Porträt: Eigen Jochum
Erschienen im FONO FORUM im Juni 1960

Wenn es auf dem Gebiet des musikalischen Interpretentums so etwas wie eine „Erbschaft" gibt, die von einem Meister hinterlassen, von einem jüngeren aufgenommen und verwaltet wird, so kann man sagen, dass unter den heute lebenden deutschen Dirigenten der 1902 geborene Schwabe Eugen Jochum insbesondere ein Erbe Wilhelm Furtwänglers heißen darf. Es handelt sich bei diesem Erbschaftsbegriff nicht um eine Nachfolge im Amt, nicht um die gleiche Nummer in der Rangliste der internationalen Wertnotierung, auch nicht um die Übernahme technischer Eigenheiten, die Sache eines Nachahmungstalents, nicht einer vollwertigen Könnerschaft eigenen Gepräges wäre. Es handelt sich vielmehr um ein Weiterwirken verwandter „Art", verwandten Geistes, verwandter künstlerischer Gesinnung. Und damit ist in diesem Falle schon eine gewisse Sonderstellung gekennzeichnet, denn eigentlich war auch Furtwängler in seiner letzten Lebensepoche bereits Repräsentant einer Musikauffassung, die von der nachrückenden Generation zu Unrecht pauschal mit dem sehr vereinfachenden Schlagwort „romantisierend" der Rückständigkeit verdächtigt wurde. Dabei geht es hier gar nicht primär um eine Frage des Stils, sondern um die Frage der grundsätzlichen Sinngebung musikalischen Schaffens und Nachschaffens überhaupt. Um die Bejahung oder Verneinung „beseelter" Kunst, um das Humanum im Artifiziellen also, dies freilich nach Maßgabe der Temperamentsanlage und der stilistischen Orientierung individuell stark variiert und spezialisiert.
Im Sinne dieser Grundeinstellung — nicht faktisch im Sinne der Handwerkslehre — ist Eugen Jochum gewissermaßen ein Eleve Furtwänglers gewesen und eben vielleicht sein anhänglichster. Den ehemaligen Absolventen des Augsburger Konservatoriums und der Münchener Akademie der Tonkunst, gewesenen Kompositionsschüler Hermann Wolfgang v. Waltershausens, Dirigierschüler Hugo Rohrs und Siegmund v. Hauseggers konnte man, als er nach den Stationen München und Mönchengladbach am Stadttheater Kiel kapellmeisterte, bei manchem Gastkonzert der Berliner Philharmoniker unter Furtwängler im Hamburger Coventgarten mit der Partitur auf dem Balkon über dem Orchester sitzen und Notizen machen sehen: ein immer noch dem Lernen und der Belehrung Geöffneter, obwohl selbst schon nicht mehr ohne Erfahrung und in verantwortlicher Stellung. Sein Weg führte ihn dann weiter als Operndirigenten an Furtwänglers ehemalige Wirkungsstätte, das Nationaltheater in Mannheim (1929—30), als Generalmusikdirektor nach Duisburg (1930—32), als Chefdirigenten der „Funkstunde" nach Berlin (1932—34), als Generalmusikdirektor an die Hamburgische Staatsoper (1934 bis 45), schließlich 1949 als Leiter der Symphoniekonzerte des Bayerischen Rundfunks nach München. Daneben liefen schon bald viele und ausgedehnte Gastspielreisen (vor kurzem erst eine mehrwöchige Amerikatournee), gab es ein Intermezzo im Bayreuther Festspielhaus und zahlreiche Schallplattenaufnahmen.
Zur Zeit seiner Tätigkeit an der Berliner Funkstunde war Jochum noch einer von ganz wenigen Dirigenten der ersten Garnitur, die ihre Arbeit und das Gewicht ihres Namens in den Dienst des Rundfunks stellten. Sein Amt am Bayerischen Rundfunk trat er bereits im Besitze genauester Sachkenntnis an. Dem Münchner Sender ist das sehr zugute gekommen. Vor allem hat er es Eugen Jochum zu danken, dass er heute über ein Symphonieorchester von Weltrang verfügt, ohne das die inzwischen berühmt gewordenen Musica-viva-Konzerte niemals das weitreichende Interesse hätten finden können, das ihnen heute gezollt wird. Insofern haben auch die Ritter vom „Avantgardismus" allen Grund, dem Gründer und Erzieher dieses hervorragenden Klangkörpers ein dankbares Gedenken zu widmen, wenn er demnächst München verlassen wird, um gemeinsam mit dem bisherigen Leiter des Radio-Philharmonie- Orchesters Hilversum, Bernard Haitink, die ständige Führung des Concertgebouw-Orchesters zu Amsterdam zu übernehmen, das er schon wiederholt auf Gastreisen dirigiert hat und mit dem er in der nächsten Saison etwa 30 Konzerte in den USA und in Kanada geben wird.
