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Ausverkauf in Stimmbändern

Von
Egon Wolff
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 1960
Lesezeit ca.
Minuten

Ihr Terminkalender ist bereits bis ins Jahr 1962 hinein randvoll mit Verpflichtungen. Nach der Premiere und zwei weiteren Aufführungen von Strawinskys „Die Nachtigall" Anfang Mai an der Kölner Oper fuhr Erika Koth nach Wien, wo sie bis 1. Juni als Clairon in „Capriccio" von Richard Strauss auf der Bühne der Staatsoper steht. Dann gastiert sie bei den Festwochen in Mainz, Ettlingen, Ludwigsburg, Wien und Köln, und anschließend geht's nach Berlin, wo sie unter Herbert von Karajan die Adele für eine Schallplatten-Gesamtaufnahme der „Fledermaus" singt. Im Juli ist sie für „Wozzeck" und „Capriccio" nach Amsterdam verpflichtet, und dann wird Erika Köth zum ersten Mal nach sechs Jahren ein paar Wochen Urlaub machen. Gleich danach, im August, ist sie bei den Festspielen in Salzburg und München mit dabei. „In Salzburg habe ich fünf und in München siebzehn Vorstellungen!", erzählt sie. „Nebenbei gebe ich auch noch einen Liederabend, und das alles innerhalb von vier Wochen!" Im September wird sich die Kammersängerin in ihrer Paraderolle, der „Königin der Nacht" in Mozarts „Zauberflöte", dem Publikum des Londoner Covent Garden vorstellen, und im Oktober stehen Liederabende in zwölf deutschen Städten auf ihrem Programm. Von November bis Januar singt sie an der Bayerischen Staatsoper in München, unter anderem in „Don Pasquale", „Angelina" und „Schule der Frauen", im Februar gastiert sie in Berlin, und im März und April ist sie in Moskau und Tokio. Hier wird sie Lieder- und Arienabende geben und außerdem in zwei Aufführungen des Bolschoi-Theaters mitwirken.

Es ist ein wahrhaft bemerkenswertes, aber doch auch sehr strapaziöses Programm, das während der kommenden Monate auf die im In- und Ausland gleichermaßen begehrte Sopranistin wartet. „Ausverkauf in Stimmbändern!", nennt Erika Köth lachend diese Flut von Terminen. Gleich darauf aber gesteht sie, dass sie manchmal, wenn es gar zu viel werde, den Wunsch habe, nur bei drei Bühnen unter Vertrag zu stehen, etwa Berlin, München und Wien, und nicht heute hier und morgen dort zu sein und sich ständig mit neuen Dirigenten und Ensembles „zusammenraufen" zu müssen. Aber sie weiß, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Überall will man sie hören, und Erika Köth will und kann ihr Publikum nicht enttäuschen. Solche Augenblicke des Überdrusses an den Schattenseiten ihres Starruhms aber seien nur von kurzer Dauer, kommentiert ihr Gatte und Manager Ernst Dorn, den die Kammersängerin ihren „strengsten Kritiker" nennt. Seine Frau sei viel zu sehr ein Kind des Theaters, um nicht immer wieder auf's neue, trotz allem, dem Zauber der Bühne zu erliegen und mit Leib und Seele in ihrem Beruf aufzugehen. Also wird Erika Köth auch weiterhin acht Monate des Jahres „aus dem Koffer" leben, wird sie ihr Heimweh und ihre Abneigung gegen weite Reisen unterdrücken, um die Musikfreunde diesseits und jenseits unserer Grenzen mit ihrer herrlichen Stimme zu begeistern.

Schon seit zehn Jahren ist Erika Köth eine der Favoritinnen des Opernpublikums. Nach ihrem Debüt am Pfalztheater Kaiserslautern im Jahre 1948 wurde sie 1950 an das Badische Staatstheater in Karlsruhe verpflichtet, und hier errang sie unter Otto Matzerath ihre ersten aufsehenerregenden Erfolge. 1953 holte die Bayerische Staatsoper die gebürtige Darmstädterin als erste Koloratursängerin nach München, Wilhelm Furtwängler engagierte sie für die Salzburger Festspiele, und dann meldeten sich die Musikmetropolen der Welt: Berlin, Wien, Mailand, London und New York. Im Januar des vergangenen Jahres sollte sie an der Metropolitan Opera die Gilda in „Rigoletto" und die „Königin der Nacht" singen; doch eine Erkrankung zwang sie, dieses Gastspiel schweren Herzens abzusagen. Ein Jahr zuvor bereits hatte sie die riesige Hollywood Bowl mit ihren 10 000 Plätzen zu füllen vermocht. Es war ein einzigartiges Erlebnis für Erika Köth, nur an die Flugreise denkt sie nicht gerne zurück. Vor dem Fliegen hat sie nämlich eine geradezu panische Angst, und zu allem Überfluss macht ihr auch noch die Luftkrankheit zu schaffen. Also nahm sie vor dem Heimflug nach München sogenannte „Happy Mood"~Pillen ein, um die weite Reise angst- und beschwerdenlos zu überstehen. „Ich war noch drei Tage hinterher happy!", schmunzelt die Künstlerin. „Mir war, als wandele ich auf rosa Wölkchen!" Auch in Paris ist Erika Köth ein gern gesehener Gast. Bei ihrem letzten Gastspiel hier geschah es, dass infolge eines Kurzschlusses mit dem letzten Ton ihrer ersten Arie als „Königin der Nacht" schlagartig das Licht im ganzen Theater erlosch, was einen Minister zu der Bemerkung veranlasste: „Diese Frau verzaubert mit ihrer Stimme sogar das Licht!" In Paris war es auch, wo man Erika Köth das schönste von allen Komplimenten machte. Nach einem ihrer Gastspiele meinte Francois-Poncet, der ehemalige französische Botschafter und Hohe Kommissar in Deutschland: „jetzt weiß ich auch, warum es in deutsch ,Die Nachtigall' heißt und nicht wie bei uns ,Le Rossignol'!"

