einem und demselben Orchester, mit „seinem" Orchester, im Dienste des Rundfunks leistet. „Mein Wunschtraumorchester", so nannte er einmal das große Ensemble, das er im Sommer 1945, mitten in den Nöten und Wirren des Zusammenbruchs, auf englischen Befehl aus 600 000 deutschen Kriegsgefangenen riesiger Lager des Landes Schleswig-Holstein zusammensuchte. In kurzer Zeit machte er es zum namhaftesten Rundfunk-Sinfonieorchester, ja zu einem der ersten europäischen Orchester überhaupt.

„Es waren, die kürzesten Jahre meines Lebens, und die Arbeit bildete eine stete Quelle heimlicher Sorgen und unheimlicher Freuden", sagte Hans Schmidt-Isserstedt im Gespräch mit dem Verfasser dieser Zeilen. In Hamburg und innerhalb des Musikprogramms des Norddeutschen Rundfunks vermochte er in konstanter Fülle das zu verwirklichen, was ihm an werktreuer Interpretationskunst vorschwebt: klassisches Musikgut, Mozart voran, und viele Zeugnisse modernen Schaffens. Man sieht's ihm nicht an, dass er schon 60 ist, und gar nichts von diesem betagten Alter ist zu spüren in seinem Humor, seiner Berliner Schlagfertigkeit, in dem jugendlichen Schwung, der natürliehen Frische seines Musizierens, ganz abgesehen von der Klarheit und Geradheit seiner künstlerischen Gesinnung.

Schmidt-Isserstedts Terminkalender war und ist dicht besetzt. 75 Orchester hat er bisher dirigiert, hat die ganze Welt bereist — aber der Hauptteil seiner Arbeitskraft galt immer dem Rundfunk. Nicht nur den regelmäßigen öffentlichen Konzerten der Wintersaison, sondern auch der eigentlichen Rundfunkarbeit, jenen vielen Aufgaben, die sich zunächst intern vollziehen — Bandaufnahmen für langfristige Planungen, Ergänzung und Erneuerung des für ein umfassend angelegtes Musikprogramm notwendigen Aufnahmebestandes, Konzerte im Sendesaal des Hamburger Hauses — und die oft erst später innerhalb des unaufhörlich laufenden Musikprogramms gleichsam ans Tageslicht gelangen. Darüber hinaus war es Schmidt-Isserstedt ein Bedürfnis — wie jedem Rundfunkdirigenten —, so weit es die Zeit erlaubte, Einladungen zu Gastspielen zu folgen, ja selbst in maßgeblicher Funktion außerhalb des Hamburger Funkhauses tätig zu sein (seit 1955 leitet er als deutscher Chef die Stockholmer Philharmoniker).

Als Ergänzung dieses Umrisses der Weg des Lebens: am 5. Mai 1900 in Berlin geboren; im Vaterhaus wurde viel Musik gemacht, an der der auffallend begabte Junge mit der Geige seinen Anteil hatte. Nach dem humanistischen Abitur Studium der Musik und der Musikwissenschaft, letzteres mit Promotion zum Dr. phil. und mit einer Dissertation über Mozart abschließend. Dann ging's in die Praxis des Operntheaters, und der Korrepetitor von Wuppertal saß oft am Geigenpult und beobachtete den Kapellmeister . . . Bald stand er selber an dessen Stelle; das war in Rostock und wurde erfolgreich im avantgardistischen Darmstadt fortgesetzt. 1933 kaltgestellt, wurde Schmidt-Isserstedt ein Jahr später Leiter der „Deutschen Musikbühne" des Erbprinzen Reuß. 1935 schon holte ihn die Hamburger Staatsoper, und 1943 wurde er Operndirektor des Charlottenburger Opernhauses. Als das von Bomben zerstört war, wurde im Admiralspalast weiter Oper gemacht, und als auch das ein Ende hatte — durch die vom „totalen Krieg" bedingte Schließung aller Musenstätten —, dirigierte Schmidt-Isserstedt die letzte Vorstellung, seine unvergessliche „Figaro "-Einstudierung.

Der Rest wurde bereits angedeutet: Aufbau eines Spitzenorchesters von internationalem Ruf, über das die in- und ausländische Presse schon viele Lobeshymnen schrieb — innere Disziplin, eines der besten Europas.