Was aber macht denn nun das eigentliche, persönliche Profil des Dirigenten Eugen Jochum aus? Wohl in erster Linie seine Inklination zu religiös-spirituell betonter, doch sensueller Wirksamkeit zugeneigter Musik, die ihn zum inbrünstigen Bruckner-Apostel (seit 1950 Präsident der deutschen Sektion der Internationalen Bruckner-Gesellschaft), zum prädestinierten Händel-Dirigenten und zum verdienstvollen Wiedererwecker des „geistlichen" Monteverdi machte. Wobei bemerkt zu werden verdient, dass er in puncto Bruckner sehr entschieden von dem einstigen Vorbild Furtwängler abweicht, da er in ehrfurchtsvoller Gesinnungstreue und aus wohlbedachten musikalischen Gründen den originalen und strichlosen Bruckner kultiviert, den Furtwängler für korrektionsbedürftig hielt.
Jedenfalls ist es bezeichnend für das Charakterbild Eugen Jochums, dass man, um es in das richtige Blickfeld zu bekommen, nicht so sehr nach — mehr oder weniger „interessanten" — handwerklichen Besonderheiten fragen darf, als nach der geistigen Haltung, die in seiner Musikalität zum Ausdruck drängt. Denn sie ist es, die seinen Musizierstil bestimmt, die auch seine feste Verankerung in der klassischen und romantischen Tradition begründet und sein Verhältnis zum zeitgenössischen Schaffen nach den Gesetzen eines sehr empfindlichen Verantwortungsgefühls reguliert. Was besagt, dass der häufig erhobene Vorwurf, Jochum sei „gegen die neue Musik", redlicherweise nicht aufrecht erhalten werden kann. Nur gehört er freilich zu den selten gewordenen Künstlern, die nicht „neu" und „alt" für wesentliche Unterschiede halten, sondern „gut" und „schlecht" oder auch „gemusst" und „gewollt".
Wenn es auf dem Gebiet des musikalischen Interpretentums so etwas wie eine „Erbschaft" gibt, die von einem Meister hinterlassen, von einem jüngeren aufgenommen und verwaltet wird, so kann man sagen, dass unter den heute lebenden deutschen Dirigenten der 1902 geborene Schwabe Eugen Jochum insbesondere ein Erbe Wilhelm Furtwänglers heißen darf. Es handelt sich bei diesem Erbschaftsbegriff nicht um eine Nachfolge im Amt, nicht um die gleiche Nummer in der Rangliste der internationalen Wertnotierung, auch nicht um die Übernahme technischer Eigenheiten, die Sache eines Nachahmungstalents, nicht einer vollwertigen Könnerschaft eigenen Gepräges wäre. Es handelt sich vielmehr um ein Weiterwirken verwandter „Art", verwandten Geistes, verwandter künstlerischer Gesinnung. Und damit ist in diesem Falle schon eine gewisse Sonderstellung gekennzeichnet, denn eigentlich war auch Furtwängler in seiner letzten Lebensepoche bereits Repräsentant einer Musikauffassung, die von der nachrückenden Generation zu Unrecht pauschal mit dem sehr vereinfachenden Schlagwort „romantisierend" der Rückständigkeit verdächtigt wurde. Dabei geht es hier gar nicht primär um eine Frage des Stils, sondern um die Frage der grundsätzlichen Sinngebung musikalischen Schaffens und Nachschaffens überhaupt. Um die Bejahung oder Verneinung „beseelter" Kunst, um das Humanum im Artifiziellen also, dies freilich nach Maßgabe der Temperamentsanlage und der stilistischen Orientierung individuell stark variiert und spezialisiert.