Die „Königin der Nacht" taucht immer wieder in der Liste ihrer großen Erfolge auf. 256mal hat Erika Köth diese Rolle bereits gesungen. Dann folgen als meistgesungene Partien die Konstanze in „Entführung aus dem Serail" und die Gilda in „Rigoletto". Ihre Lieblingsrolle aber ist die Lucia in „Lucia di Lammermoor", in der sie innerhalb von drei Jahren schon 50mal die Opernbesucher zu wahren Beifallsstürmen hingerissen hat. Eine Partie gibt es, die Erika Köth noch nie gesungen hat, die sie aber für ihr Leben gern einmal singen würde: die Butterfly. „Aber leider fällt diese Rolle nicht in mein Fach, es sei denn, man würde die Oper einmal ganz lyrisch inszenieren!", meint die Kammersängerin. Die Frage nach den Kolleginnen, deren Stimmen sie am meisten schätzt, beantwortet Erika Köth ohne zu überlegen mit: „Renata Tebaldi und Giulietta Simionato!"

Vor einiger Zeit wurde Erika Köth der Bayerische Verdienstorden verliehen, eine Auszeichnung, die insgesamt nur 2000- mal vergeben wird, und der Gemeinderat von Baldham bei München gab vor zwei Jahren dem Weg, an dem ihr Haus steht, den Namen „Erika-Köth-Weg". Mehr noch als diese Ehrungen aber dürfte der Beifall, der sie fast allabendlich in den Opernhäusern oder Konzertsälen umbrandet, Lohn und. Dank zugleich sein für ihre Kunst, mit der sie die Menschen in aller Welt immer wieder neu verzaubert und beglückt.

Ihr Terminkalender ist bereits bis ins Jahr 1962 hinein randvoll mit Verpflichtungen. Nach der Premiere und zwei weiteren Aufführungen von Strawinskys „Die Nachtigall" Anfang Mai an der Kölner Oper fuhr Erika Koth nach Wien, wo sie bis 1. Juni als Clairon in „Capriccio" von Richard Strauss auf der Bühne der Staatsoper steht. Dann gastiert sie bei den Festwochen in Mainz, Ettlingen, Ludwigsburg, Wien und Köln, und anschließend geht's nach Berlin, wo sie unter Herbert von Karajan die Adele für eine Schallplatten-Gesamtaufnahme der „Fledermaus" singt. Im Juli ist sie für „Wozzeck" und „Capriccio" nach Amsterdam verpflichtet, und dann wird Erika Köth zum ersten Mal nach sechs Jahren ein paar Wochen Urlaub machen. Gleich danach, im August, ist sie bei den Festspielen in Salzburg und München mit dabei. „In Salzburg habe ich fünf und in München siebzehn Vorstellungen!", erzählt sie. „Nebenbei gebe ich auch noch einen Liederabend, und das alles innerhalb von vier Wochen!" Im September wird sich die Kammersängerin in ihrer Paraderolle, der „Königin der Nacht" in Mozarts „Zauberflöte", dem Publikum des Londoner Covent Garden vorstellen, und im Oktober stehen Liederabende in zwölf deutschen Städten auf ihrem Programm. Von November bis Januar singt sie an der Bayerischen Staatsoper in München, unter anderem in „Don Pasquale", „Angelina" und „Schule der Frauen", im Februar gastiert sie in Berlin, und im März und April ist sie in Moskau und Tokio. Hier wird sie Lieder- und Arienabende geben und außerdem in zwei Aufführungen des Bolschoi-Theaters mitwirken.