Im Sinne dieser Grundeinstellung — nicht faktisch im Sinne der Handwerkslehre — ist Eugen Jochum gewissermaßen ein Eleve Furtwänglers gewesen und eben vielleicht sein anhänglichster. Den ehemaligen Absolventen des Augsburger Konservatoriums und der Münchener Akademie der Tonkunst, gewesenen Kompositionsschüler Hermann Wolfgang v. Waltershausens, Dirigierschüler Hugo Rohrs und Siegmund v. Hauseggers konnte man, als er nach den Stationen München und Mönchengladbach am Stadttheater Kiel kapellmeisterte, bei manchem Gastkonzert der Berliner Philharmoniker unter Furtwängler im Hamburger Coventgarten mit der Partitur auf dem Balkon über dem Orchester sitzen und Notizen machen sehen: ein immer noch dem Lernen und der Belehrung Geöffneter, obwohl selbst schon nicht mehr ohne Erfahrung und in verantwortlicher Stellung. Sein Weg führte ihn dann weiter als Operndirigenten an Furtwänglers ehemalige Wirkungsstätte, das Nationaltheater in Mannheim (1929—30), als Generalmusikdirektor nach Duisburg (1930—32), als Chefdirigenten der „Funkstunde" nach Berlin (1932—34), als Generalmusikdirektor an die Hamburgische Staatsoper (1934 bis 45), schließlich 1949 als Leiter der Symphoniekonzerte des Bayerischen Rundfunks nach München. Daneben liefen schon bald viele und ausgedehnte Gastspielreisen (vor kurzem erst eine mehrwöchige Amerikatournee), gab es ein Intermezzo im Bayreuther Festspielhaus und zahlreiche Schallplattenaufnahmen.
Zur Zeit seiner Tätigkeit an der Berliner Funkstunde war Jochum noch einer von ganz wenigen Dirigenten der ersten Garnitur, die ihre Arbeit und das Gewicht ihres Namens in den Dienst des Rundfunks stellten. Sein Amt am Bayerischen Rundfunk trat er bereits im Besitze genauester Sachkenntnis an. Dem Münchner Sender ist das sehr zugute gekommen. Vor allem hat er es Eugen Jochum zu danken, dass er heute über ein Symphonieorchester von Weltrang verfügt, ohne das die inzwischen berühmt gewordenen Musica-viva-Konzerte niemals das weitreichende Interesse hätten finden können, das ihnen heute gezollt wird. Insofern haben auch die Ritter vom „Avantgardismus" allen Grund, dem Gründer und Erzieher dieses hervorragenden Klangkörpers ein dankbares Gedenken zu widmen, wenn er demnächst München verlassen wird, um gemeinsam mit dem bisherigen Leiter des Radio-Philharmonie- Orchesters Hilversum, Bernard Haitink, die ständige Führung des Concertgebouw-Orchesters zu Amsterdam zu übernehmen, das er schon wiederholt auf Gastreisen dirigiert hat und mit dem er in der nächsten Saison etwa 30 Konzerte in den USA und in Kanada geben wird.
Was aber macht denn nun das eigentliche, persönliche Profil des Dirigenten Eugen Jochum aus? Wohl in erster Linie seine Inklination zu religiös-spirituell betonter, doch sensueller Wirksamkeit zugeneigter Musik, die ihn zum inbrünstigen Bruckner-Apostel (seit 1950 Präsident der deutschen Sektion der Internationalen Bruckner-Gesellschaft), zum prädestinierten Händel-Dirigenten und zum verdienstvollen Wiedererwecker des „geistlichen" Monteverdi machte. Wobei bemerkt zu werden verdient, dass er in puncto Bruckner sehr entschieden von dem einstigen Vorbild Furtwängler abweicht, da er in ehrfurchtsvoller Gesinnungstreue und aus wohlbedachten musikalischen Gründen den originalen und strichlosen Bruckner kultiviert, den Furtwängler für korrektionsbedürftig hielt.
Jedenfalls ist es bezeichnend für das Charakterbild Eugen Jochums, dass man, um es in das richtige Blickfeld zu bekommen, nicht so sehr nach — mehr oder weniger „interessanten" — handwerklichen Besonderheiten fragen darf, als nach der geistigen Haltung, die in seiner Musikalität zum Ausdruck drängt. Denn sie ist es, die seinen Musizierstil bestimmt, die auch seine feste Verankerung in der klassischen und romantischen Tradition begründet und sein Verhältnis zum zeitgenössischen Schaffen nach den Gesetzen eines sehr empfindlichen Verantwortungsgefühls reguliert. Was besagt, dass der häufig erhobene Vorwurf, Jochum sei „gegen die neue Musik", redlicherweise nicht aufrecht erhalten werden kann. Nur gehört er freilich zu den selten gewordenen Künstlern, die nicht „neu" und „alt" für wesentliche Unterschiede halten, sondern „gut" und „schlecht" oder auch „gemusst" und „gewollt".