Es ist ein wahrhaft bemerkenswertes, aber doch auch sehr strapaziöses Programm, das während der kommenden Monate auf die im In- und Ausland gleichermaßen begehrte Sopranistin wartet. „Ausverkauf in Stimmbändern!", nennt Erika Köth lachend diese Flut von Terminen. Gleich darauf aber gesteht sie, dass sie manchmal, wenn es gar zu viel werde, den Wunsch habe, nur bei drei Bühnen unter Vertrag zu stehen, etwa Berlin, München und Wien, und nicht heute hier und morgen dort zu sein und sich ständig mit neuen Dirigenten und Ensembles „zusammenraufen" zu müssen. Aber sie weiß, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Überall will man sie hören, und Erika Köth will und kann ihr Publikum nicht enttäuschen. Solche Augenblicke des Überdrusses an den Schattenseiten ihres Starruhms aber seien nur von kurzer Dauer, kommentiert ihr Gatte und Manager Ernst Dorn, den die Kammersängerin ihren „strengsten Kritiker" nennt. Seine Frau sei viel zu sehr ein Kind des Theaters, um nicht immer wieder auf's neue, trotz allem, dem Zauber der Bühne zu erliegen und mit Leib und Seele in ihrem Beruf aufzugehen. Also wird Erika Köth auch weiterhin acht Monate des Jahres „aus dem Koffer" leben, wird sie ihr Heimweh und ihre Abneigung gegen weite Reisen unterdrücken, um die Musikfreunde diesseits und jenseits unserer Grenzen mit ihrer herrlichen Stimme zu begeistern.

Schon seit zehn Jahren ist Erika Köth eine der Favoritinnen des Opernpublikums. Nach ihrem Debüt am Pfalztheater Kaiserslautern im Jahre 1948 wurde sie 1950 an das Badische Staatstheater in Karlsruhe verpflichtet, und hier errang sie unter Otto Matzerath ihre ersten aufsehenerregenden Erfolge. 1953 holte die Bayerische Staatsoper die gebürtige Darmstädterin als erste Koloratursängerin nach München, Wilhelm Furtwängler engagierte sie für die Salzburger Festspiele, und dann meldeten sich die Musikmetropolen der Welt: Berlin, Wien, Mailand, London und New York. Im Januar des vergangenen Jahres sollte sie an der Metropolitan Opera die Gilda in „Rigoletto" und die „Königin der Nacht" singen; doch eine Erkrankung zwang sie, dieses Gastspiel schweren Herzens abzusagen. Ein Jahr zuvor bereits hatte sie die riesige Hollywood Bowl mit ihren 10 000 Plätzen zu füllen vermocht. Es war ein einzigartiges Erlebnis für Erika Köth, nur an die Flugreise denkt sie nicht gerne zurück. Vor dem Fliegen hat sie nämlich eine geradezu panische Angst, und zu allem Überfluss macht ihr auch noch die Luftkrankheit zu schaffen. Also nahm sie vor dem Heimflug nach München sogenannte „Happy Mood"~Pillen ein, um die weite Reise angst- und beschwerdenlos zu überstehen. „Ich war noch drei Tage hinterher happy!", schmunzelt die Künstlerin. „Mir war, als wandele ich auf rosa Wölkchen!" Auch in Paris ist Erika Köth ein gern gesehener Gast. Bei ihrem letzten Gastspiel hier geschah es, dass infolge eines Kurzschlusses mit dem letzten Ton ihrer ersten Arie als „Königin der Nacht" schlagartig das Licht im ganzen Theater erlosch, was einen Minister zu der Bemerkung veranlasste: „Diese Frau verzaubert mit ihrer Stimme sogar das Licht!" In Paris war es auch, wo man Erika Köth das schönste von allen Komplimenten machte. Nach einem ihrer Gastspiele meinte Francois-Poncet, der ehemalige französische Botschafter und Hohe Kommissar in Deutschland: „jetzt weiß ich auch, warum es in deutsch ,Die Nachtigall' heißt und nicht wie bei uns ,Le Rossignol'!"

Die „Königin der Nacht" taucht immer wieder in der Liste ihrer großen Erfolge auf. 256mal hat Erika Köth diese Rolle bereits gesungen. Dann folgen als meistgesungene Partien die Konstanze in „Entführung aus dem Serail" und die Gilda in „Rigoletto". Ihre Lieblingsrolle aber ist die Lucia in „Lucia di Lammermoor", in der sie innerhalb von drei Jahren schon 50mal die Opernbesucher zu wahren Beifallsstürmen hingerissen hat. Eine Partie gibt es, die Erika Köth noch nie gesungen hat, die sie aber für ihr Leben gern einmal singen würde: die Butterfly. „Aber leider fällt diese Rolle nicht in mein Fach, es sei denn, man würde die Oper einmal ganz lyrisch inszenieren!", meint die Kammersängerin. Die Frage nach den Kolleginnen, deren Stimmen sie am meisten schätzt, beantwortet Erika Köth ohne zu überlegen mit: „Renata Tebaldi und Giulietta Simionato!"

Vor einiger Zeit wurde Erika Köth der Bayerische Verdienstorden verliehen, eine Auszeichnung, die insgesamt nur 2000- mal vergeben wird, und der Gemeinderat von Baldham bei München gab vor zwei Jahren dem Weg, an dem ihr Haus steht, den Namen „Erika-Köth-Weg". Mehr noch als diese Ehrungen aber dürfte der Beifall, der sie fast allabendlich in den Opernhäusern oder Konzertsälen umbrandet, Lohn und. Dank zugleich sein für ihre Kunst, mit der sie die Menschen in aller Welt immer wieder neu verzaubert und beglückt.